Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert bestehend hat sich der Verein Kunsthaus Rhenania zu einer kleinen Institution der autonomen Kunstszene in Köln entwickelt. Das Kunsthaus Rhenania ist zunächst ein großes Atelierhaus in bester Lage, ein ehemaliger Getreidespeicher, der von 1926 an die verkehrstechnisch evidente Nähe zum Rhein nutzte und schon vierzig Jahre später, also lange bevor man im Rheinland und im Ruhrgebiet von einem Strukturwandel sprach, in einen kreativen Think Tank umfunktioniert wurde. Mittlerweile werden ca. 40 Künstler aller Sparten dort beherbergt; das Haus ist also in erster Linie eine Arbeitsstätte. Neben dieser Werkstattfunktion erfüllt das Kunsthaus Rhenania auch eine vermittelnde Funktion. Seminare, Workshop sowie Ausstellungen finden regelmäßig statt. Seit 2011 gibt es sogar ein hauseigenes Festival, Strom, das die schwierige Balance zwischen wir-bezogener Selbstzelebration (viele Künstler des Vereins werden ins Programm übernommen) und relevanter kuratorischer Arbeit schafft.

Markus Linnenbrink: Niewiederschnellsagen (remix)

Die dritte Auflage von Strom war – das können wir direkt vorwegnehmen – eine sehr gelungene. Die Kuratorin der diesjährigen Veranstaltung, Maria Wildeis, hat sich auf ephemere Kunstformen konzentriert und spannende Positionen gefunden, die prozesshafte Arbeitsweisen bevorzugen. Dass sich dabei viele Namen wiederfanden, die Wildeis in der Vergangenheit in dem eigenen Projektraum Honigbrot ausgestellt hatte, wunderte nicht und wurde als legitimer kuratorischer Rückgriff zur Kenntnis genommen. Wenn man sich als Ausstellungsmacher für eine bestimmte Kunstsparte, bzw. für einen bestimmten Geist und eine bestimmte Haltung konsequent engagiert, ist es selbstverständlich, dass die 1. Choice-Liste nicht ständig neu geschrieben wird.

Evangelos Papadopoulos: Untitled

Pepper / Woll: Pudel

Die Präsentation von (meistens) raumgreifenden Installationen wurde bereichert durch ein ziemlich dichtes Konzert-, bzw. Performances-Programm (zwischen sechs und neun Auftritte pro Tag!) sowie ein andauerndes Videoscreening im Dachgeschoss des Hauses, das aus einer Auswahl der 13. und 14. Videonale bestand. Neben den (geplant) kurzlebigen Raumwerken kamen also die Zeitwerke nicht zu kurz, was angesichts des Leitthemas eine richtige und wichtige Entscheidung war. Die „materielle“ Ausstellung war eine an sich geschlossene, größtenteils kohärente Angelegenheit, angenehm luftig und gut rhythmisiert. Erwartungsgemäß war das Zusammenspiel von Raum und Werk in den schlechtesten Fällen intelligent und passend; in den besten Fällen ja sogar kongenial.

Eli Cortinas: Perfidia

Der Bezug zur ephemeren Kunst war allerdings nicht immer deutlich wahrzunehmen und überschnitt sich meistens mit einer Vorstellung der Raumbezogenheit, die das Konzept des autonomen Kunstwerks zwar auch unterminiert (wie ephemere Werken es auch tun) aber streng genommen nicht als ephemer gelten kann. Diesen Konzeptbruch lässt sich als Kompromiss deuten und hat wahrscheinlich damit zu tun, dass eine gewisse Anzahl an Rhenania-Künstler mit in das Programmfestival aufgenommen werden müssen. An sich kein dramatischer Abseits-Foul – mir gefallen zunehmend diese Ausstellungen, die keine verkrampfte Stringenz besitzen sondern sich die Freiheit erlauben, ihr Thema zu vergessen und Abstecher in fremde Gefilde zu unternehmen – aber es kam immer wieder den Eindruck auf, den Faden der Ausstellung gerade verloren zu haben.

Jan Glisman: Trompeten von Jericho

Besonders beeindruckt haben mich zwei sehr unterschiedliche Positionen. Zunächst die im wahrsten Sinn des Wortes bombastische Tonarbeit von Jan Glisman, die vor einer der Seiteneingängen des Hauses auf dem Boden lag. Glisman hatte am Eröffnungsabend ein riesiges Rohr aus feuchtem Ton durch einen Kran in luftige Höhen hieven und von gut zehn Metern herabstürzen lassen. Die wohlgestaltete Form platzte wie ein Ei auf das Pflaster. Das Ergebnis: ein eingefrorenes Bild des Aufschlags, zugleich brutal und faszinierend wie die versteinerten Leichen von Pompei; ein Form gewordener Schock, gnadenlos und kalt wie die Natur, aufrüttelnd und selbstverständlich zugleich, brachial, schön, perfekt.

Gregor Schwellenbach: Hommage à Joseph Beuys (Sound-Installation)

Kerstin Ergenziger: Raumtaster – hier versagt der Fotograf kläglich, schämt sich und bittet um Entschuldigung.

Neben dieser Plastik wurde ich von einer leisen und äußerst spannenden Lichtinstallation berührt, die in vielerlei Hinsichten als Gegenpol zum spektakulären Werk von Glisman gelten kann. Kerstin Ergenziger hatte in einem abgedunkelten Atelier ihr Raumtaster aufgebaut, bestehend aus einem präparierten und mit dunklen Folien bedeckten Overhead-Projektor. Die Folien werden von einem kleinen Motor nach einem sehr präzisen Muster auf der Projektionsfläche hin und her geschoben, so dass sich Lichtstrahlen in den Raum entwickeln. Diese Lichtbänder mit ständig changierenden Maßen streifen nicht unmotiviert durch den Raum, sondern erfassen einige seiner Elemente – einen Wandvorsprung, die Fußleiste oder einen Heizkörper –  mit einer unglaublichen Akkuratesse. Diese Raumdetails, die sich unserer abgestumpften Wahrnehmung entziehen, geraten plötzlich in den Vordergrund, tauchen aus der Dunkelheit heraus und erlangen eine unglaubliche Plastizität und Präsenz. Der einfache Vorgang, mit einer sicherlich komplexen Programmierung, verschiebt die Aufmerksamkeit von einem Punkt zum nächsten, lenkt den Blick, reorganisiert die gesamte perzeptorische Hierarchie und verursacht einen „Umsehen“ (wie man von einem „Umdenken“ spricht). Großartig.

Jens Standtke: Vinylaktiten / Vinylagmiten

Dan Dryer: O.T.

Abgesehen von diesen zwei sensationellen Positionen, gab es eine Menge solider Arbeiten, die zwar nicht immer überraschend (das kann man von Solidität eben nicht erwarten) und sogar ein wenig vorhersehbar waren, aber letztendlich durchaus Qualitäten besaßen. Darunter das modellartige Objekt von Dan Dryer im Dachgeschoss, das, in gewohnter Manier, den Dachgiebel reproduzierten , oder die Wandmalerei von Markus Linnenbrink im Eingangsbereich, die animierend und rhythmisierend wirkte. Was dagegen der Pudel von Pepper und Woll oder die feinen Stabstrukturen von Stef Heidhues in dieser Ausstellung verloren hatten, ist nicht klar. Die Arbeiten überzeugten zwar, waren jedoch weder ephemer veranlagt noch in Abstimmung mit dem Raum konzipiert. Wie gesagt: Diese außerthematischen Exkurse empfand ich aber nicht als störend. Bis auf die schöne aber irgendwie wenig originelle und zu dekorative Lichtinstallation von Molitor & Kuzmin wurde ich kein einziges Mal wirklich enttäuscht.

Molitor & Kuzmin: Monolog

Stef Heidhues: Good Fences

Die einzige negative Kritik zu Strom gilt weder der Kuratorin noch demKunsthaus Rhenania (wobei…). Ein Eintrittsgeld von 10€ für eine Ausstellung zu verlangen, die in einer guten Stunde erfasst ist (es sei denn, man sitzt stundenlang im Filmprogramm) ist ja Wucher – vor allem für diese Subkultur, für dieses Haus, für dieses Projekt. Ich halte es für ein falsches Signal, sich den Museumsstandards anzunähern während man in der selbstorganisierten Kunstszene tätig ist. Natürlich soll sich auch die autonome Szene nicht unter ihrem Wert verkaufen, aber der hohe Preis wirkt sich in diesem Fall abschreckend (mmh, und das erzählt euch ein Redakteur, der kostenlos eingelassen wurde, welch ein Heuchler…). Die Subvention der Stadt Köln war so knapp, dass die Veranstalter mit allen Mitteln versuchen müssten, ein Teil ihrer Kosten an der Kasse wieder einzuholen. Und dabei war das (wir wiederholen:) sehr gute Projekt doch so bescheiden und bedeutend zugleich…

Lang / Baumann: Comfort

Und noch eine Anmerkung zum Abschluss: Überraschend in Strom war auch die Anzahl an Künstlerpaaren. Es waren fast zehn Duos im Kunsthaus Rhenania vertreten, ein Viertel der Künstlerliste war also doppelköpfig! Entwickelt sich diese intime Art der Kooperation zu einem bevorzugten Modell der künstlerischen Produktion?