20.2.2018 23:21
fk: liebe birgit, danke dir für das update zu den vlugschriften, schön zu sehen wie es weiter geht! eine frage. sollen wir 4 oder 5 kurze fragen zu projekt machen und dann was auf perisphere.de stellen?
also so bisschen meta-infos.

21.2.2018 07:51
bj: super, machen wir gerne.

21.2.2018 12:34
fk: okay danke. ich sende dir zu.

24.2.2018 18:52
fk: wie kam es zu dem projekt?
bj: Letzten Sommer wurde ich von Barbara Camilla Tucholski zu einem Aufenthalt ins Künstler Gut Loitz e. V., einem kleinen Kunstverein in Loitz an der Peene in Vorpommern, eingeladen. Loitz liegt zwar in der Nähe von Greifswald, einer pulsierenden Uni-Stadt und der Ort, in dem am 5. September 1774 Caspar David Friedrich geboren wurde, ist aber selbst nur ein kleiner Ort – allerdings landschaftlich sehr schön gelegen. Der Kontrast zu meiner „normalen“ Umgebung war riesig. Aber, auch wenn man noch so weit weggeht, irgendetwas nimmt man immer mit. Was ich mitgenommen habe, ist mein Netzwerk, die Künstler, die ich kenne und mit denen ich über das Internet in Verbindung stehe.

fk: warum diese form der auseinandersetzung mit der frage was und warum kunst jetzt?
bj: Ich habe sie angeschrieben mit der Frage, wie sie zu dieser Welt stehen. Ich wollte wissen, ob sie sich ebenso wie ich mit der Gegenwart auseinander setzen, mit den manchmal Besorgnis erregenden Nachrichten, mit philosophischen, politischen, sozialen und ökologischen Problemen, die uns allgegenwärtig umgeben und vor allem mit der Kunst, die irgendwie der Besorgnis dann doch meistens etwas entgegen setzt.

fk: gab es eine fragestellung mit der du ins projekt rein bist?
bj: Ja, klar. Ich hatte zufällig der Unterhaltung zweier Herren mit Schweizer Akzent beigewohnt. Der Kommentar des einen zum anderen lautete: Ich möchte in keiner anderen Zeit leben als dieser. Daraus ergab sich für mich die Frage: Könnte ich das auch für mich behaupten? Warum, warum nicht? Malt man sich manchmal eine friedlichere Zukunft aus, sehnt man sich manchmal zurück? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Zeit und der Kunst? Gerade das letzte Jahr war ja das mit den grossen Ausstellungen in Kassel, Athen, Venedig und Münster. All diese Ausstellungen beanspruchten für sich, mit der Kunst etwas über die Gegenwart zu sagen. Da dachte ich, frag doch mal die Künstler selbst, was sie denken.

fk: welche ergebnisse ziehst du für dich aus der sache?
bj: Die Ergebnisse meiner Mail-Umfrage haben mich überrascht. Es kamen immer wieder neue Antworten mit immer wieder neuen Aspekten. Es war unglaublich spannend. Das ist es auch jetzt noch. Ich zeige die Flugblätter nun ein zweites Mal, bei Pictura in Dordrecht / NL. Viele Statements sind Denkanstösse, einige sind auch ziemlich provokativ. Das Projekt setzt sich somit fort. Nicht nur meine Fragen fanden viele verschiedene Antworten, sondern nun entstehen neue Fragen und Antworten, indem die Flugblätter veröffentlicht werden. Für mich ist es auch ein Kommentar zur Kunst und zur Gesellschaft. Es zeigt sich, dass die Rolle der Kunst in unserer Gesellschaft nicht reduziert werden kann und darf auf Bildung, Entertainment und Dekoration. Das ist ein totales Missverständnis, das aber leider sehr populär ist.

25.02.2018 00:11
fk:
liebe birgit,
danke dir sehr für die antworten.
ich würde dir gerne bitte noch zwei fragen stellen und dann wärst du entlassen und ich würde es online stellen.

25.02.2018 12:18
bj:
das sind nun aber sehr allgemeine Fragen. Ich weiss nicht, ob das die Meta-Ebene erreicht. Aber gut, ich versuchs.

fk: hat das projekt für dich spürbare auswirkungen auf deine eigene künstlerische praxis?

bj: Die Flugblätter greifen natürlich in meine künstlerische Praxis ein, sie knüpfen auch an an andere Projekte, die ich gemacht habe, z. B. an die WG/3ZI/K/BAR, die ich 10 Jahre lang zusammen mit Markus Ambach im Künstlerverein Malkasten organisiert habe. Man kann solche kommunikativen Projekte von der künstlerischen Praxis gar nicht trennen, denn Kunst hat ja in grossen Teilen mit Kommunikation und Öffentlichkeit zu tun. Ich bin die gleiche Person, wenn ich einen Siebdruck oder eine Umfrage unter Kollegen mache. Sicherlich wäre es übertrieben zu behaupten, dass das Projekt die Farbgebung auf meinen Bildern verändern würde. Nein, aber es verstärkt mich in meiner Haltung, dass die künstlerische Praxis ein sehr vielschichtiges komplexes System ist, und dass man hier mit einfachen polarisierenden Kriterien wie falsch oder richtig, alt oder jung, schön oder hässlich nicht besonders weit kommt.

fk: wie nimmst du die situation der künste insbesondere der bildenden kunst stand 2018 wahr?

bj: Die Frage beantwortet sich duch die Flugblätter weitgehend selbst. Das ist ja gerade das Interessante an diesem Projekt. Es zeigt, dass es keine Antwort in 2 Sätzen dazu gibt. Auffällig ist aber z. B., dass es viele Künstler gibt, die sich mit ökologischen oder politischen Themen auseinander setzen. In ihrer künstlerischen Arbeit ist das manchmal sehr subtil, manchmal ironisch, manchmal eher indirekt. Man könnte hier auch von einer Meta-Ebene sprechen. Wahrscheinlich war das immer so, aber in den Flugblättern wird diese Haltung sehr deutlich und zwar explizit auf die Gegenwart bezogen.

27.02.2018 00:50
fk:
liebe birgit, danke dir.


Fotos: Birgit Jensen / Wandmalerei: Wall_Concept von Sigmund de Jong

Vlugschrift / Flugblätter
zu Gast bei Pictura Dordrecht
https://www.pictura.nl/

Das Projekt wurde organisiert und kuratiert von Birgit Jensen
www.birgitjensen.de

die Ausstellung ist noch bis zum 25.03.2018 zu sehen.