von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Die erste Überraschung der Ausstellung ist unübersehbar: Der Raum ist an einer Seite zum Innenhof hin geöffnet worden. Da wo sich zuvor eine fest abgeriegelte Tür befand, ist nun ein verwinkelter und enger Einschnitt. Er erinnert am Bühnenbilddetail eines expressionistischen Films und ist nicht mal breit genug, um einen Mensch durchgehen zu lassen. Aber das spärliche, von den silbernen Wänden gefilterten Licht, bestimmt die gesamte Raumstimmung. Von Innen aus betrachtet, verwandelt sich der graue Innenhof, der durch den langen Schlitz nur partiell sichtbar ist, in ein merkwürdiges Bild. Das Innere und das Äußere verlieren ihr antagonistisches Verhältnis; die Passage entzieht sich ihrem transitorischen Charakter und wird zum plastischen Objekt – Reminiszenzen an Etant donné…, der letzten Arbeit von Marcel Duchamp, drängen sich spontan auf. Komisch. Eine ähnliche Assoziation hatte sich bereits an diesem Ort mit einer ganz anderen Arbeit eingestellt…

Das kammerartige Zimmer von Matthias Erntges hat es in sich. Der Raum ist in seiner Grundstruktur so bestimmend, dass man sich hier autonome Malerei und droped sculpture schlecht vorstellen kann – auch wenn diese Gattungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen sind. Der israelische Künstler Amit Goffer, seit einigen Jahren in Düsseldorf lebend, hat mit seinen maßgeschneiderten Arbeiten einen adäquaten Umgang mit dem Raum gefunden. Beeinflusst von Theorien der modernen Architektur (insbesondere von der Modulor-Vorstellung von Le Corbusier, die, wie kaum eine andere, den normierten Körper zur Regel architektonischer Gestaltung erhoben hat) und interessiert an den möglichen Wechselverhältnissen zwischen Architektur und Körper, Objekt und Modell, Skulptur und Architektur, ist es Goffer gelungen, den kleinen Raum mit seinen in-situ-Interventionen und seinen organisch-skulpturalen Objekten in ein dichtes und atmosphärisch stimmiges Ensemble zu verwandeln.

Das Äußere (die Fassade, die Wand, die Hülle) umschließt das Innere. Der Körper umfasst das Herz. Er schützt es, behütet es, sperrt es aber gleichzeitig ein. Er schränkt es ein und begräbt es. Der Raum der Zuflucht und der Geborgenheit ist auch immer ein Kerker. Dann und wann, wenn das Innere nicht hermetisch vom Äußeren abgeriegelt ist, findet eine Kommunikation zwischen den zwei Räumen statt. Durchbrüche, Öffnungen oder Fenster sind Zwischenorten, heterogene Raumtypen verbindend, die Goffer regelrecht faszinieren – nicht nur weil sie eine Vermittlungsfunktion erfüllen, sondern vor allem weil sie eine hybride Natur besitzen. Wenn man sie nicht mehr als Orte der Passage und des Durchgangs betrachtet, sondern als autonome Räume (wenn auch mit ungeklärter Funktionalität), gewinnen sie eine neue und unheimliche Spannung. Die plastische Qualität dieser Spannung untersucht Goffer.

Und dies sowohl in den Rauminstallationen, die deutlich auf die Thematik Außen/Innen eingeht, als auch in den Objekten. Diese weisen auch eine ungeklärte, ambivalente Natur auf. Sie erinnern an Architekturmodelle, an Körperteile oder an kleine Landschaften. Ihre Oberflächen sind mal matt, mal reflektierend, grob verarbeitet, z. T. leicht abstoßend. Assoziationen an Bunker, Bomben und dergleichen können auftreten; die Narrativität ist jedoch nie von großer Bedeutung. Diese Gegenstände lassen winzige Lichtsignale oder auch merkwürdige Klänge durch – immaterielle, lineare Zeichen, die vom Körperinneren durchsickern und den Raum durchdringen. Ein wirklicher Durchblick ist jedoch nicht möglich. Es sind unruhige Objekte, schwankend zwischen Auf- und Ausgeschlossenheit, in eine diffuse Zwischenzone oszillierend. Sie haben zwar wenig zu erzählen, übersetzen jedoch komplexe Raumverhältnisse.

Es liegt nahe, die Arbeit des Israelis auf der Folie eines allgemeinen politischen Kommentars abzulesen. Sein Land, offen zur Welt und zugleich fest abgeriegelt, von einem regen wirtschaftlichen Austausch abhängig und bedacht auf die Bewahrung der inneren Sicherheit durch eisernen Kontrollen der Grenzen, ist ein gespaltenes Land, das die Spannung zwischen Außen und Innen, Kern und Hülle, schützender Matrix und hermetischen Sarg wie kein anderer Staat dieser Erde verinnerlicht hat. Letztendlich ist Goffer auch ein Produkt der eigenartigen Porosität Israels…

 

 

Amit Goffer
Facing In To Out the Void
RAUM
Sonderburgstr. 2
40545 Düsseldorf
Ausstellung bis zum 6.10.2012
Öffnungszeiten: Fr. + Sa. 14-18 Uhr und nach Vereinbarung