OMG Freunde! Warum nur eigentlich geht alles was man macht immer so unfassbar langsam? Warum ist aber trotzdem nie Zeit für das Wichtige, nie Zeit für Kontemplation, nie Zeit für intensive Beschäftigung, für ein Vertiefen und ein Herumfeilen? Warum ist die wertvollste Ressource, die Lebenszeit, eigentlich so knapp in einer Welt die gigantische Überschüsse produziert und eigentlich schon lange nicht mehr weiß wohin mit all den Artefakten und Objekten die täglich aus den Fabriken herauskommen? Und warum rackern wir uns, nach dem es gelungen ist, reale Objekte im Überfluss zu produzieren, nun an der Erzeugung der virtuellen ab?
Nicht das dieser Artikel Antworten auf die Fragen liefern wollte, aber ein Blick auf die realen, irrealen und hyperrealen Objekte unsere Zeit ist anhand der Betrachtung der nachfolgenden Ausstellung drin.

Constant Dullaart ‘Jennifer in paradise’

Es geht um die Arbeit von Constant Dullaart, dieser ist gebürtiger Holländer, lebt in Berlin und arbeitet von dort aus international, medial. Seine Arbeit dreht sich um die digitalen Realitäten, deren Auswirkungen auf unser Leben, und um das Medium, welches beides mit jedem neuen Tag und jedem Klick näher zusammen bringt. Im Herbst hatte er unter dem Titel  ‘Jennifer in Paradise’ seine erste Einzelpräsentation als Doppel-Solo-Show. Doch auch die 12 Monate davor waren nicht von schlechten Eltern, an 30 Ausstellungen wirkte der umtriebige Kollege in dieser Zeit mit.

Das Zentrale Thema der Ausstellung ‘Jennifer in Paradise’ war für mich die Frage nach dem Verhältnis von Original und Kopie, so wie dessen aktuelle Bedeutung. Klingt erst mal etwas theoretisch, abstrakt und wenig aufregend, ist aber im aktuellen zeitlichen Kontext eine Frage von hoher politischer Relevanz.

FK: Why is the question for the original important for you?
CD: It rather speaks about the human part of representation in the age of the digital.
And since the mechanical part of the reproduction process, be it in an image or in copying a waterfall, it suggests a form of perfection, similar to copying. But the human decisions that are motivating this mechanical process is where the chance lies to escape the anecdotal.

Die Frage nach dem Original, dem Unikat und der Kopie ist immer auch an die Frage nach dem Echten und dem Falschen, dem Realen und dem Virtuellen gekoppelt. Und die Antworten  auf die Frage was nun echt oder falsch, was wirklich und was virtuell ist, wird dieser Tage durch die permanente Ausbreitung der digitalen Technolgie und des Internets neu formuliert werden müssen.

Der noch lange nicht ausgestandene Skandal um die Enthüllungen Edward Snowdens machen dies deutlich. Denn hier wird technisch kontrollierte Virtualität mit einem mal sehr konkret politisch wahrnehmbar. Die immer weiter laufenden Verstrickungen auf den verschiedenen politischen Ebenen zeigen, dass das Verhältnis des Echten zum Falschen und das der technische Simulation zum reale Leben global neu Verhandelt werden muss. Vieles ist noch unklar und wer genau hinschaut sieht derzeit mehr Fragen als Antworten, eines jedoch zeichnet sich ab: Das Echte, das Wahre und das Reale sind nun offensichtlich nicht mehr ausschliesslich an statische Objekte gebunden. In einer Welt in der wichtige Teile der Wirklichkeit problemlos kopierbar und manipulierbar sind, muss die Rolle des Originals neue bewertet werden.
Das neue Echte muss nun aufgrund der extremen Manipulationsmöglichkeiten der Digitaltechnologie und ihrer Omnipräsenz permanent kritisch hinterfragt werden, was leider zur Folge hat, dass wir der Wirklichkeit derzeit noch weniger als sonst vertraut können.

An dieser überaus komplexen Stelle knüpft Constant Dullaart mit seiner Ausstellung an. Als Namensgeber und visueller Aufhänger für sein Projekt diente ein Bild das John Knoll, Erfinder der mittlerweile weltberühmten Bildmontagesoftware Photoshop, zu Anfang gerne für Präsentationszwecke verwendete. Das Foto zeigt Knolls Frau am Strand der Insel Bora Bora. Constant stieß eher zufällig auf die Geschichte des Bildes, konnte es aber nicht im Internet finden und extrahierte es in der Folge aus einem Dokumentarvideo.

FK: How did you find it?
CD: It is mentioned in several stories and video’s about the creation of Photoshop by the Knoll brothers.

Ausstellungsansicht Import Projects

Dullaart schreibt Knolls Fraus in einem persönlichem, öffentlichen Brief auf Rhizome, warum ihn das Photo so fasziniert und warum er das Bild erneut publizierte. In dem intimen Brief vermischt er Privates mit Öffentlichem und schafft so ein Verbindung aus dem Netz in den Ausstellungsort, in welchem ist das Ausstellungsbild großflächig als Wandtapete angebracht ist.
Im Tapeten-Bild selber wiederum ist eine steganografisch verschlüsselte, geheime Botschaft untergebracht, die mit Hilfe des Scheinwerfers zu Anfang sichtbar gemacht werden konnte. Dullaart zerstörte diesen Schlüssel am Eröffnungsabend und wer nun den verschlüsselten Text entziffern möchte, muss körperlich Tätig werden und eine neues schweres Gerät dort hin tragen.

The death of the URL

Im hinteren, der drei großen Räume fand sich an prominenter Stelle die Videeoprojektion einer Netzkunstarbeit. Sie wirkte im ersten Moment etwas fremd in der Ausstellung, machte aber auf der formalen Ebene den Bezug zum Kulturraum Internet deutlich.

Dullaart vertritt die These, dass URLs – also die Domainname – als ein Relikt der Vergangenheit zu werten sind, da diese zum Auffinden von Information, Webseiten oder Daten im Internet zunehmend weniger genutzt werden. In der Tat sind es vor allem Suchmaschinen, allen voran Google, und die Timelines der asozialen Netzwerke welche Heute für die Verbreitung von Informationen im Netz genutzt werden. Ob die These der aussterbenden URL langfristig zu halten ist, wird sich allerdings zeigen müssen. Diese Arbeit ist zumindest aktuell noch unter der wunderbaren URL  http://xxxxxxxxxx.xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx.xxx/xxxxx_xxxxx-xx/xxxxxxxxxxxxxxx-xxxxxxx/ erreichbar. Interessant ist aber in diesem Zusammenhang, dass der Domainname in diesem Kontext zu einem Fixpunkt und damit zu einer Art Original innerhalb der globalen Bigdata-Infrastruktur wird. Diese meist kurzen URL-Textstrings sind die digitalen Unikate unserer Zeit.

CD: The infrastructure of the web is an inherently American system. And since a red line in the show was the critique on American colonial imperialism, and showing the human side of this. The personal side of Photoshop, the waterfall being switched on in the morning in China. The death of the URL commemorates the end of an era, since the people of ICANN will start to sell more top level domain names. Still nobody will start to type domain names again. We will still just think about and search for keywords. The internet is not made by computers, it is made by humans. American humans mostly.

Der hier von Constant angesprochene amerikanische Kulturimperialismus war für mich als Thema der Ausstellung nicht recht ersichtlich, zumal ich diesen durchaus kritisch sehe. Das mag eine Position sein, mit der man in den linkskonservativen Kreisen derzeit den eine oder anderen Punkt machen kann, so recht anfreunden kann und will ich mich aber nicht damit. Die komplexen Verbindungen zwischen Massenmedium, Technologie und Gesellschaft mögen, aufgrund der kulturellen Entwicklungen in Amerika eventuell etwas deutlicher sichtbar werden. Die von Dullaart verhandelten Fragen lassen sich aber nicht darauf begrenzen oder reduzieren.
Die zu lösenden Probleme der Digitalisierung, der Virtualisierung und deren Re-Realisierung sind nicht durch Abstand zu einer Nation oder deren Kultur zu lösen – was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass ich den derzeit durch amerikanischen Institutionen stark vorangetriebenen Ausbau des Überwachungsapparats für gut oder unbedenklich halte.
Die Ausstellung und das gezeigte Werk aber sind an dieser Stelle weiter, die politische Dimension um einiges größer als die beschreibende Eigenwahrnehmung Dullaarts – was aber an dieser Stelle in Ordnung ist. Zu weilen ist das Werk dem Künstler voraus und mal ist es umgekehrt, alles andere wäre wohl auch zu langweilig für alle Beteiligten.

FK: was war der fokus bei import projects?
CD: The idea of layers in our reality and online. Layers of protocols, visible or not, online. Or layers of Filters and authorship in images. Or layers of reality, nature, and man made waterfalls.

Das bei Import Projects präsentierte Video stammt aus einem längerem Chinaaufenthalt Dullaarts. Der künstliche Wassserfall in dem Freizeitpark wird jeden Morgen erneut eingeschaltet, ein chinesisches Touristenpärchen macht Erinnerungsfotos vor der technisch gesteuerten Naturkulisse. Die Videoinstallation oszililiert zwischen banaler Dokumentation und Repräsentation des Hypperrealen bzw ist Beides zugleich. Dullaart hinterfragt nicht sondern zeigt: Die künstliche Natur wird auf Video aufgenommen und erscheint als flaches, aber reales Abbild im Ausstellungsraum. Verschiedene, in ihrer Qualität überaus unterschiedliche, Ebenen des Realen und Virtuellen liegen übereinander.

Future Gallery

Hier ein vorab Kommentar: Aufgrund der Eingangs erwähnten, stest zu knappen, Zeit war es mir leider nicht möglich beide Austellungen zu Besuchen. Diesen, in der Future Gallery gezeigten, Teil kenne ich also nur von den dokumentarischen Bildern und komme daher schnell an die Grenzen der Beschreibung und Interpretation.

Hier fehlt offensichtlich der Bick auf die Originale vor Ort und die eigene Begutachtung des Raumes. Man, ich, wir merken hier wieder sehr schnell, dass sich die Qualität des Originalbegriffs durch immer mehr technische Medien zwar gravierend wandelt, es das Orignal aber natürlich nach wie vor gibt und die konkrete Beschäftigung damit seine Berechtigung hat. Lokalität, Authentizität und Originalität verschwinden nicht. Aber sie sind einer Veränderung unterworfen, deren Eigenart es zu verstehen gilt. Bedauerlicherweise verharren allerdings gerade jetzt weite Teile des Kunstsystems, welches an dieser Stelle wichtige Instrumente und Erfahrungswerte zum Erkenntnisprozess beitragen könnte, einem höchst reaktionärem Objektfetisch verhaftet, im Dickdarm der oberen Zehntausend.

Ausstellungsansicht Future Gallery

FK: Worauf hast du dich in der future gallery konzentriert?
CD: Transparency, and digital simulacra.

Im Vergleich zu den Exponaten bei Import Projects, in denen die zeitgenössische Medientechnologie eine deutlich erkennbare Rolle spielt, wirken die Objekte in der Futuregallery fast klassisch. Materialität und physische Beschaffenheit treten hier deutlich in den Vordergrund, Glas und Stuck sind die dominierenden Materialien. Die gravierten Glasscheiben sind nach Vorlagen von Photoshop-Malereien gefertigt worden.
Ein Glück, dass wir uns hier mit dem Blog quasi direkt im digitalen Referenzmedium bewegen. So können wir das in der Galerie begonnene Vexierspiel wieder aufgreifen, in dem wir die ursprünglichen Bilder zeigen. Für die Leser hier gibt es somit etwas zu sehen, was den Galeriebesuchern verwehrt blieb, der direkte Blick auf die digitalen Originale.

 

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Constant Dullaart
Jennifer in Paradise
Future Gallery und Import Projects, Berlin