Niemand braucht Kunstblogs!!!1!!!!1!

niemand auf der welt braucht kunstblogs. absolut niemand!

trylon hats für sich erkannt und hört leider nach kurzem feuer wieder auf. matthias planitzer hingegen wills mit castor und pollux noch mal wissen.
ok.
mal sehen also ob es – wie von planitzer immer wieder gefordert – nun doch noch mal knallt und sich was tut. etwas mehr power und haltung in diesem segment würde in der tat nicht schaden und ich stimme zu, auch ich lese fast keine kunstblogs mehr. zu brav, zu nett, zu selbtsreferentiell, zu hermetisch. die welt dreht hoch, nein durch! und blogs flüchten zusammen mit kunst und künstlern in den ästhetikbunker whitecube. nun denn, da kann ich auch die gut gemachte monopol beim cappucino blättern. sehr hübsch.
warum aber kunstblogs nie das potential entwickelt haben, das andere sparten auftaten – stichwort #aufschrei und #landesverrat, oder eben blogs wie diese, diese und diese – bleibt nach wie vor unklar. eventuell ist es die hysterisch verklemmte enge des kunstsystems.
die hand die einen mal füttern soll, die beisst man lieber nicht.
die küsst man.
in einem solchen umfeld kommt kein großes selbstbewusstsein oder gar der hang zur autonomie auf, es entsteht wohl eher das gegenteil und realisiert sich dann in form von selbstzweifel und vorauseilendem gehorsam. eine ausnahme bildet der mittlerweile fast schon legendäre donnerstag. aber auch dort bevorzugtes man es anonym und unter pseudonym zu schreiben.

ein selbstbewusstsein braucht es aber.

und natürlich die sicherlich bittere einsicht, dass es nichts zu holen gibt beim großen kuchen kunst, dass sich das flauschen und buckeln also eh nicht und nie bezahlt machen wird und man dann doch eigentlich wenigstens den spaß in den mittelpunkt stellen kann. denn wenn denn kunst einen zweck hat und haben darf, dann doch den, hier in diesem areal ungestraft die sau raus lassen zu dürfen, nein zu sollen – denn nett sein müssen wir im job genug!
aber nun wirklich den schritt zu tun, die hoffnung fahren zu lassen und sich damit zu gleich frei zu machen von einem sozialen system welches den feuchtesten träumen unserer neoliberalen visionäre entspricht, das ist nicht einfach. denn es heißt träume als illusionen an zu erkennen und sich selber den schmerz der enttäuschung an zu tun.
aber notwendig ist es. und allerhöchste zeit, wenn denn realisiert werden sollte wovon wir alle träumten als wir einmal naiv und jung damit begonnen hatten uns mit dem anderen zu beschäftigen.

seid also kritisch und kackt euch endlich an! seid polemisch! und seid politisch!

einen ersten anlauf mit der polemik macht dann nun ausgerechnet der marta-blog mit einem pamphlet anlässlich der blogparade #besuchermacht.
nun gut, am ende auch kein wirkliches wunder. der autor hat einen der wenigen lukrativen posten ergattern können,  zumindest einige schafe im trockenen und die rentenansprüche hinreichend gesichert. da brüllt er sich dann nach vollziehbar merklich leichter und entspannter.
und auf einmal wird der nutzen dessen sichtbar, was man – nein ich! – immer abgelehnt hatte:
es braucht institutionen und keine blogs.
zumindest derzeit.

maxresdefault

7 thoughts on “Niemand braucht Kunstblogs!!!1!!!!1!

  1. hi hartmut,

    ja. kann ich nachvollziehen. macht durchaus sinn.
    das blöde ist eben nur, wunsch und realität gehen hier weit auseiander. und dann bleibt die frage was sollen die kunstblogs in dieser nicht gewünschten welt?

    hgfk

  2. Blogs im ursprünglichen Sinne sind nun mal Tagebücher und daher zwangsläufig selbstreferenziell. Ansonsten kann man es auch Website nennen. Und natürlich BRAUCHT niemand Kunstblogs, genauso wenig wie man Kunst existenziell im täglichen Leben braucht. Kunst hat eine ganz andere Dimension: Sie ist Kulturgut und Kulturerbe, sie ist identitätsstiftend. Jeder, der sich dazu entschließt, vom „großen Kuchen Kunst“ zu knabbern, weiß ziemlich genau, dass sich hier keine Goldstücke verstecken (es sei denn, es ist ein Christmas Pudding). Wer sich mit Kunst der Kunst halber beschäftigt, macht es aus purem Interesse, oftmals selbstlos, innerlich getrieben. Und wer über Kunst schreibt, schreibt über ein menschliches Ausdrucksmittel, das ganz unterschiedlich motiviert sein kann. Und wer liest, was über Kunst geschrieben wird, ist selbst von unterschiedlichen Motivationen gelenkt. Es geht also immer darum, sich mit etwas IDENTIFIZIEREN zu können, um es interessant und schön zu finden (siehe Dave Hickey, Der unsichtbare Drache). Corporate Blogs machen es sich zur Aufgabe, spezifische Interessen zu bedienen. Ein privater Blog über Kunst BEDIENT keine Interessen – er ist Ausdrucksmittel PERSÖNLICHER Interessen. Einen Kunstblog zu betreiben ist die Freiheit, unentgeltlich eine Plattform zu nutzen und – anders als im Job – Themen, Ausstellungen etc. zu besprechen, die niemanden interessieren MÜSSEN. Er ist eine Art Off-Raum, ein Experimentierfeld, eine ungeordnete Gedankentafel. So sehe ich das zumindest. Wenn man fauchen will, faucht man. Wenn man nett sein will, ist man halt nett. Die Frage ist doch, was man mit seinem Kunstblog erreichen möchte. Ob man überhaupt irgendetwas erreichen möchte. Ob man wirklich „kritisch“ im Sinne von „differenziert“ sein kann, wo doch die wenigsten von uns ein rein sachliches Verhältnis zur Kunst haben?

  3. Interessante These, dass nach der großen Institutionskritik nun vielleicht das Lob der Institutionen folgt – nachdem die Institutionskritik von den Einrichtungen ja mittlerweile selbst thematisiert und geübt wird. Allerdings haben sich auch diese Institutionen in der Zwischenzeit stark verändert, nur wenige Museen sind noch klassische städtische oder gar Landeseinrichtungen. Als Stiftungen oder gGmbH haben wir heute die Möglichkeit, sehr viel wendiger agieren zu können, müssen aber auch strategischer und unternehmerischer denken. Und der klassische Museumsdirektor ist auch fast ausgestorben, mittlerweile sitzen wir auf 5-Jahres-Schleudersitzen – mit allen Vor- und Nachteilen. Ich will ganz und gar nicht klagen, aber „die rentenansprüche“ sind damit längst nicht mehr „hinreichend gesichert“. Insofern ist auch hier eine kritische Grundhaltung nicht Ergebnis von Narrenfreiheit, sondern eben Haltung. Und ein Museumsblog hat in meinen Augen wenig Sinn, wenn er als weitere Marketingschleuder oder als Jungendwelle des Hauses betrachtet wird. Marta jedenfalls schreibt (auch weiterhin) anders …

  4. liebe jasmin, lieber roland nachtigaller,

    sie entschuldigen bitte beide die lange reaktionszeit. ich will dennoch einmal kurz auf ihre beiden kommentare eingehen.

    @jasmin: ja. ich denke. das kann man im großen ganz so stehen lassen. vor allem vor dem hintergrund, dass es ja nicht nur die eine kunst, sondern eben zahlreiche perspektiven auf etwas gibt, was man dann so allgemein als kunst definiert.
    mir persönlich ist ihr ansatz mittlerweile allerdings etwas zu altruistisch. das mag aber auch mit der persönlichen lebenssituation zu tun haben und mit der erkenntnis, dass man sich, wenn man sich nicht für den weg der völligen armut entscheiden will, oder die wohlhabende familie im rücken hat, auch mit den fragen und problemen der kunstökonomie beschäftigen muss. das heißt selbstverständlich nicht, dass man sich nicht wie sie schreiben aus ‚purem Interesse, oftmals selbstlos, innerlich getrieben‘ mir den dingen beschäftigen kann oder will. aber die frage nach dem publikum oder der subsistenz werden früher oder später doch bei jedem künstler relevant. auch bin ich mir mittlerweile zur selbstlosigkeit in bezug auf die kunst nicht mehr ganz so sicher. kunst und macht sind weitere aspekte die man eigentlich nicht ganz außen vor lassen sollte in der betrachtung.
    um aber zum eingang zurück zu kommen und es hier nicht ausufern zu lassen: so ganz grundsätzlich sind wir gar nicht weit von einander entfernt und ich kann schon recht gut nach vollziehen was sie das schreiben.

    @roland nachtigaller: sie erlauben mir bitte etwas zu korrigieren. es geht eigentlich weniger um das lob der institutionen, als vielmehr um die erkenntnis ihrer notwendigkeit. man muss das eventuell auch im kontext sehen.
    ich gehöre der nicht mehr ganz jungen, aber auch lange noch nicht alten generation derjenigen an, die mit gut 30 jahren dauer-werbung und neoliberalismus sozialisiert wurden. die also selber in weiten teilen mit den versprechen nach unbegrenzter und totaler freiheit mitgegangen sind, die aber gleichzeitig nun merken, dass die eigenen kräfte nicht unbegrenzt sind. und die feststellen, welchen preis man für diese ungebundenheit und freiheit zu entrichten hat: exemplarisch wären hier etwa die problemen von künstlerinnen mit kinderwunsch zu betrachten. denn spätestens an dieser stelle reisst dann die erzählung vom leben der unbegrenzten möglichkeiten an irgendeiner stelle ab. selbstverständlich musste jede generation lernen, dass eben nicht alles geht. aber hier und jetzt agiert eine generation, die diese diskrepanz von versprechen und realität imho anders und am eigenen leib erfährt.
    in einem solchen kontext entsteht natürlich langsam wieder ein bewusstsein für die notwendigkeit der strukturen, die derzeit so leichtfertig überall geschliffen werden. und man erkennt: es braucht die institutionen, die ein mindestmaß an sicherheit und stabilität bieten ohne komplett auf sich selbst zurück geworfen zu sein.
    im gegenzug bedeutet dies aber natürlich keinesfalls, dass man diese institutionen nicht kritisieren darf oder sollte. im gegenteil: kritik an den etablierten machtstrukturen ist immer teil einer gelebten demokratischen kultur und von daher unabdingbar, sonst funktioniert das spiel nicht.
    ein generelles lob der institutionen aus meinem oder der munde anderer blogger, halte ich also nach wie vor für falsch. partiell wollen wir mal nicht so sein, wenn gute arbeit geleistet wird, soll es natürlich auch den ‚like‘ dafür geben. umgekehrt erwartet man das ja nicht anders.

    mit freundlichen grüßen
    fk

  5. Lieber Florian,
    auch ich beschäftige mich mit Fragen und Problemen der Kunstökonomie, denn die sind ja eng verwoben mit dem Kunstschaffen und dessen Sichtbarkeit. Zwangsläufig stellt sich dann natürlich auch die Frage nach dem Publikum oder der Subsistenz, wie Sie es schon erwähnen. Wen interessiert, was ich schreibe oder an Kunst produziere? Ist es hauptsächlich eine begeisterte, aber mittellose Fangemeinde, kann sie natürlich nicht für das täglich Brot im Haus sorgen. Eine begeisterte, gut vernetzte, einflussreiche Fangemeinde hingegen schon. Wer die Geschichte der Kunst kennt, weiß, dass das schon immer so war und man die Werke, die heute bekannt sind, auch in diesem Kontext sehen muss. Um meinen Kommentar nicht zu „altruistisch“ oder etwa naiv aussehen zu lassen: Ich beziehe mich ausschließlich auf die Freiheit, eine Plattform zu nutzen, die keinen Vorgaben unterlegen ist. Ich bin genauso Teil der „etablierten Machtstrukturen“ wie jeder andere in meinem Bereich. Ich kenne die Regeln und toleriere sie. Und fraglos auch, dass jeder ein Mindestmaß an Stabilität und Sicherheit braucht, um sich der Kreativität auch wirklich widmen zu können. Es ist ein Teufelskreis, denn diese Kreativität wird dann wieder an diejenigen verkauft, die es sich leisten können. Eine ernüchterndes, dennoch sehr realistisches Abhängigkeitsverhältnis zwischen Kunst und Wirtschaft (siehe auch Geld frisst Kunst – Kunst frisst Geld, Suhrkamp). Wenn ich es mit meinem privaten Kunstblog – und davon war ja ursprünglich die Rede – schaffe, an etwas teilzuhaben, dass die gewohnten Machtstrukturen mal elegant umgeht, bin ich ganz zufrieden. Dass mit dem Bedürfnis nach Teilhabe aber wiederum langfristig gesehen kein Weg an den etablierten Strukturen vorbeiführt, steht auf einem anderen Blatt. Interessant übrigens, dass in den Kommentaren drei Perspektiven vertreten sind: die des Künstlers, des Ausstellungsmachers und Journalisten.
    VG

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