von Nicole Büsing und Heiko Klaas (Hamburg, Berlin)

Gallery Weekend in Berlin. Drei Tage lang cruisten VIPs aus aller Welt in schwarzen BMW-Limousinen durch die deutsche Hauptstadt: Von Rirkrit Tiravanijas performativer Wurstmanufaktur bei neugeriemschneider zu Robert Longos theatralischen Kohlezeichnungen im XXL-Format bei Capitain Petzel auf der Karl-Marx-Allee, von Jenny Holzers brandneuer Lichtinstallation mit Neonschriftbändern in der Blue Chip-Galerie Sprüth Magers zum neuen Geheimtipp im Kreuzberger Graefe-Kiez, der sympathisch-bodenständigen Hinterhof-Galerie Supportico Lopez, wo im Untergeschoss an das poetisch-konzeptuelle Werk des 1998 verstorbenen Italieners Gino de Domenicis erinnert wurde.

Wer am Sonntagabend nach unzähligen bier- und weinseligen Eröffnungen und dem stark überschätzten “Gala-Dinner” mit Flying Buffet und Wurstbroten noch Energie übrig hatte, war bei der Eröffnung der Ausstellung von Andrea Winkler im Projektspace SOX in der Oranienstraße in Kreuzberg genau richtig. Während türkische Gastronomen und Kreuzberger Aktivisten sich allmählich auf die langen Nächte rund um den 1. Mai eingroovten, versammelten sich die Eröffnungsgäste des nichtkommerziellen Ausstellungsprojektes für zeitgenössische Kunst bei Pilsner Urquell, Weißwein aus Pappbechern und exquisiter Schokoladentorte auf dem Bürgersteig vor dem Kreuzberger Off-Space. SOX besteht eigentlich nur aus einer 225 x 300 cm großen Vitrine.

Die Berliner Konzeptkünstlerin Andrea Winkler, geboren 1975 in Zürich, hat den nicht begehbaren, nur 60 cm tiefen, alternativen Showroom durch einen ebenso simplen wie genialen Eingriff erweitert. In die weiß gestrichene Hinterwand der Schaufensteranlage hat die Schweizerin ein handelsübliches weißes Kunststofffenster einbauen lassen und damit erstmals in der Ausstellungsgeschichte von SOX den Durchblick zum Hinterhof geöffnet. Der Perspektivwechsel funktioniert in beide Richtungen: Von der vielbefahrenen Oranienstraße aus blickt man auf die normalerweise abgeschottete Werkstättenidylle Kreuzberger Alternativer, die sich hinter dem SOX eingerichtet haben. Betritt man den Hinterhof und schaut durch das neue Fenster auf die bei Tag und Nacht belebte Straße, blickt man auf die Heterogenität des Großstadtlebens: vorbeifahrende Doppeldeckerbusse, metropolitane Hipster aus aller Herren Länder, Mütter mit Kinderwagen, Rentner mit Rollator und türkische Autoposer, die mit aufgetunten Oberklasselimousinen voller bassdröhnender Lautsprecherboxen um Aufmerksamkeit buhlen.

Fast beiläufig ergeben sich reale Straßenszenen zwischen Profanität und großer suggestiver Kraft, die streckenweise an die Arbeiten von Fotokünstlern wie Beat Streuli oder Philip Lorca diCorcia erinnern. Das dynamische Kreuzberger Großstadtgewusel spiegelt sich plötzlich auf verschiedenen Ebenen, ermöglicht durch einen simplen künstlerischen Eingriff, der noch einen weiteren Aspekt der Irritation bereithält: Andrea Winklers Fenster ist nicht im korrekten rechten Winkel eingebaut, sondern um einige Grad geneigt. Im geradezu hoffnungslos reizüberfluteten Kreuzberger Kiez klinkt sich das Fenster auf diese Weise mit wohldosierter Raffinesse in die Aufmerksamkeitsökonomie ein und sorgt so für eine fast beiläufige Verschiebung des Perspektive.

In ihre Fensterintervention hat Andrea Winkler noch zwei kleine Papierarbeiten integriert: ein Fotoausdruck mit abstrakten Farbverläufen im DIN A4-Format und ein mit grauer Farbe fast bis zur Unkenntlichkeit besprühtes Werbefaltblatt eines bekannten Elektronikkaufhauses. Andrea Winkler, die an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg unter anderem bei Wolfgang Tillmans und später an der Slade School of Fine Art in London studiert hat, ist bekannt für ihre stets ortsspezifische Vorgehensweise, ihre minimalen Eingriffe und ephemeren Setzungen mit zumeist poveren Materialien wie Sprühfarbe oder Metallfolien. Ihre Arbeit bei SOX trägt den ebenso humorvollen, wie anspielungsreichen Titel “du bist zu klein”.

Mit wechselnden Tageslichtsituationen und dem Übergang vom Tag zur Nacht spielt Winklers Intervention erst ihr ganzes Potenzial aus: Spiegelung und Transparenz, Licht und Schatten, Ein- und Durchblicke, Funktionalität versus Dysfunktionalität, Rahmung des Betrachterblicks und Medium der Selbstreflektion für Flaneure und Passanten. Andrea Winklers sowohl ästhetisch als auch konzeptuell überzeugender Eingriff in den Berliner Stadtraum reflektiert einen künstlerischen Dauerbrenner auf neue erfrischende Art und Weise. Wer, angeregt durch diese Installation, mehr über das Fenster in der modernen und zeitgenössischen Kunst erfahren möchte, der sollte vielleicht der bis Ende August laufenden Düsseldorfer Ausstellung „Fresh Widow. Fenster-Bilder seit Matisse und Duchamp“ im K20 einen Besuch abstatten. Dort wird das offenbar nach wie vor virulente Thema einer umfangreichen kunsthistorischen Untersuchung unterzogen.

 

Andrea Winkler: du bist zu klein
SOX
Oranienstraße 175, Berlin-Kreuzberg
30.4. bis 10.6.2012, 24 Stunden geöffnet