von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

alle Bilder von Andrei Dureika

 

Ein begehrter Künstler: Erst nach mehreren Einladungen vom d52 ließ sich Aljoscha auf den Vorschlag einer Einzelausstellung in der Projektgalerie ein. Allerdings war der gesellige Ukrainer wenig erpicht, die Räume ganz allein zu bespielen und lud daraufhin sechs Kollegen ein. Die erstaunliche qualitative Homogenität der Ausstellung – bei gleichzeitiger klarer Ausarbeitung der einzelnen Positionen – lässt sich sicherlich auf die Tatsache zurückführen, dass alle Künstler sich schon seit einer Weile kennen. Mehr als die gemeinsame Zeit in der Kunstakademie Düsseldorf oder als die gemeinsame Muttersprache (es handelt sich überwiegend um weißrussische, bzw. ukrainische Künstler), fühlen sich alle durch eine gemeinsame ästhetische Sprache verbunden. Und diese Sprache ist vor allem konzeptuell, minimal, in höchstem Maße referenziell, und trotz allem verschmitzt und verspielt.

„Abiogenesis“ ist das tragende Konzept im Werk von Aljoscha und bezieht sich auf die Entstehung des Lebens aus der toten Materie. Warum gibt es etwas und nicht nichts? Wie kann das Nicht-Lebendige überhaupt Leben gebären? Welche künstlerischen Metaphern sind angesichts dieser Fragen angemessen? Anstatt des pseudo-naturwissenschaftlichen Impetus eines Carsten Höller oder Olafur Eliasson (die alten Schulmeister des Kunstbetriebes), nähert sich Aljoscha diesen universellen Fragen mit einer gewissen Nonchalance und der Neugier und Experimentierlust eines amateur éclairé. Seine Objekte aus diversen Kunststoffen, die mal an post-post-ironische Skulpturen, mal an obsessive Basteleien denken lassen, spüren die grundsätzliche Entstehung von Formen nach und geben dieser Ursachenforschung eine biologische Orientierung – zumindest formell: Moosgebilde, Amöbe oder Pilze grassieren hier.

Aljoscha

Höflich wie er ist, gibt Aljoscha für die Ausstellung im d52 seinen Gästen den Vortritt und lässt sie zunächst die Räume bestücken, bevor er selbst das Vorgefundene kommentiert. Dadurch entsteht eine bezugs- und abwechlungsreiche Kommunikation mit den anderen Künstlern, die ihrerseits nicht besonders dezidiert auf die Idee der Abiogenesis eingehen. Vor allem die Weißrussen sind alle eher mit ihren eigenen künstlerischen Wurzeln in der Moderne als mit irgendeinem teleologischen Ursprung beschäftigt. Die Wurzeln haben Namen: Minimalismus, Kontruktivismus, Suprematismus. Wer in Kiew Kunst studiert hat, scheint wohl den Geist von Malewitsch begegnet und sich mit den toten Dogmen der revolutionären Avantgarde-Kunst mehr als ein Mal geplagt haben zu müssen. Schwer und dunkel wie ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund wirken hier die langen Schatten der Vergangenheit auf eine Generation von Dreißigjährigen. Die Austreibung der Geister erfolgt mit den Mitteln der Ironie; und diese ist durchtrieben bei Gleb Choutov, sarkastisch und etwas plump bei Egor Galouzo, fein und penetrant bei Anna Sokolova oder eiskalt und präzise bei Oleg Yushko.

Andrei Dureika

Andrei Dureika

Weniger ironisch erscheint die Arbeit von Andrei Dureika. Im zentralen Raum hat er drei Formen an die Wand gesprüht, die sich geschmeidig in den vorhandenen Volumen integrieren. Die Struktur der Wand weist hier eine feine Körnung auf, die erst durch diese Intervention sichtbar wird und an ein grobes Papier erinnert. Als Kreis oder Ovale, schwören die einfachen Spuren symbolische Welten ein und knüpfen wahlweise an die Mystik, Mathematik, Kosmologie, Magie, Kunst, etc. Die entstandenen schwarzen Löcher, die den Raum in vielerlei Hinsichten öffnen, können sowohl als physische Durchbrüche als auch als spirituelle Toren gedeutet werden und schwanken gewissermaßen zwischen Suprematismus und Op-Art – eine Schnittstelle, die höchst unwahrscheinlich erscheint, sich jedoch mit überraschender Selbstverständlichkeit behauptet.

Jana Grak

Aljoscha und Janna Grak

Als Gegenmaßnahme zu diesen Öffnungen hat Janna Grak eine sperrige Skulptur im gleichen Raum ausgebreitet. Ausgehend von der Vorstellung, dass die Natur nicht modelliert sondern moduliert werden soll, hat die Künstlerin die unzähligen Facetten eines schwarzen Kubus geöffnet, der den Raum auf eindringliche Weise okkupiert und Ansprüche auf Wand und Boden erhebt. Die besondere Spannung des Ortes entsteht aus einem dialektischen Verhältnis zu Dureikas Arbeit; der formale Kontrapunkt (Plastik/Grafik; Quadrat/Kreis) wird nämlich stets von ästhetischen (das Schwarze oder die einfache Geometrie) oder inhaltlichen (die erwähnten spirituellen und/oder konkreten Raumbezüge) Übereinstimmungen bereichert. Mit seiner Kokon- oder Bienenwaben-ähnliche Struktur am Boden, schafft Aljoscha seinerseits ein Verbindungselement zwischen Graks und Dureikas Werken. Das organische Gebilde, das eine natürliche Komponente bringt, leistet das tour de force, gleichzeitig integrierend und autonom zu wirken.

Anna Sokolova

Tamara Sokolova & Aljoscha

Ein Raum weiter begegnen wir der großen, wehenden Flagge von Anna Sokolova. Von einem Ventilator in Bewegung versetzt, füllt der dünne und leichte Stoff einen Großteil des Raumes. Beziehen sich die schwarz-weißen Streifen auf einen fiktiven Staat? Wird hier Anspruch auf einem Territorium erhoben? Oder handelt es sich um ein Gegenstand gewordenes Bild? Die Arbeit, übrigens eine Reminiszenz aus einem vergangenen Video, besitzt selbstverständlich eine politische Konnotation und bildet praktisch das Negativbild der ehemaligen Flagge Weißrusslands (weiß-rot-weiß). Letztere wurde 1995 vom Neosozialisten Lukaschenka durch eine folkloristische und rückständige Flagge ersetzt und gilt seitdem als Symbol der Opposition. Die Korrespondenzen zu Dureilkas Statement, vis-à-vis der Flagge sichtbar , erscheinen an diese Stelle sowohl in formeller als auch in inhaltlicher Hinsicht besonders stimmig – zugleich adäquat und ausdifferenziert. Aljoscha kommentiert hier zwei Mal Sokolvas Objekt: Zunächst mit einer länglichen, giftgrünen und aus der Wand herabhängenden Kunststofffläche, einer Baumrinde evozierend und weiter mit einer kleinen Züchtung von Homunculi, eingefasst in einer Keramikstruktur, die von Annas Mutter hergestellt wurde.

Der nächste Raum wird von der Installation von Kristin Wenzel bespielt (die einzige deutsche Künstlerin im Lot), die, dem Anschein nach, stark unter dem Einfluss von Katharina Fritsch steht. Ihre Arbeit wird – zumindest hier – vom Prinzip der Zusammenführung von gegenseitigen Phänomenen geleitet. Neben der großen fotografischen Wiedergabe von wirren und von Mistel befallenen Ästen, sind vier Naturfarben in akkuraten Streifen ausgebreitet worden. Davor stehen zwei übergroße Seifenblasen-Pusteringe. Die Objekte, die zur Bildung von wunderbar weichen und fragilen Formen dienen, wirken kalt, klinisch, perfekt und tot. Wenzel inszeniert gekonnt das Organische und das Künstliche, das Chaos und die Organisation der Materie; und diese Themen finden eine Antwort in dem kleinen Objekt von Aljoscha; ein Hybrid aus einfacher Elektronik und nachgeahmter Natur.

Egor Galouzo

Egor Galouzo

Im gleichen Raum hat Egor Galouzo einen schwarzen Kubus hingestellt, der, auf einer durchsichtigen, ebenso kubischen Struktur positioniert, zu schweben scheint. Die Hermetik der suprematischen Komposition wird von einer auf dem Kopf hängenden Wodka-Flasche gebrochen, die wie eine Zitze aus der Basis des Kubus heraushängt. Eine Flasche der gleichen Marke (die „grüne“ Marke, eine sehr populäre Marke die, aufgrund ihrer destruktiven Auswirkung auf die Volksgesundheit als „grüne Schlange“ bezeichnet wird) ist in einem anderen Raum in eine Wand verkeilt worden. Die minimalistich-punkige Ironie dieser zwei Arbeiten ist jedoch, gemessen an dem elaborierten Charakter der anderen Werke der Ausstellung, ein wenig eindimensional.

Gleb Choutov

Gleb Choutov

Man springt zum hinteren Raum und wird von der manischen, intelligenten und grotesken Videoarbeit von Glep Choutov begrüßt; eine Arbeit die – zum erneuten Mal in dieser Ausstellung – mit Malewitsch abrechnet. Vor dem Hintergrund von Furcht erregenden Alpengipfeln, rackert sich Choutov ab und kämpft gegen unsichtbare Kräfte und den Dämonen der Vergangenheit. Er rennt wie ein Besessener durch die erhabene Landschaft, wird von Spasmen ergriffen, zittert und bebt mit Blut an den Mundwinkel und wird ab und an von der Vision eines schwarzen Quadrats ergriffen. Die Slapstick-Qualität des Films beruht auf der Performance des Künstlers sowie auf dem surrealen greenbox-Einsatz, der Choutov an die Spitze der Welt projiziert. Diese Avantgarde-Persiflage wird von einer unspektakulären Postkarte aus der Revolutionszeit unterstützt; dort überreicht eine Delegation von fleißigen Kommunisten eine Schildkröte aus Pappkarton an die Postbehörden, als Protest gegen die Langsamkeit des Betriebes. Die Verballhornung der Post wirkt allerdings im Kontext der großen Umwälzung von 1917 spießig und kleinkariert; das Bild wird unwillkürlich zu einer Selbst-Parodie und die Pathos-Formeln der Revolution verkommen zu verkrampften Karnevalsprüchen.

Oleg Youshko

Noch zwei Worte über die Arbeit von Oleg Yushko möchten wir hier verlieren: Der ehemalige Student der Radiotechnik, der relativ spät zur Praxis der Kunst kam, hat ein schönes, kleines Objekt produziert, dessen metaphorische Bedeutung sich erst mit dem Titel erschließt: „Der Geist geistloser Zustände“ – ein Zitat von Marx, der im Kontext der berühmten Analogie der Religion als Opium des Volkes auftaucht. Ein roter Ballon pulsiert langsam in einem Glaskolben, er füllt sich und er leert sich. Wenn man das christliche Bild des Glasbehälters als Metapher für die Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit des menschlichen Körpers kennt und den roten Gummiballon als Seele identifiziert, erhält die unprätentiöse und stringente Arbeit eine zynische abgeklärte Note. Sie schließt eine Ausstellung voller durchdachten Perspektiven und spannenden Gegenüberstellungen.

 

Aljoscha: Abiogenesis
d-52. raum für zeitgenössische kunst
Rather Straße 52
Ausstellung 29.4-13.5.2012
geöffnet Freitags v. 17-19 Uhr und Sonn- und Feiertage v. 15-17 Uhr