von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Danke, vielen Dank, tausend Dank, oh, Du freundliche Nürnberger Congress- und Tourismus-Zentrale, für Deine Einladung! Was, außer Deinem verführerischen, zweitägigen, rundumbetreuten Angebot, hätte mich sonst dazu motiviert, die Stadt Nürnberg zu besuchen? Nichts. Aber du ludst mich ein und ich bekam die Gelegenheit, mir ein Bild der selbstorganisierten Kunstszene der Stadt zu machen. Anlass war allerdings ein anderer: Die Akademie der Bildenden Künste wurde dieses Jahr 350 und zählt somit zur ältesten Kunst-Ausbildungsstätte der Republik. Ein erstaunliches Alter, wenn man bedenkt, dass die erste Kunstakademie des Abendlandes in Florenz weniger als ein Jahrhundert zuvor gegründet wurde. Trotz der ausgiebigen Feierlichkeiten und einer anknüpfenden, hochinteressanten Tagung zur Rolle der Kunstakademie und zum Sinn der Künstlerausbildung, darf die Frage gestellt werden – wer in der weiten Welt hat dieses außergewöhnliche Jubiläum wirklich wahrgenommen? Denn wer im Jahr 2012 sein Blick nach Nürnberg gerichtet hat, konnte vor allem Eines sehen: Dürer.

Der „berühmteste Sohn der Stadt“ (ein geflügeltes Wort, das ich zu oft zu hören bekam) bleibt – fast 500 Jahre nach seinem Tod – ein gnadenloser Egozentriker, der alle Scheinwerferlichter auf sich monopolisiert und keine Konkurrenz duldet. Die vermutlich letzte umfangreiche Schau von Dürer lockte in den vergangenen Monaten bis zu 300.000 Menschen nach Nürnberg. Die Zahl der z.T. weitgereisten Gäste, die im Anschluss an ihren Besuch des Germanischen Nationalmuseums auch noch einen Fuß in das (architektonisch) wunderbare Neue Museum gewagt haben, ist zwar nicht erfasst worden, dürfte jedoch nach Aussage der Museumsdirektorin Angelika Nollert, sehr gering sein. Wer zu Dürer geht, hat u.U. seine Schwierigkeiten mit Richter, Kiecol oder Taffe. Und kann mit der sehr jungen Kunst, die in der AdBK produziert wird, nichts anfangen.

Akademie der Bildenden Künste

Wie viele von den Dürer-Fans und anderen Frankenophilen wissen eigentlich, dass die Stadt über eine so schöne Kunstakademie verfügt? Die von Sep Ruf in den frühen 1950er Jahren erbauten Pavillons, in denen die einzelnen Klassen untergebracht sind, liegen idyllisch am Stadtrand, umgeben von hohen Bäumen, offen zum Himmel und zur Natur. Nach den schweren Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, die besonders in Nürnberg wie Blei gewogen hatten, bildete Rufs humanistische und zuversichtliche Architektur den Versuch, eine längst verlorene Leichtigkeit und Durchlässigkeit wieder zu finden. Die klaren Linien und die offene und transparente Struktur der Anlage zeugen bis heute von einem euphorischen Zukunftsglauben. Die Stadt lag noch in Schutt und Asche; abseits der zerstörten Welt von gestern wurde an einer neuen Welt gearbeitet.

Bildhauereiklasse

Die AdBK ist ein leider wenig bekanntes oder gar verkanntes Musterbeispiel der modernistischen Architektur und zählt mit Sicherheit zu den schönsten Kunstakademien der Republik. Allerdings ist auch sie von den globalen Entwicklungen im Bereich der künstlerischen Ausbildung betroffen. Ursprünglich für 150 Studierende konzipiert, zählt die Anstalt heute mehr als zwei Mal so viele Schüler. Der Raumnot ist überall sichtbar, wird aber besonders in den Bildhauerei-Ateliers eklatant. Um die vorhandenen Werkstätten zu entlasten und die angehenden Kunsterzieher (zurzeit in der 15 Kilometer weiter gelegenen Stadt Lauf untergebracht) zu integrieren werden gerade weitere Pavillons gebaut, die die filigrane Achse von Sep Ruf verdoppeln sollen. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob das harmonische Ensemble dadurch aus dem Gleichgewicht geraten wird, aber diese Erweiterung ist als Wachstumssymbol unverkennbar. Und trotz dieser positiven Zukunftsaussichten, scheint die Akademie weit von einer Integration in – oder von einer Akzeptanz durch – die Stadt entfernt zu sein. Eine Perle vor die Säue?

Bild: Stadt Nuernberg/Ralf Schedlbauer

Vorbereitung für die Ausstellung „Prospekt“ der Akademie im Neuen Museum

Das relative Desinteresse der Bürger an ihrer Kunsthochschule muss nicht in deren geographisch abgelegener Position gesucht werden. Es muss auch nicht in der kommunikativen Zurückhaltung der Anstalt gesucht werden – denn in diesem Bereich wird Einiges bemüht, wie die zurzeit stattfindende Kooperation mit dem Neuen Museum beweist. Die Bürger Nürnbergs scheinen sich einfach überhaupt nicht für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Es gibt hier keine seriöse Galerie, die auch nur eine regionale Bedeutung hätte. Es gibt keinen charismatischen Kunstsammler, der eine Vorbildfunktion übernehmen konnte. Das eben erwähnte Neue Museum wurde erst im Jahr 2000 eröffnet; und das Gebäude von Volker Staab zählt zwar zu den gelungensten seiner Gattung in der deutschen Museumslandschaft, gilt aber als Spätgeburt – und mit jährlich 20.000 Besuchern wirkt es als mäßiger Publikumsmagnet. Immerhin findet man in Nürnberg einen Kunstverein. Und eine Akademie der Bildenden Künste. Aber das Volk wandert weiterhin zu Dürer.

Die Chance von Nürnberg ist auch ihr Fluch. Die Stadt ist durch und durch von der Geschichte geprägt – oder: von der Geschichte geplagt. Die Kaiserpfalz, Sitz von regelmäßigen Reichstagen im Mittelalter, blühende Handels- und Kulturmetropole bis zur Neuzeit, dynamischer Industriestandort im 19. Jahrhundert und Machtzentrum des Nationalsozialismus, hat nichts vergessen. Überall ist die Geschichte dieser „deutschesten aller deutschen Städte“, so Goethe, abzulesen. Trotz der Beinahe-Vernichtung der Frankenmetropole im zweiten Weltkrieg ist die Last der Vergangenheit deutlich zu spüren. Keine Überraschung, dass Nürnberg zu einer in erster Linie historischen Stadt erklärt wurde. So preist die Werbegemeinschaft „Magic Cities“, ein Zusammenschluss der Stadtmarketingbüros der größten deutschen Städte, der sich um eine geschlossene Kommunikation des City-Images und damit um die Erhöhung der touristischen Attraktivität bemüht, Berlin als „City of cool“, Hamburg als „Maritime City“, München als „City of lifestyle“ (oh, Gott!) – aber Nürnberg ist und bleibt die „City of history“.

Bild: Uwe Niklas

Es mag sinnvoll sein, den historischen Reichtum der Stadt als Marketing-Argument zu nutzen und eine globale Imagestrategie danach zu richten. Besonders zukunftsweisend ist dies allerdings nicht. Gerade nach der Insolvenz von Quelle hat Nürnberg eine weitere wirtschaftliche Größe verloren, und es sind nicht Dürer und die Staufer, die die innovativen, erlebnishungrigen und kulturell interessierten Investoren und Arbeitnehmer, die die Stadt unbedingt braucht, anziehen werden. Der rückwärtsgewandte Blick könnte also fatal sein. Für die junge Kunstszene ist dieser Blick jedenfalls unheilvoll. Denn was geschieht in einer solchen Stadt mit den jetzigen und damaligen Akademikern? Wo gehen die jungen, eben fertigstudierten Künstler hin, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben? Wie finden sie einen Anschluss an den regionalen oder nationalen Kunstbetrieb? Anscheinend werden sie zu Taxi-Fahrern oder Christkindlmarkt-Verkäufern. Oder sie verlassen die Stadt und kommen nur für die nächste Dürer-Ausstellung wieder. Jedenfalls sind sie nicht präsent. Sie unternehmen nichts, um eine alternative Szene aufzubauen, ihre Arbeit an die Öffentlichkeit zu bringen, eine Lobby zu gründen. Sie erobern keinen Leerstand. Sie schließen sich nicht zusammen, um ihre Ressourcen zu vereinen und eine stärkere Wirkung zu entfalten. Warum denn auch die liebe Mühe? „Hier fehlt das Gefühl, dass jemand sich eine neue Ausstellung wirklich anschauen will“, erzählte mir ein Student der AdBK. Wer sollte denn schon zu den regelmäßigen Shows einer vermeintlichen Off-Szene hingehen?

Bild: Steffen Oliver Riese

Bis auf den Kunstbunker, eine Art Post-Punk-Institution des überschaubaren Nürnberger Kunstbetriebes, deren Stichhaltigkeit ich leider nicht überprüfen konnte, und dem AEG-Gelände, einer von Künstlerateliers bespielten industriellen Brache, die ab und an die eine oder andere Ausstellung auf die Beine stellt, ist nichts in dieser Stadt, das auf eine lebendige und autonome Kunstszene hinweisen könnte. Trotz der großstädtischen Struktur (mit einer halben Million Einwohner ist Nürnberg kaum kleiner als Düsseldorf oder Leipzig) und trotz der Präsenz einer Kunstakademie, ist hier keine selbstorganisierte Szene vorzufinden. Weitere Faktoren wären notwendig, um eine solche Alternative zu etablieren: ein poröser und internationaler Humus, in dem sich verschiedene Subkulturen begegnen (Berlin), eine Tradition der Kunstrezeption, die das Neue willkommen heißt (Köln), eine Tradition des politischen Widerstandes und der Autonomie (Hamburg) oder eine dezidierte kommunale Kulturpolitik, die die Nische als Chance auffasst (Düsseldorf). All diese Faktoren vermisst man in Nürnberg.

 

Deine Geduld, geneigter Leser, weiß ich zu schätzen. Ich habe am Anfang des Artikels einen Bericht zur Nürnberger Off-Szene angekündigt und brauchte die Umwege über Dürer, die AdBK und die historisierende Orientierung der Stadt, um endlich auf dem Punkt zu kommen. Und schließlich so gut wie nichts vorzulegen. Aber auch wenn ich nicht gefunden, wonach ich explizit gesucht habe, wurde die Studienreise erkenntnisreich. Mir liegt der Gedanke einer Instrumentalisierung der freien und selbstorganisierten Kunstszene zu Zwecken des Stadtmarketings sehr fern (das muss ich hier nicht beweisen), aber, durch den vielen und langen Gesprächen mit den mitreisenden Blogger-Kollegen und Nürnberger Künstlern und Kuratoren, wurde mir klar, welche Impulsen diese Kunstszene und – allgemeiner – die zeitgenössische Kunst für eine Stadt leisten und wie sie zu einer Dynamik des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs beitragen können. Und da fungiert Nürnberg als Negativbeispiel. Die Reise war kurz, die Eindrücke gewiss oberflächlich, aber in diese Stadt habe ich eine Teilbestätigung mancher Creative Class-Thesen erhalten – und bin der Ansicht, dass man Richard Florida nicht so schnell abschreiben sollte, wie die deutsche Wissenschaft tut.