Occupy Biennale in den Kunst-Werken Berlin – Teil II

Muss man mit den Wölfen heulen? Nach der einstimmigen Verriss-Welle, die die diesjährige Berliner Biennale – und in erster Linie die Show in den Kunst-Werken – geerntet hat, fühlen wir uns gehemmt, eine neue und späte Kritik zu formulieren. Aber was gesagt werden muss…

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Haben die Süddeutsche, die Zeit und die FAZ bereits alles (Schlechtes) über die Biennale in Berlin geschrieben? Und muss man wirklich seinen Senf hinzutun? Ja, muss man. Wenn man die bereits formulierten Kritiken nicht wiederholt und sich aus einer klar definierten Perspektive artikuliert, ist das Anliegen durchaus legitim. perisphere hat noch eine Wortmeldung. Und unsere Perspektive ist nicht die einer albernen Debatte um die Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst (Süddeutsche) und nicht die einer retrograden Disqualifizierung der Handlungsästhetik zugunsten des Objekts oder des Bildes (FAZ); unser Standpunkt ist nicht der einer Wiedereröffnung des Kampfes um die Zweckfreiheit, bzw.  Zweckmäßigkeit der Kunst mit obsoletem Rückgriff auf Kant (Die Zeit) oder aber der einer Infragestellung der intellektuellen Eindimensionalität der Occupy-Akteure (FAZ). Vielmehr wollen wir wissen, warum das notwendige und unbedingt richtige Konzept des Kuratorenteams um Adam Zmijewski so kläglich gescheitert ist.

Um die Stellungnahme nicht ausarten zu lassen und präzise zu operieren, werden wir uns hier auf die Biennale-Station in den Kunst-Werken beschränken. Der Ort gilt als Herz der Veranstaltung und ist mit Sicherheit ihre interessanteste – weil problematischste – Station. Was da zu sehen ist, war schon den letzten Beitrag zu entnehmen: Die ständige Inszenierung einer Revolte.

 

Der Kubus der Kunst-Werke hat sich in ein Theaterfundus verwandelt. Hier liegen oder hängen die Requisiten, die für ein politisches Stück verwendet wurden. Es sind Transparente und Plakate, bemalte Pappkartons und diverse Objekte, die bei vergangenen Demos in die Luft emporgeschwungen wurden. Entladene Kampfwaffen, die in diesem Raum ihre Bestimmung verloren haben. Sprüche wie „Power to the People“ oder „Um Europa keine Mauer“ sind direkt an die Wände gesprüht worden. Info-Material zu den aktuellen Aktionen werden auf kleinen Podesten oder in Leseecken zur Verfügung gestellt. Ganz hinten ist ein militärisches Zelt als Sleeping Stage aufgebaut. Und im Hinterhof ist so etwas wie ein autonomer Garten angelegt worden. Zur Selbstversorgung? Zur Verschönerung?

Ein paar barfüßige, tätowierte und bärtige Aktivisten in schwarzen Streetwears bespielen dieses Stück. Ein linker Nerd frickelt an einem Notebook herum. Zwei schuljunge Franzosen sprayen in einer Ecke Parolen und Aufrufe auf Fahnen. In einem abgetrennten Teil des Raumes hält Jemand einen Vortrag zu den Unterschieden zwischen Realkapital und Finanzkapital. Einige hören zu. Eine Schönheit im Designerkleid betritt die Piano Nobile, zwei hochwertige Einkaufstaschen über der Schulter, gleitet eine Etage tiefer und dreht ein paar Runden wie eine Prinzessin im Affenkäfig. Und dazwischen latscht immer wieder der typische Biennale- und Documenta-Besucher hinein – zu denen ich ja auch gehöre – und beschäftigt sich ernsthaft mit dem dargelegten Stück.

Hier also haust, arbeitet, kommuniziert und diskutiert eine gemischte Einheit der internationalen Occupy-Bewegungen. Die Kunst-Werke sind praktisch zum Think-Tank, Informationsstelle und Werkstatt des dezentralen Widerstandes gegen das Kapital geworden. Dabei ist die formulierte Kritik höchst heterogen – Syrien, der Irak, Griechenland und der Prenzlauer Berg sind dessen geographische Eckpunkte; Spekulanten, Diktatoren und liberale Politiker dessen Zielscheiben; die Lage der Frauen in Russland, der Kinder in Afrika oder der Proletarier aller Länder sind dessen Themen.

Und wie sieht es aus? – weil darum geht es auch, doch, doch… Nicht sehr gut sieht es aus. Die Visualisierung des großen Stücks ist nämlich nicht von Künstlern sondern von linken Autonomen und Globalisierungsgegnern konzipiert worden. Und diese wissen bestimmt, wie eine Handlung erfolgreich durchgeführt wird, aber nicht wie ein Bild dieser Handlung ästhetisch funktioniert. Und, auch wenn das Kuratorenteam der Biennale es naiverweise nicht wahrhaben will, ist das, was in dem Kubus produziert wird, in erster Linie ein Bild – und keine Handlung.

Wenn man die Situation in den Kunst-Werken (ich will nicht von einer Ausstellung sprechen) tatsächlich mit einem Theaterstück vergleichen will, müsste man den Regisseur und den Bühnenbildner feuern. Nicht weil sie den Raum nicht in Griff bekommen hätten – im Gegenteil: die Strategie des Open Spaces mit einzelnen Themeninseln, die mal aktiviert werden, mal ruhen, ist gelungen; und auch die Fülle an Bildern und Textmaterial, die scheinbar ohne großen Sinn für die Gesamtkomposition verstreut wurde, besitzt einen gewissen Reiz. Aber der Umgang mit Requisiten (mit Reliquien?) ist hier höchst problematisch – und auch die Akteure wirken eher peinlich.

In einem Einleitungstext der Biennale-Zeitung, schreibt die Kuratorin Joanna Wasza: „Wir arbeiten mit Mitgliedern von Indignados, Democracia Real YA, Occupy Berlin, Occupy Frankfurt, der Bewegung 15M in Barcelona und mit den Künstlern von Occupy Amsterdam, die ihre Ateliers aufgaben, um ein Zelt im Camp in der Mitte aufzuschlagen… Indem wir Kollektive einladen, die zum jüngsten ideologischen Umbruch beigetragen haben, und ihnen die Ausstellungshalle der KW als Vertretung überlassen, unternehmen wir eine Unterbrechung im business as usual – um uns selbst zu befragen wie auch die gegenwärtige Politik und unsere gemeinsame Rolle in dieser. Wir setzen Performativität als Mittel ein und treten der gängigen Ansicht entgegen, alles, was im Kunstraum stattfindet, sei per Definition fake und ohne Wirkung“.

Und genau da liegt m. E. der Krux der Situation in den Kunst-Werken: Der (von den Kuratoren ungesteuerte) Umgang mit den höher beschriebenen Requisiten, sowie die unwillkürliche Zurschaustellung der Occupy-Akteure machen aus einem relevanten politischem Statement eine lumpige Inszenierung. Was haben eigentlich die Plakate vergangener Demos im Kunstraum zu suchen? Wozu diese pubertären Sprüche an den Wänden? Muss sich der Aktivist wirklich von so viel Krimskrams umgeben? Und hätte eine auf das nötigste reduzierte Kommandozentrale ihren Zweck nicht erfüllt? Die Organisation und die Vermittlung des Widerstandes braucht kein überflüssiges Ornament. Diese Stilisierung einer revolution on progress kippt rasch ins Manierierte, ja ins Kitschige.

Die in dem Raum ausgebreiteten Objekte erhalten ihre Legitimierung auf der Straße. Da sind sie stark, da finden sie ihren richtigen Raum, da entfalten sie ihr ganzes Potenzial. Im urbanen Kontext werden diese Transparente und Plakate zu frechen, humorvollen, vordergründigen, bewegten und bewegenden Kunstwerken. Ausgebreitet in den Kunst-Werken, verkommen sie zu unansehnlichen Reliquien, zur Illustration des rebellischen Geistes. Die gepflegte Sperrmüll-Ästhetik, diese Selbstverliebtheit für das schnelle Zusammengeschusterte ohne Rücksicht auf Materialqualität, wirkt letztendlich nur kontraproduktiv.

Manch einer wird an dieser Stelle vehement behaupten, dass es sich hier nicht um Ästhetik, sondern um Authentizität handelt – was alles deutlich schlimmer macht. Dass die erwähnten Zelte von echten Menschen bewohnt werden, die in Berlin Mitte ihre reale Kommandozentrale errichtet haben und von hier aus reale Aktionen planen oder an weiteren realen Requisiten arbeiten, macht die Sache noch problematischer. Die vom Bund subventionierte Organisation der Revolte ist nicht besonders authentisch. Der Charme der Werkstatt, mit einem Touch von Revolutionärem, wird hier partout herbei beschwört. Wie in touristischen Künstlerateliers in Südfrankreich erlebt der Besucher hautnah echte (Lebens)-Künstler bei der Arbeit. Besser: Sie können zuschauen, wie diese essen, schlafen und miteinander kommunizieren. Nun wären wir im Zoo angekommen. Völlig ungeklärt ist also das Verhältnis zwischen Inszenierung und Anspruch auf Authentizität, Real-Life-Setting und Zurschaustellung der Realität.

Die vage, ungelöste und unreflektierte Spannung zwischen dem Leben und ihrer bühnenreifen Präparierung macht aus einer gutgemeinten Aktion eine exhibitionistische Show, deren gesamter politischer Hintergrund unglaubwürdig geworden ist. Das von Zmijewski angekündigte „Verfahren zur Gestaltung von Politik“ hat nicht stattgefunden.

 

Berlin Biennale
27.4.-1.7.2012
Kunst-Werke
Auguststraße 69
Di – So 12 – 19 Uhr
Do 12 – 21 Uhr

5 thoughts on “Occupy Biennale in den Kunst-Werken Berlin – Teil II

  1. klasse artikel.
    und vielleicht haben die kuratoren ja glück und die eingeladenen gäste ziehen zum ende nicht einfach wieder brav aus. am sinnvollsten ist es doch solche räume den winter über bereit zu stellen, um dort dann im warsten sinne des wortes den protest zu wärmen.

    im sommer benötigt es ja eigentlich keine räumlichkeiten. also drücken wir allen beteiligten die daumen, so dass das projekt doch noch ein erfolg wird und sich aus dem bild heraus eine handlung entwickelt!

    1. @Manni: Eine einigermaßen aufmerksame Lektüre des Artikels macht deutlich, dass die Kritik sich nicht auf die Bewegung richtet, sondern ausschließlich auf die Veranstalter der Biennale und ihrem naiven und unbedachten Umgang mit den Kunst-Werken. Wenn hier etwas kaputt geschrieben worden ist, dann ist es im besten Fall die Vereinahmung einer politischen Bewegung durch Teile des Kunstbetriebes – und nicht die Intentionen der Occupy-Aktivisten, die wir bei perisphere prinzipiell unterstützen.
      Und was wir für den Wandel tun, sollte anhand der beiden Artikeln in diesem Magazin klar genug sein. Es gibt viele Formen des Aktivismus. Danke übrigens für das Programm, das auf diese Seite eine weitere Verbreitung findet…

  2. Politik mit Mitteln der Kunst infrage zu stellen ist nicht leicht und m.E. wieder einmal total missglückt. Das geschieht immer dann, wenn die Reliquien des politischen Handelns plakativ als „Kunst“ dargeboten werden.

    Kunst kann doch nur politisch wirksam werden, wenn sie selbst Teil der politischen Aktivität ist. Daran scheitern meist Kuratoren. Sie beschränken sich lediglich aufs Präsentieren.

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