Der Neue Kunstverein Wuppertal veranstaltet eine Ausstellungsreihe unter dem vagen und sehr offenen Oberbegriff “Alltag”. Künstler sind eingeladen , ihre Interpretation des Phänomens zu liefern – und natürlich darf man da keine wortwörtliche Übersetzung erwarten. Den Anfang macht Christian Schreckenberger. Der Bildhauer präsentiert zwei Installationen, die den schlauchartigen Charakter des Raumes betonen und die Gültigkeit unserer Wahrnehmung infragestellen.

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Das künstlerische Paralleluniversum von Christian Schreckenberger hat sich mittlerweile mit Hunderten, vielleicht Tausenden von Gegenständen gefüllt. Nur wenige von diesen Gegenständen haben sich allerdings in der dreidimensionalen Welt manifestiert. Ein Großteil davon besteht nur als Zeichnung und ruht, wartend auf eine baldige Geburt oder wie gescheiterte Spezies in einer anspruchsvollen Umwelt, versteinert auf Papier für die Ewigkeit. Die Entwürfe, die sich durchgesetzt haben und tatsächlich realisiert wurden, haben alle erdenklichen Gestalten, bestehen aus den verschiedensten Materialien, deklinieren alle Texturen, Strukturen, Werkstoffe und Farben durch. Sie sind Ornamente, Gebrauchsgegenstände, autonome Lebewesen, Zitatbruchstücke, Form gewordene Gesten oder Materialexperimente. Auf den ersten Blick verbindet diese Plastiken, Skulpturen und Assemblagen nur ihr heterogener, offener Charakter.

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Jedes dreidimensionale Gebilde stützt sich also auf eine Vielzahl an Skizzen, die praktisch Prototypen und Varianten der späteren Plastiken bilden. Die Genese dieser Zeichnungen sagt viel über die schöpferische Haltung des Künstlers aus. Christan Schreckenberger hat sich vor mehreren Jahren eine Art Liege gebaut, auf der er die perfekte Körperhaltung zum Zeichnen findet. Da, in einem Zustand der totalen Entspannung, des unkontrollierten Flows und der Durchlässigkeit, lässt er sich überfallen. Versetzt in einen künstlichen Tagtraum, zwischen geistiger Abwesenheit und strengster Konzentration, sammelt er die Formideen, die über ihn prasseln, und leitet sie mit seinem Filzstift weiter.

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Die unzähligen Formen, Pseudo-Objekte und schwer identifizierbaren Dinge dieser Sammlung haben ihren Ursprung sowohl in der materiellen Welt als auch in intimen Erfahrungen des Künstlers. Es sind Reminiszenzen an Erlebtes, Gehörtes, Gefühltes. Schreckenberger greift auf persönliche Gegebenheiten und Beobachtungen zurück und mischt sie mit Universalien zusammen, die sich im kollektiven Bewusstsein abgelagert haben – also Gebilde, die nicht nur im Kopf des Künstlers wachsen und gedeihen, sondern in allen Köpfen. Er sucht die erste Quelle der Form in sich selber, sucht eine zweite Quelle in seiner Umgebung und kanalisiert sie dann träumend. An der Strommündung, da wo die zwei Flüsse sich durchmischen, stößt der Künstler auf Archetypen. Es handelt sich dabei um allgemein gültige Formkombinationen, um eine Art Fundus der Urformen, die sich nur selten in ihrer idealen Prägung blicken lassen. Diese Archetypen sind Verdichtungen; sie konkretisieren in einer Gestalt – in einem Körper – verschiedene Zustände, verschiedene Spielarten, verschiedene Momente eines Objekts. Sie sind zeit-, raum- und kulturunabhängig. Sie sind einfach da. Sie sind die unleugbare Wahrheit der Dinge, die nicht in Frage gestellt werden kann. Sie sind die Evidenz.

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Schreckenberger spürt diesen Archetypen nicht wirklich nach. Er lässt nur die Tür weit genug geöffnet, damit sie den Weg zu seinen Händen finden. Die Erinnerung an Faktisches und Substanzielles oder die gezielte Formfindung spielen in diesem Prozess keine Rolle; der Vorgang ist vorbehaltlos, nicht-analytisch, nicht-reflexiv. Diese passive und rezeptive Herangehensweise läuft völlig entgegen mancher Tendenzen der zeitgenössischen Bildhauerei, die mittlerweile als „klassisch“ bezeichnet werden können. Christian Schreckenbergers sanfte und aufmerksame Offenheit bildet eine krasse Antithese zu den aktivistisch-virilen Strategien von Tony Cragg, Richard Deacon oder Anish Kapoor – die übrigens allesamt auf die mannhafte Haltung von Auguste Rodin zurückgehen. Natürlich erscheint es deplatziert, die Namen dieser internationalen Superstars neben den eines Künstlers zu stellen, der sich nicht um große Gesten und spektakuläre Effekte schert. Aber auch in diesem Fall ermöglicht der Vergleich eine pointierte Charakterisierung der Kunst von Schreckenberger. Anders als viele seiner Kollegen, die mit Materie und Material kämpfen, Formen aus der Unform zwingen, physische Gesetze virtuos unterjochen und die Leere partout mit Masse füllen müssen, versteht sich Schreckenberger nicht als allmächtiger Demiurg im Kreationsrausch, sondern als Träumer. Er versteht sich nicht als Erbauer, Architekt, „Fabricator“ (im Sinne von Richard Deacon) – all diese voluntaristischen Substantive passen nicht so recht zu ihm. Wenn der Traum in die Hände von Christian Schreckenberger steigt, ist der Bildhauer – und das möchten wir ohne Pathos ausdrücken, auch wenn der Begriff schwer beladen ist – das Medium, das die Archetypen durchlässt und fixiert. Die Schöpfung wird zu einem Schöpfen: Der Künstler zapft seine Kunst aus dem Äther und bringt sie an die Oberfläche der sichtbaren Welt.

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Wenn der Archetyp sich dem Künstler auf diese Weise aufgetan hat, wird die zweidimensionale Zeichnung in den Raum projiziert. Der Traum materialisiert sich ein zweites Mal in Holz, Stoff, Gips, Polyurethan, Plastikfolie oder Styropor. Mehr als um eine Materialisierung handelt es sich hier um eine Kristallisierung; will man doch diesen Verwirklichungsprozess als Handlung beschreiben, sollte man dann von einer Justierung sprechen. Denn die Form ist eh da, seit immer. Sie muss aber präzisiert werden und eine – im fotografischen Sinne – Entwicklung erfahren.Was für ein Ding? Diese Frage, in ihrer fast kindischen Einfachheit, ist das, was Christian Schreckenberger bewegt. Was ist das für ein Ding, das sich hier manifestiert? Von welcher Natur ist es, welche Identität besitzt es? Was kann ich von diesem Ding eigentlich erfahren? Wie kann ich es beschreiben? Gibt es überhaupt eine Übereinstimmung zwischen der Beschreibung des Objektes und dem Objekt? Wie eindeutig kann die Beschreibung sein, wie eindeutig kann die Wahrnehmung des Objektes sein? Wie viel gültige Beschreibungsebene beinhaltet es? Und, schließlich, jenseits aller Perzeptionsfragen: Wie eindeutig kann ein Objekt sein?

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Diese Gegenstände besitzen also keine singuläre Identität, keine eindeutige Natur. Sie sind die verfestigte Aporie. Die Zeit ihrer Beobachtung ist ausschlaggebend für eine relevante Aussage über ihre Wesensart. Und natürlich ist die Position – im weitesten Sinne – des Beobachters ausschlaggebend für die Formulierung einer relevanten Aussage. Die daraus resultierende interpretative Elastizität im Werk von Christian Schreckenberger mag auf dem Interesse des Künstlers für physische Theorien beruhen. Seine Lektüre von Hawking oder Heisenberg übt gewiss einen Einfluss auf seine skulpturale Praxis aus, die, hinter der Evidenz des Körpers, der Unbestimmtheit, der Ambivalenz und der Unschärfe hinterherjagt. Man sieht es dieser skulpturalen Praxis an, dass die von der Quantenphysik gestellten Fragen zur Faktizität und Eindeutigkeit der Realität den Bildhauer beschäftigen. Anderseits ist die metaphysische Hinterfragung der Welt per se das Tagesgeschäft des Künstlers. Mit der vagen, nicht belegbaren Intuition, dass das phänomenologische Feld, das wir „Realität“ nennen, nicht nur das ist, was es gibt und dass wir nicht imstande sind, die unzähligen Facetten, Regionen und Dimensionen eines einzigen Gegenstandes zu erkennen, muss er leben. Diese Intuition teilt er mit Dichtern und Philosophen; er teilt sie aber auch mit Naturwissenschaftlern, die sich der Grenzen ihres exakten Wissens bewusst sind.

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Christian Schreckenberger – listen and repeat

8. März 2014 – 6. April 2014
Eröffnung: Freitag, 7. März 2014, 19 Uhr

Neuer Kunstverein Wuppertal
Hofaue 51

http://www.neuer-kunstverein-wuppertal.de

Öffnungszeiten während der Ausstellungen:

Mittwoch bis Freitag: von 17 bis 20 Uhr
Samstag, Sonntag und an Feiertagen: von 15 bis 18 Uhr