von Saskia Zeller (Düsseldorf)

 

Was kann in dieser Welt verbindender sein als Magma? Es kommt direkt aus der Mitte der Erdkugel. Heiß und flüssig ergießt es sich auf die Oberfläche. Es erkaltet und entwickelt eine individuelle Form. Die Ausprägung von Lava ist für den Künstler Halldór Ásgeirsson eine universelle Sprache. Für seine Kunst ist es das Material, aus dem alles entsteht. Das verbindende Moment zwischen allen Völkern dieser Erde.

Ásgeirsson weiß, wovon er spricht. Er kommt ja schließlich von der vulkanreichen Insel Island. Als Seemann hat er die Welt gesehen und eine seltsame Sammelleidenschaft entwickelt. Seit 20 Jahren bringt er von seinen Reisen aus Japan, China, Frankreich und Italien Vulkangestein mit. Zuhause erhitzt er es mit heimischem Lava. Alles verschmilzt. Es entstehen bizarre Formen aus Lavakristall, die alle aus der gleichen Wurzel stammen, aber eine andere Ausprägung haben. „Wie Menschen“, sagt Ásgeirsson. Keine Form gleicht der anderen. Feine Härchen aus Glas, insektenartige Gebilde, Tropfen, angedeutete Frauenkörper, Hände mit sieben Fingern – seine Skulpturen sind der Assoziationsmaschine des Betrachters vollständig freigegeben.

Halldór Ásgeirsson

Halldór Ásgeirsson

Halldór Ásgeirsson

Ásgeirsson selbst transformiert seine kleinen Werke weiter. So dienen ihm die Kristalle als Vorbild für kalligraphische Tuschezeichnungen. Standard-Portraitfotos irritiert er mit Kristallschwärmen auf der Haut. Gruseliges Insektenzeug auf dem Gesicht und doch harmlos.

Halldór Ásgeirsson

Unter dem Titel “tvifari – doppelgänger” zeigen in der Produzentengalerie plan.d.  fünf Isländer ihre Werke. Wie Halldór Ásgeirsson mussten zumindest auch die in Düsseldorf ausstellenden Künstler Sara Björnsdóttir, Kristinn Már Pálmason, Erla Þórarinsdóttir und Arthur Ragnarsson ihre „kleine, isolierte Insel“ verlassen und in die weite Welt hinaus. Um ihre „Identität zu erweitern“, wie sie sagen. Geprägt habe die Isländer die Kolonialisierung durch die Dänen, aber auch britische und amerikanische Einflüsse seien stark. Später, in 2008, habe die Finanzkrise das Land ordentlich durchgeschüttelt und verarmen lassen. „Heute sind wir eine postmoderne Gesellschaft“, behaupten die Künstler.

Kristinn Már Pálmason

“tvifari – doppelgänger”: Der Titel der Ausstellung ist gut gewählt. Tatsächlich passen die fünf Künstler mit den zum Teil unaussprechlichen Namen sehr gut zusammen. Das finden auch die Kuratoren Sonja Tintelnot und Peter Clouth. Nicht nur Ásgeirsson sucht das alles Verbindende, das Universelle, das Gleiche im Ungleichen. Erla Þórarinsdóttir ist ebenfalls viel gereist, wenn auch nicht mit dem Schiff. Nach ihrem Kunststudium in Stockholm hat sie viele Monate in China, Indien oder den USA verbracht. Immer auf der Suche nach DEM Kern und DER allgemeingültigen Sprache. Die Malerin und Bildhauerin zeigt bei plan.d. Fotos, die eben genau dieses Universelle aufgreifen: Auf den Zug Wartende in Indien, Gänse auf den Straßen von Reykjavík oder Symbole für Damen- und Herren-Toiletten irgendwo auf der Welt. Zum Teil exotische Momente und doch so vertraut. Es wirkt.

Erla Þórarinsdóttir

Erla Þórarinsdóttir

Sara Björnsdóttir kreiert den „Doppelgänger“ mit Textcollagen: „I the great fake center your twins“. Die englische Sprache als universelle Sprache, die Inhalte: Liebe, Zukunft, der Planet. Es sind Gedankenfetzen, die an der Wand hängen. Worte aus Zeitungen oder Illustrierten ausgeschnitten. Wie ein anonymer Brief serviert. Im Flur, im Vorbeigehen zu lesen. Poetisch, leidenschaftlich, geheimnisvoll.

Sara Björnsdóttir

Sara Björnsdóttir

Sara Björnsdóttir

Im letzten Raum steht Arthur Ragnarsson im Nebel. Er hat ihn sich selbst gebaut aus alubeschichteten Pappen mit Grafitzeichnungen. Ragnarsson ist das verbindende Glied zwischen der plan.d.-Galerie, in der er schon einmal ausgestellt hatte, und der isländischen Gruppe. Auch er war früher Seemann in internationalen Gewässern. Heimweh ist sein verbindendes Element. Zwischen der Welt und Island. Heimweh hat er immer mit im Gepäck. Ein universelles Gefühl, das es überall gibt, sich aber auf unterschiedliche Orte bezieht. Auf die Wurzeln eben. Und Nebel? Den hat er schon oft erlebt, auf hoher See, aber auch metaphorisch. Zum Beispiel bei der Finanzkrise 2008. „Es war wie eine Explosion“, sagt er. „Dann kam die Dunkelheit, Orientierungslosigkeit und Isolation“.

Arthur Ragnarsson

Arthur Ragnarsson

Arthur Ragnarsson

Arthur Ragnarsson

Sein Nebel-Reflektor im plan.d. zeigt die verzerrte Spiegelung des Betrachters und des Raums. Die Zeichnung mit Graffiti Bleistift ist „das einzig Reale“, sagt er. Das Silbergrau verändert sich nicht mit der Perspektive des Betrachters. Es ist etwas, das fest steht. Ein isländisches Höhlengleichnis? Diese spontane Interpretation gefällt Ragnarsson ungemein – er nimmt sie mit einem Wikingerlachen dankend an.

 

tvífari – doppelgänger
bei plan.d.
Dorotheenstr. 59
40235 Düsseldorf
Ausstellung vom 18.8-9.9.2012
geöffnet Sa. und Son. von 15-18 Uhr

About emmanuel mir
Emmanuel Mir wurde 1972 in Toulon (Frankreich) geboren, studierte Kunst in Nizza und in der Kunstakademie Düsseldorf, wurde Meisterschüler von Prof. Rabinowitch und Diplomkünstler. Studierte dann Kunstgeschichte und Geschichte in Düsseldorf und promovierte 2012 zu einem komplizierten Sachverhalt. Er ist gegenwärtig freier Autor, Kunstvermittler und Kurator sowie Dozent für Kunstgeschichte an der fadbk Essen. Für perisphere ist er Assistant des Praktikants (s. oben). Seine Lieblingsfarbe ist Kartoffelbrei und als Hobby treibt er Einkaufen.