Gold und Beton am Ebertplatz in Köln

Die Ebertplatzpassagen in Köln gehören derzeit zu den spannendsten Orten des Rheinlands, eventuell das gesamten Bundesgebiets - lassen wir mal das quirlige Berlin außen vor. Gleich 3 Räume sind dort aktiv, in einem dieser Räume gab es einen Wechsel: die ehemalige Halle der Vollstaendigen Wahrheit, heisst jetzt Gold + Beton. Timothy Shearer war da und hat sich die Eröffnung angesehen.

Ein Text von Timothy Shearer

Um ein Projekt am Laufen zu halten braucht man Power.

Voller Elan und Energie war die erfolgreiche Eröffnung des erstmal zeitbegrenzten Projektraumes Gold + Beton.
In den ehemahligen Räumlichkeiten der Halle der Vollständigen Wahrheit, die sich in der Ebertplatzpassage befindet, werden eine Reihe Projekte zu sehen sein.
Gold + Beton ist erstmal erdacht für die nächsten 6 Wochen und wird vom Vera Drebusch, Meryem Erkus, Lena Klein und Andreas Rohde organisiert. Zum Glueck!

Bei der ersten Ausstellung dort, Wenn du auslöschst Sinn und Klang, von Ufuk Cam und Jan Pleitner gab es eine bereichernde multimediale, all-over-Experience. Sagen wir mal, die Grand Entrance der beiden ziemlich überlegt-angezogenen Künstlern war gleichzeitig spektakulär und in einer gelungenen Weise albern.
Ein vollgepimpter Audi mit laut dröhnendem Mixtape fuhr vor die Tür und war erst zu hören statt zu sehen. Der Soundtrack gleich dem Kontext des Autos, eine Mischung aus selbstproduzierter Musik und gesammelten Hits, passte schon perfekt in das unterirdischen concrete jungle. Das Auto, was eigentlich eine Runde in der Waschanlage gebraucht hätte, war natürlich eine Metapher der Macho-Symbolik. Man las von einer Flagge auf dem Auto ein bisschen wirres Zeug, dazu ein komischer kleiner Drachenmann-Maskotian. Institut zur Bewahrung Wahrhaftiger emotionaler Momente in der Öffentlichkeit. Diese Grafik gab’s auch als kopierten Flyer zum mitnehmen.

Sympathisch war es dann, dass die beiden Künstler direkt daneben auch selbst-gemachtes Essen im Angebot hatten.
Im Endeffekt, die Selbstentlarvung der Geste eines Machoverhaltens war unterhaltsam. Man durfte zwischen den Zeilen lesen: Wir machen unser Ding. Wir haben Spass dabei und die Betrachter sollen teilnehmen an unserem Spass.
Wohl bekomm’s. Danke, das Angebot ist lecker.

Die Videos, die im Raum liefen, waren vielleicht auf den ersten Blick ein bisschen zufällig. Auf zweiten Blick aber reflektiert. Die Ästhetik war eher wie Youtube-clips, waren aber auf grossen, etwas out-of-date Fernsehern zu sehen. Ein tagebuchartige Diaschau von kleinen Mechanik-Teilen mit Text, ein Mann, der in seiner Wohnung tanzt in einer fast weiblichen Pose, eine flimmernde Sammlung Star-Supernovas, ein Waschbecken, das sporadisch Wasser spuckte, ein Überwachungsvideo, innerhalb dessen Abstraktion nichts stattfindet und eine Nahaufnahme von einer Vagina.

Die Konfrontation, der sehr intimen Abbildung eines weiblichen Geschlechts könnte man als irritierend befinden. Kenne ich schon aus dem Internet, könnte man denken. Ich möchte mich nicht damit befassen, könnte man denken. Und dann passierte innerhalb der Aufnahme eine zweite Ebene – eine billige. Fast wie ein Stock Video Effekt. Blau-farbige Blitze tauchten auf zwischen den ausseinander gebreiteten Schamlippen. Ein Zitat vom Courbet, oder ein Kommentar zu den Energie Konsum unser durch pornografisiertes Internet?

Im Laufe des Abends fingen die Künstler mit einer Art Musik Performance an.
Im hinteren Raum gab es Boxen und eine Projektion einer Musik Software : Ableton Live.
Herr Cam stand bei seinem Laptop, und es wurde erklärt, dass das Publikum die Wahl hätte, welche Samples zu hören währen.

Schon im Takt hat der DJ die Wünsche des Publikums zu hören bekommen. Relativ simpel aber effektiv.
Wir durften mitmachen, aber natürlich nur innerhalb des Rahmens des Software Angebotes. Nicht desto trotz haben die Menschen mitgemacht, und dabei unterhielten sie sich.

Herr Pleitner hat auch gesungen und geschrien ins gepitchtes Mikrofon.
Die Zuhörer wurden eingeladen selber ihren Senf dazu zu geben und sangen auch. Zum Teil wurden die Vocals geloopt und spielten zusammen eine zufällige Komposition.
Am besten war, eine junge Modestudentin, die ins Mikro wiederholte:
„Teilen macht spass!“
Allerdings, war es wirklich ein entertaining Gag. Aber die Schnittstelle zwischen DJ, Publikum und Medium warf subtile Fragen auf, wenn man den gesamten Abend reflektiert. Darf in unserer everything goes spectacle society mittlerweile jeder mitmachen an dem Projekt kreative Gesellschaft? In wie weit ist das alles schon vorprogammiert wenn man diese Erfahrung als Metapher unseres hyper-medialen Globus wahrnimmt?

Als der Abend ausgeartet ist, und doch am Ende eine zu tanzende Playlist von i-Tunes zu sehen und zu hören war, lag das nur in den Händen der Überbleibenden. Der DJ hatte keine Lust mehr, und irgendwie war das doch ok. Die, die am dancin‘ waren, fanden sich schon recht.

Im Gegenteil zum sich zurecht finden, am bitteren End, for the grand exit.
Man stelle fest, dass das Auto nicht anspringt.
Man stelle fest, der Akku ist leer gedröhnt worden. Man stelle fest, die Möglichkeiten eines Autos ist mittlerweile viel eher elektronisch gesteuert und vorprogrammiert. Wenn kein Strom da ist, passiert nichts.

Gut aber zu wissen, dass Gold + Beton viel Energie hat und die nächsten 6 Wochen mit einem dynamischen Programm weiter machen wird.

http://www.goldundbeton.de
Gold & Beton
Ebertplatzpassage

2 thoughts on “Gold und Beton am Ebertplatz in Köln

  1. Wenn Kunst prinzipiell immer wieder Unterhaltsamkeit leistet und diese auch von der Kunst/ den Künstlern erwartet wird, ist`s doch geistig unrelevante Flachware mit niedrigem Output. Wie wär`s mal mit Kunst als nützliche, geistreiche, so wie fortschrittliche Quelle !?

  2. lieber oliver,

    deiner frage würde ich aktuell mit einem entschiedenen jein begegnen. denn ich weiß nicht recht ob kunst prinzipiell immer wieder unterhaltsamkeit leistet, denke aber ich verstehe in etwa deinen punkt, oder glaube diesen zu verstehen.
    zu oft erscheint es mittlerweile, als müsste kunst ran, wenn das arte-tv programm für die intellektuelle zerstreuung nicht mehr ausreicht und die angst eben doch wieder hoch kommt. kunst dann sozusage als gesteigerte form epistemologisch aufgeladenem infotainments, für die bei denen ipads nicht mehr helfen und die nicht zur flasche oder pille greifen können oder wollen.

    auch kann – oder eventuell besser konnte – ich lange zeit etwas mit deiner idee von kunst als nützliche, geistreiche und fortschrittliche quelle anfangen. kunst und aufklärung das ging ja doch recht lange gut zusammen.

    ob das aber aktuell noch ein stimmiges konzept ist, wage ich derzeit etwas zu bezweifeln und glaube auch, dass hier von ‚der kunst‘ was auch immer das nun sein mag, eventuell doch etwas zu viel erhofft wird. das findet sich ja derzeit an vielen stellen, zu lesen; diese hoffnung auf die kraft der kunst die nur richtig frei gesetzt werden muss und dann wirkt.

    deswegen muss das was du fragst und forderst imho nicht falsch sein. nur wenn man ehrlich ist und sich mal umschaut dann gibt es derzeit wohl so viele nützliche, geistreiche und auch sinnvolle quellen für möglichen fortschritt wie selten zu vor, inklusive dem einfachen, schnellen und leichten zugriff auf diese. und dennoch bewegen wir uns in einem depressiven und zunehmend reaktioären umfeld welches gut und gerne mit dem biedermayer konkurieren kann – leider wohl erfolgreich.

    von daher geht es mir zumindest derzeit so, dass ich solche experimente wie die am ebertplatz eigentlich sehr begrüße. aber darauf verzichten würde diese als kunst überhöhen zu wollen, oder sie dazu erklären wollen zu müssen, sondern sie als das belassen würde, was sie sind; zwanglose experimente die man eben so macht, weil man schon mal da ist und eben auch etwas machen möchte.

    sich angenehm – nicht stumpf und dümmlich – zu unterhalten ist ja nicht schlecht und eigentlich der beste ursprung neuer ideen und damit durchaus manchmal auch quelle für fortschritt. und den können wir – da hast du in jedem fall recht – dringend brauchen.

    hgfk

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