„Ok Dorothy“ – der Titel der aktuellen Show in der Hamburger Galerie Hengevoss-Dürkop – nimmt Bezug auf eine Figur die Fabian Hesse zusammen mit der freien Gruppe o-team (Stuttgart) als Teil des Projekts „3D biohypermedia Theaters“ entwickelt hatte. Die Hauptfigur der Dorothy, ist eine Anlehnung an Dorothy Gale aus dem Märchen „Der Zauberer von Oz“, sie ist Künstlerin und künstliche Intelligenz zugleich.
Ich habe Fabian Hesse 5 kurze Fragen zu seiner Arbeit gestellt und wem das nicht genügt der zieht sich hier via youtube vorab oder danach, wie es eben am besten gefällt, noch das Video des Vernissage. Dort spricht Bettina Steinbrügge die Direktorin des Hamburger Kunstvereins ein paar kluge einleitende Sätze – und Fabian Hesse selber ist auch mal kurz im Bild zu sehen.

fk: lieber fabian, glitch und 3D warum macht dich das so an?

fh: Nein eher sind`s die glatten Oberflächen der Simulationen die einen immer wieder abstoßen – Glitch legt ja als Störimpuls die Konstruktion und Strukturen des Mediums offen, und ist ein Widerstand gegen das Perfekte, Nahtlose. Eigentlich geht es um die künstlerische Aneignung von Technologien die die Welt bestimmen, und andere Umgangsweisen damit zu entwickeln. Mit freiem Experimentieren, das weder nützlich noch smart oder Produkt sein muss, oder z.B. neue Formen des Gemeinguts als digitale Gegenstände und Fablabs. Und natürlich kunstimmanentere Fragen wie die Herausforderung, die Daten als Material an die Kunst stellen, oder der Vorstellung von Kunststoff als Material unendlicher Transformation.

fk: Was sind das für Textfragemente in den 3D-Glitchprints? Woher stammen die?

fh: …to be honest, da musste ich erstmal im Rechner nachschauen: die Anfangsdatei war „Palme-1“, das JPG-Foto einer Publikation von Ed Ruscha: A Few Palm Trees (1971), das durch eine Menge Transformationen gejagt wurde. Und Ed Ruscha ist ja eigentlich Erfinder von Street View, Bildersuche, …!
Die anderen Glitchprints der Ausstellung stammen aus buzzword-Listen. Das sind Begriffe aus Problemanalysen von Start-Ups, und deren Lösungsvorschlägen in Form von Geschäftsideen – generiert aus Businessplänen des TU München Gründerzentrums: da ist alles dabei und es ist relativ lustig, data clasm info Quatsch-Wahnsinn. In diesem Fall sind dann flowige Blöcke entstanden, die ich additiv ineinanderpurzeln lasse, und dann wieder subtraktiv bearbeite und digital sculpte. Irgendwann habe ich seitlich in den Textkörper geschnitten wie bei einer Tomografie, da entsteht wieder ein anderes interessantes pattern, eigentlich ein Hypertext der sich multilinear entwickelt.
Generell ist meine Auseinandersetzung mit Themen und Phänomenen so, das ich Datenströme, Unmengen an Text- und Bildmaterial, und Dateien und Gedanken hin- und herwuchte zwischen Programmen, Formaten und Projekten. Die Umwandelprozesse sind wie bildhauerische Werkzeuge, jedes Tool, jede Software hat spezifische Fähigkeiten und Limits – damit kann man spielen. Dabei werden die Dateien immer mehr verschliffen, verlieren sich irgendwie bis sie zu etwas anderem und autonomen werden.

fk: computer und internet. geil, semigeil oder ungeil. wie ist aktuell deine meinung dazu?

fh: Beides ist so schön „vorbei“: deshalb kann man jetzt endlich wieder Computer bauen und Sachen mit dem Internet verbinden .) – mit gehypten Sachen lässt sich ja schlecht arbeiten, Kunst arbeitet ja mit den Resten, den Überbleibseln die das Kapital nicht mehr verwerten kann, mit dem was nicht-mehr-funktioniert. Oder man arbeitet eben, wenn man Zugang dazu hat, mit dem allerneuesten, so neu dass es eben noch-nicht-funktioniert – also den Ruinen der Vergangenheit und den Ruinen der Zukunft. Wir leben wir ja eh in Ruinen, realen und symbolischen, und es geht darum auszuprobieren wie man da wieder anders anbauen könnte. Und wenn totale Digitalisierung die Normalität darstellt, wird Technik als soziale Praxis relevant. Im Altgriechischen heißt technê ja eher ‚Umgangsweise‘ und das Wissen um Handlungsweisen – steht also in Verbindung mit einem Ritual – das finde ich super den Technikbegriff dahingehend zu erweitern bzw. einzudampfen, das kann was.

fk: eventuell kennst du den legendären ausspruch vuk cosics ‚Art was only a substitute for the Internet‘? [1] Was meinst du, ist das was dran an dem Spruch?

fh: Ich nehme mal als Beispiel Memes. Sie waren ja mal eine Art kollektive internationale Volkskultur. Momentan wird das Internet ja eher Lerngrundlage für die neuen Intelligenzen, die da nun ihr eigenes Ding machen und das Internet zum Modell der Welt. Und die Welt wird zum Gehirn, augmentiertes Gehirn. Der Planet zur ersten Superintelligenz, also alles wie immer. Und, mit HC Dany: morgen werde ich Idiot.

fk: Ist Artificial Intelligence Thema oder Hype? Wenn ja nein warum oder warum nicht, wie ist deine Idee dazu?

fh: Interessanterweise beginnt ja schon in der Renaissance bzw. in Bagdad die numerischen Erfassung der Welt, durch die Erfindung der Mathematik als Zugang zur Welt und der Perspektive als messender Betrachtungsmodus. Alberti erfindet in De statua bereits die dreidimensionale mathematische Vermessung und Darstellung, es war halt nur etwas aufwendig ohne Rechenpower. Wenn jetzt IT-Ingenieure völlig neue visuelle Formen, Konzepte, Zusammenhänge erfinden, die sich dann selbst weiterentwickeln, stellt sich teils schon die Frage was Kunst kann. Die Tätigkeiten von Ingenieuren nähern sich denjenigen von Künstlern wieder an. Das findet dann mehr unter den Arbeitsbedingungen bei Google und den Verbreitungs- und Rezeptionsbedingunen der digitalen Ökonomie stattt, und nicht denjenigen des Kunstbetriebs. Renaissance der Renaissance, Meta-Moderne! Ich freu mich jedenfalls auf 3D deep dreaming. Und ein paar Albträume.

fk: fabian, danke dir und alles gute weiterhin!

Fabian Hesse – Ok Dorothy

Galerie Hengevoss-Dürkop
Klosterwall 13
20095 Hamburg

Ausstellung läuft noch bis 6. April 2018
Artist Talk: Donnerstag, 5. April 2018, 18 Uhr

Mittwoch – Freitag 14:00 – 19:00
Sonnabend 12:00 – 15:00 u.n.V.

http://hengevossduerkop.de