von Wolf Raskin

 

Die Bilder von Carola Ernst erschließen sich erst auf den zweiten oder dritten Blick: zunächst sieht der Betrachter sich mit scheinbar willkürlichem Chaos konfrontiert, mit Referenzen an die Tradition der expressiv abstrakten Malerei. Erst allmählich öffnet sich die Lesbarkeit eines großen assoziativen Spektrums, das erstaunlich viele, hauptsächlich figurative Aspekte beinhaltet, die ineinander verwoben sind. Mit starker Energie aufgeladen stiften die großformatigen Bilder dieser jungen Malerin (Jahrgang 1981) Verwirrung – sie lösen ein Panoptikum innerer Bilder des Betrachters aus. Dies besagt auch der Titel der Ausstellung: Trigger bedeutet Auslöser. Dieser Begriff meint nicht alleine den Schusswaffenabzug sondern wird auch in der Psychologie und Chemie angewendet.

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Triggers, 2013, Tusche, Aquarell-Wachspastell, Graphit & Lack auf Leinwand

Der Betrachter wird also regelrecht in einen Rauschzustand versetzt, der durchaus beunruhigende Qualität hat. Sich darauf einzulassen ist nichts für Weicheier: Carola Ernst richtet das Fadenkreuz auf das Unterbewusste des Rezipienten. Da können durchaus innere Monster auftauchen, die aus der Bildfläche herausspringen. Diese Bilder wollen nicht gefallen, sie wollen etwas auslösen: sie rühren bei längerer Auseinandersetzung tief im Innern der Psyche Verborgenes an und entwickeln dadurch ihre beunruhigenden Qualitäten. Vielleicht brauchen solche Bilder sogar einen Waffenschein – jeder neigt dazu gewisse Erlebnisse zu verdrängen, dies ist ein gesunder, ganz normaler psychischer Prozess-, weil sie zu verwirren vermögen bis hin zum Rauschzustand. Oder ist hier eher das Drogendezernat zuständig? Ein Rausch ohne vorher psychoaktive Substanzen beim Dealer besorgt zu haben, an so renommiertem Ort wie dem Malkasten, könnte zu Einbußen im Umsatz des Restaurants führen, weil die Gäste weniger Alkohol brauchen, um sich zu berauschen.

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Lucid Rem. Your empire is on fire, 2012, Tusche, Aquarell-Wachspastell, Graphit & Lack auf Leinwand

Auch der Blickwinkel des Betrachters spielt bei der assoziativen Evokation eine wichtige Rolle: durch perspektivische Verzerrungen ändern sich auch die Bilder im Kopf, die nicht statisch sind sondern während des Hinsehens eher wie ein Film ablaufen, gerade auch, weil sie räumlich nicht klar definiert sind und eine zeitliche Dimension beinhalten, die partout nicht greifbar, logisch nicht nachvollziehbar ist. Man sieht sich hier also mit etwas fremden konfrontiert, das in einem wohnt. Soweit zur Vielschichtigkeit von Ernst’ Arbeit.

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Zwei Pulsare, 2013, Graphit & Tusche auf Papier, 29,7 x 21cm

Die Technik dieser Arbeiten (Kantenlänge um 1,80m) scheidet die Geister: ist das Malerei oder Zeichnung? Hält man sich streng an das Handwerkszeug, könnte man meinen, es seien Zeichnungen. Es ist jedoch irrelevant, das Mittel wie Tusche, Wachspastell und Graphit zum Einsatz kommen. Entscheidend ist die Anwendung dieser Medien, welche malerischer Natur ist. Neben den beiden großen Bildern zeigt Ernst eine kleine Wand-Skulptur, die eher willkürlich daherkommt: aus brachial zerstückeltem Sperrholz ist so etwas wie eine Maske zusammengezimmert. Das erinnert ein wenig an primitive, kultische Kopfformen. Auch die kleine Zeichnung enttäuscht ein wenig, denn die Qualität der beschriebenen großen Arbeiten vermag sie keineswegs zu bestätigen. Die graphischen Mittel sind sehr endlich, ja singulär und so etwas wie ein Bild entsteht nur aus einem Abstand von wenigstens 4 Metern, was für eine Zeichnung im handlichen Format sehr viel ist.

Raue Trophäe 65x36x22cm(1)

Raue Trophäe, 2013, Holz, Metall, Lack, Tusche, 65x36x22cm

An der Stirnwand des Lokals hat die Künstlerin eine Wandfüllende Arbeit installiert, die frech daherkommt: auf Styroporplatten sind mäandernde ineinander verwobene, an Schleifen erinnernde und scheinbar völlig willkürlich zu einem Relief drapierte Reliquien einer ursprünglichen Bodenarbeit. Diese zu einem großformatigen Wandrelief transformierten Relikte der Arbeit tanker’s sonic, mit ihren Gebrauchs- und Schmutzspuren verweisen auf ein sehr bekanntes Motiv aus der Romantik: Caspar David Friedrich’s Eismeer. Dies zeigt sich auch im Titel der Arbeit: The see of ice. Ein ruppige, rauhe Reminiszens an die Romantik; das Material Styropor streift bestenfalls in Form von Müll unsere Aufmerksamkeit (in diesem konkreten Fall ist es Müll), denn da, wo es dienlich ist, steht es im Hintergrund: als Verpackungsmaterial. Nun tritt es hier auch noch mit Strassendreck verschmutzt und mit Doppelklebeband verbunden in Erscheinung. Das ist white trash in Reinkultur und salonfähig- ist das ein Stinkefinger hinter vorgehaltener Hand? – Sozialkritische Motive lassen sich nicht leugnen.