Das Studio Roh und das Studio for Artistic Research hatten an diesem Freitagabend eingeladen. Jeder für sich. Jede auf seiner Seite des Düsseldorfer Hauptbahnhofs. Und jeder mit sehr distinkten Programmpunkten.

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Azin Feizabadi im SAR

Der Name „Studio“ und die Einbettung im selbstorganisierten Künstlermilieu der Stadt ist ziemlich alles, was diese Projekte verbindet. Der zeitnahe Besuch der Räume, besonders an diesem Freitag, machte klar, wie fern die Absichten und Ambitionen beider Studios voneinander stehen. Während das Studio Roh einen vorläufigen Höhepunkt in trashiger Theatralik erreichte, bemühte sich das Studio for Artistic Research um High-End-Kunst mit braven politischen Akzenten. Zwischen der effektbetonten Geisterbahn des Einen und dem einwandfreien aber steifen Professionalismus des Anderen lagen Lichtjahre der künstlerischen Strategie.

Ja, es ist aus mit dem Studio Roh. Zumindest an diesem Standort. Die Kraftzelle am Stresemannplatz wird am Ende des Jahres endgültig verlassen, die Wohnung geräumt, die Aktivitäten auf andere Pflaster verschoben. Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek haben anderthalb Jahre lang viel gegeben. Sie haben ihre Wohnung in einen Ort des ungehemmten Experimentierens verwandelt, ständig in Kunstaktionen gehaust und ihr Privatleben teilweise in eine Art soziale Plastik ummodeliert. Sie haben das Leben einer exponierten Gastgeberschaft durchlebt und nun liegt verständlicherweise Erschöpfung in der Luft. Nach einer  intensiven Phase des Brennens ist es für sie an der Zeit, auf kleine Flamme zu gehen.

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Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek

Die letzte Veranstaltungsreihe im Studio Roh heißt Dual. An vier verschiedenen  November- und Dezemberabenden kommen jeweils zwei Künstler zusammen und zeigen das Produkt ihrer Kooperation. Die Vorliebe für das Dublettenspiel im Kunstbetrieb ist in den letzten Zeiten mehr als eine Mode, sie ist gar zu einem unausweichlichen Modus geworden. Der Austausch in Pärchenform ist schwer angesagt, wie wir es hier öfter mal unterstrichen haben. Diesmal kamen Oliver Blumek und Ali Altin zusammen und hatten einen Großteil der Wohnung in einen multisensoriellen Parcours verwandelt. Der unsichtbar gemachte Parcours war nur von einem einzigen Besucher gleichzeitig zu betreten; eine entsprechende Warteschlange hatte sich im Flur gebildet. Da das Begehen dieses Parcours ohne Kamera erfolgen musste, ist die Bildauslese diesmal leider sehr dürftig.

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Im Vorraum des Parcours durfte sich der etwas verunsicherte Teilnehmer Kostüme für seine Wanderung ins Unbekannte aussuchen. Die Auswahl war nicht riesig, weder Dirndl noch Bondage-Gummishirt sagten mir zu; so entschied ich mich für einen ganzkörperlichen Thermoschutzanzug. Dann bekam ich einen Receiver in die Hemdtasche, einen Kopfhörer sowie einen zusätzlichen Ohrenschutz um die Ohren, um schließlich mit einer Art Leinentasche auf dem Kopf von dem Rest der Welt isoliert zu werden. Blind und so gut wie taub, ließ ich mich an der Hand zum nächsten Raum führen, wo das Hörspiel anfing. Nur der Tast- und der Hörsinn waren angeschaltet – sowie ein wenig, gefilterter Geruchsinn. Es blubberte im Hintergrund, dann bekam ich eine lauwarme Flüssigkeit auf die Hand gespritzt und fragte mich, wer so ungeniert auf mich ejakuliert, bevor ich dann im Kreis gedreht wurde. Das Hörspiel nahm an Fahrt zu und ähnelte zunehmend einem Cover von Pink Floyd‘ The Wall: Eine Stimme klagte mich für ein Verbrechen an, das ich begangen und vergessen hatte, ich wurde von zwei für mich unsichtbaren Händen gezwungen, in die Knie zu gehen, im Kopfhörer bemühte sich (eher schlecht als Recht) eine Frauenstimme, die meine Mutter sein sollte, um meine Rettung, ich ging als Volltrottel auf die Bühne und wurde beschimpft, geschupst, gegen Kartonwände gedrängt, ein wenig geschüttelt und dann gegen warme, wohlriechende Humuserde gedrückt, bevor die Hostess vom Dienst mich wieder frei ließ.

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Psychotheater mitsamt masochistischen Gefühlen für Anfänger, Stufe 1, dachte ich, als ich mich von meinem Anzug befreite. Noch ein wenig zu nett (obwohl ich mich in dieser Disziplin zu den Anfängern, Stufe 1 zähle) aber durchaus aufbaufähig und im bekifften Zustand bestimmt viel lustiger. Es hat als Geisterbahn der anderen Art möglicherweise auf Jahrmärkten und auf alternativen Volksfesten Zukunft, vielleicht auch in der freien Theaterszene, ich weiß nicht so genau. Alles in allem eine abkömmliche Erfahrung. Warum nicht, warum aber auch. Diese naive, unbeholfene  und beherzte Bemühung, Interaktion zu generieren, Menschen zu bewegen oder gar zu berühren, herkömmliche Formate zu sprengen (auch wenn die Explosion die Detonationskraft eines Furzes besaß) und, unbeachtet möglicher kollateraler Schäden, sich ganzkörperlich in die Aufgabe zu stürzen, ist mir trotz aller Ignoranz der Macher für ihre Vorgänger aus den Abteilungen Psychodrama, Musical, Happening, Freak-Show und Familienaufstellung äußerst sympathisch. Vielleicht, weil sich da einige Typen wagen, etwas auszuprobieren. Vielleicht weil da einige Typen verstanden haben, dass die letzte authentische Geste im Kunstzirkus darin besteht, die Hose runterzuziehen und, egal wie hässlich und dumm es aussieht, für sein Hinterteil gerade zu stehen. Vielleicht weil ein paar Typen da einfach bei sich sind und das Konzept der Selbstverleumdung zu Zwecke des Karrieresprungs nie verstehen werden. Benzenberg und Blumek sind Idioten im Sinne Dostojewskis Held Myschkin: Sie sind zwei unverdorbene, aufrichtige und authentische Künstler, die in ein Meer des gleichgeschalteten Opportunismus navigieren und nichts anderes als ihren eigenen Kurs kennen. Studio Roh, ich werde euch vermissen.

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Nach diesem Zirkuserlebnis mutete sich die nächste Veranstaltung im Studio for Artistic Research unheimlich professionell, seriös und clever an. Aber weniger mutig. Der in Berlin lebende iranische Künstler Azin Feizabadi zeigte dort Conference of the Birds, ein Ensemble aus Film, Objekten und Grafiken. Im Zentrum des Komplexes stand ein ca. 50-minutiger, ziemlich geschwätziger Film als moderne Variante eines orientalischen Märchens. Wie im Studio Roh fungierte eine stilisierte Gerichtssituation als Plot: ein Mann, der einen Film für seine Geliebte realisiert hatte, wurde beschuldigt, das Volk mit seinem kinematografischen Oeuvre hypnotisiert und schwere Unruhen verursacht zu haben. Letztere, dargestellt durch echte Amateuraufnahmen des arabischen Frühlings, wurden kontrapunktisch zwischen zwei kafkaeske Urteilsszenen in die Haupterzählung integriert.

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In einem Séparée  bekam die metareflexive Ebene einen eigenen Raum: Es wurden einige Dokumente und Gegenstände in Vitrinen und auf Tischen ausgebreitet, die sich auf den Filmdreh bezogen, dessen fiktionalen Charakter kommentierten und gleichzeitig weitere Verbindungen zur politischen Lage in Nordafrika und in Nahost webten.

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Fiktion und Realität verschmolzen so in einem Zwischenraum. Auf die langen, symbolischen und bedeutungsschwangeren Sequenzen des Hauptfilms, die ich nicht so recht als Klischee oder als Kitsch identifizieren konnte, folgten Streetfighting-Szenen in Handy-Kamera-Qualität, die den vorherrschenden ruhigen und poetischen Erzählrhythmus auf einmal animierten. Der narrative und subjektiv geprägte Ton des Films schuf eine Brücke zwischen fiktiven und dokumentarischen Elementen, versuchte dialektisch in einer dritten Instanz zu münden, wirkte dabei aber meistens aufgesetzt klug, an der Grenze zur professoralen Arroganz. Eine Berührung, ob emotionaler oder intellektueller Natur, entstand nicht. Das lag vielleicht daran, dass diese Art von Kommentaren zu aktuellen politischen Ereignissen, die sich sowohl an dem Objektivitätsanspruch des Dokumentars als auch an dem subjektiven Pathos einer Ich-Erzählung bedienen, mittlerweile Gang und Gebe auf besseren Fernsehkanälen sind. Und es lag mit Sicherheit daran, dass dieser bewusst vage gehaltene Duktus mittlerweile auf allen Biennalen oder politisch angehauchten Gruppenausstellungen der westlichen Welt anzutreffen ist. Dies schmälerte keineswegs die indiskutable Qualität von Conference, wirkte aber wie ein déjà-vu.

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Und vor allem ließ dies den Betrachter über die Notwendigkeit einer solchen Präsentation an einem solchen Ort nachdenklich. Wir haben es gesagt: Conference war professionell, seriös und clever. Adjektive, die im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Off-Milieu beinah deplatziert klingen. Dass wir uns nicht missverstehen: Ich will auf keinen Fall ein Loblied auf den Amateurismus singen. Aber der Ehrgeiz in der künstlerischen und kuratorischen Aufarbeitung dieser Ausstellung opferte jede Experimentierlust für den unbedingten Professionalismus. Nichts wurde gewagt. Nichts überraschte, nichts berührte. Da haben ein paar Typen vergessen, die Hosen runterzuziehen.

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Diese Ausstellung hätte genauso gut in einer Institution außerhalb des Off-Bereichs stattfinden können. Und tatsächlich: Feizabadis Arbeit wurde bereits in Kunstvereinen, Galerien und Museen gezeigt. Da gehört sie ja unbedingt hin. Feizabadis Herangehensweise, sein Tonfall, sein thematischer Schwerpunkt und seine politische Korrektheit sind durchaus systemkonform. Die unleugbare Intelligenz des Künstlers besteht darin, anders als engagierte Polit-Hitzköpfe, die undifferenziert in die Kerbe der Betroffenheit und der Empörung schlagen und sich dadurch angreifbar machen, politische Inhalte zu bearbeiten, die an das gute Gewissen des Rezipienten appellieren und sich gleichzeitig – dank des Rückgriffs auf eine Fiktion – hinter den Gemäuern der Narrativität verstecken. Als Sahnehäubchen schafft der universal einsetzbare  Dekonstruktivismus, hier in der Form eines Meta-Kommentars (sogar der Marketingjargon blendet weniger und spricht von Bonus-Material…), die abgeklärte und raffinierte Note, die nicht fehlen dürfte. This is so contemporary. In vierzig, fünfzig Jahren wird man sagen: Das ist Kunst, wie sie am Anfang der 2010er Jahren gemacht wurde.

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Ist das schlecht, ist das schlimm? Keineswegs. Im Kunstbetrieb ist das sogar legitim. Der Topf will gefüllt werden, und da haben wir hervorragendes Füllmaterial. Klar ist, dass das pompös betitelte Projekt Studio for Artistic Research eindeutig in Richtung KIT und Kunstverein schielt, und etwas wie eine Zwischenstufe zwischen diesen Institutionen und der freien Kunstszene intendiert. Noch eine Zwischenstufe, könnte man behaupten. Die Plateaus werden immer dünner. Die vertikale Eroberung des lokalen Kunstbetriebs immer fragmentarischer.