Alex Whittaker im Hotel Ufer

Auf den ersten Blick ist das Hotel Ufer ein Gasthaus wie viele andere in Düsseldorf. Auf den zweiten Blick auch. Neuerdings kommt ordentlich Bewegung in die Kiste: Das erste Künstlerstipendium wurde dort ausgerufen und damit der Grundstein gelegt, eine Art Chelsea Hotel am Rhein zu schaffen.

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Gebissen vom Kunstdämon. So könnte man den Mann beschreiben. René Tilgier, irgendwo um die Vierzig, stolzer Besitzer eines Gasthauses in zentraler Lage und erfolgreicher Hotelier in der dritten Generation, ist ein begeisterter Kunstliebhaber wie man sie nur noch selten trifft. Ein Leben ohne Kunst scheint ihm undenkbar zu sein. Und zwar nicht nur als Rezipient, bzw. Konsument, sondern zunehmend als Akteur und Gestalter. Sich in einem Freundeskreis zu bewegen, der zum guten Teil aus Absolventen der hiesigen Kunstakademie besteht, Kunst zu sammeln oder, Beruf und Passion verbindend, die vom Kit oder von der Kunsthalle eingeladene Künstler zu beherbergen– das war ihm nicht genug. „Als Hotelbesitzer bekomme ich Künstler praktisch frei Haus geliefert“, erzählt er. Es sei zwar eine schöne Austauschbasis, aber noch längst keine tiefe Auseinandersetzung. Weil er genau diese Intensität vermisste, entschied sich Tilgier, Kunst und Künstler dauerhaft in sein Haus zu holen. Den Anfang macht der junge Brite Alex Whittaker, der seit letzter Woche eine Videoarbeit und eine Installation in einem Zimmer des Hotels Ufer zeigt.

Hotel Ufer. Bild: A. Whittaker

Renés erste Erfahrung mit einer Ausstellung in den Räumlichkeiten des Hotels geht übrigens auf das Jahr 2001 zurück, als er eine Auswahl an Studenten der Kunstakademie auf  zwei Etagen präsentierte. Ein paar Jahre später fand eine kurze Zusammenarbeit mit Akiko Bernhöft und Patrizia Dander im Rahmen des Projektes White Light statt. Aber das neue, mit Whittaker lancierte Programm ist etwas ganz anderes. Im vergangenen Jahr rief Tilgier ein Stipendium ins Leben, das völlig privat organisiert und finanziert ist. Unter dem Name Brave Grey Artist in Residence Programm adressiert sich das Projekt an Absolventen des Chelsea College of Art and Design in London. Für die erste Ausgabe war der Zuspruch erstaunlich groß: Über 70 Bewerber haben ihr Glück versucht und wurden von einer fünfköpfigen, britisch-deutschen Jury begutachtet.

Christoph Knecht, Alex Whittaker und René Tilgier

Verglichen zu den lokalen Stipendien, die die Stadt Düsseldorf an fremde Künstler vergibt, ist das Angebot von Tilgier sogar ein bisschen verlockender. Der Laureat darf ganze drei Monate in der Stadt bleiben – anstatt der zwei Monate, die üblicherweise gelten und die von den meisten Betroffenen als zu kurz empfunden werden. Während dieser Zeit wurde Whittaker eine Wohnung und ein Atelier sowie ein bisschen Taschengeld zur Verfügung gestellt. Der Künstler wurde von Christoph Knecht (der René Tilgier beratend zur Seite steht und auch Mitglied der Jury war) begleitet und in die lokale Szene eingeführt. Die Integration verlief also ideal; für den Briten kam es zu zahlreichen Kontakten, die in einzelnen Fällen sogar zu freundschaftliche Verhältnisse mutierten. Was kann man eigentlich noch von einem Stipendium erwarten? Aus Sicht des Außenstehenden vielleicht einen Gegenzug. Bedauerlicherweise ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine Einbahnstraße; der künstlerische Transit führt nur in die Richtung London-Düsseldorf. Aber kann man die komplette Abwicklung eines internationalen Austausches von einem Privatmann erwarten? Hier wäre womöglich ein Einschalten der Stadt gefragt.

Alex Whittaker erzählte, wie bereichernd sein Aufenthalt war und wie gut er die selbsternannte Kunststadt Düsseldorf fand. Seine Eindrücke sind von einer sehr lebhaften Szene geprägt, die viele neue Impulse vermittelt und zugleich nicht in Hektik verfällt. Anders als in London, könne man in Düsseldorf konzentriert an seiner Kunst arbeiten, einem großen Connaisseur-Publikum begegnen, viele Kollegen kennenlernen ohne sich an der aufreibenden Stimmung einer Großstadt zu erschöpfen. Düsseldorf gibt viel, fordert dafür aber wenig. Deshalb wurde es fast eine Selbstverständlichkeit für Whittaker, eine Arbeit dem Hotel Ufer zu überlassen. Mit Winter Morning Immersion hat er eine feine Videoarbeit in einem Zimmer installiert, die von den Gästen immer wieder abgerufen werden kann.

Besonders im Düsseldorfer Kontext ist Whittakers Ansatz ein interessanter, weil er Bereiche verbindet, die man hier selten zusammen sieht. Seine konzeptuelle Herangehensweise, die auf den ersten Blick kühl und distanziert erscheinen kann, mildert er mit narrativen und biografischen Elementen, die ihn in die Nähe eines Story-Tellers bringen. Mit einem dezenten Humor und einem großen Sinn für die Harmonien und Dissonanzen, die zwischen Bilder und Begriffen entstehen können, illustriert er eine kurze Geschichte (eine wahre Kindererinnerung) mit Stockbilder, die er aus der Google Image-Search-Funktion gezogen hat. Magritte im Zeitalter des Internets. Die Paarung Vignette-Wort wirkt mal sachlich-richtig, mal verschoben-komisch und spielt mit semantischen Lücken und Deutungsspielräumen. So wandert Whittaker entspannt und rührend zugleich (wahre Geschichte sind ja immer rührend) durch eine mentale Landschaft, die von jedem Betrachter neu kreiert und animiert wird.

Stills aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker
Still aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker

Winter Morning Immersion  wirkt wie eine schöne, wenn auch etwas traurige Gute-Nacht-Geschichte, die zwar ein visuelles Universum evoziert, aber sich über die Richtigkeit und die Tragweite ihrer Worte und ihrer Bilder unsicher wäre. Die kongeniale Platzierung in einem Single-Hotelzimmer, diese nüchterne Zelle der Einsamkeit, betont die zurückhaltende narrative Kraft der gesamten Installation.

Bild: A. Whittaker
Bild: A. Whittaker

Als Pendant des Videos hat Whittaker eine kleine Box fest im Zimmer installiert. Wie viele seiner früheren Arbeiten, ist sie im Inneren mit Glas- und Spiegelfläche so verarbeitet, dass die wenigen Objekte, die sie beinhaltet – eine Zahnpastatube, dessen Name („White Now“) indirekt auf die Videocollage verweist, eine Porzellanfigur mit Häschen und ein Glas – sich ins Unendliche reflektieren. Eine Mise en abyme, die sehr typisch für Whittaker ist.

Für Tilgier ist die Ausstellung von Alex Whittaker im Hotel Ufer keine Pflicht, sondern ein erfreuliches Ergebnis. Der Hotelier stellt keinerlei Erwartungen an seine Stipendiaten. In erster Linie soll der Düsseldorfer Aufenthalt eine Möglichkeit bieten, sich forschend zu betätigen und, frei von jeder materiellen Sorge, an Neuem zu arbeiten. Für junge Londoner Künstler ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine hervorragende Gelegenheit, ein neues Land zu entdecken und das unbekannte Terrain zu erobern. In diesem Sinne könnte der Name des Hotels künftig eine stärkere  symbolische Bedeutung erhalten….

Alex Whittaker
Winter Morning Immersion
Ausstellungseröffnung: Freitag, 19.04.2013 19:00 Uhr
im Hotel Ufer
Gartenstrasse 50, 40479 Düsseldorf

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