Es ist ein steiler Start. Das Malerduo deckkraft ist erst zwei Jahre alt, aber was in dieser Zeit bereits passiert ist, ist erstaunlich. Seit Walter Eul und Marc von Criegern sich zur Zusammenarbeit geschlossen und ihre Kooperationslust noch für weitere Künstler geöffnet haben, ist das Konvolut an (monumentalen) Bildern aus der deckkraft-Werkstatt rasch gewachsen – genauso rasch wie die Sichtbarkeitszunahme der Düsseldorfer Maler. Das Abenteuer deckkraft ist wie ein zweiter Frühling für die beiden Herren, die zuvor eher bedeckt blieben und nun in der kollektiven Autorschaft regelrecht aufgehen. Ihr letztes Projekt fand in Duisburg statt.

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In der schmalen und langen Galerie des Lehmbruck-Museums in Duisburg weht wieder der Geist der Soziokunst wieder. Eingeladen von der Abteilung für Kunstvermittlung haben Eul und von Criegern etwas realisiert, das viel mehr als reine pädagogische Animation ist. Wochenlang haben die zwei Maler mit einer ausgewählten Gruppe von Amateurkünstlern ein riesiges Bild von 27 Meter Länge geschafft und damit Prinzipien reaktiviert, die man schon als tot und begraben hielt – einerseits das Prinzip der Demokratisierung von Kunst und der Öffnung der Institutionen zur Außenwelt und anderseits das Prinzip der ernstgemeinten und intensiven partizipativen Einbeziehung des Publikums. Dies sind Ideen der 1970er und 1980er Jahre (die Welle der Relational Aesthetics des 90er war ja nur ein verkrampfter Versuch von Theoretikern, eine in vitro-Avantgarde zu kreieren), die plötzlich, wie nach einer langen Eiszeit, aus dem schmelzenden Permafrost auftauchen.

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Und um eines sofort klar zu stellen: Partizipation, nach deckkrafts Verständnis, meint nicht Interaktion. Das Involvieren des Besuchers beschränkt sich nicht auf das Drücken von Knöpfchen oder das Ziehen von Schubladen. Es entstand in Duisburg eine ganzheitliche und gleichberechtige Beziehung zwischen Künstler und Nicht-Künstler. Diese Beziehung fing bereits am Ende des vergangenen Jahres an, als deckkraft ein Open Call lancierte und jeden Mensch mit mehr oder minder ausgeprägten künstlerischen Ambitionen dazu einlud, eine kollektive museale Arbeit zu realisieren. Mitte Januar wurde dann aus einer initialen Bewerbergruppe von ca. sechzig Personen zwanzig ausgewählt, wobei es auf eine heterogene Gruppenmischung (jung/alt, Frau/Mann) geachtet wurde. Wer sich die Mühe gegeben hatte, sich persönlich zu bewerben und bei den Künstlern vorzustellen, war auf alle Fälle drin.

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Vom 16. Januar bis zum 13. Februar wurde dann an den großen Leinwand-Paneelen gearbeitet. Dreimal pro Woche, zu fixen Zeitpunkten, traf sich die Truppe und füllte  unter den mal mehr, mal weniger präzisen Anleitungen von Walter Eul und Marc von Criegern die Fläche. Die Arbeit fand in der sog. Strassengalerie statt und konnte direkt von allen Passanten beobachtet werden. Mehr Transparenz und demokratische Bürgernähe kann man von einem künstlerischen Prozess kaum erwarten. Zunächst legten die übermotivierten Teilnehmer wild darauf los, um allmählich vorsichtiger und vor allem rücksichtvoller zu werden, wie Eul berichtete. Erst beim Malen machte sich das Spannungsverhältnis zwischen individueller und kollektiver Arbeit und zwischen Teil und Ganzem bemerkbar. Selbstverständlich ging es nicht ohne Reibungen und Konflikte vonstatten. Manche Teilnehmer müssten die böse Überraschung erleben, wie ihr an einem Tag liebevoll realisiertes Bilddetail am nächsten Tag schon lapidar übermalt wurde. Alpha-Tierchen breiteten sich gnadenlos aus; introvertierte Seelen zogen sich auf wenige Quadratzentimeter zurück. Territoriale Ansprüche wurden gemeldet, kleine Generationskämpfe entbrannten. Wie in der kunsttherapeutischen Arbeit entstand eine Gruppendynamik, die jedes Individuum betraf. Und dazwischen vermittelte deckkraft, sprach viel mit allen Anwesenden, sorgte für Balance und Struktur und kontrollierte die malerische Stimmigkeit der gesamten Komposition.

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Mit etwa 20 Kunstlaien zu arbeiten, sie ernsthaft und paritätisch in alle Entstehungsprozesse des Werkes einzubeziehen, möglichst wenig zu intervenieren  und sich trotzdem an seine malerischen Qualitätsstandards zu halten ist mit Sicherheit die größte Herausforderung für das Duo gewesen. Vor allem wenn es von Anfang an weder thematischen Schwerpunkt noch stilistische Ausrichtung gab, sondern nur diese vom Projekttitel angekündigte große Offenheit. Die Dinge geschehen lassen und dem Unbekannten, Unvorhersehbaren einer kollektiven Arbeit dieser Dimension gerecht zu werden – ohne dass die Malorgie in totaler Willkür ausartet oder in einem additiven Puzzle endet – hat Eul und von Criegern manche schlechte Nächte beschert. Um eine Bildeinheit zu gewährleisten haben sie in den Pausentagen immer wieder Hand angelegt und die Ausdehnungstendenzen des Gemäldes mit wenigen aber effektiven Mitteln eingeschränkt. Wie die Hirten einer ungleichmäßigen Herde (es ist eine zweifelhafte Metapher, ich weiß, ich weiß…) haben die zwei Maler ihre Schäfchen gleichzeitig so viel Freiheit gegeben, dass sie sich austoben konnten, ohne je den kompositorischen Zaun zu verlassen.

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Das soziale Experiment ist jedoch vollkommen gelungen. Das eigenständige Bild ist am Ende vielmehr als nur die Summe ihrer Einzelteile geworden; sie ist zu einem autonomen Körper mit verschiedenartigen Organen mutiert. Es ist ein bemerkenswertes Stück Malerei entstanden, ein kräftiger Wirbel mit vielen Gesichtern und vielen Charakter, eine proteische Symphonie mit Höhen und Tiefen, die trotz der Heterogenität des Hergangs eine geschlossene und kompakte Struktur aufweist und eine überwältigende Wirkung entfaltet.

 

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alle Infos unter www.deckkraft.org