Alle haben von den Algorithmen gehört, die uns in den sozialen Medien die Inhalte kuratieren. Wir sehen nur, was in unsere Komfortzone passt. Nun wollen Virtual Reality-Enthusiasten wahlweise die Innen- oder die Außenwelt, aber auf jeden Fall das Unbekannte erkunden. Welches Potential hat die Technologie für die Kunst, welche Utopien stecken dahinter? Und was muss man wissen, damit man den Hype um die interaktiven Welten übersteht?

Schwindelgefühlen und Übelkeit vorbeugen

Erst einmal: Wie reagieren Betrachter auf virtuellen Realität? Im Extremfall mit VR sickness. Eine ähnlich starke physische Reaktion auf Kunstwerke ist von besonders empfindsamen Betrachtern aus dem 19. Jahrhundert überliefert, die zum ersten Mal Caspar David Friedrichs “Mönch am Meer” gesehen haben. Heute eigentlich unvorstellbar. VR sick wird man, weil die körperlich empfundene Erfahrung nicht so recht mit dem Gesehenen zusammenfindet. Im Rahmen der Ausstellung ‚Perception is Reality: Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten‘ im Frankfurter Kunstverein lässt das Kollektiv Toast die Besucher derzeit Höhenangst erleben, obwohl sie fest auf dem Boden stehen. Die Gewissheit hat man, aber wenn man runterschaut, sind es 160 Meter bis zum Boden, zumindest virtuell. Auf einem schmalen Brett stehend, lässt sich in “The Plank Experience” ein erhabener Lustgrusel nacherleben. Ganz gefahrlos. Gegen die leichte Übelkeit hilft übrigens Ingwertee.

Toast-Plank_Experience-2016Toast, „Plank Experience“, 2016

Man sollte sich keine Sorgen um das Museum machen

VR gilt als Medium des digitalen Solipsismus. Denn um eine Kunstausstellung in der Virtuellen Realität zu betrachten, braucht man nicht viel. Keine anderen Leute, kein Museum, nicht einmal eine der marktführenden VR-Brillen. Ein Smartphone und eine Pappschachtel (also Google Cardboard) reichen. Das ist ärgerlich, denn die Museen haben in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend versucht, sich als Mehrzweck-Kulturinstitutionen neu zu erfinden: für Tanz, Performance, politische Diskussion. Aber die Sorge, dass VR das Ende des Museums bedeutet, ist eigentlich unbegründet. Zuletzt ließ das NRW Forum in Düsseldorf vom VR-Künstler und Kurator Manuel Roßner (http://www.manuelrossner.de/) einen Anbau, nunja, bauen, der mit VR-Brillen begehbar war. Wie eine geronnene Quecksilberblase ragten die neuen Räume aus dem Dach. Darin die Arbeiten anderer Künstler, alles gerendert, versteht sich. Roßner dazu: „Die Konservierung und Kontextualisierung passiert nicht von alleine. Dafür braucht es noch immer Museen.“

VR ist wahrscheinlich nicht das Ende der Kunst

What if there is no next big thing?” fragte der Schriftsteller Douglas Coupland 2016. Denn schon eine Weile hat keine künstlerische Revolution mehr stattgefunden. Vielleicht, so Coupland, gibt es eine neue Sache, die so allgegenwärtig ist, dass sie unsichtbar ist, nämlich die Technologie. Was neu ist in der Welt, die uns umgibt, so scheint’s, kommt aus der Technologie. Die Idee einer künstlerischen Avantgarde sieht ziemlich alt aus gegenüber den Innovationen aus Silicon Valley. Technologie ist das Medium, und damit auch die message. Und ihre Fans finden gleich, dass sie das letzte Medium ist. Freilich kann man einwenden, dass die Ideen, an die sich die Technik hängt, schon alt sind. Spätestens, seit im 19. Jahrhundert die ersten Panoramen gebaut wurden, gibt es den Traum nicht mehr nur vorm Werk zu stehen, sondern gleich drin zu sein. Von dort führt vielleicht keine direkte Linie zu Jon Rafmans „View of Pariser Platz“, Teil der letzten Berlin Biennale. Seine Polygonfigueren erinnern an die Urzeit des Online-Gaming, zum Beispiel an „Second Life“ (2003). Hier ist nichts makellos gerendert, und es kommt gar keine Illusion auf.

The_mother_of_Jon_Rafman_in_Jon_Rafmans_View_of_Pariser_Platz-2016_for_Berlinale“The mother of John Rafman in Jon Rafman’s ‘View of Pariser Platz’”, 2016

Empathie hilft weiter, oder?

Jordan Wolfson’s Arbeit „Real Violence”, zu sehen bei der Whitney Biennale 2017, zeigt nichts als einen Gewaltakt. Ein Avatar des Künstlers verprügelt einen am Boden liegenden Mann, während aus dem Off ein Hannukahlied klingt. Das Versprechen von Interaktivität wird gleich über Bord geworfen: Wie bei der Aversiontherapie in „A Clockwork Orange“ kann der Betrachter nichts tun. „Ist es Kunst, sich einen brutalen Mord anzusehen?“, fragten die Medien. Oder: Ist Jordan Wolfson ein übler Zyniker? Wahrscheinlich nicht. Wolfson sagt: „Das ist ein Kunstwerk, nicht das echte Leben. Fiktion für den Körper.“ Aber an der Reaktion zeigt sich eine Erwartungshaltung gegenüber der Virtuellen Realität. Sie ist nicht nur eine Illusionsmaschine. Der Musikvideo-Regisseur Chris Milk nennt sie nämlich die ultimative Empathie-Maschine und gibt dem Medium gleich einen klaren moralischen Auftrag. Es ist wichtig zu wissen, wie es ist, jemand anders zu sein — wer würde widersprechen? Allerdings wird hier eine bestimmte, sehr begrenzte Art von Empathie vorausgesetzt. In „Clouds over Sidra“ (Gabo Arora, Chris Milk) sind die Betrachter in ein Flüchtlingscamp nach Jordanien versetzt, aus dem Off spielt Moll-lastige Pianomusik. Wer schonmal im Kino geweint hat, weiß: Diese Reize funktionieren meistens. Aber der Verdacht schleicht sich ein, dass Empathie noch ein wenig mehr ist als dieses vage Berührtsein, und dass sie nicht in einer noch so perfekten Illusion zu finden ist.

Aversionstherapie_in-A_Clockwork_OrangeAversionstherapie in „A Clockwork Orange“

@DanielKingerys Reaktion auf „Real Violence“

Haben Sie das Gefühl, dass etwas fehlt?

Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, wenn Utopien verwirklicht werden, wird man das Gefühl nicht los, dass etwas Entscheidendes vergessen wurde. So war es bei den meisten technischen Innovationen. So war es auch bei den Aussteigern in den späten 1960ern, die mithilfe von Drogen und Meditation das Unbekannte gesucht haben. Technologie und der Wunsch, unbekannte Welten zu erkunden, gehören zum Bauplan der Virtual Reality. Die Psychedelik fürs 21. Jahrhundert braucht nur noch eine abgedunkelte Brille, in der sich vor unserer Nase ein Film abspielt. Der Regisseur Chris Milk sagt, er sei immer noch auf der Jagd nach dem Gefühl, das er hatte, als er zum ersten Mal das Weiße Album von den Beatles gehört hat — und deshalb macht er nun Musikvideos in VR. Er erhofft sich davon eine ungeahnte Intensität, denn, so Milk, die virtuelle Realität sei das letzte Medium. Kein Rahmen, keine Leinwand, nur noch die menschliche Wahrnehmung. Dabei arbeiten viele Künstler schon gegen die Illusion, um Virtual Reality aus der Komfortzone herauszulocken.

TedTalk von Chris Milk: