AWAKENING | DESTRUCTION

Das Künstlerduo bergernissen wurden in den vergangenen Jahren von zwei Katastrophen – eine Überschwemmung und eine Kontamination durch PCB – in ihrem Atelier und Lager überrascht. Jetzt wurden all jene Objekte, die dadurch beschädigt und kontaminiert wurden, in einer rituellen Aktion in der Gemeinde Köln versiegelt und geheilt. Die beschädigten und bis dahin nicht fertig gestellten Werke sind überwiegend im Zuge ihres künstlerischen Werdegangs und während des Studiums an der Kunsthochschule für Medien Köln entstanden und wurden nun, zum performativen Neuanfang, in einer Zeremonie abschließend bearbeitet.

Hierfür haben die beiden die kontaminierten Werke am Eröffnungsabend im ersten Schritt luftdicht verschlossen. In einem zweiten Verfahren haben die Künstlerinnen die Werke und Gegenstände mit Gips umschloßen, der die Objekte somit von der Umwelt trennt und für die Betrachter*innen unschädlich macht. Dieser performative Abschluss der Arbeiten verweist auf die Tatsache, dass einige der künstlerischen Werke erst durch die Kontamination und Zerstörung abgeschlossen sind, andere durch den Vorfall für immer in dem Zustand eines unmöglichen Abschlusses verweilen werden.

Maria Wildeis im Gespräch mit BERGERNISSEN (Alisa Berger & Lena Ditte Nissen) über die Ausstellung AWAKENING | DESTRUCTION in der Gemeinde Köln

M: Liebe Alisa, liebe Lena, erzählt doch mal von eurer aktuellen Ausstellung in der Gemeinde. Wie ist es dazu gekommen?

BG: 2017/2018 waren wir beide auf unterschiedlichen Stipendien-Reisen, Lena war in Mexico City, Alisa war in Tokyo. Statt eines Ateliers hatten wir ein Lager bei einem Freund. Im Sommer 2017 gab es immer wieder diese krassen Regenfälle, bei denen viele Keller überschwemmt wurden und bei einem wurde auch unser Lager geflutet. Bei der Flut ging einiges an Kunst verloren, vor allem von Lena, und sehr viele unersetzliche private Gegenstände.

L: Weil ich zu der Zeit in Mexiko war, war es für mich ziemlich dramatisch. Ich wusste nicht genau, was alles kaputt gegangen ist, und konnte auch nichts tun. Neben Alisas und meinen gemeinsamen Sachen war in dem Keller auch alles, was ich sonst besitze. Mir wurde erst klar, wie viele Dinge kaputt gegangen sind, als ich Monate später zurück nach Köln kam. Viele Arbeiten, vor allem Fotos, aus dem Studium, habe ich trotzdem nicht weggeworfen. Auch Skizzenbücher, in denen jetzt eigentlich alle Seiten aneinander kleben, die ich also nicht mal mehr öffnen kann und damit der ganze Inhalt verloren gegangen ist, habe ich aufgehoben.

BG: 2018 hatten wir dann ein Atelierstipendium im Atelierhaus des Bonner Kunstvereins. Als Alisa im Sommer aus Tokio dazu kam und in der Sommerhitze gearbeitet hat, ist plötzlich ein Kondensator von einer Leuchtstoffröhre explodiert. Die Feuerwehr kam und hat mit einem Chemie-Experten PCB gemessen.

A: Wir mussten mit der ganzen Feuerwehr evakuiert und in einem Krankenhaus fünf Stunden lang dekontaminiert werden. Eine absurde Situation: es sind nur ein paar Spritzer Chemikalie, etwas so Seltenes, dass kein Arzt richtig sagen kann, wie gefährlich das jetzt in diesem bestimmten Fall ist. Andererseits ist alles nach Vorschrift und das Krankenhaus bekommt Anweisungen aus der Schadstoff-Zentrale und es ist äußerste Vorsicht geboten: jeder, der mit mir in Kontakt kam, bevor ich mit dem Dekontaminations-Öl abgewaschen wurde, musste selbst dekontaminiert werden. Das gleiche galt für Räume, in denen ich mich aufgehalten hatte.

BG: Die Monate danach durften wir nicht mehr ins Atelier, bis es von einem Team dekontaminiert wurde. Es war total Nerven zerreißend nicht zu wissen, wie gefährlich es nun wirklich ist und wieviel wir wegwerfen müssen. Am Ende kam dann das Dekontaminations-Team und ein Chemiker, der uns einigermaßen aufgeklärt hat. Vieles ist nun weg.

M: Wie habt ihr die Eröffnung durchgeführt und jetzt, so im Nachhinein, was nehmt ihr mit, was lasst ihr zurück?

L: Bei der Eröffnung haben wir gemeinsam mit drei befreundeten KünstlerInnen – Milicia Lopicic, Hamed Mohammadi und Thorsten Krämer – eine rituelle Dekontaminations-Performance gemacht.
Wir haben die kontaminierten Objekte aus dem Lager geholt und dann in der Gemeinde in Vakuumbeuteln luftdicht verpackt. Anschließend haben wir alle Objekte mit Gipsbinden umwickelt und zu einem skulpturalen Objekt zusammengefügt. Dabei trugen wir Sicherheitsanzüge und Filter-Masken und waren so vor den kontaminierten Objekten geschützt. Währenddessen lief ein Soundfile, in dem die Korrespondenzen zwischen dem Hausbesitzer, dem Bonner Kunstverein und uns zu hören waren. Alarme setzten ein, Nebel drang durch dicke schwarze Schläuche in den Raum, das Licht begann zu flackern und ging dann ganz aus. Die Steuerung wurde von unserem technischen Supervisor Matthias Brinkhoff programmiert. Die Programmierung läuft auch während der Ausstellung, so dass die Gemeinde immer wieder von Nebel geflutet wird und die Email-Korrespondenzen ertönen.

Die BesucherInnen wurden nur mit Atemmasken und Plastikhandschuhen in den Ausstellungsraum gelassen. Außerdem durften immer nur sieben Besucherinnen mit uns im Raum sein, um sicher zu gehen, dass nichts passiert. Beim Hinausgehen wurde ihnen zur Reinigung und Desinfektion ein Shot Wodka mit Vitamin C angeboten.

Neben der bei der Performance entstandenen Skulptur sind in der Ausstellung jetzt außerdem unsichtbar kontaminierte Zeichnungen von Alisa zu sehen, die sich ordnungsgemäß hinter Plastikfolie befinden. Außerdem Fotos von mir, die durch die Überschwemmung zu Foto-Skulpturen geworden sind und jetzt dreidimensional in den Raum hinein ragen.

A: Bei unserer Performance im KAI 10 haben wir mit Erwartungen und Brechungen von Erwartung gespielt: ein Ritual, welches von einem Feueralarm gestört wurde. Einbrüche in der Illusion machen die Arbeiten aus: z.B. den Wunsch der Besucher, ein Ritual zu erleben, zu stören und die alarmierenden Störsignale so, als Elemente oder Ornamente eines Rituals zu begreifen.

Die Themen Gefahr, Verbot und Katastrophe sind wiederkehrende Themen für uns, auch weil sie heute allgegenwärtig geworden sind. Und mit diesem Gefühl der echten oder unechten Gefahr haben wir immer Lust zu spielen. Das ist ein starker Katalysator von Inspiration. Vielleicht aus einem Wunsch, sich aus den Gedanken der Gefahr, Katastrophe oder des Verbots zu befreien oder auch um diese bis zu einer gewissen Absurdität zu verstärken. In unseren Köpfen geht die Arbeit ja weiter und manche Interventionen, die wir uns wünschen, sind absurder als die, welche wir letztlich umsetzen.

Nach der Verdauung der ersten Schocks über die Kontamination und die zerstörten Kunstwerke und Dinge war es interessant, wie die Trennung von den Gegenständen vonstattenging. Es ist ein fatalistisches Gefühl, dann wieder auch ein befreiendes. Die Befreiung aus der Verantwortung, die man gegenüber etwas fühlt, an dem man arbeitet. Es war es auch interessant zu sehen, was wir durch Zerstörung gewonnen haben: wie zum Beispiel Lenas Arbeiten durch die Zerstörung sichtbar verändert wurden und zu so neuen skulpturalen Arbeiten wurden. Meine Arbeiten haben eine unsichtbare Veränderung durchlebt, sind gefährlich geworden.In dem Moment, wo diese Gegenstände entsorgt werden müssen, weil sie auf einer unsichtbaren Ebene schädlich geworden sind, fragt man sich, was Zerstörung bedeutet, wenn Zerstörung unsichtbar wird. Also haben wir das Objekt in der Performance hergestellt. Damit haben wir die Zerstörung abgeschlossen, sie umgekehrt in etwas, das entsteht.

M: Ist diese Ausstellung auch eine Art Neuanfang, für euch als Duo bergernissen?

BG: Das Ritual, das wir mit den Gegenständen bei der Eröffnungs-Performance gemacht haben, war kein Neuanfang für uns, sondern eher eine Art Beerdigung, letzte Salbung, Heilung, verbunden mit einer Transformation. Es war uns wichtig, unserem Material, mit all seinem inneren Eigenleben, einen Abschluss zu geben. In unserer Arbeit geht es um Kontinuität: Elemente aus der letzten Aktion geben uns einen Impuls für die nächste Arbeit. So bauen unsere Aktionen immer aufeinander auf, gehören zusammen. Sie funktionieren als einzelne Werke und als zusammenhängendes Narrativ.

Jetzt haben wir dieses gesalbte Objekt hergestellt, welches nach Vorschrift eigentlich entsorgt werden muss. Das löst eine Spannung aus und wirft tausend Fragen auf. In Zukunft wird es einen Markt für kontaminierte Kunst geben. Eigentlich sollte das Objekt bei einem Sammler unterkommen. Aber die Sammler-Pioniere von kontaminierter Kunst gibt es noch nicht. Was bedeutet es, wenn solche Kunst gesammelt und gelagert wird, und wenn man sich bei der Archivierung den Kopf darüber zerbrechen muss, wie und warum man kontaminierte Werke lagert, präsentiert und sammelt.

M: Was bedeuten Alarm und Nebel für euch und euer Werk?

BG: Diese Elemente sind in den letzten zwei Jahren zum ständigen Begleiter geworden. Sie stehen für Illusion und Simulation. Zwei Begriffe, die sich als Überbau unserer Arbeitsweise herauskristallisiert haben. Nebel oder auch Rauch ist ein illusionistisches Mittel. Er hat etwas show-haftes. Aber was wir an ihm reizvoll finden ist auch die Tatsache, dass er eine ephemere Skulptur ist. Vergänglichkeit ist etwas, was uns von Anfang an wichtig war, sich in all unseren Arbeiten widerspiegelt und generell emotional berührt. Wir benutzen Nebel und Rauch als funktionales Objekt, er wird nur eingesetzt, wenn es eine Logik dahinter gibt.

Alarmiertheit passt zum heutigen Lifestyle. Das geht einher mit den Themen Gefahr, Verbot und Katastrophe, die immer wieder auftauchen. Wir leben in einer Welt von simulierter Freiheit, die dazu führt, dass die Sehnsucht nach Sensation unser ständiger Begleiter ist. Außerdem ist da diese unklar getriggerte Unsicherheit, die auch allgegenwärtig ist. Der Alarm, sein Sound, seine visuellen Eigenschaften, ist in diesem Fall ein Katalysator für beides, für Angst und auch die Überwindung der Angst: Exzess, Überschreitung, Übertretung von Regeln.

M: Wie steht ihr zu dem Begriff ‚Awakening‘?

Zu dem Begriff Awakening haben wir 2014 ein Manifest geschrieben, das hier komplett zu lesen ist:
Hier nur ein kleiner Auszug:
AWAKENING is a magical cultural theory, with the aim to reveal the „magical human“ within today’s technocratic
structures.

Magical cultural theory is a field to explore and discuss issues like:
– magical activism
– playful magic (the potential of the playful magic)
– magical playground
– magical condition
– magical tools

M: Was passiert bei euch in diesem Jahr?

Erstmal kommt die Finissage nächste Woche am 22.Februar. Und im Zusammenhang mit der Finissage und unserer nächsten Performance im Kosmetiksalon Babette, in der alten Kindl Brauerei in Berlin, werden wir unsere eigene Schutzkleidung entwickeln.

01/25/2019 – 02/22/2019
BERGERNISSEN: AWAKENING DESTRUCTION
solo exhibition of BERGERNISSEN
@ Gemeinde Köln

https://www.bergernissen.com/

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