Ich habe letzte Woche über die schwierige Situation der bulgarischen Künstler geschrieben, die einerseits um die Aufmerksamkeit des Publikums und anderseits um die Unterstützung der Politik kämpfen. Auch die Vermittler klagen über Interessenmangel. Rositsa Getsova, die Leiterin der kleinen Galerie Arosita,ist ziemlich einsam. Ich besuchte sie an einem Vormittag, als Presslufthammer und Bagger dabei waren, die ganze Straße vor ihrem Laden aufzureißen. Eine wortwörtliche Aufbruchsstimmung, die in dem Inneren des Ausstellungsraums schnell verschwindet.

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Mit einem Schwerpunkt auf bulgarischer zeitgenössischer Kunst hält sich Arosita eher schlecht als recht über Wasser. Das Publikum kommt fast ausschließlich zu den Eröffnungen und besteht größtenteils aus Künstlern. Trotz bescheidener Preise und zugänglichen, meist figurativen Werken, erreicht das Programm keine Käufer. Wenn sogar die bescheidene aber finanziell abgesicherte Sofioter Mittelschicht fern von Kulturinstitutionen bleibt, kann man hier von einer vermögenden Sammlerschaft nur träumen. Die Galeristin hält sich überhaupt nur an diesen Standort weil der Laden ihr gehört. Dabei kann man nicht behaupten, dass das Programm schockierend neu oder irritierend innovativ wäre. Gemessen an dem deutschen Angebot hat man hier mit dekorativer, angenehmer bis gefälliger Kunst zu tun, schön bunt und gegenständlich. Trotz des Entgegenkommens und des heruntergeschraubten Anspruchs bleibt die Kasse leer.

Galerie Arosita

Galerie Arosita

Galerie Arosita

Die Galeristin Rositsa Getsova (ohne Bart)

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Leer sind auch die Kunstinstitutionen der Stadt. Die Galerie Vaka Emanouilova, die eine Sammlung von Aquarellen und Skulpturen der (in Bulgarien) bekannten Emanuilova beherbergt, wirkt wie das Schloss Dornröschens. Die großen und gut beleuchteten Räumlichkeiten liegen in zentraler Lage, am Rande des Zaimov Gartens. Neben der ständigen Sammlung – sachlicher, unsensibler und starrer Akademismus mit stalinistischem Beigeschmack – gibt es ein Trakt für Wechselausstellungen zur zeitgenössischen Kunst. Dort war gerade eine Präsentation der Arbeit von Zoran Georgiev zu erleben, ein politischer Konzeptkünstler, der sich in seinem Werk mit der Konstruktion von Geschichte auseinandersetzt und Fiktion und historische Fakten sowohl kritisch als auch humorvoll betrachtet.

Galerie Arosita

In der Galerie Emanouilova

Vaska Emanouilova

Vaska Emanouilova

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Zoran Georgiev

Zoran Georgiev

Nationale Kunstgalerie

Nationale Kunstgalerie

Ebenso leer ist die Nationale Kunstgalerie. Es handelt sich um die zentrale Institution der Stadt für klassische Kunst, untergebracht im ehemaligen königlichen Palast. Das Gebäude ist in den letzten Jahren aufwendig und gut restauriert, eignet sich aber mit seinen vielen Fenstern und holzvertäfelten Wänden überhaupt nicht zur Präsentation von Malerei. Die Sammlung besteht fast ausschließlich aus bulgarischer Kunst mit einem Schwerpunkt auf dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dort traf ich Nadezhda Dzhakova. Die Kunsthistorikerin ist eine der wenigen im Lande, die sich mit aktueller Kunst auseinandersetzt und versucht, ein Forum für diese unbeliebte Sparte zu schaffen. Sie ist die leitende Kuratorin vom Sofia Arsenal, das Museum für zeitgenössische Kunst der Hauptstadt. Leider konnte ich ihr Haus, das momentan erweitert wird und für ein Jahr geschlossen bleibt, nicht besuchen. Ein Blick auf dessen Internetauftritt lässt aber erahnen, welche Bedeutung die offiziellen Kulturbehörden der gegenwärtigen Kreation beimessen. Das schöne Museum, beheimatet in einem ehemaligen Waffenlager aus dem 19. Jahrhundert, wird mit Geldern von Island, Lichtenstein und Norwegen komplett saniert. Der bulgarische Staat übernimmt gerade 15% der Kosten und die Stadt Sofia stellt lediglich die umliegende freie Fläche zur Verfügung mit der originellen Idee, ein Skulpturenpark daraus zu machen.

 

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Weniger Engagement geht kaum. Wenn man zudem weiß, wie mir eine andere Quelle berichtete, dass das komplette Kultusministerium kein Interesse an der zeitgenössischen Kunst zeigt und ihr sogar entschieden ablehnend gegenüber steht, vervollständigt sich das Bild eines in einer ewigen Moderne hängengebliebenen Landes, das, 25 Jahre nach dem Mauerfall, sich immer noch nicht dazu entscheiden kann, den Entwicklungsmotor anzuschmeißen oder nicht. Und sich – paradoxerweise – trotzdem zur Kulturhauptstadt 2019 bewirbt. Man kann sich also leicht vorstellen, dass Nadezhda Dzhakova es nicht gerade leicht hat und ihr Alltag eine Art Mühlenkampf darstellt.

Sofia Arsenal

Sofia Arsenal

Erschwerend kommt hinzu die Tatsache, dass Dzahkovas Schwerpunkt in der konzeptuellen Fotografie liegt. Mit dieser programmatischen Ausrichtung kann die Kuratorin weder bei den Produzenten noch bei den Rezipienten punkten. Die meisten bulgarischen Künstler sind entweder Maler oder klassische Bildhauer; nur wenige arbeiten mit neueren Medien. Das hat natürlich mit deren Ausbildung zu tun, die die Beherrschung eines soliden Handwerks und das Respekt akademischer Tugenden bevorzugt. In der Nationalen Akademie der Künste Sofia ist die Aktzeichnung immer noch die Königsdisziplin. Ein schneller Blick durch die Ateliers zeigt, dass die Figur, mal expressiv gemalt, mal naturalistisch gehauen, allgegenwärtig ist. Die Medienkunst-Klasse von Venelin Shurelov zählt ein halbes Dutzend Interessierte, die auf den Speicher der Akademie abgeschoben wurden. Seinerseits beruht das Kunstverständnis des breiten Publikums (in Bulgarien ist „breit“ im Bezug auf ein Kunstpublikum maßlos übertrieben) auf die Demonstration eines Könnens oder auf den Ausdruck von Schönheit. Die Kongruenz mit den Akademie-Dogmen ist also hoch. Und Dzhakovas kuratorische Grundausrichtung alles anderes als konsensbereit.

Nationale Kunstakademie in Sofia

Nationale Kunstakademie in Sofia

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Aber die Frau gibt sich kämpferisch und, trotz der prekären Gesamtlage, bildet immerhin eine der angesehensten Kuratorinnen im Lande. Während unserer knappen Unterhaltung erklärte sie mir, dass das größte Problem für Ihre Arbeit nicht in der mangelnden Rückendeckung im Ministerium oder in dem geringen Interesse des Publikums für zeitgenössische Kunst liegt. Vielmehr sieht sie einen Faktor der Nicht-Entwicklung in der Abwesenheit eines Kunstdiskurses. Es gibt kein Kommunikationsorgan, das als Austauschplattform dienen und Künstler, Kritiker und Kuratoren zusammenbringen würde. Freie Kuratoren, wie man sie im Westen kennt, gibt es eh nicht. Die meisten sind an eine Institution gebunden und organisieren Sonderausstellungen in ihrer Freizeit. Außerdem gibt es kaum Journalisten, die über die neuesten Tendenzen der Kunst berichten und zu einer übergeordneten Reflektion beitragen. Spezialisierte Zeitschriften gibt es auch nicht und die wenigen Kunstblogs der Nation haben keine Durchschlagkraft. Bulgarien, eine Wüste der zeitgenössischen Kunst?

Yovo Panchev (auch ohne Bart)

Yovo Panchev (auch ohne Bart)

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Performance von Ivan Yamaliev (Sofia Underground 2008)

Nur ein wenig optimistischer ist Yovo Panchev. Ein Blick in die Biografie des jungen Kunsthistorikers und Kurators beweist, dass, trotz aller schwierigen Verhältnisse, Möglichkeiten für die zeitgenössische Kunst bestehen. Der Kunsthistoriker, der einige Jahre in Kanada studiert hat, ist Mitbegründer des Off-Spaces Plastelin, Leiter des Performance-Festivals Sofia Underground, Dozent für Kunsttheorie in der Neuen Universität Sofia, Redakteur bei kultura.bg – die einzige Kulturzeitschrift des Landes, die sich für das Nicht-Akademische engagiert –, ist verantwortlich für die Kunstgalerie des Auswärtigen Amts und hat über hundert Ausstellungen, Screenings, Festivals kuratiert. Der an sich ruhig wirkende aber eigentlich hyperaktive Panchev ist ständig durch Bulgarien unterwegs, um zwischen Künstlern und Institutionen zu vermitteln. Momentan versucht er im Rahmen der Bewerbung zur Kulturhauptstadt, verschiedene Akteure des Landes zusammenzubringen und Projekte von internationalem Format zu gestalten. Eine schwierige Aufgabe angesichts des dortigen Brain Drains. Kulturmanager und Künstler, die über organisatorische und unternehmerische Fähigkeiten verfügen, haben sich schon längst ins Ausland abgesetzt. Und die zweite postwende-Künstlergeneration verlässt gegenwärtig scharenweise das Land.

Sofia Underground 2013

Sofia Underground 2013

Sofia Underground 2013

Sofia Underground 2013

Wie seine Kollegin Dzhakova, sieht Panchev die Lage der bulgarischen Kunstvermittlung kritisch. Die wenigen Zeitschriften oder Zeitungen, die sich ab und zu erbarmen über Kunst zu publizieren, loben handwerkliche Tugenden und wittern gegen Konzeptuelles. Life-Style-Magazine mit einer breiten Leserschaft berichten ihrerseits immer wieder über coole, urbane und hippe Aktionen mit einem vagen künstlerischen Charakter, blenden aber jede seriöse Auseinandersetzung mit Inhalten aus. Kunstkritiker und –wissenschaftler mit redaktionellen Ambitionen können frei entscheiden, ob sie über das nächste Graffiti-Event berichten und ihren Artikel mit 50€ honorieren lassen oder ob sie lieber doch Substanzielles zur Kunst beitragen und 20€ dafür bekommen. Diese Situation führt zu einem gravierenden Defizit im Kulturjournalismus – es gibt nicht mehr als ein Dutzend Kritiker im ganzen Land, die über zeitgenössische Kunst schreiben – und vor allem zu einem verzerrten Bild der Kunst.

Sofia Underground 2013

Sofia Underground 2013

Um die blockierte Situation zu entriegeln hat sich vor ein paar Jahren eine private Initiative gegründet: das Creative Bar Curators (CBC). Der Zusammenschluss aus Kuratoren und Künstlern hat eine Plattform geschaffen, die verschiedene Projekte betreut und vor allem an der Etablierung einer Alternative des offiziellen Kunstbetriebes wirkt. Der Schwerpunkt der Arbeit besteht in der Unterstützung und Kommunikation von bereits existierenden Ausstellungen oder in der Organisation von neuen künstlerischen Events. Die Qualität des CBC liegt vor allem an seiner zeitgemäßen Kommunikationsstruktur, die im langsamen und hierarchischen Kunstbetrieb Bulgariens auf Unverständnis stößt. Wenn ich das richtig durchblicke, bildet die Interessengemeinschaft die einzige (offene) Community des Landes, die an einer kybernetischen Vernetzung verschiedener Akteure arbeitet und sich über institutionelle Lager, feste Gruppen oder Parteien hinwegsetzt.

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Yovo Panchev schätzt übrigens die Zahl an Kuratoren ein, die, neben festen Jobs in der einen oder anderen Institution, sich für die aktuelle Kunst engagieren, auch auf zwölf. Sie betätigen sich bei Festivals, in Galerien oder ephemeren Strukturen. Und natürlich auch in Off Spaces. Die einzigen Off-Räume der Stadt entsprechen nicht der westlichen Vorstellung eines artists run space, also eines leeren, mehr oder weniger neutralen Raums, der von einem Künstler oder einer kleinen Personengruppe betrieben wird. Wie Yovo Panchev erzählte, sind es in Sofia oft Bars mit integriertem Galeriebetrieb, die als Off Spaces erklärt werden. Der Verkauf von Getränken ist die einzige Möglichkeit, die Miete zu sichern und mittelfristig zu bestehen.

Zero GMS

Zero GMS

Zero GMS

Zero GMS

 

Hip Hip Atelier

Hip Hip Atelier

Abseits von dieser halb-öffentlichen Strategie gibt es andere private Räume, die temporär genutzt werden, wie z.B. das Zero GMS von Ivan Rudov, das in der Wohnung von Rudov betrieben wird und ein verhältnismäßig anspruchsvolles Programm anbietet. Oder das Hip Hip-Atelier, ein Projekt von Desislava Pancheva, die nach ihrem Studium in England und Italien einen offenen Raum mit ein paar Mitstreitern schuf. In Hip Hip werden sowohl Ausstellungen gezeigt als auch Konzerte veranstaltet; ein kleines Archiv für Fanzines und Underground-Publikationen aus der ganzen Welt steht zudem zur Verfügung. Darüber hinaus ist der Ort, wie der Name schon sagt, ein Atelier, das Kreativitätsprozesse nicht nur ermöglicht sondern zudem transparent macht. Die Öffentlichkeit ist ausdrücklich eingeladen, einen Blick über die Schulter der Künstler zu werfen.

The Fridge

The Fridge

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Ivana Nentcheva (li.)

Ivana Nentscheva (li.)

Ein zurzeit sehr aktiver Projektraum, den ich noch besuchen konnte, heißt The Fridge und befindet sich in unmittelbarer Nähe des Zaimov Parks. In einem Hinterhof versteckt und selbst mit einem kleinen Hinterhof bestückt, erinnert der Raum an ein ganz kleines Lager – ein Kühlhaus – und ist multifunktional ausgerichtet. Eine der Betreiber, Ivana Nentscheva, erzählte mir von der Entscheidung, die Miete mit dem Kollektiv Haspel zu teilen, ein Zusammenschluss von Künstlern, Kultursoziologen und Aktivisten. The Fridge / Haspel ist durch diese Doppelbelegung gut ausgelastet. Neben Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst, werden hier Lesungen, Konzerte oder Podiumsdiskussionen veranstaltet. Während meines kurzen Aufenthaltes war das kleine Zentrum im Hinterhof die einzige Intiative, die ein wenig an ein Off Space westeuropäischer Ausprägung erinnerte.

Rubber Gallery

Rubber Gallery

Rubber Gallery

Rubber Gallery

Die Rubber Gallery ist ebenso eine Art Produzentengalerie, allerdings mit einem Schwerpunkt auf Fotografie und mit deutlichen kommerziellen Akzenten. 2012gegründet, hat sich das Projekt viel vorgenommen. Neben regelmäßigen Ausstellungen betreibt es eine Dunkelkammer und ein Produktionsatelier, organisiert Workshops, Projektionen und Gesprächsrunden und versteht sich als Vermittlungsinstanz in Sache Fotografie. Eine begrüßenswerte Initiative, wenn man erfährt, dass in Bulgarien dieses Medium immer noch nicht als eine eigenständige künstlerische Sparte verstanden wird. Seinerseits ist Plastelin eines der ältesten, noch aktiven Off-Space der Stadt. Lange war der kleine, verwinkelte Laden die einzige Anlaufstelle für die freie Szene der Stadt. Der gegenwärtige ökonomische Druck hinterlässt jedoch Spuren. Um die Miete zu bezahlen, werden dort Fremdveranstaltungen durchgeführt, die manche Puristen entsetzen dürfen. Als ich unangekündigt in den kleinen Laden platzte, fand gerade ein Workshop mit Amateuren statt, die ihre naiv-kitschigen Landschaftsbilder aufgehängt hatten.

Plastelin

Plastelin

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Im Hinblick auf eine autonomen und selbstorganisierten Kunstszene ist Sofia also kein vollständiges No Man’s Land. Es gibt sie doch, die unangepassten und unabhängigen Künstler, die nicht auf einen institutionellen Wink warten. Es gibt sie doch, die Projekträume und selbstorganisierten Initiativen, die etwas bewegen. Sie bilden sehr ruhige Inseln in einem Großen Ozean des Desinteresses. Aber das Bild bleibt alles in allem doch wenig rosig. Es besteht aus einem wenig kunstfreudigen Publikum, das den dekorativen und handwerklichen Wert von Malerei und Bildhauerei goutiert und andere Medien ignoriert, einem Kunstmarkt auf kleinster Flamme, der sich kaum für Zeitgenössisches interessiert und gekonnten Kitsch vertickt, rückständigen und ängstlichen Kunstakademien, die der Nach-Modernen den Krieg erklärt haben und einer Handvoll freier Kuratoren, die mit undankbaren Arbeitsbedingungen konfrontiert werden.

Plastelin

Plastelin

 

Die gegenwärtige Krise der Rezeption, dessen Hauptgründe wir eben skizziert haben, könnte sich in der Zukunft noch verschärfen. Denn was soll geschehen, wenn, in einer oder zwei Generationen, die hiesigen Künstler es satt haben, ihr Geld an Gemüseständen oder in Restaurants zu verdienen – und ihre Kunst noch nicht mal zeigen können? Es wäre nur verständlich, wenn sie in Ländern emigrieren, in denen Kunst und Künstler willkommen sind oder wo sie zumindest eine Chance auf das öffentliche Interesse haben. Und wie bereits erwähnt: Mit der Öffnung der Grenzen innerhalb Europas ergreifen viele junge Künstler die Chance und versuchen in Deutschland, Österreich oder Frankreich Fuß zu fassen.

 

Allerdings stehen die gut ausgebildeten Akademie-Absolventen auf verlorenen Posten. Das westliche Publikum und vor allem der westliche Kunstbetrieb dürften sich wenig für die gegenständliche Malerei oder die symbolisch-abstrakte Bildhauerei bulgarischer Herkunft interessieren. Es herrschen hier andere Erwartungen, andere Normen, ein anderes Verständnis von Kunst. Ein Blick in die Kunstzeitschriften oder in die Messehallen und Galerieräume des Westens dürfte hoffnungsfrohe bulgarische Kunstauswanderer ernüchtern. Ihre solide Technik ist hier nicht erwünscht. Wenn Sie ihre Bildsprache oder ihren konzeptuellen Hintergrund nicht an die westeuropäische anpassen, werden sie nicht gewürdigt, nicht akzeptiert – schlimmer noch: sie werden nicht mal gesehen. Denn der westliche Blick ist gnadenlos ausgrenzend. Er ist verschlossen und selbstfixiert. Er ist normativ und intolerant. Vom Fremden nimmt er nur das, was er bereits kennt oder was sein Bedürfnis nach Exotischem deckt. Er begegnet dem Anderen nur dann wirklich, wenn er es in sein eigenes System integrieren kann. Wie Soziologen und Wirtschaftswissenschaftler es längst erkannt haben, ist der Begriff der Globalisierung nur eine Umschreibung von neuen kolonialistischen Verhältnissen.

Hassan Musa: Great American Nude (2002)

Hassan Musa: Great American Nude (2002)

Diese globale Hegemonie des westlichen Kunstgeschmacks lässt sich am deutlichsten in der Sichtbarkeit der Kunst aus den BRIC-Ländern oder aus anderen sog. Schwellenländern feststellen. Bevor sie bei uns gezeigt wird, wird die zeitgenössische Kunstproduktion dieser geographischen Randlagen (die pejorative Konnotation ist mir bewusst) fein durchsiebt. Es kommt nur Markt- und Ideologiekonformes zu uns durch, also nur das, was für den okzidentalischen Betrachter einen (wenn auch weiten) Wiedererkennungswert besitzt. So „typisch“ chinesisch, indisch oder fremdländisch wie sie ist, bleibt die Kunst eines Ai WeiWei, eines Subodh Gupta, eines Yinka Shonibare oder einer Shrin Neshat sehr eng an einer bestimmten Kunstvorstellung haften, an einer impliziten Norm, die aus dem Westen kommt. Alles anderes wird als Kitsch, rückständiger Modernismus oder Akademismus degradiert. Fazit: Nivellierung durch Angleichung und Verkennung des Anderen.

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Gewiss bin ich mir bewusst, dass ich mir über die Natur dieser „Normen“ einer längeren Rechenschaft schuldig bin und erklären sollte, was für ästhetische „Kanonen“ in den Museen und kommerziellen Galerien unseres Breitengrades vorherrschen. Aber das kann ich hier noch nicht tun und verweise auf einschlägige Rezensionen in internationalen Kunstzeitschriften oder auf die Inhalte von Biennalen, von großen Kunstmessen, etc.

 

Abschließend, Rückkehr nach Sofia: Wird der westeuropäische Kunstbetrieb jemals in der Lage sein, sich auf den Akademismus der bulgarischen Kunst einzulassen? Werden westliche Kuratoren jemals ihr vorgefertigtes Wertesystem ablegen können und, frei von Vorurteilen, die Spezifität der bulgarischen Künstler erfassen können (mir ist es übrigens nicht ganz gelungen)? Können Austauschkünstler aus dem Westen ihre südöstlichen Kollegen auf Augenhöhe begegnen? Das bezweifle ich. Dafür müsste man die eigenen Qualitätskriterien für ein Moment vergessen und so etwas wie eine ästhetische und intellektuelle Empathie entwickeln. Wer kann das schon?