Ein rascher Blick über ihre malerische Produktion informiert über die bevorzugte Gattung von Kerstin Müller-Schiel: das Portrait. Auf grundierten oder nicht grundierten Leinwänden, auf großen Papierbögen oder auch auf Holzplatten, aus breiten und weichen, sehr flüssigen Farbflächen, die die Künstlerin mit schnellen und sicheren Gesten aufträgt, entstehen Menschen, verwickelt in alltägliche, unspektakuläre Handlungen. Die Allgegenwärtigkeit der Figur in Müller-Schiels Werk ist so auffallend, dass der Begriff des Anthropozentrismus sofort in den Sinn kommt. Aber sind das wirklich Menschen auf diesen Bildern? Kann man hier wirklich von „Portraits“ sprechen? Täuscht nicht vielmehr der erste, rasche Blick?

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Davor (125×60 cm)

In ihren Bildern inszeniert Müller-Schiel ein minimales Theaterstück mit abgekapselten und gesichtslosen Darstellern. Die Malerin tilgt alle individuellen Merkmale ihrer Figuren, bereinigt sie von allen spezifischen Eigenschaften, bis diese zu undefinierten Schatten werden. Die Körper werden von all ihren unverwechselbaren Wesensmerkmalen gesäubert; sie sind nicht Träger einer Geschichte, nicht  Medien einer originellen Erfahrung. Sie haben ihre Prägung verloren. Diese Körper bilden vielmehr allgemeine menschliche Typen (das Kind; die Frau; der Mann mittleren Alters) als dass sie sich auf reale Menschen beziehen würden. Durch diese Entindividualisierung der Figur verwandelt sich der dargestellte Leib in ein Zeichen. Auch im Kopfbereich, der in der Portraitgattung traditionellerweise als Herd der Expressivität fungiert, herrscht eine gespenstische Leere. Wenn sie überhaupt wahrnehmbar werden, sind die Gesichtszüge auf wenige wasserhaltige Farbpfützen reduziert. Was übrig bleibt, sind Schemen, Phantome, seelenlose Erscheinungen, die ihre Spuren in einer entleerten Welt hinterlassen.

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Man sieht´s ihr an (40x40cm)

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Die Schatten von Müller-Schiel bewegen sich in einem Nicht-Raum. Die Hintergründe dieser „Portraits“ sind nicht immer vorhanden; und wenn schon, dann höchst  spärlich. Ansätze von Motiven und unabgeschlossene Zeichen liefern mit einem lakonischen Trotz Minimalinformationen zu einer Umgebung, die der Betrachter zu Ende fantasieren kann. Menschen ohne Eigenschaften schweben in einer Landschaft ohne Eigenschaft. Dadurch findet der Rezipient keinen richtigen Anhaltspunkt für eine narrativ orientierte Dechiffrierung der Bilder. Denn die Abwesenheit eines Kontextes, kombiniert mit der unspektakulären Allgemeingültigkeit der Handlungen und Gesten dieser verlorenen Seelen, verbietet eine erzählerische Lesart. Alles ist diffus. Es wird nichts gezeigt. Die These erhärtet sich: Diese anmutigen Farbflächen, die wie Menschen aussehen, sind alles andere als Menschen.

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Im Sand (30x40cm)

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Denn es geht Müller-Schiel nicht um Menschen; die Duisburger Künstlerin malt zwar objektiv betrachtet „Portraits“, aber Menschen sind letztendlich nirgendwo zu sehen. Die Allgegenwärtigkeit des anthropologischen Sujets täuscht nicht darüber hinweg, dass die Figur nur eine Art Vorwand bildet. Stillleben, Landschaften oder abstrakte Kompositionen hätten es auch getan. Das Bild, und allein das Bild, steht im Vordergrund. Um Farbe, Form, Komposition, um Akkorde und Kontraste geht es.  Es geht um malerische Fragen, um bildimmanente Phänomene, um Gesten, um eine selbstbezogene Praxis. Es geht um den Akt des Malens selbst, der sich nie hinter den gemalten Zeichen und Motiven versteckt, sondern stets präsent bleibt. Die Hand der Künstlerin ist ja sichtbarer als das Gesicht der Figuren, die sie formt. Der Stil drängt sich vor und stellt eine vermeintliche Thematik völlig in den Schatten. Auch wenn es nicht sofort deutlich ist: Kerstin Müller-Schiel malt nicht „Bilder von“, sie malt Bilder. Punkt.

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Versunkener (50x30cm)

Als der Mensch sich aus diesen Gemälden verabschiedete, hinterließ er elegante, ja dekorative Spuren. Anstatt fleischiger Körper, greifbarer Raumgefüge und realistischer Situationen sind Ornamente, Farbstudien und beinah abstrakte Arrangements entstanden, die eine gewisse visuelle Geschmeidigkeit besitzen. Der Pinsel streift geschwind an der Oberfläche des Bildträgers, definiert Form und Hintergrund, schlängelt sich durch das Blatt mit offensichtlichem Vergnügen, sucht den Kontrast, kreiert Windungen und Rundungen, füllt den Raum, findet Gefallen an dem Ergebnis, wirkt beinah selbstverliebt. Pure Freude. Der erfahrene Blick erkennt in diesen Bildern die große Mallust und den schieren Genuss der Künstlerin. Die einfache, selbstgenügsame Schönheit dieser Gemälde, ihre fast frevelhafte Sinnlichkeit erinnert an Matisse, an die Aquarelle von Nolde, an manchen reduzierten Vuillard, gar an Klimt.

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Die Motive von Kerstin Müller-Schiel leugnen nie ihre Herkunft: Es sind flache Bilder, die sich auf andere flache Bilder beziehen. Die Künstlerin bearbeitet fotografische Vorlagen, die meistens aus ihrer Privatsammlung, manchmal aber auch aus der Welt der Werbung stammen. Diese Motive sprechen die Künstlerin auf eine besondere Weise an. Dies ist mehr als der rein menschliche Bezug, sie ist von den Linien eines Körpers, von der Gestalt einer Geste, von der Anmut eines Ausdrucks angezogen. Schnell – schon im Akt der Rezeption – kommen aber die ersten Momente einer Stilisierung.  Bereits während der Betrachtung ihres Bildmaterials teilt die Künstlerin das Bild in Flächen auf. Sie sieht nicht Menschen, sondern Formen, Bewegungen, Farben, Lichtverhältnisse, Kontraste. Ihr abstrahierender Blick gibt diese Informationen an ihre Hand weiter, die dann diese Formen, Bewegungen, Farben, Lichtverhältnisse und Kontraste aufs Bild überträgt. Diese Verfahrensweise liefert noch einen Beweis dafür, dass die realen Figuren, von denen die Malerin ausgeht, nur sekundär sind.

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Deshalb lässt sich ihre Kunst doch nicht mit der Kunst von den höher erwähnten Künstlern vergleichen. Deshalb lässt sich ihre Kunst auch nicht mit der von Marlene Dumas vergleichen, eine Künstlerin, die immer wieder als mögliches Vorbild zitiert wird, dabei aber eine ganz andersartige Herangehensweise pflegt. Die Tatsache, dass  man nur in absentia von einem Sujet sprechen kann, macht klar, welche Bedeutung die autonome malerische Arbeit hier erlangt hat. . Kerstin Müller-Schiel, das wiederholen wir ein letztes Mal, sucht nicht nach dem Ebenbild des Menschen. Ihre Suche ist viel fundamentaler: Sie sucht nach der Darstellungsfähigkeit der Welt.

 

Kerstin Müller-Schiel im Hafenkult
Am Parallelhafen 12
47059 Duisburg
Ausstellung vom 7.2- bis 26.3.2014
geöffnet Mit. von 11-14 Uhr und Fr. 17-20 Uhr
+49 (0) 163 33 45 785
www.hafenkult.de