Fragen über Fragen – eine neue Serie

Durch die Welt gehen ohne Fragen. Leben ohne Neugier, ohne Zweifeln, ohne Wissensdrang. Nicht unbeteiligt – aber unbeschwert. Alles hinnehmen, sich den Fluss der Dinge bedingungslos hingeben und nichts festhalten wollen. Nichts infrage stellen, nichts hinterfragen. Es ist das Privileg der Weisen, der Erleuchteten, der Kleinkinder (bis ca. 3 Jahre) und der Volltrottel. Da ich leider nicht zu einer dieser vier Kategorien gehöre, gehe ich, wie die meisten meiner Zeitgenossen, fragend durch die Welt. Diese Fragen möchte ich nun mit euch teilen.

Als Kunstwissenschaftler mit einem besonderen Blick für die breiten sozialen und politischen Konsequenzen der Kunstpraxis, werde ich regelmäßig mit plötzlichen Fragestellungen konfrontiert, die sich aus der Beobachtung meiner Umwelt ergeben. Fragen zum Umgang mit Bildern, zur Identität des Künstlers, zur Natur der Kreativität, zur Funktion von Kunst. Et cetera. Während Mitstreiter der Perisphere sich auf das Beantworten fremder Fragen einlassen, will ich mich ganz auf das Befragen konzentrieren. In der Hoffnung, dass gut formulierte Fragen schon ihre Beantwortung im Keime enthalten. Ansätze von Antworten will ich übrigens in der Form von Gedankenskizzen auch geben. In der Hoffnung, dass Leser sie vervollständigen.

Ich freue mich auf eure Beiträge!

 

Erste Frage: Gibt es eine objektive Karriereleiter für Künstler?

Ich meine: Es ist in der Privatwirtschaft, in der öffentlichen Administration, in der Armee und sogar in der Kirche klar: Vom Karriereanfang bis Karriereende öffnet sich für das Individuum ein eindeutiger Weg „nach oben“. Eine Leiter mit mehreren Sprossen (Posten, Ämter, Grade, etc.), die im Laufe eines beruflichen Lebens durch Leistungen oder Prüfungen erreicht werden können, führt in die Vertikale und hierarchisiert das soziale Mikrofeld. Der berufliche Erfolg, direkt an Prestige, Macht und materiellen Privilegien gekoppelt, lässt sich an der Position auf diese Leiter ablesen. Gibt es auch eine solche Leiter im Kunstbetrieb? Gibt es Künstler, die bedeutender sind als andere, und wenn ja, nach welchen Kriterien wird diese Hierarchie festgemacht?

Ansatz:

– Der Begriff „Reputation“: Bildung und Verbreitung in kulturelle Felder.

– Der Begriff „Einfluss“ auf soziologischer Perspektive. Bzw.: Wer ist einflussreich im Kunstbetrieb? Wie manifestiert sich dieser Einfluss und wie entsteht er?

– Phänomen des Ranking in der Kunst. Nur durch Medien (Capital und seine jährliche Liste; Monopol oder artfacts.net und die regelmäßigen Ranglisten) verbreitet? Kriterien? Aussagekraft? Selfulfilling prophecy?

– Mögliche Hierarchie (in abnehmender Reihenfolge der Bedeutung):

– Retrospektive in einer int. bedeutenden Institution (Typ MOMA, Tate, etc.)
– Einzelausstellungen in internationalen Häusern (Landesgalerien, größere Kunstsammlungen, Museen)
– Monografien und Studien von Wissenschaftlern
– Professur in einer Kunsthochschule
– Ankäufe von Institutionen
– Bindung an einer Galerie
– Monografien im Rahmen einer Ausstellung
– Einzelausstellungen in regionalen Häusern (Kunsthalle, Kunstvereine, Museen)
– Ankäufe von Privatsammler und Unternehmen
– Besprechung in der Fachpresse
– Teilnahme an Gruppenausstellungen in regionalen Häusern (Kunsthalle, Kunstvereine, Museen)
– Ausstellungen in Projekträumen
– Abschluss in einer Kunstakademie
– Ausstellungen in wenig renommierten Orten (Anwaltskanzlei, Laden, etc.)
– Autodidakt/Kunstpraxis als Hobby

– Angeblicher atypischer Karriereverlauf des Künstlers: Individualisierungs- und Differenzierungsdruck seit der Moderne führt zum Mythos der atypischen Biografie. Dabei orientiert sich der Kunstschaffende an impliziten und allgemeingültigen Erfolgsmustern.

– Wandel der „Anerkennung“ des Künstlers seit Anfang der Moderne (institutionelle Anerkennung; Aufnahme im Kreis der offiziellen Kunst, vgl. Salonkunst) bis heute (Integration des Künstlers im System der Unterhaltungskultur)

– Folge der implizit wahrgenommen Hierarchie im Kunstfeld: Generieren bestimmte Künstler Ehrfurcht, Respekt, Bewunderung, Ablehnung oder Spott aufgrund ihrer Stellung auf der Leiter? Gibt es eine Stigmatisierung von wenig erfolgreichen Künstlern, nur weil sie sich im offziellen Kunstbetrieb nicht gut genug positioniert haben?

– Wird wiederrum das Werk von erfolgreichen Künstlern ab einer bestimmten Stufe kritiklos aufgenommen – nur weil sie eine kritische Masse der Reputation erreicht haben, die sie erhaben über jeden Zweifel stehen lässt (vgl. Gerhard Richter)?

– Schriften von Luhmann zur Reputation

8 thoughts on “Fragen über Fragen – eine neue Serie

  1. Lieber Emmanuel,

    eine sehr gute Frage, die mich auch immer wieder beschäftigt. Ich will notizhaft einige Gedanken dazu abgeben:

    1) es gibt sicher im Kunstsystem eine veräußerlichte (nicht objektive) Form des Rankings. Diese bestimmt sich weitgehend nach der Form der Anerkennung, die einem Künstler zuteil wird. Die ihr innewohnende Hierarchie hast Du gut getroffen.

    2) es ist eine Eigenart des Kunstsystems (und ähnlich gelagerter ästhetischer Felder), dass ein Top-Ranking nicht gleichbedeutend mit „gut“ ist. Wenn dagegen ein Tennisspieler alle anderen besiegt hat, macht es wenig Sinn ihn nicht „den Besten“ zu nennen.

    Selbst, wenn ich feststelle, dass manchen Künstlern ein hohes Prestige zukommt, muss ich sie deswegen persönlich nicht gut oder wichtig finden. Ich kann meine eigene Rangliste haben, die sehr stark von der offiziellen abweicht.

    3) aus 2) folgt, dass bestehende Rankings eine grosse Unsicherheit besitzen. Sie können jederzeit wieder umgeworfen werden.

    3.1.) eine momentan gültige Hierarchie muss keineswegs so „abgearbeitet“ werden, wie sie gerade besteht. Ein vollkommen unbekannter Künstler kann durchaus eine Einzelausstellung im MoMA bekommen.

    4) In der Kunst kann das veräußerlichte Regelwerk durch den Eintritt eines neuen Kunstwerks oder Künstlers in Frage gestellt werden. Deutlicher noch: Kunst wird schon mit der Absicht gemacht die Regeln der Kunst anzugreifen und auf die Probe zu stellen. (Das wäre im Fußball so, als könnte jedes Spiel eine neue Form von Fußball erzeugen.)

    Herzliche Grüße

    Stefan

  2. man, man, man. was ist das denn für ne beschissen kniffelige frage?
    und noch dazu direkt zu anfang.

    da muss ich erst mal ne weile drüber nachdenken.

    lg
    der fetzer

  3. Das ist ein komplexes Thema. Natürlich gibt es Karrieristen unter den Künstlern. Also sind auch Kriterien vorhanden, anhand derer sich der eErfolg (vermeintlich) ablesen läßt. Meine These: grundsätzlich hat die Stellung eines Künstlers im Marktgeschehen rein gar nichts mit der Qualität der Arbeit zu tun- diese ist vom meßbaren „Erfolg“ im Sinne des Marktwertes nämlich nicht abhängig, da der Kunstmarkt an entsetzlicher Dummheit mangelt. Gekauft wird, was en vogue ist. Nur so kommt zustande, daß die „Balloon dogs“ eines Jeff Koons vergangenes Jahr obwohl in 5er Auflage produziert einen Marktwert von knapp 400000 Euro (!) erzielten. Diese „Arbeiten“ von Herrn (ex Banker) Koons sind geistiger Dünnschiss und werden dennoch als sehr heiße Wahre gehandelt, weil dieser Mist eben längst schon fest integriert in den höchsten Gefilden der zeitgenössischen Kunst gehandelt wird. Herr Koons bedient clever genau das, was die ahnungslosen Käufer der Kunst als Spekulationsmasse schätzen: Glamourosität, Sicherheit als Kapitalanlage, Gefälligkeit- das poppt, that’s hot shit, you gotta buy it.
    Als weiteres Paradebeispiel fällt mir Herr Jonathan Meese ein: der Hobby Tabubrecher verkauft seinen geistigen Brechdurchfall ebenfalls wie warme Semmeln. Die Geldelite kauft diesen Müll alleine, um dazuzugehören, um stolzer Besitzer eines echten, heißen Meese zu sein und diesen vorzeigen zu können wie den neuen Bugatti im Carport und ein bißchen (vermeintliche) Subversivität zu demonstrieren. Kritisch hinterfragt wird solche Kunst vom typischen Käufer nicht, weil dieser gar nicht nachvollziehen kann, wes geistes Kind diese Bildchen und Skulptürchen sind- er hat aber die Kohle, um wie er meint mitmischen zu können.
    Wenn man nun den Erfolg eines Künstlers an der Qualität der Arbeit als solches mißt, sieht die Sache völlig anders aus, denn auch oder vielleicht sogar gerade die weniger vom Markt beachteten Künstler vermögen mitunter qualitativ sehr hochwertige Oeuvres zu entwickeln, die wirkliche Strahlkraft besitzen, weil sie auch kommenden Generationen noch etwas zu sagen vermögen. Damit ist natürlich nicht „Ließchen Müller“ (*Name geändert, die Readaktion), die Gattin des Anwalts oder Arztes, mit entsprechendem sozialen Umfeld gemeint, die an der Volkshochschule einen Aquarellmalkurs besucht hat und in der Orangerie des Schloßes Benrath ausgestellt und ausverkauft hat, und somit sich auch als erfolgreiche „Künstlerin“ wahrnimmt.
    Wahre Kunst ist vom Marktgeschen völlig unabhängig, weil sie grundsätzlich autark ist: sie braucht nicht die Reputation in Form monetären Gegenwertes. Der Mainstream nimmt sie sowieso nicht wahr, weil sie zu intelligent, zu kompliziert, zu wenig gefällig, zu unbequem und dergleichen ist.
    Es gab immer schon Künstler, die eher oder fast ausschließlich von Ihren Kollegen als hervorragend wahrgenommen wurden. Sie kümmern sich ausschließlich darum, gute Arbeiten zu erschaffen und interessieren sich nicht so sehr für dieses doofe Marktgeschehen, weil sie kapiert haben das sie auch (oder vielleicht sogar gerade) ohne die Reputation des Kapitals sehr gute zeitgenössische Kunst erzeugen (ich denke an Zeitgenossen wie Richard Allen Morris, der nur wenigen bekannt, aber recht bedeutend ist).
    Nehmen wir als Gegenbeispiel Neo Rauch: er war ein sehr guter Maler (bis Anfang der 2000er Jahre). Nun hat er seit Jahren schon die Crux zu schultern, daß seine komplette Atelierproduktion der kommenden 5-6 Jahre bereits per Warteliste verkauft ist. Wissend, daß ein Rauch nicht gerade ein Schnäppchen ist, wird dies ein enormer Druck sein, der auf seinen Schultern lastet. Dies kann man leider auch seiner Entwicklung ansehen: seine Bilder sind harmloser, gefälliger geworden. Wie beschissen muß er sich fühlen in diesem entsetzlichen Korsett des Marktes gefangen zu sein? Oder hat Harry Lübke die Eier den Warteschlangen Kunden ganz hinten zu verklickern: ihr habt zwar die Option auf ’nen echten Rauch, mag aber sein, das dieser völlig anders ausssieht als das, was ihr von ihm gewohnt seit, denn ich erlaube ihm jederzeit zu malen, was immer er will, also wundert euch nicht, wenn ihr in ein paar Jahren Fabfeldmalerei von ihm kaufen müßt?

    Gewiss schauen die „erfolgreichen“ Künstler auf die reputationsarmen von oben herab. Dies ist den menschlichen Eigenschaften Gier, Mißgunst und Neid, Stolz etc. geschuldet.

    Selbstverständlich bedeutet der Rang eines Gerhard Richter für Menschen die denken können nicht automatisch, daß alles was er tut auch hochwertig ist. Gerade er, als Vielproduzent, hat unglaublich viel Müll sehr erfolgreich vermarktet. Es verhält sich bei Ihm genauso wie auch bei Picasso: hoffnungslos überbewertet, aber dennoch gut. Wenn von den beiden jeweils der qualitaiv minderwertige und überflüssige Anteil Ihres Gesamtwerkes vernichtet werden würde, blieben jeweils bestenfalls 2% Ihrer Arbeit übrig. Gewiss hätten sie dann noch immer einen sehr hohen Rang- langfristig tun sie sich jedoch mit der kritiklosen Veröffentlichung jedes Furzes keinen Gefallen, denn laut Kurt Schwitters ist die Ewigkeit nicht jedermanns Sache…

  4. Liebe Vorredner bzw. ~schreiber,

    sehr interessant! Vielen Dank für das Einstiegs-Posting und die dazu geäußerten Gedanken der anderen.

    Wenn sich die Menschen größtenteils einig sind, dass das Marktgeschehen mit einer eventuellen „Qualität“ künstlerischer Arbeiten nichts zu tun hat/haben muss, frage ich mich trotzdem immer wieder: warum stellt man die Qualitätsfrage meist so absolut?

    Stefan sagte, dass jemand, dem allgemein eine hohe Qualität bescheinigt ist, ihm noch lange nicht „gefallen“ (hier als platte Abkürzung für einen komplexeren Vorgang gebraucht) müsse – und sicher ist das genau so.

    Wenn das nun jeder zu Recht sagt: ist dann der Schritt, Lieschen Müller ein bisschen ernster zu nehmen, nicht nur ein kleiner…? Es gibt ja auch unter den Lieschen Müllers solche und solche; es gibt die von Wolf beschriebene Variante und sicher noch einige andere. Für mich ist es eine Tatsache, dass ich mir selbst etwas wegnehme, wenn ich eine der Lieschens im Vorhinein ausschließen würde, anzusehen.

    Deswegen empfinde ich meistens auch nicht alle Arbeiten einer Person durchweg als „gut“ oder „schlecht“ (wobei ich das hier auch nur zur Vereinfachung so nennen möchte; für mich gibt es kein „gut“ und kein „schlecht“ in der Kunst), sondern von ein und demselben Künstler gibt mir eine einen frischen Gedanken-Impuls und eine andere erreicht mich nicht, und bei einem zweiten Künstler ist es ebenso, bei einem dritten, einem vierten…

    weswegen ich es als Fazit schwierig finde, es nicht individuell zu betrachten, sondern mit „Etiketten“ zu handeln. Diese passen so selten für alle und alles und sind daher so wenig sinnvoll…….

  5. Danke an alle die geantwortet haben!! Es freut mich sehr, nicht allein mit meinen Fragen gelassen zu werden und festzustellen, dass andere Menschen auch von ähnlichen Sujets bewegt werden. Ich versuche, auf Jeden einzugehen:
    @ Stefan: Deine empirische und nicht-systematische Beobachtungen überschneiden sich, wie es mir scheint, mit denjenigen, die ich zurzeit mache. Was du als „Anerkennung“ bezeichnet wird in der Soziologie unter dem Begriff „Reputation“ besprochen. Diesbezüglich beschäftige ich mich derzeit mit den antagonistischen Ansätzen von Bourdieu und Luhmann, die bisher die zwei Pole der Diskussion bilden. Vielleicht liegt es an meiner französischen Prägung oder an meiner eher linksorientierten Gesinnung, aber ich fühle mich näher an Bourdieus Theorien als an Luhmanns. Vor allem weil Bourdieu das Phänomen der Reputation im sozialen Prozess der Ausdifferenzierung einen höheren Stellenwert beimisst als Luhmann. Und tatsächlich – ohne daraus eine Idee fixe machen zu wollen – sehe ich in jeder feldspezifischen Interaktion (also z.B. im Kunstmilieu)einen ständigen Kampf um die Erlangung oder Aufrechterhaltung von Reputation.
    Dass dieser Kampf nicht mit Qualität zu tun hat, darin sind wir uns einig. Qualitätskriterien in der Kunst sind seit der Popularisierung des postmodernen „Anything goes“ eh schwer diskrediert worden, weil sich keiner wirklich traut, als Definitionsmacht auf die Bühne aufzutreten. An deiner Aussage, dass „ein vollkommen unbekannter Künstler durchaus eine Einzelausstellung im MoMA bekommen kann“, möchte ich jedoch zweifeln. Es wäre denn, man nutzt die Relevanz des Systems um ein Understatement zu formulieren und daraus einen tollen PR-Gag zu produzieren. So kam Dirk Luckow 2004 auf den bisher besten Einfall seiner Karriere, als er alle nicht-kuratorisch tätigen Mitarbeiter der Kunsthalle Kiel (also Putzfrauen, Techniker, Wachleute, etc.) dazu einlud, eine Ausstellung aus den Beständen der Sammlung zu organiseren. Auf diese Weise wurde die Reputation dieser Herrschaft im Feld „Zeitgenössische Kunst“ künstlich und kurzfristig geboostet, was wiederrum den Anschein einer Systemkritik erwecken konnte. Diese Art von populistischem Ansatz ist übrigens sehr efolgreich.
    @ Wolf Raskin: Deine Wutrede ist berechtigt und verständlich. Ich hacke allerdings nicht mehr auf Leuten wie Koons oder Meese herum, weil ich es als unsportlich betrachte, Menschen mit Keulen zu schlagen, die sie mir selbst in die Hand drücken. Man darf und soll sich ruhig über die Auswüchse des Kunstbetriebes aufregen – nur in diesem Fall sind deine Bemerkungen am Thema vorbei. Mir geht’s nicht um eine Revidierung der Reputation eines Künstlers, der, gleich eines Usurpators, eine angesichts seiner künstlerischen Arbeit zu hohe Stelle auf der Leiter erreicht hätte. Bevor ich Missstände denunziere, will ich ertsmal verstehen, wie diese Leiter gebaut ist, wieviel System und Willkür darin steckt. Ich halte es für eine interessante Angelegenheit, dass einige Künstler meiner Umgebung immer noch behaupten, eine solche Leiter würde nicht existieren und den Erfolg eines Kunstschaffenden würde nur mit wirtschaftlichen oder mit (ominösen) qualitativen Kriterien zu bestimmen sein. Ich vermute eben, dass die Bildung, Vermittlung, Verteidigung und Ausweitung von Reputation ein Stück ausdifferenzierter ist als dies. Noch ein Mal: ich will nicht über das Verhältnis zwischen künstlerischer Leistung und Position im informellen Top 100 der Künstler diskutieren und ich will nicht wissen, warum ein Künstler einen hohen Rang erreicht, wenn seine Leistung mir minderwertig vorkommt. Ich will lediglich verstehen, was für objektive Kriterien hinter dieser Platzierung vorherrschen. Die tatsächliche Qualität der Arbeit ist mir zunächst egal. Damit hätte ich auch Bezug auf die Mail von
    @Sabine Pint genommen. Du hast Recht, wenn du sagst, dass man alle Lieschen Müller ernst nehmen sollte. Es ist anstrengend, und gewiss eine ausufernds Aufgabe, weil die unglaublich zunehmende Demokratisierung der Kunstrezeption und der künstlerischen Arbeit dazu führt, dass die Lieschen Müller des Kunstbetriebes sich exponentiell vermehren. Und, erste Lektion des kleinen Reputationslexikons: Reputation ist komplexitätsreduzierend, d.h. dass ich bei jeder Begegenung mit dem Werk eines neuen Künstlers zunächst auf seine Etikette schaue, um ihn einzuordnen und damit eine relativ schnelle und relativ sichere Bewertung vornehmen kann. Stellt der Künstler ausschließlich in Galerien aus, die reputationsarm sind, habe ich ihn als minderwertigen Künstler eingeordnet. Das ist hart, aber erspart Zeit und Energie. Diese stigmatisierende Rezeption finden wir in allen künstlerischen Milieus, ob Film, Buch, Musik, etc. Sie ist von Natur aus wenig differenziert und kann Karriere vernichten oder künstlich boosten. Wir, in der Perisphere, versuchen immer, unser Gegenüber ernst zu nehmen und, unabhängig von allen Konsensen und Normen des Systems, zu einem Urteil zu kommen.

  6. Hallo Emmanuel,
    also wollen wir darüber sprechen, wie Anerkennung/Reputation zustande kommt?

    Du schreibst:

    „Ich will lediglich verstehen, was für objektive Kriterien hinter dieser Platzierung vorherrschen. Die tatsächliche Qualität der Arbeit ist mir zunächst egal.“

    Ich denke, dass jede Plazierung auch implizit eine Rechtfertigung einfordert. Es kommt zu einer Argumentation (allgemein zu einer Erzählung), die darlegt, warum der Künstler diesen Platz verdient. Gründe können die vermeintliche „Qualität“ seiner Arbeit oder schon bereits erworbene Anerkennung (hat schon bei X ausgestellt oder Preis Y gewonnen) sein.

    Bleibt dies unwidersprochen, hat der Künstler seinen Platz (vorerst) behauptet. Und dann geht es darum, die nächste Bastion zu erobern.

    Kommt es zu Kritik, muss sie entkräftet werden.

    Wie das im Einzelnen funktioniert, welche Gründe angeführt werden, – dafür gibt es keine allgemeine Regel. Da müsste man Einzelfälle betrachten.

    Gelegentlich zeigt sich offene Willkür. JC Ammann hat als Direktor des Museums für moderne Kunst (MMK) einige frankfurter KünstlerInnen in die Sammlung aufgenommen, obwohl sie kaum mehr als lokale Reputation hatten. Manche haben sich darüber am Kopf gekratzt. Zu einem echten Sturm auf Ammann reichte es aber nicht. Einigen KünstlerInnen hat das einen kurzfristigen Schub verschafft. Überregionale Galerien interessierten sich für sie. Als aber Ammann in Pension ging, verpuffte der Effekt. Im Depot des Museums blieben einige Kuriositäten zurück.

    Wie können wir das jetzt vertiefen?

    Stefan

  7. Hier noch ein ganz aktuelles Beispiel für eine Rechtfertigung:

    Mit der großen Überblicksausstellung „Tobias Rehberger. Home and Away and Outside“ widmet sich die Schirn Kunsthalle Frankfurt einem der einflussreichsten deutschen Künstler seiner Generation. Tobias Rehberger (*1966) , der in Frankfurt am Main lebt und arbeitet, ist international für sein ebenso pointiertes wie pointenreiches Werk bekannt. Zahlreiche Preise und Ausstellungen ehren den Künstler, dessen vielschichtiges Œuvre eine herausragende Position in der aktuellen Kunstproduktion einnimmt.

    In diesem kurzen Abschnitt ist jedes Wort sein Geld wert, – das der Sponsoren, der öffentlichen Hand (die die Schirn bezahlt), der Galeristen (und Sammler) und letztlich das des Künstlers selbst.

  8. Hallo Emmanuel, hallo alle anderen,

    ich denke, es gibt diese objektiven Kritereien schlicht nicht.

    DER MARKT fordert und fördert Platzierungen, die ja selbst auf diesem Markt umstritten sind… die Frage ist: will ich das für MICH? Die Antwort ist: nein. Es soll niemand eine Vorauswahl für mich treffen, es KANN niemand für mich eine Vorauswahl treffen, die „sinnvoll“ wäre. Der Sinn ergibt sich bei der jeweiligen Auseinandersetzung mit einer Arbeit oder eben nicht. Das kann im Museum, das kann aber auch auf der Starße sein.

    Der Zeitfaktor ist nebensächlich; ich bin nicht auf der Flucht!

    Das, was mir begegnet, möchte ich nicht vor-etikettiert anschauen – oder aber, falls das Etikett schon dran hängt, mich davon nicht beeindrucken lassen. Ich möchte eine Arbeit Richter’s beispielsweise nicht „schlecht“ finden „müssen“, weil mich seine angebliche „Unantastbarkeit“ nervt.

    Die Willkür, von der Stefan spricht, ist insofern entlarvend, weil sie ohne eindeutige Kriterien zeigt, dass ALLES „Offizielle“ auf diesem Markt „Willkür“ ist. Man kann aber auch sagen, dass Ammann seine persönliche Kunst-Definition gelebt hat/leben konnte, weil er diese Position innehatte. Es gibt Menschen, die finden seine „Reste“, seine Hinterlassenschaften kurios, andere finden anderes. „Überliefert“ wird immer das, was die Mächtigen auf diesem Markt aus ihrem mehr oder oft weniger hehren Interesse pushen. Selbstverständlich hat das nichts mit der „Qualität“ der Arbeiten zu tun – gut, dass sich da die Meisten einig sind und dass das nicht diskutiert wird.

    Was mich aber immer wieder wundert: warum klingt die Qualitätsfrage immer so durch, warum schwingt sie unterschwellig immer mit?

    Sie ist nicht zu beantworten. „Definitionsmacht“ wäre der Tod der unabhängigen Kunst, und ich meine der wirklich unabhängigen Kunst!

    „Die Leiter“ existiert, aber ich finde, dass man nur wirklich weiterkommt in der Auseinandersetzung, wenn man das Marktgeschehen WIRKLICH von den Arbeiten der Künstler trennt, es auch so meint, was man da sagt. Solange immer noch jemand da ist, der sagt „Ich finde das schlecht“, solange wird immer noch eine angebliche „allgemeine Qualität“ gesucht und dann auch irgendwo gefunden – der Knackpunkt liegt in einer angeblich möglichen Allgemeingültigkeit.

    Wo es die nicht gibt, wird es immer schwer sein, eine „Karriere“ zu begründen oder zu „verstehen“.

    Viele Grüße,
    Sabine

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