Pierre Beloüin über das Abenteuer der Glassbox

Vor genau 15 Jahren eröffnete der allererste Projektraum in Paris. „Glassbox“ wurde von einem heterogenen Künstlerkollektiv betrieben und gilt bis heute als erster artists run space in Frankreich. Wir haben mit einem Gründungsmitglied gesprochen.

Das Gespräch führte Emmanuel Mir.

Vielen Dank an Havva Erdem für die Korrektur der Übersetzung!

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Pierre Beloüin in his magnificent splendor

 

Du bist Gründungsmitglied der Glassbox in Paris, einem Projektraum, der als einer der ersten dieser Art in Frankreich galt. Kannst du auf die Geschichte des Raumes und der Gruppe zurückkommen?

Während meines Studiums an der Beaux-Arts de Paris, Mitte der 1990er, hatte ich bereits das Label Optical Sound lanciert und war auf der Suche nach Formen der Zusammenarbeit, nach möglichen Synergien. Alles hat mit einem Treffen mit Sandie Tourle, Frédéric Beaumes und Gemma Shedden angefangen. Sie haben mich gefragt, ob ich mich nicht zu ihnen gesellen wollte um, unter anderem, Webmaster der Galerie-Homepage zu werden – damals stand das Web ja noch in den Kinderschuhen. Das sollte also meine Spezialität werden, aber, wie alle anderen Gründungsmitglieder der Gruppe (es waren übrigens alle Künstler), war ich vielseitig beschäftigt. Neben den eben genannten Menschen, gehören übrigens auch Laurence Delaquis, Stefan Nikolaev und Jan Kopp zu den Gründungsmitgliedern der Glassbox.

Gemma, eine Engländerin,  war damals die Lebensgefährtin von Stefan Nikolaev. Beide waren in Großbritannien schon mit dem Phänomen des artists run spaces in Berührung gekommen und sie haben praktisch das Model einer selbstverwalteten Galerie, deren Programm von Künstlern bestimmt wird, nach Paris importiert. Auf dieser Basis wurde der Verein „Smart“ gegründet und man fand bald einen modulierbaren Raum von 120qm (konzipiert vom Architekt Marc Borel) im 11. Arrondissement von Paris.

v.l.n.r.: Gemma Shedden, Pierre Beloüin, Jan Kopp, Stefan Nikolaev, Frédéric Beaumes. Bild ©Philippe Munda

 

Du meinst, dass es damals keine andere Initiative dieser Art in Paris gegeben hat? Habt ihr also den ersten artists run space der Hauptstadt gegründet?

In dieser Form waren wir in der Tat die Ersten. Man sollte natürlich die E.P.E (Etablissements Phonographiques de L’Est) auf der Strasse des Chemin Vert erwähnen, oder auch Circuit Court, aber diese Projekte waren in erster Linie auf Musik und Film konzentriert. Die Usine Éphèmere oder die Frigos waren auch aktiv, aber es handelte sich da eher um Künstlerateliers als um reine Showrooms. 1997, nach der Gründung von Glassbox, sind weitere Projekte entstanden, wie Console, Lap’s, Place des fêtes, Immanence, 2 Pièces cuisine, Accès Local, Infozone, Eof, PPR, etc…

 

Wie erklärst du dir die Tatsache, dass diese Art von Initiative sich erst so spät in Paris entwickelt hat?

Vielleicht liegt es daran, dass die jungen Künstler und andere kulturelle Akteure, die zu diesem Zeitpunkt in der Hauptstadt arbeiteten, eine  Art „Was soll’s“-Haltung pflegten. Es gab jedenfalls eine lasche Einstellung der Künstlerschaft, meilenweit von der punkigen Idee eines „Do it yourself“ entfernt – einer Idee, die wir wiederum auf die zeitgenössische Kunst übertragen wollten. Nachdem die autonomen Squats (damit sind wilde Ateliers gemeint, die in verlassenen Industriestandorten errichtet werden) von der Stadt Paris nicht mehr geduldet und in den späten 80ern aufgelöst wurden, gestaltete sich die Gründung von nicht-offiziellen Initiativen schwierig. Das hat Einige sicherlich demotiviert.

 

 

Wie sah der Raum aus?

Es war ein Lokal von 120qm und wir bespielten das Untergeschoss des Hauses. Es gab auch einen Garten und große Fenster, durch die wir auf den Projektnamen gekommen sind.

 

Was war eigentlich eure Motivation ?
Die französische Kunstszene orientierte sich hauptsächlich an Galerien und Institutionen. Wir wollten da einen autonomen Impuls generieren. Mit dem in Frankreich völlig unbekannten Modell der artists run spaces als Inspiration, wollten wir eine dynamische und vielseitige Kreation unterstützen.

 

Wie wichtig war der Aspekt der Selbstvermarktung für euch?  Wie man es an den heutigen Off-Spaces unschwer feststellen kann, gehört die Gründung und das Betreiben eines künstlerischen Projektraumes zu einer beliebten Strategie, um das persönliche Netzwerk zu pflegen und zu erweitern, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erreichen und sich im lokalen künstlerischen Feld zu behaupten. Haben solchen Gedanken damals eine Rolle gespielt?

Unbedingt! Das war auch eine unserer Motivationen. Aber uns ging es vor allem darum, einen Erfahrungsschatz aufzubauen, Verwaltungsaufgaben zu bewältigen, zu lernen, die Organisation einer Ausstellung zu beherrschen, Künstler zu treffen, etc. Dies sind Dinge, mit denen man sich in einer Kunsthochschule nicht konfrontiert.

Damals war diese Form der Arbeit allerdings nicht unproblematisch, denn die von uns vorgenommene Öffnung und Interdisziplinarität war nicht besonders geschätzt. Es war zum Beispiel leicht anrüchig, gleichzeitig Künstler und Kurator zu sein, während es später eher akzeptiert wurde, Kritiker und Kurator zu sein.

 

Wie waren die Reaktionen des Publikums und der Künstlerschaft unmittelbar nach eurer Gründung?

Wir hatten das vielfältigste Publikum, das man sich vorstellen kann. Galeristen, Institutionsvertreter, Kritiker, Künstler und Nachbarn waren da. Von Anfang an haben wir eine sehr gute Resonanz bekommen. Das mag an dem guten Programm, an der Qualität der Werke und der Präsentation gelegen haben und auch an dem innovativen Konzept der Glassbox oder der professionellen Kommunikationsarbeit, die wir da geleistet haben. Sicherlich hat auch das Sponsoring von Ricard ein Übriges getan!

Ich erinnere mich, dass die Qualität unserer Ausstellungen, aber auch die Relevanz unserer Partner und unsere Presseresonanz beneidet wurden. Dabei haben wir alles mit bescheidenen finanziellen Mitteln realisiert. Ausschlaggebend war unsere Kompromisslosigkeit und die Tatsache, dass wir eine geschlossene Teamarbeit geleistet haben und dass jeder in seinem Bereich brillierte. Es war eine sehr intensive Zeit.

War der direkt-urbane Kontext der Glassbox besonders wichtig für euch? Habt ihr euch nur aus ökonomischen Gründen im 11. Arrondissement angesiedelt?

In der Tat war der Ort um Oberkampf herum, der damals generalüberholt wurde, ziemlich wichtig. Vor allem mit der Eröffnung des Café Charbon, das schnell als einer unserer Partner fungieren sollte, wurde das Viertel Bastille entlastet. Die typische Kundschaft der Bastille, die, wie du weißt, aus einer Mischung aus  populärer und trendig-kreativer Bevölkerung besteht und für eine besonders stimulierende Atmosphäre sorgt, sollte ins 11. Arrondissement gelockt werden. Jedenfalls stand die Straße, in die wir gezogen waren, gerade in einem größeren Wandlungsprozess. Es wurde da viel gebaut, aber viele Geschäfte oder Hotels standen noch leer. Und abgesehen von der Tatsache, dass unsere Miete sehr moderat war, wollten wir einerseits am Stadtteilleben teilhaben und andererseits zeitgenössische Kunst zugänglicher machen.

 

Wie habt ihr euch finanziert ?

Wir erhielten eine Förderung der Stadt, der DRAC Ile-de-France (Kulturbehörde auf regionaler Ebene) und der Caisse des dépôts et consignation (staatliches Finanzinstitut), sowie privater Sponsoren wie dem Café Charbon, dem Café Mercerie, La Mère Lachaise oder dem Espace Paul Ricard – eine Seltenheit zu diesem Zeitpunkt.

 

Habt ihr eine besondere konzeptuelle Linie gefolgt ? Wie wurde das Ausstellungsprogramm bestimmt?

Glassbox zeigte französische und ausländische Künstler, stellte die Arbeiten fremder Künstler sowie der eigenen Betreiber aus und vertrat sowohl die Sparte der Bildenden Kunst als auch die des Designs, der Architektur und der Musik. Es wurde vor allem an einer Öffnung der Disziplinen, der Kulturen – und der Orte – gearbeitet. Wir haben immer wieder neue Vernetzungen mit verwandten Strukturen gesucht (wie Attitude, In Vitro, Field, Kaskadenkondensator, büro, light cone, icono etc…) oder fremde Kuratoren eingeladen (hier könnte man Cécile Bourne oder Robert Fleck nennen). Auch die Interaktion mit dem Publikum oder externe Interventionen waren uns wichtig.

Unsere erste Programmausstellung fand am 4. Oktober 1997 statt und hieß „Ne me quitte pas“. Neben der Liebesthematik, die ich für meine Installation absichtlich wörtlich genommen hatte, ging es da um die kulturelle Entwurzelung der Raumbetreiber.

 

Du hast vorhin behauptet, dass bei der Gründung von Glassbox die französische Kunstszene eher kommerziell oder institutionell ausgerichtet war. Hast du, 15 Jahre später, das Gefühl, dass sich etwas verändert hat und dass autonome Präsentationsmodi an Gewicht gewonnen haben ?

Die semi-autonomen Ausstellungsstrukturen haben sich auf jeden Fall vermehrt, und dies in der Provinz noch stärker als in Paris selbst – vielleicht, wie damals schon, aufgrund der hohen Mietpreise in der Hauptstadt. Die Förderungsmodi haben sich jedoch wenig verändert und sind nach wie vor beschränkt…

Wenn man die heutige Pariser Projekträume betrachtet, merkt man, dass sie nicht mehr so lange bestehen bleiben wie damals und dass ihre Laufzeit sehr von der freiwilligen Energie abhängt, die jeder im kollektiven Projekt zur Verfügung stellt. Soviel ich weiß, haben sich viele Akteure der Szene irgendwann dazu entschieden, mehr für ihre eigene Arbeit zu tun oder irgendwelchen bezahlten kuratorischen Tätigkeiten nachzugehen.

Um deine Frage zu beantworten, kann man sagen, dass sich nichts verändert hat. Bis auf die Tatsache, dass die Zahl an echten selbstorganisierten Strukturen abnimmt, während institutionelle oder institutionalisierte Strukturen, die einen Off-Modus aufweisen aber dessen Kuratoren und Leiter sich von der öffentlichen Hand bezahlen lassen und institutionsabhängig sind (deshalb nenne ich sie „semi-autonomen“), gedeihen.

Wie, wann und warum ging das Glassbox-Abenteuer zu Ende ?

Mein Beitrag zum Projekt hörte 1999 auf, als ich mein Diplom der Beaux-Arts absolvierte und mehr Zeit für die eigene Arbeit benötigte. Ich hatte bereits vieles ins Glassbox-Unternehmen investiert. Zudem gab es Streitereien im Team wegen einer Frau (meiner damaligen Freundin, wohlgemerkt, die mich für ein Vereinsmitglied verließ…) und ich dachte mir, dass es eine günstige Zeit wäre, meine symbiotische Beziehung zum Projekt abzuschließen. Danach wechselte das Team regelmäßig; neue Persönlichkeiten wie Dominique Blais oder Julien Fronsacq kamen hinzu. 2006 musste Glassbox die Räumlichkeiten in der rue d’Oberkampf verlassen, blieb lange raumlos und hat sich wohl vor kurzem in der rue Moret eingenistet. Viele der damaligen Gründungsmitglieder sind übrigens  aus der Kunstproduktion oder –vermittlung ausgestiegen.

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