Wie alles wirklich funktioniert : Brandschutz

Herzner Tatü Kessel 02
MIR

Liebe Leser,

heute habe ich den Text aufgeräumt und entdeckt, dass Warnsignale vier Wirkungsdimensionen haben. Und ganz unten, noch hinter dem Fenstervideo, gibts was zum Vorlesen. Und ein zwei neue Fragen ins Kommentarkästchen – noch hinter dem Text zum Vorlesen – wären auf ganz unkomplizierte Weise unheimlich konstruktiv. Kleine Frage, große Wirkung – wie bei der Spinne und der Feuerwehr.

1. Hören und wissen
Tatütata Tatütata! Haha – da ist Feuerwehr unterwegs! Also: vorm Weiterfahren erstmal gucken, ob man im Weg ist. Und ganz klar weiß jeder auch: Es brennt irgendwo! Oder jemand hat gedacht es brennt irgendwo. (Im Ruhrpott holt man sich dann ne Pulle Bier und geht ma gucken.)
So funktioniert das auch mit Wiu Wiu und Polizei und Unrecht. Und mit Nanü Nanü und den Türen der berliner S-Bahn bei ihrem unnachgiebigen Schlussmechanismus. Tamtim Ta Ta (oder so) beim PC, wenn er das erste mal beim Hochfahren etwas von einem will. Dann dieser gleiche SMS- oder Whatsapp-Ton, den fast alle Smartphones haben, den ich gerade nicht in meinem Kopf finde, aber Ihr in euerm, und der allen in der Bahn sagt: Hallo zusammen, auf diesem Smartphone ist gerade eine Nachricht angekommen. Und noch eine und noch eine und noch eine. Den Ton hört man oft in den Regionalbahnen. Unübertroffen der Fanfarenstoß in eben solcheiner in Berlin-Brandenburg vor jeder Durchsage. Ein Düsseldorfer Geräusch wäre das Bimmeln der Straßenbahn, bei dem man gleich hört, wie schlimm die Lage ist: „Wo ist der Idiot, dem diese Scheißkarre auf den Schienen gehört?“ oder „Bist Du noch ganz dicht?“  oder „Hallo Jupp!“ oder „Aaaaah! Ich kann nicht bremsen!“

Herzner Tatü 04 frage
Nach fast 2 Monaten nun endlich beantwortet: Die Frage mit dem Tatütata.
Das Blaulicht hingegen wurde etwas vernachlässigt.

 

2. Wissen und hören
Wenn es brennt, dann kommt die Feuerwehr mit Tatütata und Blaulicht. Wenn ein echtes Unrecht passiert, kommt die Polizei und zwar mit Wiu Wiu. Wer Mut hat, traut sich noch während des Nanü Nanü. Wer immer noch einen PC hat, schlägt sich mit dem Ta Tim Tata rum und fragt sich, wo man das eigentlich ausstellen kann. Das die Fläche der Gesellschaft Fehler im Raumkontinuum hat und deswegen Intimitäten in die Straßenbahn kommen und mit Signal angekündigt werden, ist allerdings schon so normal, das man es nicht mehr merkt. Berlin liegt in der Provinz und deswegen gehört zu einer Reise von Ostbahnhof zum Bahnhof Zoo in der Regionalbahn der Fanfarenstoß von Bundesland vor die Durchsage. Und jetzt kommt die Überleitung zu Wirkungsdimension 3 eines Geräusches: Und wenn die Straßenbahn nicht bimmelt, ist sie unsichtbar.

 

Herzner Tatü Micky 01
Eine Mickymaus vom Arbeiter zur Seite gelegt und nachlässig fotografiert.

 

3. Nicht hören ist nicht wissen
Wer schon einmal mit Oropax plus Mickymaus (so der Fachbegriff für den Hörschutz auf der Baustelle) durch die Stadt gegangen ist, weiß, was das heißt: Man geht durch Filmkulissen, durch eine unechte Welt, die es irgendwie nicht gibt. Ich kann das nur empfehlen mal aus zu probieren.

 

Herzner Tatü 03 oro
Der Fachmann nutzt Oropax aus der Dose.

 

Aber VORSICHT!! Man bekommt erstaunlich viel nicht mit und lässt sich schnell an- und überfahren!

 

Kein Geräusch macht unecht und unsichtbar. Wenn das Geräusch fehlt, dann ist etwas nicht wirklich. Die Feuerwehr ist ohne Geräusch nicht richtig – genauso wie die Polizei und die S-Bahn und der PC.
Und es ist dann auch tatsächlich so, als würde etwas eben nicht passieren. Als wäre eben kein Feuer da, kein Unrecht, man verpasst die Haltestellen und der PC hat irgendwas und fährt nicht hoch. Ein Mensch, der nicht klingelt, hat keine Freunde. Man denkt in der Regionalbahn: ‚Hä? Bin ich falsch?‘ Und weiß nicht warum.

 

 

4. Nicht hören wird nicht wahr
Diese Phänomen lässt sich nutzen: Die Feuerwehr, die Polizei, die S-Bahn, der PC schleicht sich heimlich an – praktisch im auditivem Inkognito – um nicht die Wirklichkeit herauf zu beschwören: das Feuer, das Unrecht, die Haltestelle, die Arbeit zu der das passende Geräusch aus Punkt 2 einfach verweigert wird.

Ich sehe das aus Erfahrung als erweisen an: Neulich im März kam ein Feuerwehrauto ohne Tatütata und Blaulicht an mir vorbei gebraust, die Friedrichstraße hoch (ziemlich schnell) und hat ein paar Straßenkreuzungen weiter bei einer Benzinpfütze angehalten, die weggemacht werden musste, bevor alles in die Luft fliegt, weil jemand eine Kippe reinschnippt.
Anderes kann man sich gut denken: Die Feuerwehr fährt einen verrückten Heiratsantrag verwirklichen helfen, bevor das Thema zum gefährlichen Streitpunkt in einer Beziehung oder einen finalen feurigen Wutausbruch führt.
Oder: Zur Kirmes, Messe, Schützenfest, Demo, Festival, Großereignis, etc. fährt sie leise, damit dort nichts passiert.
Oder: Auch zum Pizza holen, damit diese nicht im Ofen anbrennt.

 


Es gibt insgesamt acht Herzner still videos. Eins mehr ist noch da unten.

 

Das Wichtigste zum Schluss:

Wenn die Feuerwehr in Stille losfährt, so versucht sie in der Verweigerung des Lärms, dem Nicht-Tatütata ein Vakuum zu schaffen, um den Ausbruch eines Feuers zu verhindern. Weil: wenn kein Geräusch (Tatütata), dann auch nicht die Ursache (Feuer). Würde die Feuerwehr ständig ohne Tatütata und Blaulicht herumfahren ohne Pause, würde vermutlich gar nichts mehr passieren.

Und wer jetzt sagt, das sei doch Quatsch, erklärt mir, wie die Polizei darauf gekommen ist, Streife zu fahren.

 

 

Liebes großes fünfjähriges Kind,

viel zu spät nachträglich zum Geburtstag gibt es meine Hammerlieblingsfeuerwehrgeschichte, allerdings mit Tatütata und Blaulicht und allem PiPaPo, aber völlig ohne Feuer.

Ich habe doch mal in Freiburg unter dem Dach eines kunstvoll gestalteten Jugendstilgebäudes Kunst studiert. Das war nicht so schlau, weil alles war ganz ganz neu und schick gemacht. Der Originalfischgrätenparkettboden von 1914 war abgezogen und neu lackiert und die Wände blitzweiß gestrichen als das Studium aus einem alten Atelierturm dorthin verlegt wurde. Leute, die Kunst machen lernen wollen, machen aber vor allem Dreck. Zigarettenkippen, Bier und Kaffee auf dem Boden und Öl- und Acrylfarbe und Pigmente oder alle möglichen Exkremente in die Ecken schmieren oder was weiß ich. Und sägen wollen die, Flächen schön glatt schleifen, Nebelmaschinen anschmeißen und sowieso am liebsten alles machen, was staubt.

Und es gab ganz ganz neue Rauchmelder in dem ganz ganz neu renovierten Haus.
Diese Rauchmelder dachten so: ‚Oh! Die Luft ist nicht mehr durchsichtig! Das heißt Rauch! Das heißt Alarm machen und die Feuerwehr rufen!!‘ Da brauchte es nichtmal einen Menschen, der 112 wählen muss – nein – da war der direkte Draht zur Feuerwehr, die sofort mit voller Montur auffährt und zwar mit Tatütata und Blaulicht natürlich.

Und da gab es also hin und wieder Ärger – weil irgendein fleißiger Student hat Gips abgeschliffen oder die Wand oder gesägt und ein Haufen Staub aufgewirbelt. Und hat im aber Eifer nicht an die Rauchmelder gedacht, die bei jeder Luftverdunkelung und mangelnder Durchsichtigkeit gleich die Panik kriegen, Feueralarm auslösen und über den Draht direkt die Feuerwehr rufen.

1000 € kostete damals ein kompletter Feuerwehrlöschzug mit Tatütata und Blaulicht – nur der Weg von der Wache bis vor die Haustür – noch völlig ohne Löschen und so.* Und die Rechnung bekam derjenige, der den Alarm ausgelöst hat – also der, der den Staub gemacht hat, weil er so fleißig war, sollte dann dafür 1000€ zahlen. Eine ganz schön hohe Gebühr für eifriges Studieren also, noch lange bevor jemand anders auf die Idee kam und sie wieder verwarf. Außer, man hat die liebe Hausmeisterin vielleicht auf ein Bier eingeladen. Dann hat sie vergessen, wer den Staub gemacht hat und die Rechnung bekommen muss und die Feuerwehr für ihr Tatütata und Blaulicht bezahlen.

Und dann kam eine Zeit, wo kein kunstlernender Student trockenen staubigen Dreck mehr machte und die Luft sowieso mit nichts verdunkelte und höchstens mal unsichtbare Trompetenschallwellen erzeugte. Keiner machte mehr Dreck und falls doch, fragte er die Hausmeisterin, ob sie vielleicht die Rauchmelder einfach ausstellen könne. Sehr geordnete Zustände waren da.
Und der Alarm ging aber manchmal trotzdem plötzlich los und die Feuerwehr in voller Montur – der Löschzug in großer Ausführung: alle Feuerwehrautos, die die überhaupt auf einer Wache haben auf einmal – unten vor der Tür stand, und zwar noch bevor man wegen des Alarms die Treppen bis nach unten gekommen war.

Man muss ja bei Feueralarm immer raus. Obwohl alle eh wissen: gibt eh kein Feuer. Die erfahrenen unerschrockenen  alten Hasen sind gleich drin geblieben um rumzugehen und mal gucken, wer den Staub macht. Und dann ist ihnen vielleicht doch das Herz in die Hose gerutscht, weil da war kein Staub und dann vielleicht also doch Feuer, irgendwo weiter unten im Haus, wo die normalen Leute in die Gewerbeschule gingen?
Die Feuerwehr kommt also, vom Rauchmelderdirektdraht gerufen, stampft wichtig mal wieder durch das ganze Gebäude, schimpft mit denen, die drin bleiben, und schimpft, weil es kein Feuer gibt, und fährt wieder.

Und alle fragen sich: Wer kriegt den jetzt die Rechnung über 1000€?
Und jemand fragt sich: Woher kriege ich mein Bier?

Das ging ein paar mal so. Und ein paar mal kamen diese beiden Fragen mit der Rechnung und dem Bier auf.
Bis die Hausmeisterin zusammen mit einem Kollegen zu genau dem Rauchmelder hingegangen ist, der immer anging, hochkletterte auf die voll hohe Leiter und ihn aufschraubte.

Da kam ihr so eine kleine Spinne entgegen.
Ein Spinne – im übrigen wie die meisten ihrer Art vollkommen undurchsichtig -, die da ganz in Ruhe wohnte und hin und wieder an einer ganz kleinen Stelle in dem Melder an einem Faden hängend die Luft verdunkelt und damit den Feuerwehrlöschzug in Komplettausrüstung zur Hilfe gerufen hat. Obwohl es gar nicht brannte und nichtmal Staub in der Luft war. Vielleicht wollte sie nur kurz von Netzschlafzimmer in die Netzküche oder so.

Wenn also die Feuerwehr ohne Tatütata und Blaulicht losfährt, geht es jedenfalls dabei dann auch nicht um eine kleine leise Spinne mit großer Wirkung. Vielmehr will sich die Feuerwehr dann an eine Katze anschleichen, die nämlich auch nicht vor ihrer glorreichen Rettung mit der Feuerwehrleiter von alleine vor Schreck vom Baum hüpfen soll.

Schöne Grüße
Katrin Herzner

PS: *Da fällt mir ein: vielleicht fährt die Feuerwehr auch manchmal einfach ohne Tatütata und Blaulicht, nur um Geld zu sparen?

1 thought on “Wie alles wirklich funktioniert : Brandschutz

  1. Hab diesen Beitrag eben erst gelesen. Werde demnächst bei Gelegenheit versuchen, „Nicht hören wird nicht wahr“ kindgemäß als Antwort zu übermitteln.
    Und die Hammerlieblingsfeuerwehrgeschichte als Comic? Das wär doch was!
    :-)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.