kopf————–
PROLOG

Wir haben einen Wasserkocher der extrem lauten Sorte.
Der Kaffee wird nach alter Manier durch einem Kaffeefilter im Trichter direkt in die Kanne gebraut.
Man wird also nicht vom Kaffeeduft, sondern vom Wasserkocher gerufen.
Die nächsten Fragen können sehr gerne unten in der Kommentarkiste gestellt werden.
Wie bisher sich gezeigt hat, ist keine Frage zu schwer, zu doof oder zu wenig einfallsreich.
Zum Beispiel diese schöne Frage von Teresa Teetrinker:

Herzner Düsenjet Frage
Heute gibts aberhallo zu viel Text.

Wem es zwischendrin zu wild wird scrolled einfach runter bis Herzner das wichtige

 

————–
HAUPTTEIL

 

Liebe Leser,

 

Alle sagen: „Jawohl! Die zwei haben sich gefunden!“
Jeder, der sie sieht, sagt das.

Die zwei heißen A und B.
So etwas gibt es nicht oft. So jemand trifft man nur einmal im Leben – wissen sie.
‚Unsere guten Seiten finden die schlechten Seiten des anderen anziehend.‘ denkt A.
Und B denkt: ‚Genau!‘

Sie fallen aus Wolke 7, landen im Meer der Gefühle, versinken in körperlichen Tiefen.
Sie genießen den Druck, nehmen ihn auf, sprudeln heraus, werden frei.
Sie schaffen es durch die Wasserfälle des Lebens, durch wilde Strudel und eintöniges Fließen.
Und entfernen sie sich manchmal voneinander, so finden sie sich doch immer wieder.

Engpässe durchleben sie, durch schmale Engen pumpt sie das Leben.
Sie werden vorangetrieben von ihren Jobs, ihren Erfolgen, ihrer ersten gemeinsamen Wohnung und ihrer Hochzeit.
Und kommen schließlich zum eigenen Haus.

Herzner Wasserkocher 00a

Sie richten sich ein, sie tragen sich gegenseitig. Sie leben still und friedlich, in gewohnter Weise.
Vielleicht zeugen sie Kinder oder adoptieren ein oder zwei. Und die Kinder ziehen aus.
Und dann wird das Klima wärmer.

A beginnt das gleich zu nutzen, als habe A darauf gewartet. A beginnt mit Sport, sich zu bewegen, spielt Fußball oder macht Joga, gründet endlich eine Band, fängt an Tanzen zu gehen, ins Theater, Kunst zu verstehen, einen blog zu schreiben.
Nach und nach wird klar: B bleibt still stehen. B fand das doch eigentlich ganz schön. Haus, Kinder, Freunde, Leben, alt werden.
Doch B denkt: ‚Unsere schlechten Seiten haben die gute Seiten des anderen immer angezogen. Ich mach mir keine Sorgen.‘ Und A denkt: ‚Genau!‘

Denken sie.

Herzner Wasserkocher 00

„Du kommst ja eh nicht mehr vor die Tür. Komm doch mit, und schau Dir das mal an – das ist echt ein Erlebnis.“ sagt A eines Tages.
„Um ehrlich zu sein,“ entgegnet  B „interessiert es  mich nicht. Ich wollte heute die Carrerabahn aufbauen und ganz in Ruhe die Autos ihre Bahnen kreisen lassen.“
„Dann bleibt doch sitzen, ich geh jetzt.“ verkündet A und fügt etwas angespitzt hinzu: „Viel Spaß mit Deinen langweiligen Superautos.“
„Du kannst doch gehen, ich sag doch gar nichts.“ sagt B betont gelassen, und ergänzt „Du Fitness-Granate.“
A merkt, dass Fitness-Granate etwas ironisch gemeint sein könnte. „Ich fühl mich halt ganz wohl bei den anderen, die auch so Energie haben wie ich.“ sagt A.
B entgegnet süffisant: „Hab ich Dir schon gesagt, dass Du mir auf den Nerv gehst mit Deiner Energie?“
A scheint unerwartet getroffen und gibt unerwartet lautstark zurück: „Du nervst mich! Du nervst mich mit Deinem still Carrerabahn spielen. Komm endlich mit laufen!“
B scheint unerwartet getroffen und wird unerwartet leiser. „Ich kann nicht.“ haucht B in dramatisch flüsterndem Tonfall, „und ich will auch nicht. Egal wie laut Du bist.“
„Ich bin nicht laut!“ schreit A und greift unvermittelt zur Kaffeetasse.
„Ich zeig Dir jetzt, was laut ist!“ kreischt A durchaus hysterisch und schmeißt die Kaffeetasse mit Kaffee drin an die Wand.
„Das darf doch nicht wahr sein. Das war meine Lieblingstasse.“ erstirbt es über B’s Lippen.
„Weißt Du was?“ fragt A rhetorisch „Das ist mir egal.“ antwortet A selber.
„Dann bist Du mir auch egal. Lass mich in Ruhe.“ wimmert B, bewegt sich nicht.
„Ich lass Dich nicht in Ruhe!“ donnergrollt es aus A.

„Und ich will, dass Du mitkommst!“ schreit A plötzlich wütend.
Bs letzte Bewegung besteht aus einem angedeutendem Kopfschütteln, bedauernd.

A greift zu weiteren Kaffeetassen, zur Kanne, zum Tisch, schmeißt die Stühle um, dreht total ab, gerät in Rage, wütet wie wild.
B ist still.
A geht trotzig zum Geschirrschrank, gefüllt mit den Erbstücken von B, ein hundertteiliges Geschirrset in einem wertvollen Eichenschrank, geht dorthin, greift ihn von hinten und schmeißt ihn um. Er knallt mit einem unglaublichen Höllenlärm auf die Carrerabahn.

B wird betäubter. A wird agiler.
B wirkt betoniert. A knallt aggressiv alle Türen.
B wird bitterkalt. A aktiviert seinen Düsenjet.

A beginnt seinen unglaublichen Flug durch Haus.
B atmet nicht mehr.
02klein

Draußen ist der Nachbar mit dem Hund vor der Tür.
Er lukt neugierig durchs Fenster. Er sieht nichts.
B sitzt zu still auf dem Sofa.
Und A ist zu schnell.
Aber er hört den Düsenjet. Er fühlt eine ziemlich große Spannung.
„Ich seh nichts, ich höre nur und denke mir meinen Teil.“ sagt er zu seinem Hund,
welcher kurz einmal nickt.

 

Es wird langsam ruhiger.

B sitzt still im bewohnbaren Teilen des noch stehenden Hauses – unbewegt, unatmend.
A läuft inzwischen einen Marathon durch den Rest der Immobilie. Noch stößt A immer wieder etwas um. Rennt irgendwo gegen, das krachend zu Boden fällt.
B wartet in volliger Regungslosigkeit sehr gespannt.
A läuft noch einen Marathon. Sehr still, sehr schnell, sehr gechmeidig.
Keiner sagt einziges Wort.
Es spannt in der Luft, es bitzelt, es wird langsam ruhiger, doch man hört kaum noch etwas.

Herzner Düsenjet 01
‚Ah, gut.‘ denkt die Frau vom Nachbarn.
Der Nachbar wartet neben seinem Hund am Baum.

 

Dann hält A an.
A geht zur Anlage.
A wählt Also sprach Zarathustra
A dreht alle Boxen voll auf.
Volle Kanne.
Die Scheiben vibrieren, die Porzellanscherben hüpfen, der Düsenjet denkt: ‚Was’n Lärm!‘

Und dann geht’s ab.

B kann nicht mehr still halten.
Beide können nicht still halten.
Sie sind total heiß.
Sie glühen förmlich.

A kreischt und B stöhnt.

A und B haben extatischen Geschlechtsverkehr.
Es dampft, es spudelt, es lodert.
Das Haus wackelt, gerät zu qualmen und zu wackeln.
Der Schornstein fällt um.
Eine Wand kracht ein.

Der Strom fällt aus.
Ruhe.

 

03klein

 

„Holla die Waldfee“ sagt der Nachbar zu seinem Hund.

Seine Frau denkt: ‚Aha, es ist soweit.‘
„Der Tee ist gleich fertig!“ hallt es durch die Straße.

Der Nachbar und sein Hund gehen nach Hause.

mein erster selbstgedrehter Erotikfilm

 

 

Herzner das wichtige

Nicht unbedingt geht die Sache so gut aus.

Die Spannung löst sich manchmal in die falsche Richtung und katapultiert den im Düsenjet aus dem Schleudersitz.

Oder einer von beiden verdampft beim Beischlaf.

Oder beide.

 

———–
EPILOG
Liebe Teresa,

Im Wasserkocher lebt eine Hippiekommune.

Und wenn man reinguckt, wenns warm wird, sieht man nichts – man hört nur eine ziemliche Spannung zwischen allen.
Zwischen  A und B, C und D, A und C, B und H, und C und B und A und B und E und R und H und A und L und L und O!
Die Spannung hallt von den Wasserkocherwänden wider, ein Echo wird erzeugt, der Geschirrschrank kippt um, und dann eben diese Düsenjets.

Man sieht nichts, die einen sind zu langsam die anderen zu schnell und summasumarum bewegt sich nichts anders als normal.
Nur der Lärm lässt darauf schließen, dass irgendwas im Gange ist.
Aberhallo ist da was im Gange.

[Ein Glück sind die ja nur so klein, da im Wasserkocher!
Man stelle sich das mal vor in Menschengröße!
Und die Nachbarn erst!]

Und dann wird es erst langsam ruhig.

Und dann sprach also Zarathustra und … ähm … dann kocht irgendwann einer Tee.

 

Herzlich, Katrin Herzner, 2013

PS: Es ist dringend zu empfehlen, beim nächsten Mal Wasserkochen genau hinzuhören.
Das funktioniert auch in Töpfen und besonders eindrucksvoll in diesen kleinen italienischen Espressomaschinen.
Da finde ich den Ablauf besonders überzeugend umgesetzt.
Vorsicht beim Deckel auflassen!!!