Monat: September 2012

Drei künstlerische Handlungsfelder in Hamburg

Stefan B. Adorno von Thing Frankfurt war in Hamburg auf der Suche nach alternativen Kunstpraktiken unterwegs. Auf seiner Suche interessierten ihn dabei weniger die Adaptionen der klassischen Whitecube-Modelle sondern viel mehr Praktiken und Verfahren ‚die nach dem Begriff von Birte Kleine-Benne (BKB), als Handlungsfelder zu begreifen wären‚. Er ist dabei auf drei solcher Handlungsfelder gestoßen, das urban gardening Projekt Gartendeck, das Hotel OpenRoom, sowie Birgit Dunkels Bi’s Cruising Tours.

Einen Bericht über seine Untersuchungen sowie seine Wahrnehmung der Projekte gibt es bei Thing Frankfurt.

Das Fotos zeigt das Künstlerhotel Hamburg. Weitere Fotos vom HH-Trip im Flickr-Set von Stefan Beck.
(via Facebook – Danke Stefan!)

 

Gambiarra, Youserart und die Aneignung im MKBlog

Warum der folgende Blog nicht schon längst bei uns in der Blogroll gelandet ist vermag ich nicht zu sagen. Einzig alleine wäre eventuell anzumerken, auch wir sind nicht unfehlbar, das Versäumnis soll aber nun hiermit korrigiert werden.
Unsere Blog-Empfehlung der Woche ist also der MKBlog von Martin Butz, der dort Beobachtungen und Kommentare zu Themenbereichen notiert die vielleicht nicht immer direkt, aber eben doch meist im weitesten Sinne zu dem gehören was auch uns umtreibt.

Und so geht es in seinem aktuellen Post „Was ist ein Gambiarra?“ im die Fragen der Aneignung, um improvisierte Lösungen für Alltagsproblem, Ad-hoc-Reparaturen und schlichtweg die kreative Befriedung von Bedürfnissen. Alles Fragestellungen die für Do-It-Yourself,  Selbstorganisation und die damit verbundene Utopie der Autonomie von Bedeutung sind. Denn natürlich gilt auch für uns, was für jeden ambitionierten Autonomen gilt, und zwar das 1. Pipi-Langstrumpf-Gesetzes, welches da lautet: “Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.”

Amit Goffer im RAUM

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Die erste Überraschung der Ausstellung ist unübersehbar: Der Raum ist an einer Seite zum Innenhof hin geöffnet worden. Da wo sich zuvor eine fest abgeriegelte Tür befand, ist nun ein verwinkelter und enger Einschnitt. Er erinnert am Bühnenbilddetail eines expressionistischen Films und ist nicht mal breit genug, um einen Mensch durchgehen zu lassen. Aber das spärliche, von den silbernen Wänden gefilterten Licht, bestimmt die gesamte Raumstimmung. Von Innen aus betrachtet, verwandelt sich der graue Innenhof, der durch den langen Schlitz nur partiell sichtbar ist, in ein merkwürdiges Bild. Das Innere und das Äußere verlieren ihr antagonistisches Verhältnis; die Passage entzieht sich ihrem transitorischen Charakter und wird zum plastischen Objekt – Reminiszenzen an Etant donné…, der letzten Arbeit von Marcel Duchamp, drängen sich spontan auf. Komisch. Eine ähnliche Assoziation hatte sich bereits an diesem Ort mit einer ganz anderen Arbeit eingestellt…

Das kammerartige Zimmer von Matthias Erntges hat es in sich. Der Raum ist in seiner Grundstruktur so bestimmend, dass man sich hier autonome Malerei und droped sculpture schlecht vorstellen kann – auch wenn diese Gattungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen sind. Der israelische Künstler Amit Goffer, seit einigen Jahren in Düsseldorf lebend, hat mit seinen maßgeschneiderten Arbeiten einen adäquaten Umgang mit dem Raum gefunden. Beeinflusst von Theorien der modernen Architektur (insbesondere von der Modulor-Vorstellung von Le Corbusier, die, wie kaum eine andere, den normierten Körper zur Regel architektonischer Gestaltung erhoben hat) und interessiert an den möglichen Wechselverhältnissen zwischen Architektur und Körper, Objekt und Modell, Skulptur und Architektur, ist es Goffer gelungen, den kleinen Raum mit seinen in-situ-Interventionen und seinen organisch-skulpturalen Objekten in ein dichtes und atmosphärisch stimmiges Ensemble zu verwandeln.

Das Äußere (die Fassade, die Wand, die Hülle) umschließt das Innere. Der Körper umfasst das Herz. Er schützt es, behütet es, sperrt es aber gleichzeitig ein. Er schränkt es ein und begräbt es. Der Raum der Zuflucht und der Geborgenheit ist auch immer ein Kerker. Dann und wann, wenn das Innere nicht hermetisch vom Äußeren abgeriegelt ist, findet eine Kommunikation zwischen den zwei Räumen statt. Durchbrüche, Öffnungen oder Fenster sind Zwischenorten, heterogene Raumtypen verbindend, die Goffer regelrecht faszinieren – nicht nur weil sie eine Vermittlungsfunktion erfüllen, sondern vor allem weil sie eine hybride Natur besitzen. Wenn man sie nicht mehr als Orte der Passage und des Durchgangs betrachtet, sondern als autonome Räume (wenn auch mit ungeklärter Funktionalität), gewinnen sie eine neue und unheimliche Spannung. Die plastische Qualität dieser Spannung untersucht Goffer.

Und dies sowohl in den Rauminstallationen, die deutlich auf die Thematik Außen/Innen eingeht, als auch in den Objekten. Diese weisen auch eine ungeklärte, ambivalente Natur auf. Sie erinnern an Architekturmodelle, an Körperteile oder an kleine Landschaften. Ihre Oberflächen sind mal matt, mal reflektierend, grob verarbeitet, z. T. leicht abstoßend. Assoziationen an Bunker, Bomben und dergleichen können auftreten; die Narrativität ist jedoch nie von großer Bedeutung. Diese Gegenstände lassen winzige Lichtsignale oder auch merkwürdige Klänge durch – immaterielle, lineare Zeichen, die vom Körperinneren durchsickern und den Raum durchdringen. Ein wirklicher Durchblick ist jedoch nicht möglich. Es sind unruhige Objekte, schwankend zwischen Auf- und Ausgeschlossenheit, in eine diffuse Zwischenzone oszillierend. Sie haben zwar wenig zu erzählen, übersetzen jedoch komplexe Raumverhältnisse.

Es liegt nahe, die Arbeit des Israelis auf der Folie eines allgemeinen politischen Kommentars abzulesen. Sein Land, offen zur Welt und zugleich fest abgeriegelt, von einem regen wirtschaftlichen Austausch abhängig und bedacht auf die Bewahrung der inneren Sicherheit durch eisernen Kontrollen der Grenzen, ist ein gespaltenes Land, das die Spannung zwischen Außen und Innen, Kern und Hülle, schützender Matrix und hermetischen Sarg wie kein anderer Staat dieser Erde verinnerlicht hat. Letztendlich ist Goffer auch ein Produkt der eigenartigen Porosität Israels…

 

 

Amit Goffer
Facing In To Out the Void
RAUM
Sonderburgstr. 2
40545 Düsseldorf
Ausstellung bis zum 6.10.2012
Öffnungszeiten: Fr. + Sa. 14-18 Uhr und nach Vereinbarung

Guten Morgen Düsseldorf, guten Morgen Welt!

Es gibt keinen besonderen Anlass, warum wie ausgerechnet heute den Pop-Auftritt von Joseph Beuys wieder aus der Schublade hervorkramen. Aber gerade an einem verregneten Montag, wenn die Wolken tief hängen und die Weltlage genauso trüb aussieht, gibt es nichts Besseres als eine gute, alte Weltverbesserungschanson mit fechem Chor und spritzigen Gitarren um gute Laune zu bekommen.
Einen schönen Start in die Woche aus der perisphere!

 

MOFF-Magazin jetzt auch für Düsseldorf

Aus gegebenem Anlass hier der Hinweis zur aktuell erschienenen 6. Ausgabe des MOFF-Magazins, einem Projekt von Stefanie Klingemann und Dr. Anne Schloen. Neben zahlreichen, von uns hoch geschätzten Künstlerinnen und Künstlern, sind auch wir, die Perisphere-Doppelspitze an der Ausgabe beteiligt. Emmanuel Mir führt das Gastgespräch, ich bin mit einem Interview vertreten und habe darüber hinaus die jeweils beiliegende Sonderedition beisteuern dürfen. Die Gestaltung der Düsseldorfer Ausgabe stammt von Rieke Schillmöller, die u.a. auch für das Design unseres Blogs verantwortlich ist.

MOFF ist ein Magazin aus der Kölner Kunst-Szene. Im Mittelpunkt stehen acht bis zehn Gespräche mit Künstlern, die durch ein weiteres Gespräch mit einem Galeristen, Kurator, Kunstwissenschaftler oder Sammler ergänzt werden. Jede Ausgabe ist vollkommen anders und unterscheidet sich von der vorherigen: Das MOFF-Magazin verzichtet auf ein Branding, ein Logo oder eine Corporate Identity. Das Format, das Layout, der Umfang und die Specials des Magazins unterliegen einem stetigen Wandel und Entwicklung. MOFF ist kostenlos in Köln und Umgebung erhältlich z.B. auf der Art Cologne, in Galerien, Off-Spaces, Museen, Archiven, Bibliotheken, Bars und Cafés.

MOFF-Magazin Ausgabe Nr 6

MOFF erscheint zweimal im Jahr: im Frühjahr zur Art Cologne sowie im Herbst zum Saisonstart und DC Open. In der 6. Ausgabe mit dabei sind Markus Ambach, Anja Ciupka, Dreihausfrauen, Florian Kuhlmann, Ulrike Möschel, Elke Nebel, Peter Schloss, Thomas Schütte, Pepper + Woll und Alexander Wissel.

Die Edition gibt es übrigens hier im Original zum freien Download.

Das Magazin ist ab sofort erhältlich in vielen Galerien, Off-Spaces und Ausstellungshäusern in Köln und Düsseldorf!
MOFF im Netz:
www.facebook.com/MOFFmagazin
www.moff-magazin.de

MOFF e.V.
Nägelistraße 16
50733 Köln

Telefon: 0176 – 95 55 44 35
Kontakt: mail at moff-magazin de

fstop im kokpit (Prag)

News aus der perisphere: Die junge Kollegin Lena aus dem Kunstblog Kunstgeflüster hat eine Off-Initiative in Prag auffindig gemacht und ein paar atmosphärische Aufnahmen realisiert. Der Artikel ist für unser Geschmack ein wenig kurz geraten (die bonbonrosane Seite versteht sich ja nicht als Organ der Kunstkritik); wir sind jedoch unheimlich dankbar, einen Blick in die nicht-offizielle, ziemlich trashige (s.u.) Kunstszene der tschechischen Hauptstadt erhalten zu dürfen.

Also, ab nach Prag!

Kunst im Hafen zeigt: „So machen wir das.“

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Die Malerei ist so reich, so kraftvoll, dass sie mit ihren eigenen Mitteln wunderbar auskommt. Die Malerei ist sich selbst Thema genug. Und zwar so sehr, dass sie – eigentlich – auf extrinsischen Genrediskussionen und verquasten Theoretisierungen gut verzichten kann. Die Farbe, die Geste, die Arbeit am Träger und das Spiel mit materiellen Grundeigenschaften bieten schon eine unendliche Vielfalt an Bildmöglichkeiten. Gerade in der Malerei klingen Begriffe wie „Aktualität“, „Erneuerung“ und „Innovation“ meistens furchtbar oberflächlich und überheblich. Fragen, die vor fünfzig Jahren gestellt wurden, sind noch nicht ausreichend beantwortet worden. Herangehensweise, die ein Jahrhundert alt sind, haben nicht an Dringlichkeit verloren.

Das beweisen vier Männer im besten Alter, deren malerischen Ansätze nicht erst seit gestern vertieft und ausgereift wurden. Wulf Aschenborn, Ioan Iacob, Markus Kottmann und Matthias G. Winter kennen und, wenn den Anschein nicht täuscht, schätzen sich seit vielen Jahren. Mitten im alten südlichen Industriegebiet der Stadt, da wo Immobilienmakler noch nicht zugeschlagen haben und wo einen Rest Freiraum noch vorhanden ist (aber die Lage ist heikel!), haben sie ihre Arbeiten ausgebreitet und eine zusammenhängende Ausstellung mit dem Titel „So machen wir das“ organisiert. In einer dem Verein „Kunst im Hafen“ angeschlossene Halle – ein sehr großes, wunderbar proportioniertes und übrigens mietbares Objekt (im Verein anrufen) – kommen die vier Freunde zusammen und präsentieren die Ergebnisse ihrer jeweiligen Untersuchung an dem Objekt „Malerei“.

Die Gemälde von Matthias G. Winter suchen die Spannung zwischen Gegenständlichkeit und Nicht-Gegenständlichkeit, Spontanität und Kalkül, Präzision und Laisser-Faire. Reminiszenzen an Landschaften werden in den mittelgroßen Formaten deutlich, gelegentliche Anlehnungen an der Malerei des Surrealismus – vor allem an Max Ernst – können identifiziert werden. Komplexe Überlagerungen von pastosen Farben ergeben Räume, die sich öffnen oder schließen, sich überlappen und sich durchdringen. Nicht selten baut der Maler trompe-l’oeil-artige Irritationen ein, lässt die materielle Tiefe der Farbe von ihrer visuellen Tiefe widersprechen. Die Logik des Bildes folgt nicht die der Natur, sondern entfaltet eigenartigen Gesetzmäßigkeiten. Für Winter ist das Bild ein Feld, in welchem bildinhärente Probleme gelöst werden. Schicht über Schicht, Farblage über Farblage, stellt sich der Maler neue Fragen, die er allein zu lösen sucht. Es ist ein langsamer Prozess; eine (beinah) unendliche Annäherung. Und, wenn nach fünf, sechs, manchmal sieben Jahren, das Bild abgeschlossen wird, gilt es, das Nächste anzugehen. Der Malvorgang als eine Junggesellentätigkeit; der Künstler als Anachoret.

Wie Marcel Duchamp hält der nächste Junggeselle – im Duchampschen Sinne –nichts von dem reinen Retinareiz der Malerei. Markus Kottmann ist sehr skeptisch dem potenziell spektakulären Charakter seines Faches gegenüber und distanziert sich auf leise und ironische Weise von manchen marktschreierischen und oberflächlich-exhibitionistischen Zügen der zeitgenössischen Malerei. Seit Jahren malt Kottmann beharrlich Doppelbilder. Kleine Formate, die die Pathosformel der gestisch-abstrakten Malerei aufs Korn nehmen. Auf 40 x 30 cm bringt er elanvollen, pseudo-expressionistischen Eklats fertig, mit einer Palette, die alles andere als heftig wirkt – es herrschen hier weiche, blau-lila Pastelltöne, die eine mutige und sarkastische Nähe zum dekorativen, Zahnarztpraxis-tauglichen All-Over suchen. Seine durchdachten Miniaturen sind die Surrogaten eines unbändigen und authentischen Ausdruck und lassen den zum Monument strebenden lyrischen Expressionismus zum Zwerg schrumpfen. Reduzieren ist nicht alles – die nächste Dekonstruktion der genialen, abstrakten Malerei erfolgt bei Kottmann durch Wiederholung. Denn jedes Bild wird – in einer kleineren Dublette – „nachgemalt“. Spontane Einfälle und plötzliche Erregungen werden mehr oder weniger akribisch rekonstruiert; der entscheidende Augenblick in der Retorte rekonstituiert. Steht man davor, sucht man in diesen Bildern Anfang und Ende, Original und Fälschung. Aber genau das Dazwischen interessiert Markus Kottmann – das unsichtbare Bild, das der Rezipient aus Erinnerungen und Projektionen selbst malt.

Ioan Iacob bildet die einzige explizite gegenständliche Position der Gruppenausstellung. In seinen meist großen Formaten hat sich der gebürtige Rumäne und ehemalige Graubner-Schüler ganz der Komplexität der Farbe gewidmet. Er bedient sich zwar klassischen Gattungen, wie Landschaften, Stillleben, Porträt, etc. – diese bilden aber (ohne als Alibi abgetan zu werden) gewissermaßen das notwendige Gerüst, worauf die körperlichen und psychologischen Eigenschaften der Farbe „untersucht“ werden. Dieses Gerüst wird in einem langen Prozess der Bildfindung von Farbablagerungen „aufgefüllt“. Iacob geht zunächst von einem dunklen Grün aus, bedeckt es in einem späteren Arbeitsschritt von einem dunklen Rot und entwickelt von da aus seine Motive. Trotz der 30 bis 40 in sehr feiner Lasurtechnik aufgetragenen Farbschichten, setzen sich am Ende die untersten Lagen durch und tragen zur komplexen Erscheinung bei. Es sind lakonische Sujets, die eine wunderbare Stille ausstrahlen und zu einer aufmerksamen Farbwahrnehmung einladen. Denn Iacob will das Wesen der Farbe verstehen. In unserem Gespräch bewies er ein beeindruckendes Wissen und eine außerordentliche Sensibilität für dieses Phänomen. Seine Bilder sind Begegnungen mit der Farbe, die ein genaues, differenziertes und scharfes Schauen verlangen.

Er setzt auch zahlreiche Farbschichten ein. Er spielt auch mit Überlagerungen. Er malt auch geduldig und langsam. Wulf Aschenborn, der vierte Künstler im Bunde, ist der einzige, der sich in den Raum wagt und eine – im wahrsten Sinne des Wortes – Plastik vor seinen gemalten Werken ausstellt. Dieses Knäuel bildet den Überbleibsel eines ganzen Arbeitsjahres. Es sind die vielen Klebestreifen (ein Import aus den USA), die Aschenborn auf seine Leinwände in verschiedenen Mustern geklebt hat. Hier auch ist das Prinzip der Farbablagerungen dominierend: Der Künstler überträgt eine Farbe auf die Bildoberfläche, verdeckt dann Teile von dieser mit Band, übermalt sie dann mit einer anderen Farbe, verdeckt es, usw. – durchgeführt nach einem bestimmten, auf der Rückseite des Bildes notierten Plan, überlappen sich so bis zu 16 Farben in dicken, einheitlichen Schichten. Dann werden einzelne Klebestreifen losgelöst und die Komposition nimmt langsam Form an. Aschenborn legt teils zufällig teils bestimmt und präzis ganze Bereiche seines Bildes frei, definiert Schwerpunkte im Bildaufbau und sucht in den Untiefen der Bildgeschichte bestimmte Farben und Nuancen die er, wie ein Eichhörnchen, dort eingebuddelt hat. Abschließen und aufschließen. Zudecken und freilegen. Verbergen und hervorholen – das sind die Modi einer spielerischen Malerei, die sich Regeln fixiert, um dagegen zu verstoßen.

Aus den vorausgegangenen Bemerkungen sollte es klar geworden sein: „So machen wir das“ ist eine Malerausstellung. Den Herren geht es ausschließlich um malereiimmanente Fragen; Farbe, Leinwand, Komposition, etc. Und, naja, Maler interessieren sich in erste Linie für Wände. Das führt dazu, dass der Raum der Halle so gut wie unbeachtet wird, was angesichts seines Potenzials wahrlich Schade ist. Dies schmälert ein wenig den positiven Eindruck des gesamten Unternehmens. Immerhin bezeichneten die vier Künstler ihre Kooperation, die mit einem deftigen Grillabend am Rhein endete, als „eine runde Sache“. Dem hätte ich nichts hinzuzufügen.

 

„So machen wir das.“
Matthias G. Winter, Markus Kottman, Ioan Iacob, Wulf Aschenborn
Ausstellung v. 318-9.9.2012
geöffnet Sa 14-20 Uhr und So. 14-18 Uhr
Werft 77. Kunst im Hafen
Reisholzer Werftstr. 77
40589 Düsseldorf

Stefan Balkenhol, die Documenta 13 und die OCCUPY-Bewegung

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Sie sind wie Starbucks-, McDonalds- oder Nordsee-Filialen – wenn man in eine fremde deutsche Stadt kommt, kann man versichert sein, sie irgendwo zu finden. Die Rede ist von den Occupy-Camps, die sich mittlerweile in den urbanen Landschaften der Republik etabliert haben und, trotz gelegentlichen Räumungen, nicht mehr weg zu denken sind. Was ist aus diesen Herden des Widerstandes geworden? Während sie in Großstädten wie Berlin oder Frankfurt teilweise zur Artikulierung eines relevanten politischen Diskurses geführt haben und den enormen Beitrag geleistet haben, Plattformen des Austausches und der Protestkoordination zu werden, wirken sie in Provinzstädten wie ruhige Aussteigertreffpunkte, die ausnahmsweise vom Ordnungsamt toleriert werden.

(Damit wir nicht missverstanden werden: perisphere begrüßt die Occupy-Initiative unbedingt. Dieser Kampf ist richtig, genau so richtig wie seine Ziele. Vorliegender Artikel ist lediglich Ausdruck einer tiefen Desillusionierung über den Weg zu diesen Zielen. Wir hoffen, dass die Bewegung einen neuen Aufschwung finden wird; und wenn wir auf manche Fehlentwicklungen hinweisen, dann nur, weil wir von dem dringenden Wunsch einer kohärenten, kräftigen und differenzierten Kapitalismus- und Neoliberalismuskritik bewegt werden.)

» Gimme more of this please. now …

Cloud Eleven im Malkasten

eine Bildstrecke von Saskia Zeller (Düsseldorf)

 

Nach der Beendigung des wunderbaren Projektes wg/3zi/k/b ist es nicht lange still geblieben im Malkasten. Die Ablösung ist da! Gestern fand in den ehrwürdigen Räumen des Vereins eine Performance von Pia Karaus, Daphne Stahl und Malwina Steinhoff. Eine kleine Kostprobe haben wir für Sie da…

 

 

Guten Morgen Düsseldorf, guten Morgen Welt!

Jacques Rigaut (1898-1929), Arthur Cravan (1887-1919) oder Jacques Vaché (1895-1919) waren drei Helden des französischen Dadaismus und gelten – obwohl sie Zeit ihres Lebens keine einzige künstlerische oder literarische Arbeit im herkömmlichen Sinne veröffentlicht haben – als wichtige Impulsgeber der Avantgarden um 1920-1930. Diese drei  Männer (auf dem stark devaluierten Begriff „Lebenskünstler“ möchten wir hier verzichten), die ihre Existenz zu einem radikalen Kunstwerk gemacht haben und demnach sich nie als Künstler verstanden haben, haben spätere Größen wie Marcel Duchamp, André Breton oder Jorge Luis Borges entscheidend beeinflusst.

An diesen drei mythischen (wenn auch unsichtbaren) Figuren der Moderne müsste ich denken, als ich letzte Woche, zum Abschluss der Kunstpunkte in Düsseldorf, auf Hubert Körner stieß. Hubert wurde von Mark Pepper in dessen Atelier „Verdichtung des Realen“ eingeladen, das neben seiner Funktion als Produktionsstandort auch der Vermittlung von Performances oder Konzerte dient.

Mark Pepper

Körners kurzer und fulminanter Auftritt in der Stadt wird nicht so schnell vergessen. Der ehemalige Gärtner und letzter waschechter Sozialist dieser Republik wohnt seit 20 Jahren im Kreis Warendorf und darf nun das Leben eines Rentners genießen.  In seinen surrealistischen und trashigen Texten sowie in seinen an Art Brut erinnernden Collagen prangert er die kleinbürgerliche Korruption auf dem deutschen Lande und der tägliche, von allen Behörden abgesegnete Faschismus an. „Das Sexmonster von Warendorf“ war nur ein kleiner Auszug seines Talentes – und wer mehr erfahren und erleben will, kann auf YouTube einiges finden.

 

Für das wackelige Video und für die Einladung bedanken wir uns bei Mark Pepper.

Philip Hardy & Future of the Left

Dass die Videogattungen sich spätestens seit dem goldenen Zeitalter von MTV (1981-1986) durchdringen und dass Musikclips gelegentlich zu Kunstwerken werden, muss nicht mehr bewiesen werden. Wir haben auf Nerdcore eine hübsche Arbeit des Briten Philip Hardy gefunden, die durchaus in einem White Cube hätte präsentiert werden können. Und vielleicht wird es eines Tages dazu kommen. Die einfache, beinah minimalistische, dabei aber höchst heterogene Bildsprache von Hardy erinnert an eine situationistische Collage („Another cute Bug Film“ ist hier besonders zu empfehlen) und demontiert manche neoliberale Entwicklungen. So auch die neueste Produktion für Future of the Left, die Bezug auf die Londoner Olympic Games nimmt – und deren Schattenseite kommentiert.

Danke nerdcore; wir wären nicht so schnell darauf gekommen…

Flaming Creatures in der Julia Stoschek Collection

Eine Fotostrecke von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Versprochen: Wir werden auf diese Ausstellung zurück kommen. Die sechste Präsentation der Julia Stoschek Collection ist viel zu bedeutend, um mit ein paar läpischen Schnappschüssen abgehandelt zu werden. Denn, abgesehen von manchen verspielten und spektakulären Positionen, die in gefährlicher Nähe der gefälligen Selbstinszenierung und der Effekthascherei kommen, hat Flaming Creatures unheimlich viel zu erzählen. Gerade im Hinblick auf Forme der Subkulturen und auf ihrer Theoretisierung bietet die Ausstellung eine zugleich abwechslungsreiche und zusammenhängende Reise durch ausgewählte Territorien der ästhetischen Devianzen und der antibürgerlichen Abnormitäten.

Bevor wir also Flaming Creatures gebührend dokumentieren und besprechen (das Filmteam von perisphere bräunt sich ja gegenwärtig in Portugal oder in Sizilien), hier ein erster, ziemlich exklusiver Vorab-Blick darauf. I’ve got friday on my mind…

 

Ed Ruscha – Sin-Without
Lizzie Fitch, Ryan Trecartin mit Rhett LaRue und Adam Trecartin – Aventura
Bruce Nauman – Artmakeup (Bild: JSC)
Ryan Trecartin
Ryan Trecartin
Ryan Trecartin

Ryan Trecartin

Ryan Trecartin
Ryan Trecartin
Ryan Trecartin
John Bock – Videokistenhaufen
John Bock – Videokistenhaufen
John Bock – Videokistenhaufen
John Bock

John Bock

John Bock
John Bock

Mike Kelley
Jack Smith
Jack Smith – Flaming Creatures (Bild: JSC)
Gwenn Thomas – Doku der Performance von Jack Smith „Fear Ritual of Shark Museum“ im Kölner Zoo

Gwenn Thomas (Bild: JSC)
Gwenn Thomas – Fotozyklus
Birgit Hein – Kino 74 – Jack Smith BRD
Jack Smith
Jack Smith: Untitled
Jack Smith: Untitled
Jack Smith: Untitled

 

 

Flaming Creatures
in der Julia Stoschek Collection
8.9.2012 – Frühjahr 2013
Eröffnung am 7.9.2012 um 19 Uhr
Schanzenstr. 54
40549 Düsseldorf

 

 

 

 

Sommerausstellung in der Basis

von Havva Erdem (Frankfurt a. Main)

Nur wenige hundert Meter vom blau-gelben Riesen-Euro mit Sternchen  entfernt, liegt die BASIS. Der Gemeinnützige Verein und Vermittler von Atelierräumen vermietet seine Räume sowohl an freie als auch angewandte Kreative der Stadt. Die Arbeits- und Produktionsstätten der Geförderten verteilen sich auf zwei BASIS-Standorte: während die Elbestraße zusätzlich mit kleineren Projekt- oder Präsentationsräumen und einer Holz- und Siebdruckwerkstatt aufwarten kann, wird hier, auf der Gutleutstraße im beginnenden Frankfurter Bahnhofsviertel, der gesamte Erdgeschoßbereich des Gebäudes als 350qm-Ausstellungsfläche für junge, internationale Künstlerpositionen genutzt.

Stefanie Pretnar
Stefanie Pretnar

Es ist Sonntag-Abend, die BASIS hat zur Finissage der aktuellen Ausstellung geladen. Es ist anfangs nur dürftig besucht – zur etwas später stattfindenden Performance werden es ein paar Gäste mehr sein. Bei einem ersten, kurzen Streifzug gelange ich durch eine kleine Holztreppe zum Abschluss der Präsentation, zwei dunklen Räumen, aus denen das Licht bewegter Bilder flackert, und beginne – nun in umgekehrter Richtung – mit meiner Foto-Dokumentation.

Björn Drenkwitz

Schon im zweiten Raum zieht mich ein gerade anlaufender Kurzfilm von Björn Drenkwitz augenblicklich in seinen Bann. Es ist eine hypnotische Szene, grobkörnig und untermalt vom Rauschen der brandenden Wellen. An einem Strand tanzen zwei in die Jahre gekommene Frauen Arm in Arm und drehen sich etwas linkisch, aber allem Anschein nach ziemlich glückselig um sich selbst. Ich frage mich, warum das so beruhigend anzuschauen ist. Und als mir gerade klar wird, dass die Frauen sich zwar in Zeitlupe bewegen, die Wellen aber im – zwar ebenfalls gemächlichem – jedoch altbekannten Takt heranzurauschen scheinen, ist der Film schon zu Ende.

Dirk Krecker

Es ist übrigens die alljährlich stattfindende Sommerausstellung der BASIS, mit einer verhältnismäßig immer nur kleinen Auswahl aus den 135 in den angehängten Ateliers arbeitenden Künstlern. Der diesjährige Kurator Markus Lepper, zur Zeit Leiter des Kunstvereins in Gießen, hat sich für fünf Künstlerinnen und sieben Künstler entschieden. In seinem ausführlichen Begleittext erklärt er, dass der Titel der Ausstellung einer Arbeit des teilnehmenden Künstlers Dirk Krecker entlehnt ist, und arbeitet sich dann Raum für Raum mit Hintergrundinformationen zu den Protagonisten durch sein „Südliches Ackerland“. Kreckers titelgebendes Werk ist selbst bei der Ausstellung nicht vertreten, dafür hat man aber gleich an zwei Orten die Möglichkeit, seine – ausschließlich mit Schreibmaschine bearbeiteten – DIN-A4-Bögen kennenzulernen. Bei näherer Betrachtung der Arbeiten erscheint es plausibel, dass er umständlich die Schreibmaschine bemüht und nicht den Computer nutzt. Dieser ist mittlerweile zum Werkzeug für so vieles geworden, während es bei der Schreibmaschine immer allein um Worte ging. Um viele Worte. Um alle möglichen Worte. Worte, die Krecker wieder und wieder als Satzteile, z.B. „stressbedingte Selbstmordwelle“, auf ansonsten leerem und zerknittertem Papier vorbeiziehen lässt. Worte, die er zu sich wiederholenden Zeichenmustern umwandelt und zersetzt. Einzelne Buchstaben, die er durch beständiges Übertippen zu unkenntlichen, dunklen Blöcken verklebt. Worte, die zu Zeichen, und Zeichen die zu Strukturen von Bildern werden,- nebeligen Bildern, die von umherirrenden Menschen, Krieg und angelockten Vögeln erzählen.

Dirk Krecker

Darauf angesprochen erklärt Krecker, dass Vögel ja gleichzeitig „sowohl als Heilsbringer als auch Boten des Bösen verstanden werden können“. Der Absolvent der HFG-Offenbach, der zwischenzeitlich zwei Jahre in der Städelschule bei Thomas Bayrle studiert und dort innerhalb dieser kurzen Zeit die Meisterschülerweihe erlangt hat, entschied sich schon vor Längerem gegen die Malerei. Stattdessen arbeitet er auch im installativen Bereich.

Vorne= Flo Maak; Mitte = Wiebke Grösch + Frank Metzger; Hinten = Dirk Krecker
Vorne = Wiebke Grösch + Frank Metzger; Hinten = Dirk Krecker
Wiebke Grösch + Frank Metzger

Die einzelnen Räume der BASIS wirken abwechslungsreich, was sowohl an ihren zum Teil großzügigen, aber auch nischenartigen Raumeinteilungen liegt, als auch an ihren Fenstern, die mal dominant, mal fast verdeckt oder gar nicht erst vorhanden sind. In der linken Halle luken sie nur noch unter der Decke hinter nachträglich angebrachten, dicken Wandverkleidungen hervor, so dass man den Eindruck bekommt, dass es sich bei diesem Raum um einen unterirdischen handeln könnte – wie einem Bunker oder einer Forschungsstation.

 

Nicolaj Dudek

Hier wird das Thema Kosmos aufgegriffen. Nicolaj Dudeks Wandarbeit – ein nächtliches Firmament, das auf den ersten Blick zu eindeutig scheint – erweist sich als Sternenhimmel durch aufgeklebte Kaugummireste. Wenn der anfängliche Charme dieses Witzes jedoch verflogen ist, bleibt wenig zurück; so auch bei näherer Betrachtung seiner beiden kleineren Bilder. Denn während diese von Weitem noch interessant wirken, bleiben sie nach Aufdeckung des auch hier angewendeten Kaugummi-Jokes doch arg an der Oberfläche.

Christiane Feser

Christiane Feser, mit schwarz-weissen Fotoarbeiten vertreten, führt die kontrastreiche Dokumentation einer nicht näher spezifizierbaren Kraterlandschaft weiter, indem sie nachträglich alle darauf abgebildeten Erhöhungen kreuzförmig aufgeschnitten und von der Rückseite durchgedrückt hat. Die nun geöffneten Ausbuchtungen des Fotos haben die Form von Blütenrelikten, ganz ähnlich wie bei reifen Granatäpfeln. Diese ausgestülpten Einschnitte lassen die länglichen Schlagschatten im Bild nun zu Schatten einer Gegenwart werden, die aber nicht mehr nachträglich zur Realität der Fotografie werden kann – ein Paradox mit dem Feser spielt.

Valentin Beinroth

Valentin Beinroth verweigert sich der einheitlichen Vereinnahmung des Raumes. Schelmisch hat er das Kapitell der einzigen Raumsäule mit einem bunten Bananenkarton umschlossen. Diese Aktion wirkt zuerst einfach nur lustig, dann aber wie eine bissige Rückbesinnung auf den eigentlichen Bedeutungsinhalt des Ausstellungstitels und dessen Zusammenhang mit Land Grabbing in Schwellenländern und der Verwicklung westlicher Kreditinstitute in Nahrungsmittelspekulationen. Gleich einem neckischen Affen nimmt seine Arbeit die gesamte Ausstellungssituation aus dieser erhöht-distanzierten Position aufs Korn – wobei Affen das natürlich auch aus Angst machen, oder wenn sie nicht so genau wissen, was sie von einer Sache halten sollen.

Viola Bittl
Viola Bittl

Der Kurator Markus Lepper sieht die Bedeutungsebene des Titels eher in der Möglichkeit und Aufgabe der Künstler Themenkomplexe und Fragestellungen zu bearbeiten und vergleicht die Ausstellung mit einem Garten, der ganz unterschiedliche Felder besitzt und z.B. durch eine in ihm verwirklichte Ordnungsstruktur zusätzliche inhaltliche Tiefe erhalten kann. So hat er, während der Vorbereitungsphase, der einzigen klassischen Malerin, Viola Bittl, einen der kleinsten Räume der BASIS mit der Bitte ans Herz gelegt, mit diesem wie mit einer „Schatzkiste für Malerei“ umzugehen, was sich im Nachhinein als vorausschauend und feinfühlig erweist, denn tatsächlich strahlt der Raum nun genau das aus. Das mag wohl zu gleichen Anteilen am Zusammenspiel der schlichten Hängung, den robust-dicken, holzgrundartigen Leinwänden, deren kalkigem und zurückgenommenem Charakter und nicht zuletzt an dem kammerartigen Raum liegen.

Jin-Kyoung Huh

Und vielleicht auch an der noch dezenteren Arbeit einer zweiten Frau, Jin-Kyoung Huh, die neben dem bestehenden Ein- und Ausgang den Akzent einer dritten – wenn auch nur vermeindlichen – Öffnung an der Wand angebracht hat,- die Erinnerung an einen Durchgang, der nie existiert hat. Huh ist im letzten und eigentlich ersten Raum der BASIS, dessen eine Breitseite Abschnitte mit Sprossenfenstern durchziehen, ebenfalls mit einer zweiten Arbeit vertreten. Alle hier ausgestellten Werke stellen Bezüge zu den Fenstern her, sei es durch durchsichtige Materialien, reflektierende Oberflächen, gitterartige Strukturen oder entsprechende Aufreihungen. Huh schafft auch hier eine ruhige Projektionsfläche, indem sie auf drei schlichten Papierbögen einen schwarzen Edding-Stift Linie um Linie seine Kräfte aushauchen liess. Drei Abschnitte, drei Lebensalter. Der Klassiker.

Flo Maak
Flo Maak

Eine engagierte kuratorische Arbeit kann schlussendlich also auch aus der Jahresausstellung einer Ateliergemeinschaft – falls man den gemeinsamen Nenner der präsentierten Künstler so bezeichnen darf – eine durchaus sehenswerte Ausstellung machen. Gänzlich eigeninitiativ war bei „Südliches Ackerland“ aber die abschließende Performance von Dirk Krecker, der sich noch einen disziplinenübergreifenden Gast dazu einlud: Anne Jung, von der Hilfsorganisation Medico International. Der gemeinsame Auftritt war in je zwei, sich abwechselnde Text- und Soundblöcke unterteilt. Jung trug sehr ernst ihre Interpretation von „Südliches Ackerland“ mit Beschreibungen der wichtigsten Mißstände dieser Welt vor, während Krecker kurze Abschnitte aus YouTube-Interviews (politisch-wirtschaftlichen Inhaltes) mit eindringlichen und schallenden Tönen zu Rhythmen vermischte und durch extreme Wiederholung zerfetzend parodierte,- so als würde man sich durch den gesamten Frequenzbereich eines Radios durcharbeiten und jeder klare Empfang nur leere Worthülsen an die Oberfläche bringen… Während die Fakten und Zahlen von Jung und ihr etwas bemüht wirkender Zynismus beim Aufdecken der desolaten Weltsituation, mich nicht wirklich berührten, löste Kreckers Sound am Mischpult genau das fehlende Gefühl aus. Dass dies seine erste Performance war, hat man dem Künstler nicht angemerkt. Die Veranstaltung endete mit einer Diskussionsrunde, in der sich ein Gespräch um die Möglichkeiten und Auswirkungen der Zusammenarbeit von Künstlern mit karitativen Unternehmen entspann.

Anne Jung und Dirk Krecker

 

Sommerausstellung 2012
Kuratiert von Markus Lepper
Eröffnung 9.August 2012 19:00 Uhr
10.-26. August 2012
Di-Fr 11:00-19:00 Uhr
Sa/So 12:00-18:00 Uhr
 
BASIS
Gutleutstrasse 8-12
60329 Frankfurt am Main
 
www.basis-frankfurt.de
www.soundcloud.com/ume-pop
 

Extinguish Me im reinraum

von Saskia Zeller (Düsseldorf)

 

Langsam wird das Wasser trüb. Der Seifenkopf schmilzt im Aquarium, das Gelatine-Gesicht zersetzt sich. Vor kurzem hatte sich Schimmel gebildet. Daneben bewegt sich Papier im Wind, die Farbe vereint sich mit dem Regen. Vergänglichkeit ist das Thema, das Marco Biermann, Ruben Smulczynski , Alessa Joosten und Alexandra Kahl interessiert. Ihre Kunstwerke sind Experimente, die sie in die Unkontrollierbarkeit entlassen wollen. Nichts Gefährliches dabei, aber Spannendes.

Biermann / Smulczynski
Smulczynski
Biermann / Smulczynski
Biermann

Den Platz oberhalb des unterirdischen reinraums nutzen die Akademie-Künstler als Ausstellungsfläche und lassen die Dinge sich selbst entwickeln. Es regnet gerade auf die Fotocollagen von Ruben Smulczynski, die sich durch das Wasser schon wellen und winden. Auch im sternförmigen Glas verteilt sich mit den Tropfen von oben die rote Restfarbe in die Zacken. Die Gelatine- und Seifen-Installationen bleiben unter solchen Bedingungen nicht lange stabil. Die Gelatine zersetzt sich nach wenigen Tagen ähnlich wie Quecksilber, wissen Marco und Ruben aus Erfahrung. Die Seifenlauge würde sich ausbreiten wie ein Schleier und die Form des Gesichts im Wasser versenken. Zur Finissage vor zwei Tagen war es soweit. Jetzt hatten die Künstler wieder alles neu errichtet und warteten gespannt auf eine  Entwicklung. Nach der Finissage geht es für sie nun weiter mit den Kunstpunkten.

Joosten

Einige Passanten bleiben stehen und betrachten die „Laborversuche“ mitten in der Stadt. Alles vermischt sich – auch die Genres. Neben den Wind- und Wetter-Gemeinschaftsarbeiten von Marco und Ruben gibt es auch ein Video von Alessa Joosten zu sehen. Die Stromkabel liegen offen. Geschützt ist das Gerät nur mit einem Regenschirm. Darunter werden verletzte Beine gezeigt, die zunächst unter einem Strickstrumpf verborgen liegen. Dieser wird langsam aufgeribbelt. Die Umhüllung fällt. Übrig bleiben wohl ein langer Faden und für den Betrachter der Blick auf die Wunde am Oberschenkel. Bewegung, Prozesshaftigkeit, Auflösung ist das Thema: Extinguish me.

Biermann / Smulczynski

Biermann / Smulczynski

Unten in den Ausstellungsräumen wird gerade der Sitzende aus Seife von Wassertropfen zersetzt. Noch ist er menschengroß und fast vollständig erhalten. Wie lange wird er durchhalten? Der Wachskopf daneben hat sich nach einer Feuerprobe schon halb in das ehemalige Pissior ergossen. Er hat jetzt eine neue „Frisur“ aus sich selbst heraus transformiert.

Kahl

Biermann

Im anderen Ausstellungsraum knallt es unterdessen. Alexandra Kahl zeigt in ihrem Video eine Frau, die Luftballons um den Hals trägt. Sie sind gefüllt mit roten Farbpigmenten und werden zum Platzen gebracht. Peng mit wirbelndem Staub. Die Frau wirkt weiter unberührt davon. Auf das Video schaut der Betrachter herab. Es wird oberhalb der Fußleisten projiziert. Die Videos der beiden Frauen passen zu ihren Arbeiten, meinen Marco und Ruben. Die Studenten der Professorin Katharina Grosse haben die Ausstellung im reinraum auch kuratiert. Alle Werke sind ungewöhnlich platziert und erhalten dadurch etwas Improvisiertes. So hängt die Zeichnung „Fliegenfänger“ von Marco tatsächlich an der Wand wie gerade zufällig aufgefangen. Jeder Windhauch könnte sie davon wehen, wie es scheint.

Smulczynski
Smulczynski

Unberechenbar ist auch das Ergebnis der Collagen von Marco Biermann. Kontrollierter Zufall. Er hat Fotos so oft manuell und am Computer bearbeitet bis sie abstrakt wirken. Ein Motiv hat er durch Kratzen komplett unkenntlich gemacht. „Ich finde es interessant, wie unterschiedlich meine Bilder wahrgenommen werden“, sagt er. „Was genau gesehen wird.“ Die „Wahrheit“ dahinter, also das ursprüngliche Motiv, sei für viele enttäuschend, wenn sie es erfahren würden. Er erschafft Geheimnisse.

Biermann
Biermann

Die Künstler im reinraum spielen mit Wahrnehmung. So zeigt das Bullauge zwischen zwei Räumen dasselbe Bild von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlicher Aussage. Einmal schaut ein Mensch auf Fische im Aquarium. Auf der anderen Seite ist es umgekehrt. Die Fische glotzen diesmal den Menschen im Becken an. Ein bisschen klaustrophobisch fühlt es sich es in den ehemaligen Toilettenräumen jetzt doch an. Am besten gleich mal schnell nach oben schwimmen…

Biermann
 
Extinguish Me 
3.8.-29.8.2012
reinraum
Aderstr. 30 a
40215 Düsseldorf
(auf / unter dem Platz)