Christoph Knecht bei Rupert Pfab

Eine Rezension, die zu lange in der Schublade lag und keinerlei Aktualität besitzt, ist nicht unbedingt schlechter als eine Rezension, die unmittelbar nach der Eröffnung verfasst wurde. Wir haben uns viel Zeit gelassen, um über Christoph Knechts erste Ausstellung in einer Düsseldorfer Galerie zu berichten; wir holen es aber reuevoll nach.

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos von Dirk Rose und Giovanni Bendzulli

 

Für seine erste Präsentation bei Rupert Pfab hat er sich nicht lumpen lassen. Christoph Knecht tischt alles auf, was er hat. Eine große Kachelinstallation, feine Druckgrafiken, verschiedene gefasste und nicht gefasste Plastiken, handbemalte Kärtchen, großformatige Gemälde, Bronze- und Keramik-Skulpturen sowie ein objet trouvé; das Ganze als einheitliches Ensemble konzipiert und in den zwei offenen Räumen der Galerie inszeniert.  Diese Technikvielfalt wird noch von der Bandbreite der ikonografischen Referenzen übertrumpft. So findet man allerlei Fantastisches, Naturwissenschaftliches, Allegorisches, Philosophisches, Esoterisches, Kulturhistorisches und Mystisches im Knechtschen Sammelsurium. Zitiert wird aus medizinischen Abhandlungen, chinesischen Schriften, Renaissance-Herbarien oder barocken Capricci. Die von den Bildern und Gegenständen erweckten Assoziationen reichen von der Akupunktur bis zur Fast-Food-Kultur, von der Alchemie bis zur Anthroposophie.

Um nur einige, wenige Objekte zu nennen: Ein kelchartiges Gefäß mit einer Vogelkralle als Fuß, eine Himmelskarte in Delftblau, ein Edelweiß, ein bronzener Hawaii-Toast oder ein Totenkopf, dessen Oberfläche an die Struktur von Erdnussschalen erinnert. Es sind Kuriositäten, die sowohl in dieser Welt als auch in Paralleldimensionen gesehen, aufgelesen und, fernab von strengen naturwissenschaftlichen Einordnungskriterien, in nüchternen Schaukästen präsentiert werden.

Die Galerie hat sich in eine Wunderkammer verwandelt – ein Schaudispositiv, das seit gut 20 Jahren zu einer beliebten Inszenierungsstrategie geworden ist. Typisch dafür sind die mit heterogenen Gegenständen bestückten Vitrinen oder das antiquierte Sitzmobiliar, das zum Aufenthalt und vertieften Nachforschung (oder zur Meditation) einlädt. Knechts kleine private Mythologien breiten sich auf eigentümlichen Sockeln, in Vitrinen, auf Wänden oder auf dem Boden aus, ohne jemals überbordend zu wirken. Einige Teppiche betonen noch den muffig-gemütlichen Kabinett-Charakter der Installation.

Weil Christoph Knecht aber diese inszenierende Lust einschränkt, verkommt das Arrangement nicht zu einem narrativen Stück mit überdeutlicher Erzählstruktur. Trotz der unleugbaren Klarheit der Referenz zur Wunderkammer ist das Bühnenbild stilisiert genug, um unangenehmen theatralischen Effekten (die man beispielsweise in der Arbeit von Cardiff und Bures-Miller vorfindet) zu umgehen. Dies ermöglicht eine Konzentration auf das Wesentliche – nämlich auf die einzelnen Arbeiten. Und diese wirken solide und beherrscht. Manche anspruchsvollen Techniken, wie der Bronzeguss oder die Kaltnadelradierung, sind handwerklich makellos. Es ist ja das Mindeste, was man von einem Künstler erwarten darf, aber angesichts der angesprochenen Medienvielfalt handelt es sich hier um eine Qualität, die hervorgehoben werden soll.

Die meisten Exponate oszillieren zwischen exotischem Kulturartefakt und naturwissenschaftlichem Fund. Manche Bilder beziehen sich auf Helden der Moderne wie Paul Klee, andere wirken resolut postmodern und evozieren eher David Salle. Knecht arbeitet bevorzugt mit Techniken, die die Zeit überdauern und Widersprüche mit sich bringen (er hat schon einen Döner aus Bronze gegossen). Andere Werkzyklen (insbesondere die Grafiken mit Häkelspitze) betonen hingegen die Fragilität und die Brüchigkeit – sowohl des Materials als auch des Objektes an sich.

Zum Inhalt: Knecht navigiert, wie bereits erwähnt, durch Zeichensysteme. Die Sprache – oder besser gesagt: die Sprachen – bilden den Rückgrat seiner Herangehensweise. Der junge Künstler eignet sich fremde, z. T längst ausgestorbenen Sprachen an und artikuliert sie fragmentarisch. Motive, Symbole, Karten, Diagrame und Allegorien, die die Welt beleuchten, ordnen und manchmal sogar erklären, treffen hier aufeinander. Christoph Knecht webt Verlinkungen von einem Erklärungsmodell zum nächsten. Die Meridiane der Akupunktur finden ein makrokosmisches Echo in den Sternenkonstellationen einer Himmelskarte; das  Wirrwarr der Wurzelgeflechte von Pflanzen reflektiert sich im komplexen Netz der menschlichen Blutgefäße; die Farbe des Edelweißes korrespondiert mit dem Blau der bemalten Kacheln. Wenn man sich einmal auf das Suchspiel der mittelbaren und unmittelbaren Beziehungen zwischen Dingen und Wesen einlässt, findet man unendliche Verbindungen – aber keine Einheit.

Man sieht dieser Kunst an, dass sie von einer belesenen Hand stammt. Christoph Knecht entspricht dem Typus des amateur éclairé. Wie ein forschender Amateur, der sich je nach Gusto mit verschiedenen und ziemlich fremden Wissensgebieten beschäftigt, eignet er sich verschiedene kulturhistorische Stoffe an, die er in seine künstlerische Praxis reflektiert und neu kombiniert. Man könnte dieser Kunst vorwerfen, dass sie viele Türe auf einmal aufreißt und einen verwirrenden Durchzug verursacht. Dass sie weder Ziel noch Weg zeigt, sondern alle Horizonte gleichzeitig öffnet. Dass sie möglicherweise einen guten Weltzugang für den Künstler darstellt, aber den Betrachter allein lässt. Man könnte dieser Kunst vorwerfen, dass sie sich nicht festzulegen vermag und keine deutliche Aussage formuliert. Das könnte man. Aber, ehrlich gefragt: Ist dies eine Leistung, die gute Kunst erbringen soll?

 

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