Extinguish Me im reinraum

In und oberhalb der ehemaligen Toilettenanlage reinraum e.V. zeigen jungen Akademie-Künstler eine Ausstellung mit vergänglichen Werken aus Seife, Gelatine, Wachs, Stoff, Plastik und Papier. Diese werden Verletzungen, Wasser, Wind oder Feuer ausgesetzt.

von Saskia Zeller (Düsseldorf)

 

Langsam wird das Wasser trüb. Der Seifenkopf schmilzt im Aquarium, das Gelatine-Gesicht zersetzt sich. Vor kurzem hatte sich Schimmel gebildet. Daneben bewegt sich Papier im Wind, die Farbe vereint sich mit dem Regen. Vergänglichkeit ist das Thema, das Marco Biermann, Ruben Smulczynski , Alessa Joosten und Alexandra Kahl interessiert. Ihre Kunstwerke sind Experimente, die sie in die Unkontrollierbarkeit entlassen wollen. Nichts Gefährliches dabei, aber Spannendes.

Biermann / Smulczynski
Smulczynski
Biermann / Smulczynski
Biermann

Den Platz oberhalb des unterirdischen reinraums nutzen die Akademie-Künstler als Ausstellungsfläche und lassen die Dinge sich selbst entwickeln. Es regnet gerade auf die Fotocollagen von Ruben Smulczynski, die sich durch das Wasser schon wellen und winden. Auch im sternförmigen Glas verteilt sich mit den Tropfen von oben die rote Restfarbe in die Zacken. Die Gelatine- und Seifen-Installationen bleiben unter solchen Bedingungen nicht lange stabil. Die Gelatine zersetzt sich nach wenigen Tagen ähnlich wie Quecksilber, wissen Marco und Ruben aus Erfahrung. Die Seifenlauge würde sich ausbreiten wie ein Schleier und die Form des Gesichts im Wasser versenken. Zur Finissage vor zwei Tagen war es soweit. Jetzt hatten die Künstler wieder alles neu errichtet und warteten gespannt auf eine  Entwicklung. Nach der Finissage geht es für sie nun weiter mit den Kunstpunkten.

Joosten

Einige Passanten bleiben stehen und betrachten die „Laborversuche“ mitten in der Stadt. Alles vermischt sich – auch die Genres. Neben den Wind- und Wetter-Gemeinschaftsarbeiten von Marco und Ruben gibt es auch ein Video von Alessa Joosten zu sehen. Die Stromkabel liegen offen. Geschützt ist das Gerät nur mit einem Regenschirm. Darunter werden verletzte Beine gezeigt, die zunächst unter einem Strickstrumpf verborgen liegen. Dieser wird langsam aufgeribbelt. Die Umhüllung fällt. Übrig bleiben wohl ein langer Faden und für den Betrachter der Blick auf die Wunde am Oberschenkel. Bewegung, Prozesshaftigkeit, Auflösung ist das Thema: Extinguish me.

Biermann / Smulczynski

Biermann / Smulczynski

Unten in den Ausstellungsräumen wird gerade der Sitzende aus Seife von Wassertropfen zersetzt. Noch ist er menschengroß und fast vollständig erhalten. Wie lange wird er durchhalten? Der Wachskopf daneben hat sich nach einer Feuerprobe schon halb in das ehemalige Pissior ergossen. Er hat jetzt eine neue „Frisur“ aus sich selbst heraus transformiert.

Kahl

Biermann

Im anderen Ausstellungsraum knallt es unterdessen. Alexandra Kahl zeigt in ihrem Video eine Frau, die Luftballons um den Hals trägt. Sie sind gefüllt mit roten Farbpigmenten und werden zum Platzen gebracht. Peng mit wirbelndem Staub. Die Frau wirkt weiter unberührt davon. Auf das Video schaut der Betrachter herab. Es wird oberhalb der Fußleisten projiziert. Die Videos der beiden Frauen passen zu ihren Arbeiten, meinen Marco und Ruben. Die Studenten der Professorin Katharina Grosse haben die Ausstellung im reinraum auch kuratiert. Alle Werke sind ungewöhnlich platziert und erhalten dadurch etwas Improvisiertes. So hängt die Zeichnung „Fliegenfänger“ von Marco tatsächlich an der Wand wie gerade zufällig aufgefangen. Jeder Windhauch könnte sie davon wehen, wie es scheint.

Smulczynski
Smulczynski

Unberechenbar ist auch das Ergebnis der Collagen von Marco Biermann. Kontrollierter Zufall. Er hat Fotos so oft manuell und am Computer bearbeitet bis sie abstrakt wirken. Ein Motiv hat er durch Kratzen komplett unkenntlich gemacht. „Ich finde es interessant, wie unterschiedlich meine Bilder wahrgenommen werden“, sagt er. „Was genau gesehen wird.“ Die „Wahrheit“ dahinter, also das ursprüngliche Motiv, sei für viele enttäuschend, wenn sie es erfahren würden. Er erschafft Geheimnisse.

Biermann
Biermann

Die Künstler im reinraum spielen mit Wahrnehmung. So zeigt das Bullauge zwischen zwei Räumen dasselbe Bild von verschiedenen Seiten und mit unterschiedlicher Aussage. Einmal schaut ein Mensch auf Fische im Aquarium. Auf der anderen Seite ist es umgekehrt. Die Fische glotzen diesmal den Menschen im Becken an. Ein bisschen klaustrophobisch fühlt es sich es in den ehemaligen Toilettenräumen jetzt doch an. Am besten gleich mal schnell nach oben schwimmen…

Biermann
 
Extinguish Me 
3.8.-29.8.2012
reinraum
Aderstr. 30 a
40215 Düsseldorf
(auf / unter dem Platz)

1 thought on “Extinguish Me im reinraum

  1. Wirklich, wirklich cool die Umsetzungen von Marco und Ruben. Der Wachsmann und und der Kerzenkopf hatten es mir echt angetan. Leider können Fotos nur einen Teil des Eindrucks wiedergeben. Die Glitschigkeit des Bodens unter dem Stuhl oder der duftende, flüssige Kerzenwachs, der sich als dunkle Gehirnmasse durch einen Spalt in Höhe des linken Ohres eigenwillig seinen Weg hinab bahnte.
    Chapeau!
    Katy Schnee

    Botschafter PRIMA Neanderthal!

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