IN DER FALLE?

IN DER FALLE?

Hat sich das Netz durch Soziale Netzwerke von einem offenen, quasi grenzenlosen Kommunikationsraum in eine Falle der Aufmerksamkeitsökonomie verwandelt? In eine Falle in der die psychosozialen Grundbedürfnisse nach Information und Interaktion nun zur Droge [0] gewordenen sind und als Köder für den unseren Wahrnehmungsfokus fungieren?

Das Netz, mit dem wir es heute zu tun haben, scheint kein Ort der kommunikativen Emanzipation und des sozialen Interagierens mehr zu sein. Vielmehr ist es zunehmend ein Raum in dem vor allem das Gegenteil geschieht, in dem Kommunikation nämlich permanent misslingt. Wer sich Debatten in Foren, auf Facebook oder auf Twitter anschaut, stellt fest, dass im Zentrum der Interaktionen nicht mehr der Austausch von Argumenten, von Wissen und von Informationen steht, sondern vor allem Anderen das Generieren von möglichst vielen hochpotenten Affekten, deren kumulierte Höhepunkt im Erfolgsfall ein entfesselter Mob und durch diesen befeurte Shitstorms sind.

Das passiert nicht ganz zufällig, denn die Plattformen allen voran Facebook und Twitter treiben diese affektgetriebene Kommunikation oder viel mehr NON-Kommunikation durch ihr Design und ihre Architektur immer weiter voran. In dem sie uns zur Prokastination animieren, quantitative Interaktion durch Likes und Drukos belohnen gestalten sie unsere Sprachkultur massiv mit und leisten gleichzeitig durch die völlige Kommerzialisierung dieser öffentlichen Sphäre einer neuen Form der kulturellen Barbarei Vorschub. [1]

Institut für Moderne Kunst, Nürnberg, 2017

Gleichzeitig werden die digitalen Netzwerke zu einem wichtigen Tool zur Konstruktion von dem was wir als Ich bezeichnen, sowohl nach Innen als auch nach Außen, ich poste also bin ich, diese Erkenntnis ist uns allen schon mal gekommen. 

Das Dilemma liegt nun darin, dass wir als soziale Wesen zwei gegensätzliche Grundimpulse in uns tragen: zum einen möchten wir dazugehören, Teil einer Gemeinschaft sein und in dieser aufgehen. Andererseits suchen wir aber auch Freiheit, möchten selbst bestimmen können, was wir tun und lassen. [2]

Die Netzwerkplattformen spielen und experimentieren mit diesen Grundimpulsen, pervertieren diese gleichzeitig in ein kräftezehrendes und energieabsorbierendes Wettrennen um Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit, vermeintliche Relevanz und Zuspruch in Form der alles dominierenden ‘Likes’. “Der natürliche Drang, dazugehören zu wollen, wird in einem grausamen Experiment ersetzt durch den wahnhaften Zwang, Erster zu sein – und damit einsam.” [3]

Intelligentsia Gallery at The Door, Peking, 2016

Je mehr wir versuchen uns in diesem Wettstreit digital zu exponieren und auszudifferenzieren, desto stärker verlieren wir aber unsere analogen sozialen Bindungskräfte. Und je mehr wir dominiert und geleitet werden von den Bildern und Slogans unserer Screens desto weniger Zugang finden wir zu den kollektiven Bildern, Prozessen und dem kollektiven Wissen in unserem gemeinsamen Unterbewusstsein.
Mit dieser, sich immer weiter entwickelnden Fokussierung auf das Ich, welche in Wahrheit eine Vereinsamung darstellt, geht eine Verengung und Zuspitzung unsere Vorstellung des öffentlichen Raumes einher. Unser sozialer und politischer Fokus richtet sich zunehmend auf die niemals endenden maschinell gesteuerten Informationstreams der Plattformen, welche bestrebt sind unseren Geist immer weiter zu integrieren und unsere Lebenszeit aufzusaugen um sie als Werbezeit meistbietend vermarkten zu können…

Institut für Moderne Kunst, Nürnberg, 2017

Dieser aktuelle Zustand unterscheidet sich nun grundlegend von der ursprünglichen Idee eines durch Hyperlinks vernetzen Webs in dem Wissen rhizomartig dezentral verteilt und strukturiert vorlag. Der Cyberspace des Jahres 2019 ist kein Raum mehr durch den wir uns auf der Suche nach neuen Inhalten und Erkenntnisgewinn navigieren oder steuern. Er ist – im Gegenteil – in weiten Teilen ein Raum geworden, in dem wir selber durch Algorithmen und Interfaces navigiert, also kybernetisch gesteuert werden. 

Zwar schwingt der Mythos des ursprünglichen Webs auch heute noch mit, und bildet damit eine Art Hintergrundstrahlung. Gleichzeitig aber werden Austausch und Diskurs in den Echokammern von Twitter ad absurdum geführt. Nicht nur, dass vormals dynamische vielschichtige Kommunikation zwischen Individuen nun von jeglicher Empathie befreit als abstrahierte, auf den Wortsinn reduzierte Sprache angewendet wird. Es sind auch jegliche Zwischentöne und nonverbale Layer welche Sprache im besten Fall zur Kunst werden lassen aus dem digitalisierten öffentlichen Raum verschwunden.

Galerie Falko Alexander, 2019

Im Aufmerksamkeitswettstreit der sozialen Netzwerke geht es darum Affekte zu triggern nicht empathische Reaktionen hervor zu rufen oder gar zu entwickeln.

Erfolgreich – im Sinne der Systeme – zu agieren führt hier dann eben nicht zu einem Austausch von Gedanken und Perspektiven, sondern zu hochfrequenten kybernetischen Feedback Orgien welche zwar permanente Interaktion mit der Maschine, aber keinerlei Kommunikation zwischen Menschen beinhalten, diese lediglich erfolgreich simuliert.

Damit entwickeln sich die sozialen Netzwerke welche sich aktuell im Zentrum der Netztopographie und der Mainstream Internetnutzung befinden zunehmend zu Interaktionsfallen die das Soziale und Politische Leben aufsaugen und assimilieren. Sie sind digitale, aufmerksamkeitsökonomische Fallen, die Diskussion und Diskurs zwar aufregend inszenieren und simulieren, in erster Linie aber dazu dienen möglichst viele unserer Lebenszeit zu beanspruchen, um diese gewinnbringend zu kommerzialisieren.

Institut für Moderne Kunst, Nürnberg, 2017

[0] http://www.gonzomode.com/buch-eins/

[1] https://www.cicero.de/innenpolitik/renate-kuenast-drecksfotze-beleidigungen-landgericht-berlin-meinungsfreiheit

[2] https://feynsinn.org/?p=12094

[3] https://feynsinn.org/?p=12079

1 thought on “IN DER FALLE?

  1. Sehr geehrter Herr Administrator,

    ich finde diesen Artikel sehr gut. Die Argumente kommen mir nicht unbekannt vor, aber sie sind auf dem Punkt gebracht, konzis und schnörkelfrei. Der Punkt einer „Inszenierung von Diskussion und Diskurs“ finde ich entscheidend. Wenn ich gerade mehr Zeit hätte, würde ich sie selbst vertiefen wollen.

    Gerne würde ich meine Zustimmung für diesen guten und wichtigen Artikel ausdrücken. Können Sie bitte den Like-Button sichtbarer machen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.