„Another Place / Another Space / Together“ im Leeschenhof

Der Abend kann jetzt schon als das Ereignis der Düsseldorfer freien Szene – und überhaupt der Düsseldorfer Kunstszene – im Jahr 2014 gelten. Die Eröffnung der Ausstellung „Another Place / Another Space / Together“ wurde zu einem riesigen Klassentreffen der hiesigen Künstlerschaft und versammelte mehrere Hunderte auf dem Gelände des ehemaligen Toom-Marktes. Ausgelassene Stimmung, Freude über das Wiedersehen und Bier zu selbstbestimmten Preisen – selten wirkte eine Veranstaltung so verbindend wie diese. Und die Kunst?

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Rebekka Benzenberg

Noele Ody
Noele Ody
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Noele Ody

In Düsseldorf findet zurzeit die Quadriennale statt, ein Festival, das alle Kunstinstitutionen der Stadt um ein gemeinsames Programm vereinigt und sich bemüht, das Publikum zu mobilisieren. Das Kulturamt kam auf die gute Idee, die selbstorganisierte Künstlerschaft einzubeziehen und beauftragte Karl Heinz Rummeny mit der Organisation einer Ausstellung. Diese sollte repräsentativ für die lokale Kunstszene sein und zeigen, wie lebendig die Kunststadt Düsseldorf doch ist.

Am Stand von Studio Roh
Am Stand vom Studio Roh
Jan Scharrelmann
Jan Scharrelmann
Nicola Schrudde
Nicola Schrudde
Gereon Krebber
Gereon Krebber
Gereon Krebber
Gereon Krebber

Der mit einem solchen Auftrag betraute Kurator hat die Wahl zwischen zwei antagonistischen Ausstellungsstrategien. Entweder realisiert er eine dokumentarische Präsentation der Off-Szene und geht direkt auf Geschichte und Akteure ein, oder er überlässt der Off-Szene sich selber und zeigt die Werke von Künstler, die damit in Verbindung gebracht werden können. Im ersten Fall gab es eine Ausstellung wie „Unter dem Radar“, die 2010 das Festival vierwändekunst begleitete. Diese dokumentarische Variante ist nicht nur informativ sondern vor allem reflexiv und kritisch; sie läuft aber auch Gefahr, didaktisch zu sein und der Leichtigkeit und ephemerer Natur ihres Sujets nicht gerecht zu werden. Die zweite Variante erscheint geeigneter, weil lebendiger und irgendwie unvermittelter, unterscheidet sich allerdings kein bisschen von allen anderen Gruppenausstellungen dieser Welt und besitzt den Beigeschmack der Beliebigkeit.

Franz Zar
Franz Zar

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Konsortium
Konsortium
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Ruslan Daskalov
Josef Schulz
Josef Schulz
Jörg Paul Janka
Jörg Paul Janka

Karl Heinz Rummeny hat sich für den zweiten Ausstellungstypus entschieden. Die von ihm ausgewählten Off-Räume haben ein oder ein paar Künstler als Stellvertreter delegiert, die dann in den Räumlichkeiten des längst verlassenen Baumarktes platziert wurden. Kein übergeordnetes Konzept, keine einengende Thematik, kein diskursiver Rahmen – dafür aber eine Heterogenität und eine Hierarchielosigkeit, die für dieses Biotop typisch sind. Und doch fragt man sich beim zweiten Blick auf Another Place, ob diese Heterogenität und Hierarchielosigkeit wirklich vorhanden sind.

Xenia Imrová
Xenia Imrová
Xenia Imrová
Xenia Imrová
Martin Vesely
Martin Vesely
Ar Jan, Andy Kassier, Lena Ditte Nissen
Ar Jan, Andy Kassier, Lena Ditte Nissen

Die Liste der ausgewählten Projekträume ist nämlich nicht so interessant wie die Liste der Abwesenden. So ist das Grafische Kabinett von Sebastian Riemer vertreten, nicht aber das Cabinett von Andrea Dietrich. Längst vergangene oder nur noch sporadisch geführte Projekte wie nüans oder Ohio sind dabei, aber nicht d-52 oder plan.d. Natürlich konnte und sollte kein Anspruch auf Vollständigkeit bestehen. Auf die Gefahr hin, partout ein Haar in der Suppe suchen zu wollen, müsste man doch fragen, warum diese und nicht jene Projekte in Betracht gezogen wurden. Die Ausstellung hat eine gewisse Szene bevorzugt, eine gewisse Vorstellung von Kunst unterstützt; grob gesagt handelt es sich um den breiten Akademie-Kreis. Die Initiativen, die dieser unterschwelligen Norm nicht entsprechen, wurden nicht berücksichtigt. Diese Tatsache ist an sich nicht mal würdig einer Kritik, denn es ist natürlich, dass eine Entscheidung stattfinden muss. Aber Another Place hat den Verdacht bekräftigt, dass auch die Off-Szene hierarchisch organisiert ist und dass es dort eine A- und eine B-Klasse gibt.

Mike Hentz
Mike Hentz
Mirko Tschauner
Mirko Tschauner
Sebastian Riemer
Sebastian Riemer
Sebastian Riemer
Sebastian Riemer

Was bleibt, jenseits dieser Bemerkung, von der Ausstellung mit dem uninspirierten Titel? Eine stimmige und risikofreie Präsentation, die nichts Großes wagt und dadurch nichts Falsches macht. Rummeny hat seinen Auftrag gut erfüllt; die Stadt darf zufrieden sein. Was in den leicht heruntergekommenen Hallen des Baumarktes ausgestellt wurde, sah nach Off aus. Und es sah definitiv nach Kunst aus. Nach einigermaßen junger, einigermaßen experimenteller Kunst. Nach dieser Art von Kunst, die am Rande der kommerziellen Zwänge und institutionellen Kalkülen entsteht. Danke für die Bestätigung. Die Positionen sind so unterschiedlich, die Ansätze so vielfältig, dass ein einheitliches Gesamtbild sich nie einstellt. Aber um Einheit ging es ja nie.

Susanne Ristow
Susanne Ristow
Susanne Ristow
Susanne Ristow
Florian Orlob
Florian Orlob

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Heinz Hausmann
Heinz Hausmann
Jörg Steinmann
Jörg Steinmann

Wenn man trotzdem eine übergeordnete Erkenntnis in Another Place sucht, könnte man sie in der stark ausgeprägten Selbstbezogenheit der meisten Werke sehen. Die Ausstellung ist genauso wenig politisch, wie die Düsseldorfer Kunstszene selbst. Dabei hatte es gut angefangen: Die Installation von Kai Rheineck versammelt am Anfang der Halle eine große Zahl an lapidaren Fotoaufnahmen, die die neusten Immobilienprojekte der Stadt Düsseldorf dokumentieren. Sie haben Lifestyle-versprechende Namen wie „Le Flair“ oder „Quartier les Halles“, sind für eine urbane und vermögende Schicht konzipiert und sind alle Zeugen des gegenwärtigen Verlustes von Baukultur in der angeblichen „Rheinmetropole“. Die Nivellierung der architektonischen Qualität – alle Projekte erscheinen wie Klonen eines verloren gegangen Modells – wird ohne Aufregung demonstriert. Die sachliche Präsentation geht dabei direkt auf die Ausstellungssituation ein, denn der Toom-Baumarkt soll bald abgerissen werden und von einem dieser auf Schick getrimmten Wohnblöcken ersetzt werden. Die Gentrifizierung ergreift Oberbilk; und während einige Bürger sich über diese Entwicklung sorgen, inszenieren die Künstler erfolgreich den Übergang. Rheineck ist dabei der einzige, der den (bau-)politischen Hintergrund des Ausstellungsgeländen beleuchtet.

Kai Rheineck
Kai Rheineck

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Sandra Hetzl
Sandra Hetzl
Sandra Hetzl
Sandra Hetzl
Sandra Hetzl
Sandra Hetzl

Die andere deutlich politische Arbeit der Ausstellung findet am anderen Ende der Halle. Das Studio for Artistic Research zeigt eine Reihe von Videos von Sandra Hetzl. Die Künstlerin, die auch eine wichtige Arbeit der Übersetzung zwsichen den Fronten führt, versteht sich als engagierte Vermittlerin zwischen Nahost und Europa und hat u.a. Informationsmaterial aus dem Bürgerkrieg in Syrien untertitelt und in Deutschland veröffentlicht. Der dokumentarische Charakter der Installation ist klarer als in eine frühere, vergleichbare Präsentation im Studio. Die eindeutige Natur des Projektes gepaart mit einer sehr gelungenen Rauminszenierung und mit starken, teilweise unerträglich dramatischen Bildern – die jedoch, und das ist eine Feinheit der Raumpräsentation, nie exhibitionistisch wirken – machen aus dem Ensemble ein Highlight von Another Place. Nach der Betrachtungen von manchen künstlerischen Unzulänglichkeiten in der Ausstellung, verlässt man diesen Bereich erschüttert und ohnmächtig.

Julio Herrera
Julio Herrera
Koen Deleare
Koen Deleare
Takeshi Makishima
Takeshi Makishima
Takeshi Makishima
Takeshi Makishima

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Ausserdem, ein paar unsortierte Anmerkungen: Erstens kommen die Maler nicht so schlecht weg, wie ich es zunächst gefürchtet habe. Im atmosphärisch starken Ex-Baumarkt, der sich fürs Ortsspezifische bestens eignet, wurden Nischen kreiiert, in der malerische Positionen einen Ruhepol finden und sich entfalten können. Nicht alle können sich behaupten und einige werden regelrecht plattgemacht (vor allem im Erdgeschoss), aber immerhin ist Malerei nicht vollständig untergegangen. Zweitens, apropos ortsspezifisch, leben viele Arbeiten von der Aura und der Vorgeschichte des Raums. Ob die einzelne Werke eine Chance in einem anderen Kontext bekämen, ist fraglich. Drittens ist die Qualität der isolierten Werken nicht immer überzeugend. Vor allem die obere Etage ist weitesgehend enttäuschend und artet am Ende des Rundgangs in einer sterilen Material- und Formspielerei aus, die unter Beliebigkeit und Bedeutungslosigkeit leidet. Déjà-vus, die von modischen Gimmicks (diese Kunst ist in acht Jahren veraltet) erhöht werden, reihen sich in Minimalvarianten des bereits Erlebten auf. Ich frage mich, ob diese Künstler zu opportunistisch oder zu gemütlich sind.

Rosilene Luduvico
Rosilene Luduvico
Moritz Fiedler
Moritz Fiedler
Moritz Fiedler
Moritz Fiedler

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Roman Lang
Roman Lang
Another Place / Another Space / Together
Oberbilker Allee 51
24.5-11.6.2014
geöffnet Mittwoch-Sonntag, 14-19 Uhr

 

3 thoughts on “„Another Place / Another Space / Together“ im Leeschenhof

  1. Gute Kritik. Schade, dass es in der Ausstellung wenig Attacke auf die aktuelle Düsseldorfer Baukultur gibt. Der Ort wäre dafür prädestiniert. So bleibt es, wie du schon sagtest, eine weitere, belanglose Gruppenausstellung aus dem Dunstkreis der, sich selbst feiernden, Akademie-Studenten.

  2. @ Jochen: Man mag es sehen, wie man will, als beteiligtes Projekt (Gasthof Worringer Platz) haben wir uns mit der Einladung von Gabriele Horndasch („Die Zeitgenossin“, Kai Rheineck („Exklusiv! Neues Bauen in Düsseldorf“) und Josef Schulz („Poststructure“) dem Kontext der Ausstellung gestellt und durch den engen räumlichen Bezug (alle Arbeiten befinden sich im Eingangsbereich) und die inhaltlich Verknüpfung (alle Arbeiten versammeln vormals in urbanen Räumen Verstreutes und beschreiben durch die Engführung der Partikel Situationen des Umbruchs) eine Position formuliert. Da unser Projekt sich ganz direkt dem Stadtraum und seinen Dynamiken aussetzt, ist das nur konsequent. Deswegen würde es mir schon sehr gefallen, wenn die Gäste der Ausstellung nicht die sich zugegebenermaßen aufdrängende Unverbundenheit vieler Arbeiten generalisieren, sondern den Ausnahmen ihre Wertschätzung schenken würden. Meiner Ansicht nach lassen sich besonders auch die Arbeiten von Ralf Berger und Uschi Huber nicht so ohne weiteres als belanglos abhandeln!

  3. Pingback: | perisphere

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