von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)

Das Internet ist eine große Schmuddelkiste; es ist Spielplatz für Spanner, Exhibitionisten und Überwachungsfetischsten. In der Show MetaAether werden die zugehörigen Bilder und Geschichten zum Material für die Kunst.
Lukas Breitkreutz, Götz Gramlich und Max Hathaway haben im April bei Abruch und Demontage für eine Woche besagten MetaAether inszeniert. Ich habe mit Götz Gramlich (gggr) per SkypeChat ein Speed-Interview gemacht und mich mit ihm über das Projekt unterhalten.

Im Internet werden wir zu Spannern, zu Zaungästen der Fremden und ihrem fremden Treiben. Im Sitzen vor der heimischen Kiste bleibt alles gemütlich fern – wie aus der Vogelperspektive sehen wir hinab in den Daten-Aether, aus der fernen Sicherheit unserer Home-Cockpits.

fk: Wer oder was ist MetaAether?
gggr: Der aether ist für uns synonym vom netz, von der information die um uns fleucht. meta heisst nicht nur ueber sondern auch mitten insofern ist metaaether, ein bestandsaufnahme des istzustandes des netzes allerdings leuchten wir nur eine sehr kleine, dunkle ecke aus, zumindest im roten part.

fk: Die Show bestand aus drei Arbeiten. Dem Wühltisch, dem Wandfresko und den Leuchtkästen. Richtig?
gggr: … und dem Diaraum.
fk: war das der raum hinter dem wandbild?
gggr: nein, ein extraraum-mit einem alten carousel diaprojektor.
fk: Dann beginnen wir doch einfach mit dem Krabbeltisch, was lag auf da drauf, was gab es da zu wühlen?
gggr: wir haben ueber 1000 bilder aus dem netz geerntet und diese auf fotopapier ausbelichtet. die wurden nummeriert. etikettiert und kamen in den krabbeltisch.
fk: die leute konnten sich die bilder mitnehmen?
gggr: das war so gedacht, ja. wir wollten die anonymen fremden aus dem netz reissen und auf reise gehen lassen.

fk: Ihr arbeitet viel mit recht intimen Bilder von Leuten. Wo habt ihr die Bilder eigentlich her?
gggr: Das ist das kernthema vom metaaether red. der öffentliche zugang zu den intimsten privatsphären. die bilder sind alle von seiten, die öffentlich (ohne einloggen etc) zugänglich sind.
fk: Kannst du ein paar webseiten nennen?
gggr: Zum beispiel submityourex, guesshermuff und wie sie sonst noch alle heissen. Ich denke, die meisten menschen auf all den bildern, wissen gar nicht, dass sie (im netz) öffentlich zur schau gestellt werden. vielen unterstelle ich moralisch einwandfreie absichten hinter ihren selbstschuessen und -posen. sie wollen gefallen, anderen ihre zuneigung beweisen, anziehend wirken. das sie dann später vom gehörnten ex o.ä. in den aether gespeist werden, ahnen wahrscheinlich die wenigsten vorab.

fk: Wissen die Personen auf den Bildern von dem Projekt?
gggr: Natürlich nicht. wir wissen ja nicht, wer sie sind und was sie wollen. es ist aber interessant zu beobachten, was passiert, wenn die bilder in der realität, dem aether entrissen, anrichten. z.b. wenn so ein bild mal im zugabteil liegt. oder auf einem waldweg.
fk: hast du ein beispiel für eine beobachtung?
gggr: beschämt, belustigt, abstossend. andere erzählten mir, es gab aerger mit den eigenen frauen.
fk: warum?
gggr: nun, erklär mal deiner frau, die bilder anderer frauen in deiner tasche. oder auf deinem schreibtisch.
fk: :-)
gggr: sie greifen so in unser leben ein. naja, das ist ein schöner nebeneffekt vom grabbeltisch.
gggr: letzten endes ging es aber darum: dem tisch zu widerstehen. was niemand konnte.
gggr: da kamen echte wsv-gefuehle auf. in 2 reihen gedraenge und gewuehle. senioren die sich stapelweise pix einstecken. junge maedchen die sich ueber errigierte glieder amuesieren und sie ganz schamlos mit nehmen „fuer meine freundin“ hoert man.

fk: würdest du sagen der spannerblick ist im netz normaler als im alltäglich umfeld?
gggr: dachte ich immer. letzten endes ist dieses grabbeln ja nichts anderes als bilder klicken im netz.
fk: ja. das netz hat schon irgendwie was billiges, wie ein wühltisch…
gggr: ein endloser wuehltisch. wir haben einfach mal ein stueck abgeknapst und realisiert.

fk: um was gehts bei dem großen wandbild?
gggr: das wandbild ist eine doppelwand. vorne ein riesenbild mit typischer pose: bild mit digicam durch den spiegel auf sich selbst
fk: Was sieht man durch das Guckloch?
gggr: dahinter, die gleiche person. nackt. in tausendfacher ausgabe. repetiert. ins unendliche. der blick geht wohlbemerkt durch den sucher der cam.
fk: invertiert. in den kopf der frau?
gggr: nun, sobald sie den auslöser drückt, und sich selbst uploaded, schiesst sie ihr selbst in den aether, frei unendlich oft kopiert und verlinkt zu werden. eine art unsterblichkeit. fluch und segen. viele fragen.

fk: Was für Bilder sind auf den Leuchtkästen zu sehen?
gggr: Das sind jeweils bilder der gleichen person. in verschiedenen „zuständen“. brav, privat angezogen und nackt, wohllustig, offen fuer alles. fuer uns war auch das jeweilige setting des bildes interessant-in den kaesten wie im wuehltisch. oft erhascht man einen blick auf das interieur, elemente des lebens. buecher, toiletten, plfegemittel usw. und sofort faengt man an, geschichten um die menschen zu stricken. sind sie europaer? was lesen sie? was ist das in der ecke? warum ist die frau auf allen vieren vor der toilette? wir versuchen vertrauter mit ihnen zu werden, indem wir versuchen mehr ueber sie zu erfahren. aber wollen wir das?


gggr: Bei der menge der bilder ist es auch klar, das oft ungewollte, sehr kunstvolle kompositionen entstehen. auch die galt es zu entdecken. fast eine art spiel. viele details der bilder haben wir nochmal extrahiert, die gab es auf dias zu sehen.
zusammen mit kommentaren von den jeweilgen sites-zu bildern. die auch sehr viel ueber die rezipienten erzählen. diese gepaart mit den bildern und eigener prosa, waren die inhalte der dias im diaraum. mit einem gewissen abstand zueinander, was eine schoene raeumliche wirkung ergibt.

fk: ist das abbruch und demontage eine feste location in mannheim oder war das temporär?
gggr: seit längerem temporär. keine ahnung wie lange noch?

fk: Wer war jetzt beim dem Projekt eigentlich dabei? Seid ihr eine feste Gruppe oder hat sich das so zusammen gefunden?
gggr: das hat sich so ergeben. die beiden jungs, lukas breitkreutz und max hathaway sind in einer grupe aktiv: einkollektiv.de. mir haben ihre arbeiten immer sehr gut gefallen. meine ihnen wohl auch, ein dritter hat uns dann mal zusammengebracht. hat sauviel spass gemacht.

fk: Habt ihr ein nächstes Projekt in der Planung?
gggr: Wir wollen noch einen aether green und blue machen, damit sich der kreis schliesst.
fk: RGB…
gggr: green wird evtl volldigital, worauf wir bei red absichtlich verzichtet haben. aber mal schauen, erstmal durchatmen.
fk: Jetzt mal durchatmen ist nur euer gutes recht. wir sind auf jeden fall gespannt wie es weiter geht, wünschen euch alles gute und bedanken uns für das gespräch.
gggr: freu mich auf deinen beitrag, danke dir fuers interesse.

Fotos: Götz Gramlich

METAÆTHER RED
Lukas Breitkreutz, Götz Gramlich und Max Hathaway
14.04.2012 – 21.04.2012
Abbruch und Demontage
Luisenring 16 / Mannheim
http://abbruchunddemontage.wordpress.com/