Samuel Bich, Olga Monina und Anna Nero haben sich für zwei Wochen in ein altes Ladengeschäft in der Leipziger Südvorstadt eingemietet, um dort gemeinsam eine Ausstellung zu konzipieren.

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Man fragt sich zwangsläufig, warum es ein Raum sein muss, der in seiner Wirkung bereits so konkret definiert ist. Doch liegt die Antwort wohl genau in der Eigenartigkeit des Raumes selbst. Es scheint offensichtlich, dass es nicht um eine werkbezogene Präsentation ihrer Arbeiten ging, sondern viel mehr um die gesamtheitliche Bespielung dieses kontextfernen Raums.

Die Entscheidung für diesen Raum scheint beinahe zu naheliegend, wenn man sich die einzelnen Arbeiten anschaut und feststellt, wie die Materialien wie Gips, Pappe oder Styropor mit der spröden Ästhetik des Raumes korrespondieren und die Arbeiten dennoch in ihrer Sinnlichkeit darüber hinausgehen. Mit seiner nüchternen Funktionalität und den Spuren seiner Benutzung scheint er die Gedanken der einzelnen Arbeiten zu tragen, ohne sie zu überformen.

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Den vier Künstlern ist es gelungen, sich den Raum mit ihrer Kunst anzueignen und die denkbar ungünstigen Ausstellungsbedingungen für sich zu benutzen. Es fällt erst auf den zweiten Blick auf, dass der Raum eigentlich nur zwei kurze Wände zum Hängen hat und sonst aus Fenstern besteht und zahlreichen Pfeilern, die dem Raum obendrein sehr strikt gliedern. Mit der ordnenden Dominanz dieser Pfeiler wurde ganz verschieden umgegangen. Ein Pfeiler wird zur Litfaßsäule, gepflastert mit Papierarbeiten von Olga Monina. Drei andere Säulen hat Samuel Bich für eine große Raumskulptur aus Pappe verkleidet, die intelligent die Struktur des Raumes aufgreift und dennoch öffnet. Das klare Raster der Säulen wird an dieser Stelle durchbrochen, wie es sonst nur einige Sichtbezüge in der Ausstellung schaffen, die durch die Verteilung der Arbeiten im Raum entstehen. So jeweils zwischen den Zeichnungen von Olga Monina und den Bildern von Anna Nero, die beide auf spezielle Art über die gleichen Dinge nachzudenken scheinen. Da taucht bei beiden beispielsweise das Raster als ordnendes Element auf, das auch dem Raum seine strenge Ordnung gibt. Spannende Momente entstehen auch zwischen den Skulpturen von Felix Amerbacher, deren Prozess er gleich mitausstellt, wenn er eine Ecke des Raums mit Dingen füllt, die Teil seines Arbeitsprozesses sind, aber in einem anderen Kontext vielleicht nicht gezeigt würden.

Olga Monina

Olga Monina

Die Ausstellung erscheint als ein verlängertes Nachdenken. Die Gedanken, die die Arbeit der vier Kunststudenten zu bestimmen scheinen, finden ihre Fortsetzung in der Ausstellungskonzeption, die selbst als eigenständige Arbeit erscheint und sich mit Fragen der Komposition befasst. Umso mehr in einem rechteckigem, abgenutzten Raum mit Styropordecken und grauem Teppichboden, dessen Makel bewusst nicht ausgebessert wurden.

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Die zwangsläufige Frage nach der Motivation, einen so fremden Raum als Ausstellungsort zu nutzen, beantwortet die Ausstellung selbst: Weil es spannend ist. Weil man in einen anderen Erkenntnisprozess kommen kann. Weil neue Bezüge zwischen den einzelnen Arbeiten und dem Ort entstehen, die auf die Arbeiten zurückfallen. Weil das eigene Schaffen anders kontextualisiert auch anders befragt werden kann. Weil es Spaß macht. Denn genau diese Leichtigkeit geht davon aus. (Nicht zuletzt unterstrichen von dem goldenen Auto, das zur Eröffnung mitten im Raum als Bar und Buffet diente.) Damit steht die Ausstellung in starkem Kontrast zu den hochschulinternen Präsentationen der HGB, die die Arbeiten der Studierenden zumeist in einer White Cube Ausstellung präsentieren und als feststehende Positionen erscheinen. Im Gegensatz dazu ist diese Ausstellung zwar nicht weniger ernsthaft, doch aber viel näher an ihren Themen dran.

Ausgemessen!

Anna Nero

Anna Nero

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