Es ist nicht meine Art, aus dem Nähkästchen zu plaudern und dieses öffentliche Forum zu nutzen, um persönliche Befindlichkeiten zu verbreiten. Perisphere ist ein Blogmagazin für die selbstorganisierte Kunstszene und kein Tagebuch für geltungsheischende Egomane. Aber die letzten politischen Ereignisse in Frankreich zwingen mich geradezu zu einer Stellungnahme. Der Triumph des Front National und seine ausgrenzende sowie europafeindliche Politik sind mir im Hals stecken geblieben.

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Ich bin als Kunststudent vor zwanzig Jahren von Frankreich nach Deutschland gekommen. Ich habe damals Gebrauch von einer Freiheit gemacht, die erst im Rückblick als ein unglaublicher Luxus und eine historische Ausnahme erscheint. Grenzen überschreiten, sich ohne größere Schwierigkeiten in einem fremden Land niederlassen und studieren, arbeiten, immer wieder in sein Heimatland zurückkehren können – diese Bewegungsfreiheit, die Begegnungen mit dem Anderen und dem Fremden fördert, war und ist mir bis heute selbstverständlich. Wer eine solche Mobilität als Dauerzustand erfährt, wird übrigens auch im Kopf mobil. Wie die körperliche Bewegung eine positive Auswirkung auf alle Gehirnfunktionen ausübt, wirkt sich Freizügigkeit günstig auf ein ganzes Volk aus. Sie steigert dessen Kreativität und Erfindungsgeist, dessen Zufriedenheit und Glücksgefühl. In meinem persönlichen Fall hat die gewählte Emigration eine persönliche Entwicklung ausgelöst, die ich in Frankreich nie erlebt hätte.

Ich habe mich in eine offene Struktur integriert und durfte alles, was ich bisher mitgenommen hatte, bewahren. Ich wurde einbezogen, eingegliedert – nicht angepasst. Wie jeder aufgeschlossene Mensch habe ich gelernt, die Gepflogenheiten dieses Landes kennenzulernen. Die positiven und die negativen. Ich habe diejenigen übernommen, die ich für gut hielt; einige meiner französischen Gepflogenheiten habe ich abgelegt. Erst in Deutschland kam es zu einer Überprüfung, zu einer Relativierung dieser mitgebrachten Gepflogenheiten. Sich infrage zu stellen, weil man sich in einer anderen Kultur befindet und einem anderen Wertesystem konfrontiert sieht, ist eine gesunde Angelegenheit, wie ich finde. Sie öffnet den Geist und erfrischt die Seele. Sie verleiht eine gewisse Höhe, von der aus man einen besseren Blick über die gesamte Situation erhält.

Ich bin in Deutschland geblieben. Ich habe eine Familie gegründet, mein Studium abgeschlossen und nun arbeite ich hier. Als Kunstwissenschaftler profitiere ich von einer ausgewachsenen und sehr dynamischen Kunstszene, die ich in Frankreich nicht in dieser Form vorgefunden hätte. Ich habe hier Chancen ergriffen, die sich woanders nicht ergeben hätten. Hier bekam ich die Möglichkeit zur persönlichen und beruflichen Entfaltung. Und ich leiste meinen Beitrag. Meine Verbindungen zum Heimatland haben zwar abgenommen, aber der intellektuelle Transfer bleibt nach wie vor stark. Bis heute zehre ich davon – und von der europäischen Idee, Menschen, Ideen und Güter unbegrenzt auf diesem Kontinent in Bewegung zu setzen. Wer einmal die europäische Offenheit, Toleranz und Freiheit direkt erlebt hat, kann sich keine Rückkehr zur alten Zaghaftigkeit und Borniertheit vorstellen.

Nach zwanzig Jahren fühle ich mich weder besonders französisch, noch besonders deutsch. Dieser Mix aus alten und neueren Prägungen, das bin ich. Eindimensionale Identitätsbildungen, die sich an einer monolithischen, vorgefertigten Vorstellung orientieren, haben mich eh nie interessiert – egal ob sie aus Frankreich oder aus Deutschland kommen. Ich kann weder mit einer mère patrie noch mit einem Vaterland etwas anfangen. Meine Familie und meine Identität definiere ich nicht von dem Boden aus, wo ich mich befinde. Diese Begriffe sind für mich dynamisch: Bis heute arbeite ich daran und bilde sie in einem unaufhörlichen Prozess der Selbstgestaltung. Dafür brauche ich natürlich eine Struktur und ein Nest (oder eine Nische des emotionalen Rückzugs), aber keine Nation. Ich halte Patrioten für unmündige Individuen, die die Idee einer starken und stabilen Nation nutzen um sich von der eigenen Verantwortung zu entlasten. Dass ich nicht missverstanden werde: Ich möchte nicht meine Biografie – gewissermaßen, ein Naturzustand – verleugnen oder meine kulturellen Wurzeln, die alle in Frankreich verankert sind, abkappen. Aber ich möchte mich nicht von dem Zufall meiner Geburt oder meiner frühen sozialen Konditionierung abhängig machen.

Zum ersten Mal in zwanzig Jahre denke ich über eine Einbürgerung nach. Ich denke darüber nach, meinen französischen gegen einen deutschen Pass auszutauschen. Aus Scham und aus Empörung gegenüber den neuesten Ergebnissen der französischen Abstimmung zur Europawahl. Aus Protest gegen diese kleingeistige, ängstliche und zukunftsverneinende Ablehnungswelle. Ich weiß, dass der Einbürgerungsgedanke allem widerspricht, was ich bisher über nationaler Identität geschrieben habe. Aber leider gibt es noch keinen Europapass, der von einer nationalen Herkunft absehen und mich als Bürger dieses Kontinents ausweisen würde. Also liegt der Wechsel nah. Und zwar nicht, um Deutscher zu sein, sondern um nicht mehr Franzose zu sein. Auf einem sehr bescheidenen Maßstab verstehe ich den gesteuerten Verlust meiner nationalen Identität als einen Akt des Widerstandes gegen Frankreich.

Mich als französischen Angehörigen zu verlieren wird für die Grande Nation wohl zu verkraften sein. Aber was passiert, wenn hundert oder tausend gut ausgebildete, leistungsfähige und innovative Köpfe dasselbe tun? Wenn morgen, aus Unzufriedenheit mit der protektionistischen und xenophoben Grundstimmung des Landes und aus Frust vor der baldigen Blockade, die sich am vergangenen Sonntag erst gezeichnet hat, Zehntausende entscheiden, ihren Koffer zu packen? Was passiert, wenn diese Ressourcen, diese Energien, diese Potenziale sich woanders als in Frankreich entfalten? Dann versiegt innerhalb einer Generation der Boden – dieses ach so zentrale Konzept für Nationalisten jedweder Couleur – ihres Landes. Die Geschichte hat schon bewiesen, dass ein Brain-Drain, egal ob von politischen oder wirtschaftlichen Ursprung, fatal für die verstaubte Idee von Nation ist. Zur Erinnerung: Als sie sich von der jüdischen Intelligenz systematisch entledigten, hatten die Nationalsozialisten den Krieg bereits verloren.

Die geistige Beweglichkeit, die manche Regionen Europas heute gut gebrauchen könnten, kann nicht aus einer Insellage entstehen. Wer sich isoliert und die Begegnung mit dem Anderen versperrt steht auf verlorenen Posten. Wer den Fluss negiert, wird erst vom Strom gerissen. Mir ist es egal, wenn Frankreich in einem Meer der Mittelmäßigkeit und Kleingeistigkeit versinkt. I live by the river.