Das Presse- und Informationsamt in Frankfurt verfügt über ein Treppenhaus, das sich mittlerweile zu einer Galerie der besonderen Art etabliert hat. Seit 19 Jahren nehmen dort Künstler der Stadt die Herausforderung an und zeigen ihre Arbeit in einem Ort, der nicht gerade einfach zu bespielen ist. Die aktuelle Präsentation von Franziska von Stenglin heißt Himmel und Abgrund so nah und geht sowohl auf die spezielle räumliche Situation als auch auf die Frankfurter Hochhaus-Landschaft ein.

von Havva Erdem (Frankfurt / Main)

 

(der an der Eingangstür beigefügte Text der Künstlerin)

“Sie blieb einen Moment stehen, bevor sie die glänzende Lobby betrat.

Sie war kaum einen Kilometer weit gelaufen, aber es fühlte sich an wie eine ganz andere Welt. Sicher würde es Leuten, die hier arbeiten, nicht anders gehen, wenn sie den Fluss überqueren würden.

Die Lobby war sehr großzügig, hell und sauber, dass sie sich auf einmal ihrer eigenen Erscheinung bewusst wurde. Sie trat an die Rezeption, stellte sich vor und fragte nach der Person, deren Namen man ihr genannt hatte. Der Rezeptionist wählte eine Nummer und gab ihr ein plastikumhülltes Namensschild.

Sie setzte sich in einen, wie sie feststellte, Le Corbusier-Sessel und schaute sich um. Überall Dreiecke. Die Deckenplatten waren dreieckig, die Fliesen auf dem Boden, selbst der Aschenbecher stand da wie eine Pyramide.

Männer und Frauen eilten an ihr vorbei. Nach einer Weile erschien ein junger Mann. Er trug einen schwarzen Anzug, der aus einem leicht glänzenden Material gemacht war, und spitz zulaufende schwarze Schuhe. Er musste etwa in ihrem Alter sein. Gemeinsam gingen sie durch die Barrieren, die ihr Gastgeber mit einer Chipkarte öffnete.

Sie waren allein, der Fahrstuhl war nur für Gäste reserviert. Sie schossen hoch in das 43.Stockwerk. Eine Seite des Fahrstuhls war aus Glas. Die Stadt verschwand fast lautlos unter ihr, man hörte nur die Luft, die ihren Druck veränderte.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Drei Sicherheitsmänner standen an der gegenüber liegenden Wand der Halle, die vor ihnen lag. Sie lief hinter dem jungen Mann her, die drei Sicherheitsmänner folgten ihr. Sie durchquerten verschieden kleine Konferenzzimmer, alle nach Opern benannt: Aida, Lohengrin, Don Giovanni. Sie fragte sich, ob einer wohl “Cosi fan Tutte” hieß (So machen sie es alle).

 

In jedem Zimmer stand ein Konferenztisch und weitere Corbusierstühle. Die Wände den Türen gegenüber bestanden immer komplett aus Glas, so dass sie weit in die Ferne blicken konnte. Sie trat an das Fenster hean bis sie fast am Abgrund stand, nur das dicke Glas trennte sie. An den Wänden zur rechten und zur linken hingen großformatige Farbfotographien und oder großformatige, bunte Gemälde.

Sie gingen weiter. Der junge Mann führte sie in einen Raum, der wohl das Hauptkonferenzzimmer sein musste. Er war fünfmal so groß wie die anderen und hatte runde Wände. Der riesige Tisch hatte ein Loch in seiner Mitte. An der Wand hing eine große Weltkarte. Sie fand, dass es wie das Natohauptquartier aussah.

Die Männer blieben an der Türe stehen, während sie sich umsah. Nach einer Weile suchte sie sich einen Punkt am Fenster aus. Sie stellte ihr Stativ auf die Fensterbank, montierte ihre Kamera darauf und richtete sie gen Himmel. Sie zog ihren Belichtungsmesser hervor und hielt ihn ans Fenster, änderte die Einstellungen ihrer Kamera und drückte auf den Auflöser.

Auf dem Weg zurück hinunter war der Fahrstuhl etwas voller, die Sicherheitsmänner begleiteten sie. Dieses Mal bemerkte sie, dass sich auf jedem zweiten Stockwerk ein kleines Schild befand, dass auf eine Eiswürfelmaschine hinwies. Der Klang des Luftdrucks hatte sich umgekehrt.

Die Stadt eilte ihr entgegen.”

 

Franziska von Stenglin wurde 1984 in München geboren, wuchs in Afrika, Indien und Deutschland auf und studierte Fotografie in London. Zur Zeit absolviert sie die Städelschule in der Klasse von  Simon Starling.

 
Franziska von Stenglin
“Himmel und Abgrund so nah”
8.11.2011-31.03.2012
Mo-Fr 8.00-18.00 Uhr
Treppenhausgalerie im
Presse- und Informationsamt
Römerberg 32
60311 Frankfurt am Main

Über den Autor dieses Artikels

emmanuel mir hat bisher Artikel auf perisphere veröffentlicht.

Emmanuel Mir wurde 1972 in Toulon (Frankreich) geboren, studierte Kunst in Nizza und in der Kunstakademie Düsseldorf, wurde Meisterschüler von Prof. Rabinowitch und Diplomkünstler. Studierte dann Kunstgeschichte und Geschichte in Düsseldorf und promovierte 2012 zu einem komplizierten Sachverhalt. Er ist gegenwärtig freier Autor, Kunstvermittler und Kurator sowie Dozent für Kunstgeschichte an der fadbk Essen. Für perisphere ist er Assistant des Praktikants (s. oben). Seine Lieblingsfarbe ist Kartoffelbrei und als Hobby treibt er Einkaufen.