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#LSDSL im GOLD&BETON

Schlimm war das. Sie hatten uns versprochen: Nie wieder. Never again. Aber Florian Kuhlmann und Timothy Shearer bekamen den Befehl von höheren Wesen, die fürchterlichste Ausstellung des Jahres zu produzieren. Sogar da scheiterten sie: Es wurde  die beste Ausstellung des Jahrtausends.

Gut, dass es nur zwei Tage dauerte. Gut, dass es am Ebertplatz stattfand, wo nur Künstler, Alkoholiker und Aussteiger verweilen. Die Manifest-Ausstellung, die schon am vergangenen Sonntagabend von den Gesundheitsschutzbehörden der Stadt Köln mit einem großen polizeilichen Aufgebot geräumt wurde, hätte möglicherweise noch mehr Opfer gefordert. So bleiben die moralischen Schäden einigermaßen überschaubar.

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„Open Your Eyes“ von Sebastian Hartmann

Es ist in der Kunstwissenschaft nicht viel anders als in der Physik-, Literatur- oder Ingenieurwissenschaft – und auch nicht anders als in der profanen Welt des Kommerzes: Je kleiner die besetzte Nische ist, desto überschaubarer bleibt die Konkurrenz. Wer sich auf ein Randthema konzentriert, wird automatisch zum Experten erklärt und irgendwann als „Papst von…“ gekürt. Eine hartnäckig verfolgte Hyperspezialisierung lohnt sich früher oder später. Man läuft zwar immer Gefahr, das Leben eines schrulligen und monothematischen Forschers zu verbringen und letztendlich als verkannte Koryphäe der technischen Kristallographie oder der Sorabistik zu vereinsamen, aber wer sich schlau anstellt und ein wenig Glück hat, kann sich zu einer Autorität in seinem Fach profilieren. Manche gelernte Kunsthistoriker schießen sich beispielsweise auf Orchideenfächer wie die der Gartenkunsttheorie oder der mittelalterlichen Elfenbeinkunst, andere haben es auf die Projektraum- und Off-Szene abgesehen. Und noch andere auf Street Art.

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Sebastian Hartmann auf Past Up-Jagd

In der Regel liegt die Motivation für solchen Hyperspezialisierungen in einem überbordenden Enthusiasmus für die Sache. Sebastian Hartmann gilt als begeisterter Experte der Düsseldorfer Street Art-Szene und, dank eines unermüdlichen Einsatzes, entwickelt sich langsam zur Kapazität in diesem Bereich. Dabei hat der gelernte Kunsthistoriker diese besondere ästhetische Welt erst vor kurzem – um genau zu sein: 2010 – für sich entdeckt. Dieser späte Anfang wurde aber von einer sehr intensiven Hingabe und einem erstaunlichen Fleiß gefolgt. Trotz eines erfüllten professionellen Lebens betreibt Hartmann den Blog Streetartmag, wo er über die Street Art-Szene in Düsseldorf und Hamburg (und immer wieder in der restlichen Welt) berichtet. Neben dem Blog bietet er geführte Spaziergänge durch die Straßen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt, um die neusten Paste Ups, Graffiti und Murals zu entdecken – eine angesichts der Kurzlebigkeit der Gattung heikle Angelegenheit. Und nun, als ob dies alles nicht genug wäre, liefert Hartmann ein Buch zum Thema Street Art in Düsseldorf.

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Très chic, gab’s bei mir aber nicht

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Diese Hand ist nicht meine Hand

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Carl Hager und Hans Hoge im plan.d

Die Paarung stimmt. Auf den ersten Blick wirkt die aktuelle Ausstellung im plan.d homogen. Formelle Verbindungen zwischen den Arbeiten von Carl Hager und von Hans Hoge werden rasch gesponnen. Auch wenn die zwei Herren unterschiedliche Ausgangspunkte haben und ihr Umgang mit dem Material nicht vergleichbar ist, spürt man eine unleugbare Verwandtschaft, wenn man durch die Räume der Projektgalerie geht.

Hans Hoge

Carl Hager

Carl Hager

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FAST SENKRECHT, auf jeden Fall Richtung oben – im Honigbrot

 

Katerina Kuznetcowa & Alexander Edisherov: Wolkengraphie

Marie Gerlach: Gleich kommt das Zeichen, Detail

Die Künstler zeigen Arbeiten auf zwei Etagen, sowie dem Treppenhaus des Galerienhauses. Als Meisterschüler der Klasse Maik und Dirk Löbbert schlossen sie alle in den vergangenen Jahren ihre Ausbildung an der Akademie Münster ab. Das gemeinsame Medium, die Bildhauerei, findet in ihren Werken sehr unterschiedliche Ausdrucksweisen. Sie verbindet eine gute Portion Witz und Gelassenheit und eine starke Bezogenheit zum Umgebungsraum. Das Assoziationsspektrum reicht vom persönlichen Erlebnisraum bis zum Gesellschaftsraum, wie z.B. in der Intervention von Stefanie Klingemann. Sie verwandelt den Nutzraum “Treppenhaus” in einem Galerienhaus von einem möglichst neutral und wertfrei gehaltenen Ort in eine typisch häuslich eingerichtete Fläche, durch den Einsatz von Fußläufern, Topfpflanzen und fragwürdigen Dekoartikeln.

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Situation Dortmund

Bilder: alle geklaut.

Meist wird die Offszene in NRW auf zwei Städte reduziert: Köln und Düsseldorf. In der Tat liegt der regionale Schwerpunkt der selbstorganisierten Künstlerschaft auf der kleinen rheinischen Schiene. Mit ihren Kunsthochschulen, einer sehr aktiven und ehrgeizigen Galerieszene, der Präsenz von zahlreichen Museen und Kunstinstitutionen sowie einer großen Anzahl an Künstlern aller Generationen, die sich dort aufhalten, erfüllen Köln und Düsseldorf alle Voraussetzungen für ein Blühen des Offs. Dagegen ist die autonome Kunstszene in Essen, Aachen, Duisburg oder Münster – bis auf ein paar Ausnahmen – so gut wie inexistent. Gegenüber der Köln-Düsseldorfer Achse findet man nur in zwei Städten des Ruhrgebiets ein nennenswertes Gegengewicht: Bochum und Dortmund. Wir werden in einem künftigen Artikel auf Bochum zurückkommen, denn dort braut sich gerade Interessantes zusammen. In Dortmund ist die Lage nicht minder spannend, die politischen Grundbedingungen sind aber fundamental anders.

Schickes Ding mit Kultur innen drin: Der Dortmunder U

Die Zeche Zollverein. Auch in Dortmund sehr beliebt.

Rückblick: Im Zuge der Ernennung von Essen und 52 weiteren Kommunen zur Kulturhauptstadt Europas im Jahre 2010, wurde der im maroden Ruhrpott dringend benötigte „Kulturwandel“ zu einem der führenden Paradigmen der Großveranstaltung gemacht. Kulturwandel hieß in diesem Fall, dass die obsolete „Industriekultur“, die die Region seit über 150 Jahren prägte, ersetzt werden sollte. Im Hinblick auf den interkommunalen Wettbewerb um die Anziehung von relevanten Kaufkräften sollte diese neue „Kultur“ gerne von positiv konnotierten Adjektiven angereichert werden – „kreativ“, „urban“, „unternehmerisch“ oder „weltoffen“ sollte sie ja unbedingt werden. Das Zielpublikum dieser Maßnahme war klar: Die Industriebrachen sollten von jungen, leistungsfähigen und zukunftsorientierten Schichten erobert werden; die Losers des Sekundärsektors, die entweder in Frührente geschickt wurden oder in Mini-Jobs verschwanden, waren eh nicht mehr zu retten.

les chefs de la créativité, v.l.n.r.: Stadtdirektor Jörg Stüdemann, NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und Ecce-Geschäftsführer Dieter Gorny.

Nun, was haben die Off-Räume in diesem Prozess zu suchen? Sie tragen ganz einfach zur Solidität des Projektes „Kultur- und Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet“ bei. Sie sind Bestandteil einer Strategie, die, ausgestattet mit vielen Mitteln und manchen klugen Köpfen, die Infrastruktur und das Humankapital der Montanzeit in das Zeitalter der kreativen Ökonomie zu überführen beabsichtigt. In Dortmund, Sitz des European Center for Creative Economy, ist diese Entwicklung deutlich zu spüren. Mittel- bis langfristig sollen hier mehr Unternehmen und Start-Ups angesiedelt werden, die im verheißungsvollen Bereich der Kreativwirtschaft arbeiten. Aber bevor die gute Saat der creative classes sich in dieser Landschaft entfalten und erblühen kann, muss der Boden entgiftet werden. Und für die Drecksarbeit sind Offspaces allemal gut genug.

Die Galerie 143 nach einem Anschlag von Neonazis

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Eastern Omen im d-52

Der Kontakt kam auf dem akademischen Weg: Bianca Bocatius, eine der drei Betreiberinnen von d-52, lernte die Kunsthistorikerin und Kuratorin Stacey Koosel während einer Tagung kennen. Schnell kamen die zwei Frauen auf die Idee, eine Ausstellung zur zeitgenössischen estnischen Kunst in Düsseldorf zu organisieren und damit die hierzulande ziemlich unsichtbare baltische Kunst zu vertreten. Eine sehr löbliche Initiative, vor allem wenn man den relativ hausbackenen und lokalpatriotischen Charakter der hiesigen Projektraumszene kennt…

Selbstverständlich kann und will eine Ausstellung aus dem Off nicht als Spiegelbild einer nationalen Kunstszene fungieren. Vor allem nicht, wenn bloß drei Beiträge gezeigt werden – was übrigens ein bisschen mager ausfiel. Aber die Intention der Kuratorin war eben nicht, nationale Klischees zu bestätigen, sondern drei exemplarische und jungen Figuren aus dem fernen Osten und weiten Norden erstmalig in Deutschland vorzustellen.

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Perisphere-Portrait #10 Katja Stuke

Diese Woche mit Katja Stuke.
Natürlich auf: perisphere-portrait.

 

 

Imi im Parkhaus Malkasten

IMI KNOEBEL
EINE AUSSTELLUNG
5. – 20. 10. 2013
Öffnungszeiten:
mitwochs bis sonntags 14 – 18 Uhr

PARKHAUS im Malkastenpark
Jacobistr. 6 a
40211 Düsseldorf
www.parkhaus-duesseldorf.com

 

 

Perisphere Portrait online!

Sie ist endlich raus! Die neue Perisphere-Serie kommt in die Öffentlichkeit und erhält sogar eine eigene Plattform: Perisphere-Portrait. Das Prinzip ist einfach, der Anspruch groß: Wir portraitieren in Web-affiner Form Künstler aus Düsseldorf, stellen ihnen drei Fragen, gewähren ihnen drei Minuten zum Antworten und packen das Ganze in drei Einstellungen. Auf Dauer soll ein Archiv angelegt werden, eine Art Verzeichnis der lokalen Künstlerschaft – wobei wir uns bewusst auf die Generation der 35-55-jährigen beschränken.

Harte Konkurrenz für Tatort: Für den Anfang stellen wir sechs Künstler ins Netz und fügen jeden Sonntag Abend einen neuen Clip hinzu. Man sieht sich!

Danke an Julia für die Bilder des Abends:

 

 

Kamera und Schnitt: Lars Klostermann

Redaktion: Emmanuel Mir

Programmierung: Florian Kuhlmann

Deckkraft featuring…

alle Bilder: deckkraft

 

Künstlerkollektive wirken auf den ersten Blick als eine Sondererscheinung der Kunstgeschichte, waren dabei – und bleiben bis heute – wichtige Herden von Entwicklungen und Erneuerungen. Spätestens seit Anfang der Moderne (ob die Nazarener in Deutschland oder die Schule von Barbizon in Frankreich) sind Bündnisse geschlossen, Formen der Zusammenarbeit gefunden und somit die Mythen des genialen Einzelnen und des abgekapselten schöpferischen Ichs relativiert worden. Zwar erscheinen die 1990er und 2000er Jahre mit ihrer Vorliebe für den Typus des Künstlers als Einzelkämpfer rückwirkend als superindividualistisch, aber die schleichende Repolitisierung der Künstlerschaft und eine Neuentdeckung der kollektiven Arbeit in den darauffolgenden Jahren ließ die Zahl der Künstlergruppen fühlbar wieder steigen.

Wenn die Relevanz von Künstlerkollektive nicht infrage gestellt werden kann, erscheint die Form des Künstlerduos historisch deutlich seltener. Der Kenner der zeitgenössischen Szene wird zwar sofort mit den Namen von Gilbert & George, Fischli & Weiss oder Eva & Adele (Vorsicht, Verwechslungsgefahr mit Dick und Doof!) angeben, der affine Kenner sogar behaupten, dass Künstlerduos en vogue sind, alles in allem wirkt die künstlerische Zusammenarbeit im Pärchenmodus doch exotisch. Und an dieser Stelle darf man sich fragen, was Deckkraft eigentlich ist. Ein poststrukturalistischer Kolchos mit der ethischen Einstellung einer Künstlergruppe aus den frühen 80ern? Der Codename einer Malmaschine, ein System zur unendlichen Produktion von neuen Bildern? Ein anonymes Konstrukt, das trotz aller Expressivität der Malergebnisse sich gesichtslos zeigt – ein Daft Punk der Malerei? Ein Binom, das sich nie genug ist und stets nach externen Bereicherungen sucht – wie eine Superband in ständiger Gründung? Das von Marc von Criegern und Walter Eul erfundene Deckkraft erinnert jedenfalls an nichts Gesehenes oder Gehörtes.

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Grotevent und Maderthaner in der SITTart Galerie

Gequetscht zwischen der Zentrale der Ergo-Versicherung und dem Golzheimer Friedhof, also zwischen herausragender Vertikalität und definitiver Horizontalität, zwischen Kapital und Tod, liegt das hübsche Atelierhaus des Vereins Düsseldorfer Künstlers. Der Verein ist übrigens einer der ältesten seiner Gattung in ganz Deutschland und bildete vor der Erfindung der Künstlersozialkasse so etwas wie ein Sicherheitsnetz für die lokalen Kunstschaffenden. Das Haus in bester City-Lage, unweit des Rheins, des Museum Kunstpalast und des Hofgartens, wurde bereits mehrfach von Immobilienplänen bedroht, die gerne ein wenig mehr Stahl und Glas im Düsseldorfer Stadtbild gesehen hätten. Es konnte sich bisher immer knapp retten und nun scheint sein Erhalt für eine Weile gesichert zu sein.

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40 Grad Urban Art

Zeitgleich mit dem großen Street Art-Festival CityLeaks in Köln fand am Wochenende das Finale von 40 Grad Urban Art in Düsseldorf statt. Bis zu 20 verschiedenen Standorten in der Stadt wurden von Street Art-Künstlern neu gestaltet. Die Veranstaltungen rund um das Festival – einige mussten wetterbedingt leider ausfallen – waren durchweg gut besucht. Auch wenn wir mit der ästhetischen Qualität der Ergebnissen alles anderes als glücklich sind und urbane Kunst anders verstehen als Oberflächenbehandlung, ziehen wir respektvoll  den Hut vor der Energie und dem Engagement, die die Macher des Festivals Klaus Klinger und Klaus Rosskothen mobilisiert haben.

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Vom Himmel hinter den Lidern. Christoph Korn und Peter Ewig.

Im Sonnenaufgang gemeinsam erwartend durch die großen Fenster des Raumes der Gladbacher Straße in den Himmel schauen. Es bildet sich ein Chor. Mit geschlossenen Augen stehen die Kinder im Raum.

 

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Wir verabschieden uns vom d-52…

Fünf Jahre ist es her. Da kamen acht Künstler, Grafikdesigner und Kunsthistoriker zusammen und gründeten einen Projektraum in einer fensterlosen, bunkerartigen Halle auf der Rather Straße. Aus der bunten Truppe wurde relativ schnell ein kleiner, homogener fester Kern von drei Personen – drei Kunsthistorikerinnen –, die nun vor Kurzem bekannt gegeben haben, dass sie ihre Tätigkeit an diesem Standort einstellen wollen. Bianca Bocatius, Katja Benner und Sabine Rolli werden am Ende des Jahres Platz machen und ihre kuratorische Arbeit in einer anderen, raumunabhängigen Form fortsetzen.

Bocatius, Benner und Rolli

Klassischerweise ist das Ende eines Projektraumes meistens durch persönliche Veränderungen in der Biografie dessen Betreiber verursacht. Im Fall d-52 ist es nicht anders: Eine Vollzeitstelle, ein Umzug – und schon ist die Zeit für das umständliche Baby nicht mehr da. Man hätte ja auf die Bremse drücken können, aber, anstatt einer Drosselung des Ausstellungstempos oder gar einer allmählichen Erschlaffung, haben sich die drei Macherinnen für einen klaren Schnitt entschieden. Den drei Frauen war es vor allem zu schade, den Raum zu lange unbespielt zu lassen.

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…und wir heißen das m330 willkommen!

Wer es mit der Künstlerkarriere ernst meint, aber an Aufmerksamkeitsdefizit leidet und keine merkliche Präsenz im lokalen Kunstbetrieb aufweisen kann, sollte auf ein Werkzeug zurückgreifen: den Projektraum. Es ist für den Kunstschaffenden  nie schlecht, in einem Off-Raum auszustellen und ein wenig Öffentlichkeit zu generieren. Besser ist es aber noch, einen Off-Space zu gründen und es selbst zu animieren. Das persönliche Netzwerk des Raumbetreibers erweitert sich schlagartig und seine Reputation, bzw. seine Autorität nehmen deutlich zu – ebenso wie die Sichtbarkeit seiner Arbeit, bzw. seine Präsenz in der Szene. Die aktive Beschäftigung mit einem Projektraum kann nicht unbedingt einen Karrieresprung garantieren, verspricht zumindest kurzfristig eine lokale Steigerung der Aufmerksamkeit.

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Kunstfestival Strom – 3. Auflage

Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert bestehend hat sich der Verein Kunsthaus Rhenania zu einer kleinen Institution der autonomen Kunstszene in Köln entwickelt. Das Kunsthaus Rhenania ist zunächst ein großes Atelierhaus in bester Lage, ein ehemaliger Getreidespeicher, der von 1926 an die verkehrstechnisch evidente Nähe zum Rhein nutzte und schon vierzig Jahre später, also lange bevor man im Rheinland und im Ruhrgebiet von einem Strukturwandel sprach, in einen kreativen Think Tank umfunktioniert wurde. Mittlerweile werden ca. 40 Künstler aller Sparten dort beherbergt; das Haus ist also in erster Linie eine Arbeitsstätte. Neben dieser Werkstattfunktion erfüllt das Kunsthaus Rhenania auch eine vermittelnde Funktion. Seminare, Workshop sowie Ausstellungen finden regelmäßig statt. Seit 2011 gibt es sogar ein hauseigenes Festival, Strom, das die schwierige Balance zwischen wir-bezogener Selbstzelebration (viele Künstler des Vereins werden ins Programm übernommen) und relevanter kuratorischer Arbeit schafft.

Markus Linnenbrink: Niewiederschnellsagen (remix)

Die dritte Auflage von Strom war – das können wir direkt vorwegnehmen – eine sehr gelungene. Die Kuratorin der diesjährigen Veranstaltung, Maria Wildeis, hat sich auf ephemere Kunstformen konzentriert und spannende Positionen gefunden, die prozesshafte Arbeitsweisen bevorzugen. Dass sich dabei viele Namen wiederfanden, die Wildeis in der Vergangenheit in dem eigenen Projektraum Honigbrot ausgestellt hatte, wunderte nicht und wurde als legitimer kuratorischer Rückgriff zur Kenntnis genommen. Wenn man sich als Ausstellungsmacher für eine bestimmte Kunstsparte, bzw. für einen bestimmten Geist und eine bestimmte Haltung konsequent engagiert, ist es selbstverständlich, dass die 1. Choice-Liste nicht ständig neu geschrieben wird.

Evangelos Papadopoulos: Untitled

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Eiltank im Studio Roh

Eine Gruppenausstellung ohne übergeordnetes Thema. Eine Ausstellung ohne konzeptuelle Leitlinie. Ohne explizite Botschaft. Ohne ausformulierte Fragestellung. Wie entspannt, luftig und befreiend. Einfach ein paar befreundete Künstler einladen und das Publikum für einen Abend und zwei Tage einlassen. Eine solche Unbefangenheit bedarf nicht viele Worte und schon gar keine kunstwissenschaftliche Begleitkommentare.

Rebekka Benzenberg

Christian Berg

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Dietrich, Klompen und Wit im Cabinett

Es war ruhig, sehr ruhig in den kleinen Show-Room von Andrea Dietrich. Überhaupt war es an diesem lauen Spätsommer-Abend sehr ruhig in allen Düsseldorfer Off-Spaces. Das Off-Programm der Kunstpunkte (jene offene-Ateliers-Veranstaltung, die den Voyeurismusdrang des hungrigen Kunstpublikums befriedigt) hätte zu einem lustvollen Rundgang durch die unabhängige Szene werden können. Viele Projekträume hatten für diesen Termin ein neues Programm gestaltet und standen erwartungsvoll da. Aber bis auf die Gastkünstler und einige treue Anhänger war kaum ein Mensch an diesen Orten zu sehen. Der Grund dafür? Eine suboptimale Koordinierung des Kulturamts. Warum müssten die Kunstpunkte ausgerechnet an diesem mit Kulturterminen verstopften Wochenende gelegt werden? Nach der langen Sommerpause erwachten am Freitag Abend nämlich die Akteuren des Kunstbetriebes wieder – und zwar alle gleichzeitig. Alle Galerien der Stadt, die an dem beliebten DC (ein großer Zusammenschluß von Düsseldorfer und Kölner Galeristen) teilnehmen, präsentierten ihr neues Programm. Die Kunstsammlung NRW eröffnete zeitgleich die große Calder-Ausstellung. Das Opening der neuen Show in der Julia Stoschek Collection zog Hunderten in Oberkassel. Für die Kunstrebellen wurde die Eröffnung des Urban Art Festivals 40 Grad ein obligatorischer Anlaufspunkt. Und am Samstag und Sonntag waren auch noch die besagte Ateliers zu besichtigen- ganz abgesehen von den Feierlichkeiten zum Stadtjubiläum, die ein potenzielles Restpublikum mobilisierten. Die eventgeile Stadt Düsselodrf opferte also ihre freie Szene – eine Szene, die ohnehin unter Aufmerksamkeitsdefizit leidet. Ein Sabotage hätte nicht besser funktioniert.

Marco Wit

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Trockendock im Institut für skulpturelle Peripherie

In wenigen Wochen werden die drei Betreiberinnen des Instituts für Skulpturelle Peripherie zu Gast in Hamburg sein. Petra Albrand, Eva Weinert und Friederike Schardt sind vom Kunst- und Kulturverein 2025 e.V. eingeladen worden und werden im Gegenzug einige Vereinsmitglieder aus der Hansestadt in ihrem kleinen Düsseldorfer Speicher ausstellen. Bevor sie mit ihrer Arbeiten gen Norden fahren, wollten sie eine Art „Trockenübung“ vornehmen und die für Hamburg geplante Skulpturen und Installationen „zu Hause“ ausbreiten. Das Ergebnis: Vier Arbeiten, die auf unterschiedlichster Art und Weise einer maritimen Atmosphäre heraufbeschwören und sich auf die bevorstehende Fahrt in die Hafenstadt beziehen.

 

Friederike Schardt

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Der anarchistische Geruch von Pappe – ein Gespräch mit Rob Voerman

Rob Voerman

Emmanuel Mir: Wenn man deine Arbeit betrachtet, merkt man sofort die Affinität zur Architektur oder zum Urbanismus. Deine großen begehbaren Skulpturen sind funktionale Behausungen, die durchaus benutzt werden können. Hast du Architektur studiert?

Rob Voerman: Nein, ich komme ausschließlich aus den Bildenden Künsten. Ich habe Kunst in Kampen, einer kleinen niederländischen Stadt, studiert und schon damals war ich sehr an Architektur interessiert. Ich hatte während der Studienzeit einen Schwerpunkt in Bildhauerei, aber das Bauen war für mich wichtiger, spannender. Seit Ende der 1990er Jahren habe ich mich mit Architekturtheorie intensiv auseinandergesetzt und für mich ging es – und geht es immer noch – darum, zu  verstehen, wie eine Stadt funktioniert, wie sie benutzt wird, was für funktionelle Räume entstehen.

Tarnung #2 (2008), Holz, Glas, Plexiglas u.d.M.. 600 x 600 x 300cm

Pressure, 2012, Silkscreen, pencil and soot on paper, 118 x 198cm

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Katja Stuke und Oliver Sieber bei Tina Miyake

Katja Stuke und Oliver Sieber lieben das Print-Medium. Plakate, Fotokatalogen, Fanzines, Bildbänder, Stickers, Druckerzeugnisse aller Arten, selbstproduzierte Heftchen und große Literatur – das alles lieben sie, konsumieren sie, produzieren sie und sammeln sie. Vor allem Katja Stuke arbeitet auf der Basis vorhandener Medienbilder, also Bilder aus zweiter Hand, die sie dekontextualisiert und auratisch auflädt – während Oliver Sieber Porträts die Codes der Subkultur ergründet. Diese Aufmerksamkeit für produzierten und reproduzierten Bildern spiegelt sich sowohl in der eigenen künstlerischen Arbeit als auch in der kuratorischen Praxis.

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Stein mit Vollaustattung in Dortmund

Es geht um Energie. Es geht um Freiheit. Es geht um den öffentlichen Raum. Es geht um Interaktivität und um die Mündigkeit des Bürgers. Es geht um politische Kunst. Es geht um den Austausch und den Fluss – in nicht kommerzialisierter Form. Mitten in Dortmund soll ein neues Kunst am Bau-Projekt entstehen, das zeigen wird, dass Kunst durchaus in der Lage ist, an dem politischen (Stichwort: Energiewende) und wirtschaftlichen (Stichwort: public/private) Diskurs teilzunehmen und aktiv einzugreifen.

Die vier vom Dortmunder Kunstverein eingeladenen Künstler Mark Pepper (D), Thomas Woll (D), Lutz-Rainer Müller (D) und Stian Ådlandsvik (NO) planen einen überdimensionierten, archaisch anmutenden Stein in der Innenstadt zu platzieren, welcher mit modernster Technik ausgestattet wird. In Zusammenarbeit mit Studenten der TU Dortmund entwickeln sie ein Konzept zur Energiegewinnung mittels eines Windrades, welches auf dem Stein installiert werden und ihn mit Energie versorgen soll. Diese Energie wird jedem Passanten frei zur Verfügung gestellt.

Erste Realisierungsschritte wurden bereits unternommen; nun stockt das Projekt ein wenig und erfährt Widerständen verscheidener Arten. Nicht nur, dass die Finanzierung nicht vollständig gesichert ist (Leute, es geht um schlappen 5.000 €; wißt ihr eigentlich was ein Wahlplakat in der Dortmunder Innenstadt kostet?), sondern es kommt noch dazu, dass RWE nicht besonders amused ist, kostenloser Strom im öffentlichen Raum  zu spenden. Nicht, dass der brave, konsumierende Bürger auf die Idee kommt, Energie könnte geschenkt werden!

 

Kurzum: Es geht um eine Alternative. Natürlich sind wir dabei! Bist du dabei? Wenn du, geneigter Leser, dich immer noch nicht zwischen Linke, Grünen und Piraten entschieden hast, triff doch die Wahl, die alles entspricht: www.startnext.de/stein-mit-vollaustattung.

 

 

Transphaire in der Beton-Box

Nachdem er zur Präsentation seiner Arbeit in der BetonBox eingeladen wurde, entschloss sich der Maler Wolf Raskin nicht allein zu spielen und lud vier weitere KollegInnen ein, die schönen, rauen und überschaubaren Räumlichkeiten zu okkupieren. Eine kleine, dichte Show sollte Transphaire werden, konzentriert auf fünf Positionen der abstrakten Malerei aus Düsseldorf, die, fast alle, zu einer Generation gehören („mittelalte Künstler“ hörte ich an diesem Abend; und damit waren wohl Menschen zwischen 40 und 50 gemeint).

W. Raskin und W. Aschenborn. Letzterer hielt die Eröffnungsrede

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Guten Morgen Düsseldorf, guten Morgen Welt!

 

(gefunden in einem alten Titanic aus dem Jahre 1995)

Chantal Vey bei Onomato

Fotos (wenn nicht anders angegeben): Enis Vardar

 

Die französische Fotografin Chantal Vey (*1970) lässt sich am ehesten als eine reisende Persönlichkeitsforscherin beschreiben. Ihre Arbeitsweise erweitert die Möglichkeiten der Fotografie, bzw. stellt den klassischen fotografischen Bildbegriff in Frage.

Foto: C. Vey

Das künstlerische Interesse konzentriert sich auf die Bildgattungen des Porträts und der romantischen Landschaft. In beiden fokussiert der Blick Fragmente bzw. Nebensächlichkeiten, die die Porträtierten wie auch die Landschaftsansichten bedeutsam aufladen.

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Gespräch aus der Perisphere mit Claudia Mann

Freibier? Natürlich nicht, ihr gierigen Säufer! Aber schön, dass wir eure Aufmerksamkeit gewonnen haben: Das erste Gespräch aus der Perisphere findet am 17.8. bei Gagarin statt, Kirchstr. 41 in Düsseldorf. Claudia Mann, eine Vermeiren-Schülerin mit Hang zur invasiven skulpturalen Praxis, stellt zurzeit da aus und gibt während des Gesprächs mit Emmanuel Mir Einblick in ihre Arbeit. Intelligente Fragen aus dem Publikum werden zugelassen. Trotz des kostenpflichtigen Biers, kommt zahlreich! (ein Stündchen stillsitzen und zuhören kann euch wirklich nicht schaden)

Wer verhindert ist, kann sich auf eine baldige Übertragung des Gesprächs auf diesem Blog freuen.

See you soon, alligator.

 

Grischa Lichtenberger im Team Titanic

Der Bielefelder Sound-Künstler Grischa Lichtenberger präsentierte „In/ven/tur [ɪnvɛnˈtuːɐ̯] – An Exhibition Of Things That Remain After An Exhibition“ im Projektraum Team Titanic vom 6-12.7.

Danke Julia für die Bilder!

 

 

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Mark Lombardi – Kunst und Konspiration

Eigentlich sind wir keine Freunde der Verschwörungstheorien. Eigentlich weisen wir keinen Hang zur Paranoia auf. Eigentlich hielten wir (bis vor Kurzem) transnationale Spionagegeschichten mit unglaubwürdigen Abhöraktionen, massive Verletzungen der individuellen Freiheit  und James Bond-artige License to kill für unterhaltsame Fiktionen – oder für die traurige Realität in weit entfernten, rückständigen (spricht: undemokratischen) Ländern. Aber die Aktualität belehrt uns eines Besseren. Welch ein Zufall, dass just im Kontext der jüngsten NSA-Abhörskandale eine Dokumentation über den Künstler Mark Lombardi auf DVD erschienen ist.

Obwohl Lombardi ein beeindruckendes und in aller Hinsicht ein bedeutendes Werk produziert hat, wurde er bislang selten ausgestellt – eine Tatsache, die manch halbgaren Verschwörungstheorien zugutekommen dürfte. Dass die zeichnerische Arbeit des US-Amerikaners zur bevorzugten Projektionsfläche für allerlei paranoide Systemerklärungen verwendet wurde liegt an der Natur dieser Kunst.  Denn Lombardis Stoff ist Dynamit. Und zwar nicht von der Sorte, die sofort knallt und eine hübsche Rauchwolke hinterlässt, sondern von der Sorte, die zunächst weit weg von der Oberfläche gezündet wird, im Untergrund anhaltend rumort, tiefe Erdschichten erreicht und manche Fundamente  in Bewegung bringt, die bisher für stabil gehalten wurden. Diesen Stoff zu einer relevanten Angelegenheit für die nationale Sicherheit zu machen mag zunächst als ein intellektueller Kurzschuss erscheinen – aber in Zeiten von Assange, Snowden und Manning ist doch alles denkbar geworden.

Mark Lombardis Werk ist ein Unternehmen der Aufklärung. Bis zu seinem (einigermaßen) mysteriösen Selbstmord im Jahre 2000, zeichnete er auf riesige Blätter das Bild der gegenwärtigen politisch-wirtschaftlichen Korruption nach. Nach akribischen und tiefgründigen Recherchearbeiten, die manchen Pulitzer-Preisträger mit Scham erfüllen sollten, rekonstruierte er minutiös die Verknüpfungslinien, die politischen Herrscher und wirtschaftlichen Entscheider, Waffenverkäufer und legitim gewählte Senatoren, Top-Manager aus der freien Welt und Interimdespoten aus Bananenrepubliken, US-amerikanische Präsidenten und weltweit gefahndeten Terroristen verbinden. Jede Linie seiner kritischen Diagramme beschreibt Einflussnahme, Kontrolle oder andere Arten der Zusammengehörigkeiten zwischen Menschen und Institutionen – und offenbart damit kompromittierende Beziehungen. Die im Film vom Mareike Wegener formulierte Interpretation von Lombardis Werk als eine zeitgenössische Form der Historienmalerei ist in diesem Zusammenhang reizend.

Lombardi schuf in langsamster Arbeit (die Fertigstellung eines Diagramms konnte bis zu vier Jahren in Anspruch nehmen) das Bild der gegenwärtigen Korruption in unserer  Welt. Sachlich, nüchtern, kommentarlos, ja mit einer beinah unbeteiligten Distanz – zumindest im Duktus, der zwar auf das Handgeschriebene und –gezeichnete nicht verzichten will, jedoch ohne Emotionalität auskommt –, erstellte er die Karten der Verdorbenheit der Macht. Dass es sich dabei nicht um die haltlosen Spinnereien einer diesen ewigen Verschwörungstheoretiker handelt, die in den USA einen fruchtbaren Boden gefunden haben, wurde von der Tatsache bestätigt, dass die CIA eine der  Zeichnungen von Lombardi im Whitney Museum nach den Anschlägen des 11. September studierte, um manche Verhältnisse zu begreifen – kurz danach sollte sich sogar das Heimatschutzministerium an der unfassbar reichhaltigen Informationssammlung von Lombardi interessieren haben und seinen Galeristen aufgesucht. Die einschlägigen Experten waren mit dem Ausmaß der Ereignisse überfordert und holten sich Rat beim Werk eines verstorbenen Künstlers.

Wie kam aber Mark Lombardi an solche Informationen? Ja, das ist überhaupt der Clou: Nicht durch die Befragung von Insider, nicht durch das Beklauen von Top-Secret-Dateien oder durch das Hacken der CIA erhielt der Künstler Zugang zu seinem Sprengstoff. Sondern durch System. Er durchforstete die Bibliotheken seiner Region und lieh alle Bücher aus, die irgendwie mit internationaler Politik, globalen wirtschaftlichen Entwicklungen und geheimen Verbindungen zu tun hatten. Informationen, die Jedem zur Verfügung stehen und kein bisschen exklusiv sind. Aber Informationen, die an und für sich nur ein geringfügiges Detail des ganzen Bildes abliefern. Fragmente, Ausschnitte, Inseln in einem unübersichtlich großen Ozean. Lombardis Gabe bestand gerade darin, fremde, voneinander abgekoppelte Informationen in Verbindungen zu setzen, in einen kohärenten Kontext zu bringen und sie in ein homogenes Erklärungssystem zu integrieren. So etwas nennt man Intelligenz.

Die Stärke von Lombardis Ansatz lag u.a. darin, dass er, anders als andere politische Künstler, keine moralische Linie vertrat. Der Rezipient muss sich auf eine teilweise komplexe Dekodierungs- und Rekonstruktionsarbeit einlassen und seine Schlüsse selbst ziehen. Bevor einige Zusammenhänge mithilfe von Pfeilen, Strichlinien und Verknüpfungspunkte deutlich gemacht werden, muss man sie aktiv entdecken, verfolgen und gedanklich erfassen. Das übliche, hübsche Affiziertsein des Ästheten, mit all diesen (selbst)verliebten Sich-Hinreißenlassen, kann und will hier nicht erfolgen. Wer nicht mitdenkt, wer nicht vorinformiert ist oder nie Zeitung liest, sollte sich bei den pädagogischen Aufklärungstafeln eines Hans Haacke oder bei dem explikativen Infomaterial eines Jochen Gerz besser aufgehoben fühlen. Oder gar ganz auf politische Kunst verzichten. Wer aber sich die Mühe gibt, das feine Gewebe der Spinnennetzwerke von Mark Lombardi abzulesen und sich auf ihre Komplexität einzulassen, wird nicht nur bestürzende Erkenntnisse zur Lage der internationalen Politik gewinnen, sondern, darüber hinaus, in den Genuss eines starken und streng ästhetischen Vergnügens kommen – denn Lombardis Diagramme strahlen eine unleugbare Schönheit aus.

Mareike Wegeners Dokumentation gelingt es immer wieder, diese Schönheit einzufangen. Die Kamera streift über Lombardis Zeichnungen wie über eine Landschaft und verfolgt einige Verbindungen. Diese (zu seltene) Einstellungen wirken wie die Dérive eines sehr gut informierten Flaneurs der Zeitgeschichte. Viel Zeit bekommen hingegen die Freunden des Künstlers, seine Familie, sein Händler und sein Kunstwissenschaftler. Viele Worte von Menschen, die allesamt von Lombardis Herangehensweise und Beharrlichkeit beeindruckt bis begeistert sind. Mit dem Verzicht auf eine Gegendarstellung – oder zumindest auf eine relativierende Meinung – ignoriert Wegener die rhetorische Grundregel der Dokumentargattung: den glaubwürdigen Abstand zu ihrem Sujet zu gewähren. Diese verhältnismäßig zu häufigen Wortmeldungen helfen zwar, der geheimnisvollen Natur von Lombardi näher zu kommen, hinterlassen aber den Eindruck, eher von der Persönlichkeit des Künstlers als von seinem Werk fasziniert zu sein.

Anderes Manko von Kunst und Konspiration ist der Verzicht auf eine Kontextualisierung. Lombardis Bilder handeln zwar von großen Ereignissen wie die Finanzkrise der 1990er Jahre, der Golf-Krieg, den Aufstieg des Hauses Bush und reichen sogar bis zu einer Vorahnung des 9.11, aber diese Ereignisse werden in dem Film von Mareike Wegener kaum angerissen. Man fragt sich, ob die Regisseurin sich nicht mit der Weltgeschichte verzetteln wollte und sich deshalb mit einer ziemlich engen und unspektakulären (ja, fast behaglichen) Erzählperspektive begnügt hat, oder ob sie bewusst Einflüsse der micro-histoire eingearbeitet hat – eine gute, wenn auch nicht gerade glaubwürdige Ausrede. Wofür man Wegener nicht verantwortlich machen aber was man trotzdem bedauern kann, ist die Seltenheit der Auftritte des Hauptakteurs. Ständig merkt man, dass die Regisseurin zwölf Jahre zu spät gekommen ist. Die Bilder rennen hinter den vergangenen Ereignissen her – und hinter der Abwesenheit von Bildern. Zeit seines Lebens sind wenige Aufnahmen von Mark Lombardi realisiert worden, er hat sich nur kurz vor der Kamera geäußert. Und dann der plötzliche Tod. Das Quellenmaterial ist daher dürftig, die Rekonstruktion durch die eben erwähnten Kommentatoren unumgänglich.

Was in diesen Zeilen als überkritisch wirkt darf nicht missverstanden werden: Schon die Wahl der jungen Dokumentationsregisseurin auf Mark Lombardi ist richtig. Diesen Film sollte man gesehen haben. Trotz eines zu forcierten Schwerpunktes auf Zeitzeugen, bringt er endlich ein wenig Licht auf eine Künstlergestalt, die Kunst anders verstand als viele seiner Zeitgenossen. Für Mark Lombardi war Kunst ein Mittel der (politischen) Erkenntnis, ein Werkzeug zur Deutung der Welt und ein Instrument der Aufklärung.

Flaming Creatures – nachträgliche Gedanken zur Ausstellung

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Wenn wir heute auf eine eben abgeschlossene Ausstellung zurückblicken, ist es nicht, um deren einzelne Künstler zu besprechen und um auf eine Bewertung ex post zu kommen, sondern um manche bleibende Eindrücke zu vertiefen. Dabei – wie immer – schreiben wir aus der einzigen Perspektive, die uns legitim erscheint: unserer. Wir schreiben aus der Perisphere. Die Perisphere ist ein schlecht kartografiertes Gebiet am Rande der zentralen Zone, ein terrain vague, eine noch nicht kolonisierte Insel. Die Perisphere ist ein gehacktes Territorium, die Rückseite der bekannten Welt, der Backroom jenseits der offiziellen Bühne, der Traum, manchmal auch der Alptraum, des Zentrums. Die Perisphere ist ex-zentrisch. In der Perisphere agieren Parias, Widerstandskämpfer, Krüppel, Schattengestalten, Neurotiker, Rebellen, Dienstuntaugliche, Idioten und Fundamentalisten. Sie verteidigen ihre Nische und bereichern die Oberfläche mit unorthodoxen, masseninkompatiblen Strategien, die keinerlei Rücksicht auf etablierte Regeln oder externe Erwartungen nehmen.  Und wenn wir heute auf eine eben abgeschlossene Ausstellung zurückblicken, ist es weil diese auf Akteure der Perisphere eingegangen ist.

Ansicht der Ausstellung im 2. OG.; Foto: Achim Kukulies

Flaming Creatures war eine der besten Ausstellung in Düsseldorf und Umgebung für 2012-2013. Weil sie trotz allem Mut und aller Radikalität ihre vermittelnde Rolle nicht vernachlässigt hat. Weil sie Künstler und Werke intelligent in Beziehungen gebracht und ein kulturelles Phänomen – Camp – für ein breites Publikum zugänglich gemacht hat. Zur Erinnerung, oder Klärung: Camp ist, so der kanonische Text von Susan Sontag aus dem Jahr 1964, „die richtige Mischung von Übertreibung, Phantastik, Leidenschaftlichkeit und Naivität“, ein „Geist der Extravaganz“, eine „Liebe zum Unnatürlichen, zum Trick und zur Übertreibung“ (Sontag: „Anmerkungen zu ‚Camp‘“, 1966). Camp ist die ungehemmte Maskerade mit Hang zur theatralischen Selbstinszenierung. Camp ist die selbstbezogene Ekstase (also: bar von Transzendenz, bar von Mystik). Camp ist die unfreiwillige Verwechslung von Intensität und Überschwang (deshalb besteht eine unleugbare Verwandtschaft zwischen den Kategorien Camp und Kitsch, wobei der Kitsch, dessen Entstehung an Bedingungen der Massenproduktion und -verbreitung anknüpft, nichts vom Unikatcharakter vom Camp besitzt). Camp ist die höchst individualisierte, eigenwillige, manchmal auch unbeholfene Aneignung von Hochkultur – eine maßgeschneiderte Kulturproduktion, die in ihren konsequentesten Formen zu einer ganzheitlichen Ästhetisierung des Lebens führt.

Bruce Nauman: Pulling Mouth (1969). Foto: Achim Kukulies

Trotz der expliziten Bezugnahme zum Text von Susan Sontag und der (zumindest in der Intention) deutlichen Anknüpfung an die Camp-Idee, war Flaming Creatures keine Camp-Ausstellung. Bis auf Jack Smith, der Outlaw des US-amerikanischen Films, dessen wegweisender Flaming Creatures (1963) zum programmatischen Namengeber der gesamten Show auserkoren wurde,  war die Liste der eingeladenen Künstler eher von Prominenzen und anerkannten Größen gekennzeichnet als von obskuren Randerscheinungen. Lustvoll wurde das Abartige, Unkonventionelle, Fremde, Abstoßende, Schokierende oder Grenzwertige zitiert – aber es blieb eben bei einem Zitat, und die Hierarchie des Kunstsystems wurde im Großen und Ganzen respektiert. Das von Sontag hochgehaltene Kriterium der Naivität stellte man weder bei Mike Kelley fest, dessen Kurzfilm voller kulturkritischer Anspielungen und kryptischer Symbole gespickt war, noch bei den präzise beobachteten hysterical homemovies von Ryan Trecartin oder den im Kunstkontext fest verankerten Selbstversuchen Paul McCarthys.

Mike Kelley: Vice Anglais (2011); Foto: Achim Kukulies

Camp wurde also hier großgeschrieben, kam aber letztendlich nur noch als Referenz zum Zug. Angesichts der Qualität und des Seltenheitswerts der präsentierten Werke war diese Tatsache wenig störend. Dass eine Institution sich überhaupt an eine solche Thematik getraut hat, ist durchaus lobenswert. Schließlich kann man  Flaming Creatures als ein Geschenk auffassen. Und zwar nicht, weil die Ausstellung kostenlos war, die einzelnen Arbeiten teilweise hochwertig waren und adäquat präsentiert, bzw. inszeniert, auch nicht weil man eine unglaubliche Chance zu einem Wiedersehen mit den (restaurierten) Filmen von Jack Smith und zu einer intensiven Beschäftigung mit John Bocks Universum erhielt, sondern in erster Linie weil das Düsseldorfer Publikum, eher an konventionelle Museumsausstellungen gewöhnt, in eine Welt eintreten durfte, die fremd, bizarr und unheimlich anmutete. Ja, das ist in der Tat ein Geschenk.

Ryan Trecartin: Trill-ogy Comp (2009); Foto: Achim Kukulies

Diese Welt ist die Welt der Andersartigkeit, der Irregularität und Non-Konformität. Es ist die Welt der Hyperindividualität und der konsequentesten Expressivität, eine Welt in der jeden Mensch zum Gesamtkunstwerk erklärt wird. Es ist eine Welt, die jeder einzelner Bewohner immer wieder neu erfindet und gestaltet, eine Welt voller Produzenten, die sich selbst produzieren und zugleich die Selbstproduktion anderer Produzenten rezipieren, konsumieren und reflektieren. Es ist eine Welt ohne verbindliche Norm, ohne Kanon und daher ohne Legitimitätshierarchie. Diese Welt hat viele Gesichter und viele Namen; wie eingangs erwähnt, nennen wir sie in diesem Blogmagazin Perisphere. Für diese vom Anpassungsdruck, von der Marktlogik, von der politischen Borniertheit, von der Geschmacksnivellierung oder gar von der Selbstzensur stetig bedrohte Welt setzen wir uns im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten ein. Nicht weil wir eine neurotische Fixierung auf Andersartigkeit hätten, sondern weil wir in diese Welt, die auch very campy ist, ein großes Glück für die kulturelle Vitalität einer Gemeinschaft sehen.

Jack Smith: Untitled (ca. 1958-63); Copyright Estate of Jack Smith
Courtesy Gladstone Gallery

Jack Smith: Untitled (ca. 1958-63); Copyright Estate of Jack Smith
Courtesy Gladstone Gallery

Denn nur hier können die seltsamen, exotischen und empfindlichen Blüten – strange fruits – gedeihen, die in der anderen Welt verkümmern. Nur in diesem Biotop kommen sie zur Reife und bereichern die gesamte Landschaft mit ihren ungewöhnlichen Düften und Farben. Nur hier finden die Parias, Ex-zentriker und Idioten Raum für den Ausdruck ihrer einmaligen Persönlichkeit. Diesen Raum zu schützen heißt die kulturelle Artenvielfalt schützen. Wir rufen die UNESCO an und schicken sie in die Perisphere! Wer den Kampf gegen Uniformität und Gleichmäßigkeit führt ist bereits in der Perisphere.

Jack Smith

Das leidenschaftliche Engagement für die Peripherie, das wir in diesem Blogmagazin in der Form einer gesteigerten Aufmerksamkeit für Randzonen der Kultur treiben, darf jedoch nicht zu einem Reflex, zu einem unreflektierten Automatismus verkommen. Zunächst weil es die Gefahr birgt, eine blinde Akzeptanz für alle Minderheiten zu entwickeln. Auch Nationalisten, Trader, Zuhälter, religiöse Fundamentalisten, Sadisten oder Pädophile bilden Subkulturen, Nischen und Biotope. Es kann nicht ausreichen, am Rande des Hauptbetriebes zu agieren und irgendwie alternativ zu sein, um zur schützenwerten Spezies erklärt zu werden. Und genau da liegt das Problem. Rainer Metzger hat es in seiner Relektüre des Buches von Terry Eagleton (Was ist Kultur?, München 2001) so formuliert: „Nationalisten sind ebenso in der Minderheit wie Lesben: Warum aber, lässt man den Minderheitenstatus als Kriterium denn gelten, firmiert das eine als Qualität, während das andere verpönt ist?“ Es müssten also gesellschaftliche Übereinkünfte her, um die Spreu vom Weizen zu trennen und „ungute“ Gruppen aus der Bildfläche zu tilgen. Klingt das gut? Wir sind keine Richter – auch wenn wir bestimmte Entwicklungen definitiv nicht gutheißen wollen.

Ein anderes, vielleicht weniger heftiges jedoch genauso unlösbares Problem betrifft die Aneignung der Peripherie durch kommerzielle Branchen. Zu Zeiten des Guerilla Marketing und Streetbranding wird die Nische als Chance auf Profilierung und Eroberung von neuen Absatzmärkten gewittert. Für die creative industries ist die Andersartigkeit ein unique selling proposal mit Distinktionsmerkmal, während die eben genannten Parias und Rebellen eine wunderbare Inspirationsquelle bilden. Gesellschaftskritische Konterformisten, die von einem divergent thinking gekennzeichnet sind und, wie die Dandys des 19. Jahrhunderts, ihr Leben als Gesamtkunstwerk feiern, werden zu Originalitätsmodellen erklärt. Manche ihrer Attribute und Attitüden fließen unvermittelt in das kapitalistische Verwertungssystem und versorgen ihn damit widerwillig. Luc Boltanski und Eve Chiapello haben bereits vor 15 Jahren diese Dynamik der Anpassung und Aneignung analysiert und gezeigt, wie die Kritik des Kapitalismus zum Motor des Kapitalismus umgewandelt wird (s. Der neue Geist des Kapitalismus).

 

Jack Smith: Flaming Creatures (1963-64)

Das Beispiel von Jack Smith spricht da Bände: Der schwule Bohemien lebte konsequent seine Andersartigkeit aus und blieb bis zu seinem frühzeitig Tod 1989 ein Prototyp des verkörperten kulturellen Widerstandes gegen Gleichförmigkeit und Mainstream – eine Anomalie im System. Die extravagante Lebensweise des Transvestiten wurde zunächst von gut informierten Underground-Scouts wie Andy Warhol „entdeckt“ und später gewinnbringend in die populäre Kultur eingeschleust. Die angebliche Paranoia des flamboyant Smith lässt sich dadurch erklären, dass seine Strategie der totalen Ästhetisierung zum oberflächigen Vorbild von Lou Reed, David Bowie (Phase Ziggy Stardust), Kiss oder Brian Eno fungierte, und erfolgreiche Klamauken wie The Rocky Horror Picture Show beeinflusste. Unter Umständen hätte sich Smith wenig über die – wie gesagt: sehr empfehlenswerte – Ausstellung bei Julia Stoschek gefreut und dort eine erneute Aneignung seiner Einzigartigkeit unerträglich empfunden.

Die gebrochene Mitte im Studio Roh

Alle Fotos und Kommentare: Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek

 

Letzte Woche wurde die neueste Ausstellung im Studio Roh eröffnet. Leider waren wir nicht dabei – und werde also das ungesehene Ereignis nicht kommentieren. Freundlicherweise haben uns Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek, die zwei Raumbetreiber, ein paar Bilder zur Verfügung gestellt. Die Beschreibungen stammen von den jeweiligen Künstlern.

 

 

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic: LSD PERFORMANCE : Aus dem Wildpark wurde ich zur Ausstellung gefahren und dort habe ich mit Acryl und Bier von den Gästen, mit LSD ; MP3 Player, Händen und Füßen, ein ACTION PAINTING Nr. 1 gemalt.

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Christoph Knecht bei Rupert Pfab

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos von Dirk Rose und Giovanni Bendzulli

 

Für seine erste Präsentation bei Rupert Pfab hat er sich nicht lumpen lassen. Christoph Knecht tischt alles auf, was er hat. Eine große Kachelinstallation, feine Druckgrafiken, verschiedene gefasste und nicht gefasste Plastiken, handbemalte Kärtchen, großformatige Gemälde, Bronze- und Keramik-Skulpturen sowie ein objet trouvé; das Ganze als einheitliches Ensemble konzipiert und in den zwei offenen Räumen der Galerie inszeniert.  Diese Technikvielfalt wird noch von der Bandbreite der ikonografischen Referenzen übertrumpft. So findet man allerlei Fantastisches, Naturwissenschaftliches, Allegorisches, Philosophisches, Esoterisches, Kulturhistorisches und Mystisches im Knechtschen Sammelsurium. Zitiert wird aus medizinischen Abhandlungen, chinesischen Schriften, Renaissance-Herbarien oder barocken Capricci. Die von den Bildern und Gegenständen erweckten Assoziationen reichen von der Akupunktur bis zur Fast-Food-Kultur, von der Alchemie bis zur Anthroposophie.

Um nur einige, wenige Objekte zu nennen: Ein kelchartiges Gefäß mit einer Vogelkralle als Fuß, eine Himmelskarte in Delftblau, ein Edelweiß, ein bronzener Hawaii-Toast oder ein Totenkopf, dessen Oberfläche an die Struktur von Erdnussschalen erinnert. Es sind Kuriositäten, die sowohl in dieser Welt als auch in Paralleldimensionen gesehen, aufgelesen und, fernab von strengen naturwissenschaftlichen Einordnungskriterien, in nüchternen Schaukästen präsentiert werden.

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Gasthof Worringer Platz

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Es ist nicht zu fassen. Sogar die Rheinische Post Online, die sich bisher eher durch ihre allmontaglichen Tatort-Rezensionen und stündlichen Neumeldungen zur Lage von Borussia Mönchengladbach als durch differenzierte Berichterstattung auszeichnet, schreibt einen rehabilitierenden Artikel über den Worringer Platz. Der beliebteste Schandfleck der Düsseldorfer besäße, so das Organ der CDU, „mehr von Paris, London oder Berlin als es der Kö-Bogen je haben kann… Der Worringer Platz kommt ohne diese in Düsseldorf oft zu besichtigende Melange aus Traditionalismus, Kleinbürgertum und Geld daher; es ist das Leben einer modernen Großstadt, das auf diesem Platz eine Bühne bekommt. In allen Facetten“. Ein starker Tobak! Herr Thissen, Sie totesmutiger Journalist der RPO, ich zünde heute noch eine Kerze für den Erhalt ihres Jobs an!

Wir haben bereits an dieser Stelle oft genug auf die Bedeutung des Worringer Platzes für die lokale Kunstszene aufmerksam gemacht. Diese Bedeutung hat sich zuletzt ein Mal mehr manifestiert. Am vergangegen Samstag fand die Eröffnung des Projektes Gasthof statt – und damit wurde der Beginn einer neuen Ära für das Glashaus eingeläutet. Zur Erinnerung: Das Glashaus ist jener transparenter Kasten am Worringer Platz, der vor vielen Jahren von Oliver Gather, Anne Mommertz und Ursula Ströbele installiert wurde und seitdem eine sehr abwechslunsgreiche Geschichte aufweist. Zunächst als Versuch initiiert, auf die soziale und urbanistische Brisanz des Ortes mit künstlerischen Mitteln einzugehen, hat sich in den letzten Jahren das Konzept immer mehr von diesem ortsspezifischen Ansatz entfernt und drohte, in die Bedeutungslosigkeit abzudriften.

Tilo Schölpen – Mitglied der weltAusstellung

Mit einem ganz neuen Konzept, neuer Energie und einer gesteigerten Sensibilität für die genuine Probleme und die Chancen des Platzes, haben Oliver Gather und Andrea Knobloch das Glashaus übernommen und machen dort Programm. Ihre Herangehensweise zur Reaktivierung des Ortes ist ganzheitlich. Anstatt der Durchführung von einzelnen, isolierten Programmpunkten haben sie einen großen und ziemlich ambitionierten Entwurf entwickelt. Die zwei Künstler wollen nämlich diesen nicht gerade gemütlichen Ort in einen Gasthof verwandeln. „Die Unmöglichkeit des Aufenthalts auf diesem Platz wird in die Möglichkeit von Gastlichkeit gewendet“, kündigen sie an. „Der Worringer Platz bietet alles, was ein Gasthof bereithalten sollte: Fremdenzimmer, Restaurants und ein weit gefächertes Raumprogramm für Festlichkeiten und Zusammenkünfte. Das künstlerische Projekt Gasthof Worringer Platz entwickelt dieses Raumprogramm vom Vorstellungsbild hin zu einer erfahrbaren und mitreißenden Realität. Dazu wendet es sich an alle Platzanlieger und bittet um Unterstützung“.

Nach und nach werden in den kommenden Monaten einzelne Bereiche des Gasthofs eröffnet. Dafür spielen Gather und Knobloch mit Raummetaphern, die auf die Realität des Ortes zugeschnitten wird. Nach einer kleinen, offiziellen und wenig spektakulären (aber aus politischer Sicht nicht unwichtigen) Erstveranstaltung vor drei Wochen bildete die symbolische Eröffnung des Ballsaals den feierlichen Auftakt des Gesamtprojektes. Es sollte auf dem Platz gefeiert und getanzt werden. Und der Platz war der Saal – ungeachtet des tösenden Verkehrs, der vorbeifahrenden Straßenbahnen oder der verdutzten Durchreisenden.

Für die Austattung des Ballsaals wurden große Discokugeln in Einkaufswagen fixiert und auf Rundfahrt geschickt. In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kreisten sie um das Glashaus herum, wie Satelliten um ihre Sonne. Die Musik, von weltAusstellung komponiert und vom Düsseldorfer Volksavantgardechor interpretiert, tönte durch Lautsprecher und durch viele, kleine Radioempfänger. Gather und Knobloch hatten ein wenig Sendezeit reserviert und ließen für eine knappe halbe Stunde eine Klangcollage (die leider zu oft von den didaktischen Erklärungen der zwei Künstler unterbrochen wurde) durchlaufen.

Dann kamen die Jungs eines Tuning-Clubs in ihren funkelnden Gefährten und ließen es krachen. Mit voll aufgedrehten Bässen fuhren sie auf dem Platz und platzierten sich in einem Halbkreis, so dass sie praktisch zu weiteren Lautsprechern fungierten. Dann wurde hastig eine Runde oder zwei getanzt und die Aktion nahm ihr Ende.

 

Petites résistances im Weltkunstzimmer

Fotos: Krischan Ahlborn

 

Über die eigene Ausstellung zu berichten ist schon peinlich, keine Frage. Im Ehrenkodex der Kunstvermittlung ist dies beinah ein Tabubruch. Denn auch die Selbstwerbung und -vermarktung kennt ihre Grenzen. Über die eigene Ausstellung zu berichten kommt einer Überschreitung des Rubicon gleich; von da an hat der Kunstkritiker seine Glaubwürdigkeit verloren und entpuppt sich als voreingenommener Texter (zum Komplex der Entmachtung der Kritik zu Zeiten einer ökonomischen Abwertung der reflexiven Praxis, empfehle ich übrigens wärmstens die letzte Ausgabe des Kunstforum International, dessen Schwerpunkt auf dem aktuellen Schicksal der Kunstkritik legt). Wenn der Kurator eine Rezension über seine Ausstellung schreibt, sollte man sofort an der Legitimität des gesamten Unternehmens (also: Ausstellung, Text und Textmedium) zweifeln. Aber erstens bin ich ja kein Kunstkritiker. Zweitens bin ich ja kein Kurator. Drittens schreibe ich gar keine Rezensionen, sondern liefere lediglich ein paar Aufnahmen zur (wirklich sehr empfehlenswerte) Ausstellung Petites résistances. Und viertens sind diese Bilder noch nicht mal von mir. Es doch alles in Ordnung. Oder?

 

Die Bilder zum Workshop folgen an dieser Stelle sehr bald….

Alex Whittaker im Hotel Ufer

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Gebissen vom Kunstdämon. So könnte man den Mann beschreiben. René Tilgier, irgendwo um die Vierzig, stolzer Besitzer eines Gasthauses in zentraler Lage und erfolgreicher Hotelier in der dritten Generation, ist ein begeisterter Kunstliebhaber wie man sie nur noch selten trifft. Ein Leben ohne Kunst scheint ihm undenkbar zu sein. Und zwar nicht nur als Rezipient, bzw. Konsument, sondern zunehmend als Akteur und Gestalter. Sich in einem Freundeskreis zu bewegen, der zum guten Teil aus Absolventen der hiesigen Kunstakademie besteht, Kunst zu sammeln oder, Beruf und Passion verbindend, die vom Kit oder von der Kunsthalle eingeladene Künstler zu beherbergen– das war ihm nicht genug. „Als Hotelbesitzer bekomme ich Künstler praktisch frei Haus geliefert“, erzählt er. Es sei zwar eine schöne Austauschbasis, aber noch längst keine tiefe Auseinandersetzung. Weil er genau diese Intensität vermisste, entschied sich Tilgier, Kunst und Künstler dauerhaft in sein Haus zu holen. Den Anfang macht der junge Brite Alex Whittaker, der seit letzter Woche eine Videoarbeit und eine Installation in einem Zimmer des Hotels Ufer zeigt.

Hotel Ufer. Bild: A. Whittaker

Renés erste Erfahrung mit einer Ausstellung in den Räumlichkeiten des Hotels geht übrigens auf das Jahr 2001 zurück, als er eine Auswahl an Studenten der Kunstakademie auf  zwei Etagen präsentierte. Ein paar Jahre später fand eine kurze Zusammenarbeit mit Akiko Bernhöft und Patrizia Dander im Rahmen des Projektes White Light statt. Aber das neue, mit Whittaker lancierte Programm ist etwas ganz anderes. Im vergangenen Jahr rief Tilgier ein Stipendium ins Leben, das völlig privat organisiert und finanziert ist. Unter dem Name Brave Grey Artist in Residence Programm adressiert sich das Projekt an Absolventen des Chelsea College of Art and Design in London. Für die erste Ausgabe war der Zuspruch erstaunlich groß: Über 70 Bewerber haben ihr Glück versucht und wurden von einer fünfköpfigen, britisch-deutschen Jury begutachtet.

Christoph Knecht, Alex Whittaker und René Tilgier

Verglichen zu den lokalen Stipendien, die die Stadt Düsseldorf an fremde Künstler vergibt, ist das Angebot von Tilgier sogar ein bisschen verlockender. Der Laureat darf ganze drei Monate in der Stadt bleiben – anstatt der zwei Monate, die üblicherweise gelten und die von den meisten Betroffenen als zu kurz empfunden werden. Während dieser Zeit wurde Whittaker eine Wohnung und ein Atelier sowie ein bisschen Taschengeld zur Verfügung gestellt. Der Künstler wurde von Christoph Knecht (der René Tilgier beratend zur Seite steht und auch Mitglied der Jury war) begleitet und in die lokale Szene eingeführt. Die Integration verlief also ideal; für den Briten kam es zu zahlreichen Kontakten, die in einzelnen Fällen sogar zu freundschaftliche Verhältnisse mutierten. Was kann man eigentlich noch von einem Stipendium erwarten? Aus Sicht des Außenstehenden vielleicht einen Gegenzug. Bedauerlicherweise ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine Einbahnstraße; der künstlerische Transit führt nur in die Richtung London-Düsseldorf. Aber kann man die komplette Abwicklung eines internationalen Austausches von einem Privatmann erwarten? Hier wäre womöglich ein Einschalten der Stadt gefragt.

Alex Whittaker erzählte, wie bereichernd sein Aufenthalt war und wie gut er die selbsternannte Kunststadt Düsseldorf fand. Seine Eindrücke sind von einer sehr lebhaften Szene geprägt, die viele neue Impulse vermittelt und zugleich nicht in Hektik verfällt. Anders als in London, könne man in Düsseldorf konzentriert an seiner Kunst arbeiten, einem großen Connaisseur-Publikum begegnen, viele Kollegen kennenlernen ohne sich an der aufreibenden Stimmung einer Großstadt zu erschöpfen. Düsseldorf gibt viel, fordert dafür aber wenig. Deshalb wurde es fast eine Selbstverständlichkeit für Whittaker, eine Arbeit dem Hotel Ufer zu überlassen. Mit Winter Morning Immersion hat er eine feine Videoarbeit in einem Zimmer installiert, die von den Gästen immer wieder abgerufen werden kann.

Besonders im Düsseldorfer Kontext ist Whittakers Ansatz ein interessanter, weil er Bereiche verbindet, die man hier selten zusammen sieht. Seine konzeptuelle Herangehensweise, die auf den ersten Blick kühl und distanziert erscheinen kann, mildert er mit narrativen und biografischen Elementen, die ihn in die Nähe eines Story-Tellers bringen. Mit einem dezenten Humor und einem großen Sinn für die Harmonien und Dissonanzen, die zwischen Bilder und Begriffen entstehen können, illustriert er eine kurze Geschichte (eine wahre Kindererinnerung) mit Stockbilder, die er aus der Google Image-Search-Funktion gezogen hat. Magritte im Zeitalter des Internets. Die Paarung Vignette-Wort wirkt mal sachlich-richtig, mal verschoben-komisch und spielt mit semantischen Lücken und Deutungsspielräumen. So wandert Whittaker entspannt und rührend zugleich (wahre Geschichte sind ja immer rührend) durch eine mentale Landschaft, die von jedem Betrachter neu kreiert und animiert wird.

Stills aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker

Still aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker

Winter Morning Immersion  wirkt wie eine schöne, wenn auch etwas traurige Gute-Nacht-Geschichte, die zwar ein visuelles Universum evoziert, aber sich über die Richtigkeit und die Tragweite ihrer Worte und ihrer Bilder unsicher wäre. Die kongeniale Platzierung in einem Single-Hotelzimmer, diese nüchterne Zelle der Einsamkeit, betont die zurückhaltende narrative Kraft der gesamten Installation.

Bild: A. Whittaker

Bild: A. Whittaker

Als Pendant des Videos hat Whittaker eine kleine Box fest im Zimmer installiert. Wie viele seiner früheren Arbeiten, ist sie im Inneren mit Glas- und Spiegelfläche so verarbeitet, dass die wenigen Objekte, die sie beinhaltet – eine Zahnpastatube, dessen Name („White Now“) indirekt auf die Videocollage verweist, eine Porzellanfigur mit Häschen und ein Glas – sich ins Unendliche reflektieren. Eine Mise en abyme, die sehr typisch für Whittaker ist.

Für Tilgier ist die Ausstellung von Alex Whittaker im Hotel Ufer keine Pflicht, sondern ein erfreuliches Ergebnis. Der Hotelier stellt keinerlei Erwartungen an seine Stipendiaten. In erster Linie soll der Düsseldorfer Aufenthalt eine Möglichkeit bieten, sich forschend zu betätigen und, frei von jeder materiellen Sorge, an Neuem zu arbeiten. Für junge Londoner Künstler ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine hervorragende Gelegenheit, ein neues Land zu entdecken und das unbekannte Terrain zu erobern. In diesem Sinne könnte der Name des Hotels künftig eine stärkere  symbolische Bedeutung erhalten….

Alex Whittaker
Winter Morning Immersion
Ausstellungseröffnung: Freitag, 19.04.2013 19:00 Uhr
im Hotel Ufer
Gartenstrasse 50, 40479 Düsseldorf

Max Frintrop & Machail Pirgelis im Parkaus

Max Frintrop

Michalis Pirgelis

Michalis Pirgelis

 

Salad Days
Max Frintrop und Michail Pirgelis
6.4-21.4.2013
Sonntags 14-18 UHr
Parkhaus im Malkastenpark
Jacobistr. 6a
40211 Düssleodrf
www.parkhaus-duesseldorf.com

The Ocean and the River in versch. Kölner Projekträumen

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Alle rheinischen Rivalitäten zu Trotz, ist es immer wieder erfreulich festzustellen, dass manche kölnische Umstände sich wenig von denen Düsseldorfs unterscheiden. Im Kapitel „Die Medien sind das Sprachrohr der bürgerlichen Empörung“, Abschnitt „Unser Dorf soll schöner werden“, herrscht nämlich der gleiche Tenor. Während die Landeshauptstadt den Worringer Platz zum offiziellen „Schandfleck“ gekürt hat, hat der Ebertplatz in der Domstadt ein solches Prädikat geerbt. Dort und drüben soll es hässlich, dreckig, laut und gar gefährlich sein. Alkoholiker, Dealer und mit Sicherheit sehr bald „Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien“ verunsichern die Bevölkerung – wenn man der populistischen Presse Glauben schenkt. Indes sind es genau diese zwei Plätze, die seit ein paar Jahren zu den neuralgischen Entstehungs- und Vermittlungszentren für junge Kunst geworden sind.

Am Ebertplatz, zwischen Boutique und Halle für Vollständige Wahrheit – Bild: Y. Klasen

Kein Standort in Düsseldorf zieht so viele Off-Projekte an wie der Worringer Platz; und der Ebertplatz ist seinerseits zum inoffiziellen Herz der unabhängigen Kölner Kunstszene geworden. Wie üblich im Zyklus der Gentrifizierung, leisten die dort angesiedelten Projekträume (Boutique, Bruch und Dallas sowie die Halle für Vollständige Wahrheit) praktisch Pionierarbeit, indem sie die verwaisten Läden bespielen, Leben in die Passage einhauchen und das Publikum mit Eröffnungen, Veranstaltungen und Partys anlocken. Ob irgendwann die Journaille verstehen wird, dass urbaner Raum mit geringem wirtschaftlichen Verwertungspotenzial und einer nicht-konventionellen „Aufenthaltsqualität“ zur Biotope für atypische Aktivitäten und Lebensformen (Stichwort: Obdachlose) werden kann?

Das sind die portugiesischen Künstler in Köln – Bild: Y. Klasen

Am Ebertplatz braut sich wieder etwas zusammen. Was mit einer privaten Reise anfing geht weiter mit einem aufwändigeren Künstleraustausch. Vor ein paar Monaten fuhren Paul Leo, einer der zwei Betreiber der Halle der Vollständigen Wahrheit, zusammen mit Yvonne Klasen, Mitbegründerin der Boutique und des Karat-Schaufenster am Friesenplatz, sowie mit Malo, der die höher erwähnte Halle mitbetreut, nach Porto. Sie trafen dort auf eine kleine und sehr aktive Szene von ausstrebenden Künstlern, die zwar voller Energie und Gestaltungsdrang erfüllt sind, jedoch keine Aussicht auf eine Vermittlung ihrer Arbeit finden. Anders als hierzulande ist die Gruppe der Interessenten für zeitgenössische Kunst in der portugiesischen Stadt beschränkt. Es gibt nur wenige Galerien, die auf internationalem Niveau arbeiten und zu wenige Institutionen, die sich für den Nachwuchs engagieren. Und die ausstrebenden Künstler voller Energie und Gestaltungsdrang tun viel um ihre Energie und Gestaltungsdrang sinnvoll zu kanalisieren; aber sie agieren eben nur unter sich. Die Bemühung, ein selbstorganisiertes Netzwerk aufzubauen und zu unterhalten, ist verschenkt, wenn das Publikum sich partout nicht für das Angebot interessiert. Trotz zahlreicher Initiativen beißt sich der Hund in den Schwanz und die Akteure treten auf der Stelle.

Diana Carvalho in der Boutique

Diana Carvalho

Diana Carvalho

Diana Carvalho

Die unabhängige Kunstlandschaft in Porto ist also nicht unbedingt von einem großen Stillstand gekennzeichnet, aber niemand hört den Ruf. Da ist zum Beispiel Maus Hábitos (auf dt.: „Schlechte Gewohnheiten“), eine mittlerweile etablierte Initiative, die sich neben der Bildenden Kunst auch dem Tanz, der Musik und dem politischen Aktivismus zuwendet. Da ist auch Na casa com, eine Art jährlich stattfinder Tag der Offenen Türen, bei dem eine kleine Gruppe von Künstlern ihre Ateliers der Öffentlichkeit öffnen. Ein kritischer Überblick über die selbstorganisierte Kunstszene von Porto erfolgt in kurzem an dieser Stelle.

Hernâni Reis Baptista – Bild: Y. Klasen

Hernâni Reis Baptista – Bild: Y. Klasen

Jedenfalls entschieden sich die drei kölner Künstler etwas zu tun und verpflanzten die Idee des Offs in den Köpfen ihrer portugiesischen Kollegen. Die kleine Kölner Delegation erzählte von ihren Erfahrungen als Off-raum-Betreiber und Gestalter eines lokalen künstlerischen Angebots und ermutigten ihre Gastgeber selbst aktiv zu werden. Bei dem großen räumlichen Leerstand in Porto und der Anzahl an Künstlern, die sich selbst überlassen sind, sollte die Motivation prompt greifen. Aber zunächst wollten sich die Portugiesen ein Bild der Lage machen und das Off vor Ort erleben. Nachdem in Januar über 30 Künstler interviewt wurden, wurden sechs auserwählt, nach Köln zu fahren um ihre Arbeit zu präsentieren und die Szene kennenzulernen. Dank einer Förderung der Bezirksregierung Köln fielen Fahrt- und Übernachtungskosten nicht zu Last der Organisatoren; der erste Künstleraustausch zwischen Köln und Porto war geboren.

Mónica Lacerda – Bild: Y. Klasen

David Ferreira – Bild: Y. Klasen

David Ferreira – Bild: Y. Klasen

Zur Ehre ihrer Gäste sind zahlreiche Projekträume zusammen gekommen und haben ein kleines Festival organisiert mit dem schönen Titel „The Ocean and the River“. Jeder der sechs portugiesischen Künstler erhielt eine Ausstellung, ob Maria Trabulo in den freien Schaukästen von Karat, Rita Medinas Faustino in der Baustelle Kalk oder Hernâni Reis Baptista im Klub Genau. Zusätzlich zu seiner Einzelshow in einem zu diesem Zweck gemieteten Lkw realisierte David Ferreira eine Performance am Ebertplatz, wo er die Zugänge des Ortes mit Kisten absperrte und damit die Passanten zu kreativen Umgangsstrategien zwang. Ein knapper Tag nach der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Halle der Vollständigen Wahrheit wurde ihrerseits Mónica Lacerda gezwungen, ihre Arbeiten zu räumen: Schon am Samstagabend fand da ein Konzert statt und die Party ging bis zum Morgengrauen. Wer am Sonntagnachmittag zur Diskussionsrunde am Ebertplatz kam, traf ein gutes Dutzend leicht ermatteter Künstler, sich über die Lage der jungen Kunstszene in Porto unterhaltend. Noch war die Arbeit von Diana Carvalho in der Boutique zu sehen; wenig später verreisten die sechs zurück nach Porto.

Maria Trabulo

Maria Trabulo

Maria Trabulo

Und wie geht’s weiter? Im September werden sechs Kölner Künstler nach Porto fahren und ihre Arbeit dort präsentieren. Da die Vermittlungsstruktur (d.h.: ein Raum und Menschen, die sich darum kümmern) nicht vorhanden ist, stehen noch viele Details dieser Reise in den Sternen. Aber wir werden berichten….

when people had computers – Konzert in der Halle für Vollständige Wahrheit – Bild: Y. Klasen

Diskussionsrunde am Ebertplatz

 

 

Endlos im Asta-Raum

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Es kam eben anders. Anstatt des Debüts eines Newcomers bot der Asta-Raum ein Wiedersehen mit zwei Akademie-Alumni, die seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit tätig sind. Am vergangenen Samstag endete die Ausstellung von Taka Kagitomi und Nesha Nikolic mit einer Doppelperformance beider Künstler. Dabei war der  kleine Raum vor der S-Bahn-Brücke auf der Gerresheimer Straße zu voll, um allen Gästen Platz zu bieten.

Beide Künstler wurden von Maurice Urhahn, einem Kiecol-Schüler, eingeladen. Möglicherweise hatte Urhahn geahnt, welches Potenzial eine solche Konfrontation mit sich bringt. Während Nikolic eher brachial und körperbetont arbeitet und dabei gerne seine Stimme (oder andere, live produzierte Klänge) einsetzt, hat Kagitomi eine eigentümliche Vorliebe für skurrile kinetische Objekte, die er aus Fundstücken zusammen setzt und zum Leben erweckt. Zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen, die eine gewisse hartnäckige Konsequenz als gemeinsamen Nenner haben. Die zwei Performer sind sich übrigens nicht unbekannt: Sie haben zum gleichen Zeitpunkt studiert, waren praktisch Klassennachbarn (Kagitomi bei Tal.R und Nikolic bei Georg Herold) und schätzen sich seit einigen Jahren; zusammen gearbeitet hatten sie aber noch nicht.

 

Nesha Nikolic

Taka Kagitomi

So fanden sie sich wieder, zunächst, für den ersten Teil der gemeinsamen Performance, um Kagitomis große Installation – ein Gerät, das ein wenig an einen gekippten Billardtisch erinnert und bunte Tischtennisbälle ausspuckt. Nikolic modulierte am Mischpult seine Stimme, so dass sie stets neue Färbungen annahm und immer fremder, elektronischer wurde. Kagitomi führte währenddessen seine lustigen Geräte aus und erntete wohlwollende Heiterkeit.

Taka Kagitomi

Taka Kagitomi

Im zweiten Teil (war das wirklich ein zweiter Teil?, eigentlich eher ein Abschluss…) ging Nikolic in den Hinterraum und postierte sich vor einem Laptop. Auf diesem lief als Loop ein kleines Video, das die gewaltige Zerstörung eines ähnlichen Laptop-Modells zeigte. Nun geschah was geschehen sollte: Nikolic ergriff ein Beil und nachdem er pathetisch „Progress ist Regress! Es gibt kein Progress!“ geschrien hatte, zertrümmerte er das Gerät und dessen Sockel. Heftig, konzentriert, effizient.

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Technikfeindlichkeit? Fortschrittszweifel? Infragestellung unserer PC-beherrschten Welt? Ein wenig plump. Und nicht unbedingt neuartig: Vor fünfzig Jahren zerstörte Günter Uecker methodisch Fernseher, Klavierflügel und andere Stellvertreter der  besitzfixierten bürgerlichen Ordnung. Wenn man sich aber den Titel und das Thema der Ausstellung („Unendlich“) vor Augen führt, bekommt man einen anderen Zugang zu dieser authentischen Zerstörungswut: Man kann diese Energieausladung als ewige Wiederkunft interpretieren, als eine nie endende Wiederholung – als eine abrechnende Geste, die jede Generation für sich vollziehen muss, egal was in der Vergangenheit bereits zertrümmert wurde.

Endlos
Taka Kagitomi und Nesha Nikolic
Asta-Ausstellungsraum
Gerresheimerstr. 100, 40233 Düsseldorf
25-3-6.4.2013

Body Light bei Venus und Apoll – eine Nachlese

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos: Sirin Simsek

 

Nicht, dass wir uns missverstehen: Es soll im Folgenden nicht partout versucht werden, eine neuartige Tendenz zu erkennen oder gar einen artifiziellen Trend zu kreieren. Nichts liegt mir ferner, als der vermeintliche Beobachter und Kommentator einer neuen, homogenen Generation zu fungieren – einer Generation, deren Homogenität hauptsächlich aus dem schön zusammen gedichteten Konstrukt eines Kunstwissenschaftlers bestehen würde. Ich möchte nur auf die Verdichtung einiger Anzeichen aufmerksam machen und fragen, ob eine ganze Gruppe von Düsseldorfer Nachwuchskünstler nicht als „romantisch“ bezeichnet werden könnte. Fragen, ob jene Kunstschaffenden, die Anfang der 1980er Jahren geboren wurden und entweder ihr Kunststudium vor kurzem abgeschlossen haben oder es bald tun werden, nicht auf eine romantische Weltsicht rekurrieren. Fragen ob sie, bewusst oder unbewusst, Stilelemente verwenden und eine Haltung verkörpern, die sehr an Formen der historischen Romantik erinnern. Denn– zumindest in Düsseldorf – verdichten sich die Hinweisen.

In einem früheren Artikel hatte ich mich bereits über den eigentümlich romantischen Charakter der künstlerischen Einstellung von Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek gewundert. Ihr Projektraum Studio Roh, dem ich neuerdings einen zweiten Besuch abstattete, ist von eine idealistische Vision und einer erfrischenden, emotionalen Begeisterung getragen, die selten geworden ist. Weit entfernt vom strategischen Kalkül, von der abgeklärten Coolness oder der post-postmodernen Ironie, die in diesem Milieu vorherrscht, wird dort an einer Parallelwelt – einem existentiellen Gesamtkunstwerk – gearbeitet. Mit viel Pathos und Herzblut. Ich hatte versucht, diese Eigentümlichkeit am genuinen Charakter der zwei Künstler zu interpretieren und mir zunächst keine weiteren Gedanken gemacht. Aber es liegt vielleicht mehr dahinter. Die bereits vor ein paar Wochen abgeschlossene Ausstellung „Body Light“, die in Julia Stoscheks Projektraum „Venus und Apoll“ nur drei Tage lang zu sehen war, hat neues Material zur „romantischen Hypothese“ geliefert.

Jonas Wendelin: Du Licht – Abgrund

C.D. Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes (1819-20)

Ein für mich charakteristisches Exponat der Body Light-Ausstellung war „Du Licht – Abgrund“ von Jonas Wendelin. Schon dieser Titel. Ein Heraufbeschwören der finsteren Untiefen dieser Welt und der transzendentalen Erleuchtung, die sie trotzdem verspricht. Um die Bilder einzufangen, die in seine Videoarbeit einfließen, wandert und wandelt Wendelin durch die Berliner Nacht. Anders als die Figuren von Caspar David Friedrich, die sich auf den Weg in ein dichtes Gestrüpp machen, bevor sie, eine mystische Union mit den schlummernden Kräften der Natur eingehend, in katatonische Ekstase unter dem Schein des Mondes geraten, streift Wendelin am Rande der Hauptstadt entlang, entlang an Schnellstraßen und Tankstellen. Die vorbei rauschenden Autos sind zwar nie zu sehen, sie spielen aber die eintönige Hintergrundmusik dieser Großstadtpassion. Wendelin geht durch die Nacht. Er braucht diese Dunkelheit, die nur von dem orangenen Licht der Straßenlaternen gebrochen wird (hier leuchtet kein Mond); er braucht diese Un-Zeit zwischen den Tagen; er braucht diese Einsamkeit. Er ist allein und sucht – aber was sucht er? Das Licht, das Schöne, die Transfiguration? Er sucht ein Bild. Die klirrende Kälte der Nacht hinterlässt nämlich Spuren, und Wendelin kann sie lesen. Er filmt den von der kondensierten Luftfeuchtigkeit produzierten sehr dünnen und unregelmäßigen Eisbelag auf den Motorhauben von geparkten Autos. Diese winzigen Eiskristalle entstehen nur unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen und wirken in Großaufnahmen wie Sterne. Sie blitzen und funkeln in verschiedenen Farbtönen. Hier treffen das Triviale und das Göttliche, car and stars, Mikrokosmos und Makrokosmos, das Stumpfsinnige und das Erhabene, aufeinander.

Alex Grein: o.T.

Wendelin fixiert ein simples, natürliches Phänomen auf Video und überträgt das Lichtspiel, das die fragile Schönheit der Welt einzufangen versucht, in den Raum.  Diesen Impuls finden wir auch in der reduzierten Arbeit von Alex Grein. Die Künstlerin war bereits vor einem Jahr in einer Gruppenausstellung im NRW-Forum aufgefallen, wo sie das Landschaftsmotiv (darunter auch die eisige Ikone von C.D. Friedrichs Gescheiterter Hoffnung) collageartig neu interpretierte. Ihre kleine, unbetitelte Videoinstallation am Worringer Platz, bestehend aus einem mit Wasser gefüllten Glaskasten, auf den Aufnahmen von Wasserspiegelungen projiziert wurden, leuchtet wie eine magische Schatulle in der Dunkelheit. Das viereckige Objekt, das an ein Aquarium erinnert und gewiss dekorativ wirkt, funktioniert wie ein Meditationsstein, eine kontemplative Ruhe ausstrahlend. Die instinktive Faszination des menschlichen Auges für Naturschauspiele wie Wasserfälle, Vogelschwärme oder Wolkenbewegungen kristallisiert sich in diesem höchst artifiziellen Gegenstand. Unter Umstände wird man an Nam June Paik erinnert, auch wenn die esoterische Ästhetik von Greis‘ Objekt weit entfernt zu den grellen und hektischen Bildexplosionen des Großvaters der Videokunst stehen. Beide Ansätze behaupten, dass die Suche nach dem Erhabenen nicht zwangsläufig durch eine Naturerfahrung vollzogen werden muss, sondern auch technologisch evoziert werden kann.

Anna K.E.: Gloss of a Forehead

Francisco Goya

Vom Erhabenen zum Grotesken mag der Weg sehr lang erscheinen; aber gerade das Zeitalter der Romantik hat gewusst, welche Abkürzungen gangbar sind und die Überquerung von einem Extrem ins Nächste ermöglichen. Die ästhetische Kategorie des Grotesken, die übrigens überhaupt nicht spezifisch romantisch ist, soll als Kontrapunkt des Erhabenen verstanden werden – wie die notwendige Schattenseite einer Lichtgestalt –, und war mit Goya und Füssli in den Bildenden Künsten sowie Victor Hugo und Gogol in der Literatur dieser Epoche gut vertreten. . . Präsenzen des Grotesken in Body Light lassen sich an verschiedenen Stellen ausmachen. In Gloss Of a Forehead lässt Anna K.E. ihre lustig-monströse Arschkreatur durch ein Künstleratelier herumtapsen und allerlei Kunst-Stücke (sowohl im wörtlichen als auch im erweiterten Sinne) durchführen. Das Wesen mag ein deftiges Vexierbild oder ein obszönes Ebenbild sein –  bedeutend hier ist jedenfalls die Platzierung des laufenden Popos im Kunstkontext. Klar besitzt der Ansatz von Anna K.E. den Biss und die Albernheit eines einfachen punkigen Streichs; darüber hinaus aber scheint sie manche Schöpfungsmythen und Künstlerklischees heftig in die Mangel zu nehmen. Sowohl die paradigmatische Figur des Künstlers als auch die Vorstellung des Ateliers als Ort der Kreation werden hier ohne große Anal-yse frech demontiert.

Victor Hugo: Le Roi des Auxcriniers (1866)

Dominik Geis: Die Maske

In der Abteilung für groteske Selbsttransformationen müsste neben Anna K.E. auch Dominik Geis herbeizitiert werden. In seiner zwölfminütigen Videoarbeit appliziert er sich in strenger Frontalansicht feuchte Tonklumpen auf das Gesicht, um daraus eine grobe Maske zu formen. Der Künstler verschwindet hinter einer lächelnden Fratze aus schleimiger Materie, verwandelt sich regelrecht in eine Grimasse, wird eins mit dem Kunstwerk. In der Umkehrung des Pygmalion wird Geis zu einer Skulptur. Maske kann als expressionistische Variante von (als Hommage an?) Bruce Naumans Art Make-Up von 1967 interpretiert werden, in dem der Körper des US-Amerikaners zum Bildträger gemacht wurde. Diese Aufhebung der Distinktion zwischen Objekt und Subjekt im Prozess der künstlerischen Schöpfung führt zur Vorstellung der Verschmelzung von Kunst und Leben. Die Welt nach den Idealen der Kunst zu prägen und die Existenz des Künstlers in einem prozesshaften Kunstwerk zu gestalten war ein Projekt der Frühromantik. Das Leben sollte einem Roman gleichen, jeder Mensch sollte zu einem kunstvollen Held werden. Die von Novalis, Schlegel oder Schleiermacher gepredigte Realisierung einer ästhetischen Existenz sollte sich allerdings nie in dieser formulierten Radikalität verwirklichen. Geht man zu weit, wenn man die schlichte Arbeit von Dominik Geis in dieses sehr weite Feld einordnet? Wird das Selbstporträt überinterpretiert? Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein.

Isabella Fürnkäs & Marion Benoit: Zucker

Tanja Ritterbex: I like it Loud

Maske ist nicht die einzige selbstreferenzielle Arbeit der Ausstellung mit grotesken Zügen. In I like it Loud zappelt Tanja Ritterbex wie wild vor der Kamera, übertrieben geschminkt und hyperaktiv, singt, plappert und gestikuliert in einer häuslichen Umgebung, die ihr Teenager-Zimmer sein könnte. Ihr ausgeflippter und enthemmter Beitrag hat den Charakter einer Tagebucheintragung mit evidenten exhibitionistischen Zügen – Tendenz Trash. Die narzisstische Leier kann, je nach Tagesform des Rezipienten, als nerventötend oder goldig angesehen werden. Man entzieht sich jedenfalls der One-Woman-Show nur schwer; die Penetranz des Videos wird nur dank eines kleinen Monitors und Kopfhörers in Schach gehalten. Es ist gewiss eine Plattitüde, diese Art von digitaler Hypersubjektivität als späte Nachfolgerschaft und Web 2.0-Variante der Tagebuch-Manie und der autobiographischen Erzählungsmode zu sehen, die sich im Zeitalter der Romantik rasch ausbreitete. Indes scheint sich die Tyrannei der Intimität durchgesetzt und das totalitäre Ideal des romantischen Menschen in der Transprivacy verwirklicht zu haben. Der Blick in den Spiegel nimmt manische Züge an, vor allem wenn das reflektierte Bild vollständig gestaltet werden kann. Die beinah erschreckende Verstärkung des Individuums, die das Phänomen der social networks mit sich bringt, führt zugleich zu einer Steigerung der expressiven Möglichkeiten des Einzelnen und zu seiner größeren Isolierung im Schwarm. Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, wie sie von der Protagonistin Ritterbex durchlebt werden, werden zur Norm.

Sarah-Jane Hoffmann: From w/Love

Ben van den Berghe: Stepper, Tower and Stomach Trainer (session II)

Es ist prinzipiell erstaunlich, wie relevant die Thematik des Individuums in Body Light erscheint. Wenn sie sich nicht gerade selbst inszenieren, greifen viele Künstler auf die Gattung des Portraits zurück. Nach den Künstler-Kuratorinnen Isabella Fürnkäs und Melike Kara sollte sich die Show auf Themen der Körperlichkeit und der Selbstwahrnehmung konzentrieren – dass ihr Vorhaben vielmehr geworden ist, als eine bloße, erneute Gruppenausstellung zum Motiv des Leibes, spricht für die Beiden. In Body Light wird die Kunst zum Mittel der Selbsterkundung, Selbstbefragung und Selbststilisierung eingesetzt. Überall so viele Ichs. So viele alleingelassene Menschen, in so vielen (Vorstellungs-)Bildern und Klischees gefangen. In manchen Beiträgen, wie beispielsweise bei Ben van den Berghe oder bei Sarah-Jane Hoffmann, prallen Individuen an massenmedialen Konstrukten (aus der Populärkultur im ersten Fall, aus der sog. Hochkultur im zweiten) zusammen, die ihr Selbstbild erheblich bestimmen. Dabei löst sich die Individualität des Körpers in einem diffusen Fundus aus idealen und traditieren Images; die selbst auferlegte Entfremdung nimmt ihren Lauf. Man nimmt es mit Humor (van den Berghe) oder mit Respekt (Hoffmann). Weil diese Bilder rund um die Uhr verfügbar sind und als implizite Modelle gelten, verformen sie allmählich die Körper, nachdem sie sich in die Köpfen verpflanzt haben. Dieser Schock der medialbedingten Selbstmanipulierung lag Goethe, Novalis oder Stendhal fern – auch wenn sie gerade am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der explosiven Entwicklung des Romans ihren ersten Anlauf nahm.

Anna-Lena Meisenberg: o.T.

Tobias Hoffknecht: MEM

Die große Qualität der Ausstellung liegt eben nicht nur allein darin, den Spleen einer einigermaßen einheitlichen Generation eingefangen und auf dem Punkt gebracht zu haben – also auf die romantische Ader dieser Generation gestoßen zu sein und sie zu erschließen. Darüber hinaus wurden in Body Light manche Spezifitäten dieser wiederholten Romantik berücksichtigt, die ansonsten keine Entsprechung in der Geschichte finden – wie z. B. durch den Rückgriff auf Kommunikations- und Vernetzungsmedien, die ganz neue Möglichkeiten der Selbstinszenierung öffnen. Die gegenwärtige romantische Generation ist keine eins-zu-eins-Kopie einer historisch-romantischen Generation. Sie bringt ihre Eigenheiten mit. Anstatt der x-ten Retro-Welle, die sofort vergessen wird, könnten wir es hier mit einer tiefgreifenden Reaktualisierung zu tun haben. Der Unterschied ist ein wesentlicher.

Kira Bunse: My Favourite Wate of Time

Kira Bunse bewegt sich allerdings eher in einem anachronistischen Raum. Diese Bemerkung darf nicht als Kritik genommen werden, sondern als Ausdruck einer gewissen Originalität. Bunses Foto- und Videoarbeit ist in der Modewelt angesiedelt, unterhält aber durchaus Beziehungen zur sogenannten „freien Kunst“. Mit My favourite Wate of Time zeichnet sie das Bild eines jungen Mannes mit nacktem Oberkörper, eine Zigarette vor einem neutralen Hintergrund rauchend. Keine übertriebene Laszivität in diesem kurzen Film, doch eine gute Portion Selbstverliebtheit, wie man sie sonst aus den Mode-Klischees kennt. Die Kontraste sind hart, das verwackelte Bild leicht unscharf. Die Super 8-Ästhetik evoziert in ihrer seichten und stilisierten Homoerotik die frühen Filmen von Derek Jarman. Die melancholische und elegische Grundstimmung der Aufnahme wird von ebenso schmachtenden wie schwülen Gitarrenakkorden unterstützt. In unmittelbarer Nähe der Arbeit von Tanja Ritterbex schafft Bunses Miniatur eine willkommene Atempause.

Melike Kara: Haram

Eugène Delacroix: Femmes d’Alger dans leur appartement (1834)

Andere Musik, andere Landschaft, andere Stimmung. Das Motiv des Harems revisited zieht sich durch die wunderbar schlichte und intensive Arbeit von Melike Kara. Der Harem als Topos der Fremde, des Mysteriösen und Lustvollen ist ein höchst romantisches Motiv in den Bildenden Künsten. In den Salons des 18. Jahrhunderts  wurde die wollüstige Atmosphäre eines orientalischen Zimmers voller schlummernder Frauen zu einem beliebten Männerphantasma. Erinnerungen an die Interieurs eines Delacroix oder Ingres drängen sich nun im kurzen Videofilm auf. Aber anstatt von schweren Vorhängen in satten Farben und von reich verzierten Teppichlagen herrscht in Karas Arbeit die Nüchternheit eines mittelmäßigen Wohnzimmers in einem westeuropäischen Wohnblock; anstatt einer halbdunklen Kammer voll berauschender Düfte und geheimnisvoll wirkender Kerzenlichter, wird die Szenerie von grellen Neons beleuchtet. Der exportierte Traum vom Morgenland wird mit seiner wenig schmeichelhaften Realität konfrontiert. Von dem Gemach der Frauen von Algier zu dem Wohnzimmer der Frauen in Köln-Kalk scheint die Distanz unüberwindbar zu sein. Aber ein dunkler Blick voller Sehnsucht, ein improvisierter Bauchtanz vor dem Sofa oder die melancholische Stimme einer Sängerin, die den kahlen Raum mit einem orientalischen Wunder füllt, stellen plötzlich Verbindungen zwischen verträumten Bildern aus einer anderen Zeit und der heutigen Situation türkischer Frauen in Deutschland her. Haram besitzt eine fragile Poesie, die mit wenigen Worten und lakonischen Bildern auskommt. Der Film reaktiviert eine eigentümliche Exotik, die sich an manche triste Standards des deutschen Lebens angepasst hat.

Mit Buchtipp von Manuel Graf wird schließlich die romantische Hypothese ein letztes Mal bestätigt. Die Arbeit ist schon öfter gezeigt worden; ich möchte nur kurz darauf zurückkommen, auch wenn Grafs spannender Ansatz einen ganzen Artikel verdient hätte. Buchtipp nähert sich spirituellen Erkenntnistheorien aus der anthroposophischen Lehre an und bringt auf sehr gelungene Art und Weise eine alternative naturwissenschaftliche Denkweise, die sich u.a. aus der Physik, der Biologie und der Thermodynamik ableitet, mit ihrer freien, plastischen Interpretation zusammen. Das Ergebnis ist zunächst leicht verwirrend, denn man fragt sich, ob man vor einem Dokumentarfilm steht, vor der Persiflage einer Doku oder tatsächlich vor einem künstlerischen Video. Die Struktur der Arbeit ist dichotomisch: Ein älterer Herr referiert zunächst über das Buch Das sensible Chaos von Theodor Schwenk und fasst dessen Hauptthesen zusammen. Dann sind stilisierte Bilder eines eurythmischen Tanzstücks und Raucheffekte zu sehen. Auf den rationalen, analytischen Teil folgt also ein stark assoziativer Teil. Über den esoterischen Diskurs des Vortragenden im Film wurde während der Ausstellungseröffnung gut und raffiniert gelacht. Die meisten Besucher wollten unbedingt Ironie erkennen, da wo – wie ich zumindest vermute – das ehrliche Interesse des Künstlers liegt.

D.J A.Korte

Nach Body Light ist jedenfalls Eines klar. Künstler sind die besseren Kuratoren. Karas und Fürnkäs’ Präsentation zeichnet sich durch einen lockeren und unaufdringlichen Umgang mit der Ausstellungsthematik aus. Diese unerwartete Aktualisierung der Romantik erfolgt unsystematisch und mit einer charmanten Leichtigkeit – und lässt viel Interpretationsraum für den Besucher zu. Hier werden keine eindeutigen Botschaften geliefert und keine Manifeste unterzeichnet; hier werden keine handfesten Beweise gesammelt und keine Thesen an die Wand genagelt. Die zwei Künstlerinnen/Kuratorinnen arbeiten intuitiv und assoziativ, frei von jedwedem theoretischen Ballast (dafür sind wir Kunstwissenschaftler letztendlich zuständig). Body Light ist keine didaktische Demonstration sondern eine verspielte und vorsichtige Behauptung – man fragt sich sogar, ob sich die Macherinnen der Tragweite ihres Ansatzes bewusst sind, ob sie die übergeordneten Zusammenhänge gesehen oder ob sie nicht eher, ihrem Instinkt und ihrer Lust folgend, einfach gemacht haben. Jedenfalls haben sie es sehr gut gemacht.

MOFF benötigt Ihre Hilfe!

Lob und Zuspruch, Anerkennung und Nachfrage nach unserem Interviewmagazin mit Kölner Künstlern bereiten uns seit 4 Jahren Freude, sodass wir wieder mit viel Energie ehrenamtlich an der mittlerweile 7. MOFF-Ausgabe arbeiten. Am 15. April wird das kostenlose Magazin in einer Auflage von 5.000 Exemplaren erscheinen und erstmals auf der ArtCologne an einem Stand für junge Magazine vertreten sein.

Leider fehlen uns aktuell noch 2.400€, um die Druckkosten zu decken.

Wir freuen uns über jede Spende:

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Selbstverständlich erstellen wir gerne eine Spendenquittung.

 

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Mit besten Grüßen aus Köln!

Stefanie Klingemann und Dr. Anne Schloen

 

 

Weitere Informationen zu MOFF

Ausgabe 7, 1/2013

Gespräche mit:

Gesine Grundmann

Katerina Kuznetcowa &

Alexander Edisherov

Maximilian Erbacher

Manfred Schneckenburger

Carola Keitel

Allan Gretzki

Dorothee Joachim

Andreas Oskar Hirsch

Diane Müller

Johannes Wohnseifer

 

Künstlerporträts von: Veit Landwehr

Sonderedition von: Johannes Wohnseifer

Gastgespräch von: Johannes Stahl

 

Erhältlich ab dem 15.04.2013 auf der ArtCologne und in vielen Galerien, Off-Spaces und Ausstellungshäusern in Köln und Umgebung!

Facebook: www.facebook.com/MOFFmagazin
Abo: abo@moff-magazin.de
www.moff-magazin.de

MOFF ist ein Magazin aus der Kölner Kunst-Szene. Im Mittelpunkt stehen acht bis zehn Gespräche mit Künstlern, die durch ein weiteres Gespräch mit einem Galeristen, Kurator, Kunstwissenschaftler oder Sammler ergänzt werden. Jede Ausgabe ist vollkommen anders und unterscheidet sich von der vorherigen: Das MOFF-Magazin verzichtet auf ein Branding, ein Logo oder eine Corporate Identity. Das Format, das Layout, der Umfang und die Specials des Magazins unterliegen stetigem Wandel und Entwicklung. MOFF ist kostenlos in Köln und Umgebung erhältlich z.B. auf der Art Cologne, in Galerien, Off-Spaces, Museen, Archiven, Bibliotheken, Bars und Cafés.

MOFF erscheint zweimal im Jahr: im Frühjahr zur Art Cologne sowie im Herbst zum Saisonstart und DC Open.
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Vorstand: Stefanie Klingemann, Dr. Anne Schloen

Dan Dryer im RAUM Oberkassel

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Schon wieder hat Matthias Erntges, Kurator und Betreiber des Raums Oberkassel, eine adäquate Besetzung seines schwierigen Raumes gefunden. Mit dem Künstlerduo Dan Dryer, bestehend aus Astrid Piethan und Jörg Koslowski, ist es ihm gelungen, einerseits die Spezifitäten des Ortes zu unterstreichen und anderseits eine pointierte künstlerische Bezugnahme darauf hervorzurufen. Das kleine Zimmer ist eine Herausforderung; das haben wir bereits in der Vergangenheit betont. Diese Herausforderung ist aber von den zwei Künstlern glänzend gemeistert worden.

aus der Ausstellung 22 Fachgeschäfte

Die letzte Installation von Dan Dryer erlebte ich in einer verlassenen Einkaufspassage in Mönchengladbach im Rahmen der Ausstellung 22 Fachgeschäfte. Es war ein monumentales und brachiales Werk, beruhend auf einer schlichten und evidenten Idee (dies lässt sich nachträglich gut behaupten), ausgeführt aber mit einer fast einschüchternden Kraft. Die physische Präsenz der Decke/Wand war beeindruckend und die leichte Orientierungslosigkeit, die sich vor dieser gekippten Oberfläche einstellte, faszinierend.

In Oberkassel aber sind leisere Töne angesagt. Dan Dryers Ansatz ist hier subtiler geworden und bewegt sich im Bereich des Infravisible – die Installation Monitor ist für den neuen Besucher, der den Raum noch nie begehen hat, so gut wie unsichtbar. Denn dieser Besucher betritt zunächst einen leeren, weißen Raum, mit kleinem Kaminsims und zwei Türen. Die „Objekterwartung“ des Rezipienten – wie Erntges diese stupide Sehnsucht nennt – wird bitter enttäuscht: Hier ist definitiv nichts. Dabei hat doch eine kaum bemerkbare Verschiebung stattgefunden: Eine Wand, mitsamt Tür und drei übriggebliebenen Nägeln, wurde eins zu eins kopiert und auf einer anderen, sich im rechten Winkel befindenden Wand übertragen. Copy and paste. Durch diesen Vorgang ist das Fenster, das sich sonst an der Stirnwand befindet, verschwunden und der Raum erhält eine völlig neue Konfiguration.

Die Änderung ist minimal, der zu generierende Aufwand aber sehr groß. Die Wirkung unspektakulär, die Irritation aber unleugbar. Etwas ist anders hier, obwohl alles so normal ist. Die Attrappe im Maßstab eins zu eins verwirrt den gewohnten Besucher. Sie ist so perfekt, dass sie sich nicht unmittelbar als Fake erkennen lässt. Winzige Gebrauchsspuren, Dreckflecken und weiße Übermalungen, die sich auf der Originalwand befinden, sind nämlich auf die zusätzliche Wand übertragen worden. Dan Dryer appelliert an die Sensibilität unserer Raumwahrnehmung. Die angebliche Leere des Ortes macht auf das Wesentliche – auf den Raumcharakter – aufmerksam, lenkt die Perzeption auf das Arrangement und auf die Natur dieses Raumes.

Matthias Erntges

Die akkurate Raumbeobachtung und der präzise Eingriff besitzen eine große Strenge und Stärke. Es überrascht nicht, dass Piethan und Koslowski bei Magdalena Jetelová studiert haben. Da wurde ein Verständnis für den Raum geschult, welches eben zu solchen hervorragenden Arbeiten führt.

 

Dan Dryer
Monitor
2.3-6.4.2013
RAUM Oberkassel
Sonderburgstr. 2, 40545 Düsseldorf
geöffnet Sa. 14-18 UHr
www.raumoberkassel.de

 

2,3 – 3d (+) und SUR FACE im Ballhaus Ost

Das BALLHAUS OST ist eine seit 2006 bestehende Spielstätte für freies Theater, Performance und Tanz. Das Haus in der Pappelallee 15 im Prenzlauer Berg ist Heimat für bereits etablierte Gruppen und Künstler der freien Szene (wie z.B. die Puppenspielformation „Das Helmi“) und bietet gleichzeitig Raum für bislang weniger bekannte Akteure der vitalen freien Berliner Theaterlandschaft, hier ihre Arbeiten zu präsentieren. Das Ballhaus ist somit Begegnungsstätte für experimentierfreudige und -mutige Theaterkünstler und ein neugieriges Publikum – ein dynamischer Ort der passionierten Bearbeitung heutiger Lebenswirklichkeiten. Neben den regulären Programm gibt es eine Ausstellungsreihe namens „l’oiseau présente…“, das von den Gastkuratorinnen und Künstlerinnen Mani Hammer, Gunna Schmidt, Nicola Stäglich und Anke Völk auf die Beine gestellt wurde.

 

Mit 2,3 – 3d (+) versammelt die Berliner Künstlerin Nicola Stäglich Werke von Künstlern aus Berlin und Düsseldorf, die auf unterschiedliche Weise an Konzepten des erweiterten Bildraumes und -begriffs in Form von Reliefs bis zur freistehenden Skulptur arbeiten. Mit Jan Albers, Eva Berendes, Florian Baudrexel, Wolfgang Flad, Max Frintrop, Sabine Groß, Karsten Konrad, Frank Maier und Nicola Stäglich.

 

Ausstellungsansicht mit Werken von Boller, Konrad, Flad, Baudrexel und Albers

Frintrop, Stäglich, Boller, Maier, Flad, Baudrexel

Eva Berendes, Boller, Frank Maier und Wolfgang Flad

Florian Baudrexel, Nicola Stäglich, Frank Maier, Wolfgang Flad und Jan Albers

Sabine Groß, Frank Maier

SUR FACE – ausgehend von einem Wortspiel betrachtet die Berliner Künstlerin Gunna Schmidt in Ihrer Soloshow die Oberfläche von Malerei, als geformte Haut eines Bildes und gibt ihren Werken durch körperhaften Einsatz von Material und Farbe etwas wesenhaftes.

„Sur Face“ Gunna Schmidt

„Sur Face“ von Gunna Schmidt

Eröffnung 7. März 18-22h
Mo-Fr 16 – 18:30h
Sa-So 15 – 18:30h
Die Ausstellung läuft bis 16.3.2013
Ballhaus Ost 
Pappelallee 15
Hinterhaus/3.Etage – Berlin/Prenzlauer Berg
www.loiseaupresente.blogspot.com

 

 

 

 

Politik zum Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf

von Dominik Busch (Düsseldorf)

Ich wollte ursprünglich eine Glosse über die Akademie und diese sogenannte Leistungsschau der Studenten schreiben, wurde mir der Ironie dieses Vorhabens aber recht schnell gewahr. Letztes Jahr noch nahm ich selbst daran teil, war selbst noch Teil dieses Systems, in dem der Konsens das Zepter führt und die Kritik allerhöchstens zeitweise kritisch ist. Dieser Punkt wäre mein Einstieg gewesen in die Forderung nach der Rückkehr zu einem kritischen Diskurs, zu mehr Streit über und um die Kunst. Daher werde ich mit Hinblick auf diese Forderung exemplarisch die diesjährigen Projekte der Klassen Grosse, McBride und Williams vorstellen. Drei Konzepte, die man als irgendwie politisch beschreiben könnte. Und die daher das größte Diskussionspotential entfalten.

» Gimme more of this please. now …

Zyklus (Der Mensch unter der Führung des Menschen) im Studio Roh

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Der Titel der Ausstellung erschließ sich mir nicht sofort; er erwies sich jedoch im Nachhinein als die klarste Formulierung, die man sich zu dieser Gruppenausstellung hätte vorstellen können. Es gäbe viel zu sagen über diese gelungene Show, die sehr breit aufgefasst war und zugleich das Thema nie verfehlte (bis vielleicht auf eine Ausnahme). Aber wir bleiben diesmal wortkarg und lassen die Bilder sprechen – begleitet von minimalen Kommentaren.

Jaebong Jung

Jaebong Jung

Der Rausch der Geschwindigkeit, die Extase des Lichtes. Eine impressionistische und hypnotische Kurzarbeit von Jaebong Jung, gefilmt von einem fahrenden Zug aus, oszillierend zwischen starken Überblendungen und raschen Ansichten einer periurbanen Landschaft.

Diana Akoto-Yip

Diana Akoto-Yip

Diana Akoto-Yip

Die interaktive Videoinstallation von Diana Akoto-Yip brachte den Besucher an verschiedenen Orte einer Stadt in Ghana und ermöglichte jeweils einen Panorama-Blick auf die Umgebung. Nachdem man ein Chip in den vorgesehenen Schlitzen eines Monitorkastens platziert hatte, öffnete sich die entsprechende Landschaft auf 360 Grad.

Rebekka Benzenberg

Rebekka Benzenberg

Rebekka Benzenberg

Die Szene findet offensichtlich in einem Künstleratelier statt (das man unschwer als einen Raum der Kunstakademie Düsseldorf identifizieren kann). Ein Model ist an einem Stuhl gefesselt und wird von einer Bildhauerin (es ist Rebekka Benzenberg höchstpersönlich) eingegipst. Gestaltung durch Unterwerfung; Tortur als Motor der Schöpfung.

Fabian Heitzhausen

Im dokumentarischen Duktus erzählt ein junger Mann  vor der Kamera von Fabian Heitzhausen von seinen Erfahrungen als angelerneter Arbeiter in der Autoindustrie. Auch im Jahr 2013 ist die Entfremdung der Arbeit kein Fremdwort – wobei diese Entfremdung, von einer stupiden und eintönigen Tätigkeit verursacht, vom Betroffenen selbst gewählt wurde…

Experimentelle Bild- und Toncollage mit stark verfremdeten Bildern, bizarren Oberflächenstrukturen, und Klangwelten, die unter die Haut gehen. Experiment mit dem Material Film.

Oliver Blumek

Oliver Blumek

Dokumentation einer Performance von Oliver Blumek. Der gute Mann spaziert am Düsseldorfer Hauptbahnhof mit einem Stück rohen Fleisches an der Leine. Die Reaktionen seiner Mitmenschen sind verhalten. Auf diesem harten Pflaster scheint die skurrile Erscheinung Keinen aus der Fassung zu bringen.

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann präsentiert eine schwindelerregende Spiegelinstallation, die sehr an Dan Graham erinnert und die Paradigmen des Sehens/Gesehenwerdens, der Projektion und der Rezeption gekonnt inszeniert. Visuelle Abgründe öffnen sich plötzlich…

Melike Kara

Melike Karas Film wirkt wie ein melancholischer Eintrag in einTagebuch.

Bona + Fide

Bona + Fide

Dominik Królikowski

Dominik Królikowski hat den längsten Abspann der Filmgeschichte produziert. Er hat die Regierungsmitglieder aller Staaten dieser Welt (mit einer aussagekräftigen Ausnahme: die USA) in einer „Credits-Form“ aufgearbeitet und lässt so die Schauspieler und Mitwirkenden der realen Bühne in eine endlos wirkende Schleife abrollen.

 

Zyklus (Der Mensch unter Führung des Menschen)
Ausstellung v. 2.3-4.3.2013
Studio Roh
Mintropstr.14
40215 Düsseldorf

 

Camera Obskur im Kunstraum Düsseldorf

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Bereits in den 1980er Jahren nahm eine ganze Generation von deutschen und deutschsprachigen Künstlern – darunter Thomas Schütte, Thomas Huber oder Ludger Gerdes – auf die Form des Modells Bezug. Ihr Interesse galt vor allem der Zwitternatur dieser Gattung, die zugleich autonomes Objekt, perspektivischer Entwurf und utopische Projektion sein könnte. Oft mit einer guten Portion postmoderner Ironie versehen und, entweder als Plan oder als Bühne, in betont artifiziellen Arrangements inszeniert, fungierten ihre kleinen Systeme als möglichkeitsöffnende Denkspiele, die zwischen elegant-aseptischem Glanz (Fritsch) und amateurhaftem Trash (Hirschhorn) oszillierten. Auch in jüngeren Positionen, wie z. B. bei Tatiana Trouvé, Rita McBride oder Simon Starling, die vereinzelt mit dieser Form arbeiten und die Disziplinen der Architektur oder des Designs (Stichwort: Prototyp) offensichtlich zitieren, ist die Bandbreite der konzeptuellen Strategien und der plastischen Lösungen in Bezug auf das Modell sehr groß. Umso erstaunlicher erscheint die programmatische Konzentration der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Düsseldorf.

Die zwei Kuratorinnen Stefanie Ippendorf und Jari Ortwig haben eine dichte Präsentation geschaffen, die, klugerweise, auf einen einzigen Aspekt der Modellfrage fokussiert. Die sechs Künstler der Show greifen alle auf Hausmodelle zurück (wobei „Haus“ im erweiterten Sinne zu verstehen ist, also auch als Halle, Zimmer, Zelle), die entweder dreidimensional geformt oder fotografisch kreiert werden. Diese Konstruktionen siedeln sich gezielt in eine unscharfe Zone zwischen Realität und Fiktion an, und dies wird teilweise durch die mediale Aufarbeitung des Haus(modells) forciert, die ein Filter zwischen Objekt und Subjekt legt und damit die grundsätzliche Unsicherheit des Betrachters steigert.

Christine Erhard

Christine Erhard

Sind nun die menschenleeren und sterilen urbanen Räume in den Bildern von Christine Erhard die Imitation einer Stadt oder handelt es sich hier um authentische architektonische Ansichten? Erhard scheint mit den Sehgewohnheiten des Betrachters zu spielen. In ihren Aufnahmen von Modellen integriert sie geschickt und verschmitzt Elemente ihres Ateliers und schafft somit verwirrende Trompe-l’oeil, die die Nähe der sachlichen Fotografie offensichtlich suchen. Sie verwandelt einfache Tischplatten in riesige Hängebrücken und lässt eine einfache Heizung wie Plattenbauten wirken. Diese köstlich irritierenden Bilder (übrigens: Erhard versteht sich in erster Linie als Bildhauerin) stellen den Automatismus der Bildinterpretation und, grundsätzlicher noch, das Verhältnis des Bildes zur Realität in Frage. Ausstellungsbesucher, die Christine Erhard gemocht haben, werden Lois Renner lieben…

Elke Schlenkhoff

Elke Schlenkhoff

Wie Erhard baut Elke Schlenkhoff ihre Modelle selbst bevor sie sie abfotografiert. Allerdings ist hier die motivische Perfektion, die in Erhards Aufnahmen gekonnt vorgetäuscht wird, gar nicht von Interesse. Anstatt glänzenden Oberflächen und anonymen Betonlandschaften in den Vordergrund ihrer kleinen Bilder zu rücken, blickt Schlenkhoff, 1984 in Herne geboren, auf heruntergekommene Hinterhöfe, triste Fassaden und desolate Straßenecken, die den ganzen Charme des Ruhrgebiets ausstrahlen. Diese aus Pappe und Knete zusammen gebauten Szenerien erinnern eher an Bühnenbilder ohne Schauspieler als an Modelle. Das Atmosphärische, das Narrative sind hier bedeutender als die Exzellenz der Form, als die gelungene Täuschung. Natürlich verkörpern sowohl Erhard als auch Schlenkhoff zwei Positionen, die reflexartig an die paradigmatische Haltung von Thomas Demand erinnern. Der Spannungsbogen zwischen Realem und Konstruiertem, zwischen Fotografie und Architektur, bzw. Modell ist evident.

Marc Räder

Marc Räder

Marc Räder

Vor etwa fünfzehn Jahren überraschte Marc Räder die kleine Fotowelt mit seinen verzerrten Aufnahmen der nordamerikanischen Suburbia. Durch Verschiebungen und Schwenkungen der Linse seines Objektives (sog. „Tilt and Shift“-Verfahren; wenn ich mich nicht irre, ist Räder der Erste, der diese Technik entwickelte und bewusst einsetzte, und dies lange bevor sie von der Werbebranche aufgegriffen wurde), brachte er ganze Wohnsiedlungen, verwaiste Sportareale und künstlich wirkende Landschaftszüge in eine merkwürdige Perspektive. Von einem beinah göttlichen Standpunkt aus gesehen, erscheint die Welt in Räders Bildern wie ein kleines, hässliches und lebensfremdes Eisenbahnmodell ohne Eisenbahn. Diese verstörende Mischung aus extremer Expressivität und gnadenloser Sachlichkeit (doch, das ist wirklich unsere Welt) ist allerdings nur spannend, wenn die Wahl der Motive sozialkritische Spuren aufweisen und die Missstände unserer urbanen Kultur aufdecken. Diese raffinierte Fotografie läuft nämlich Gefahr, interessant-abstruse Bilder zu liefern, die sich in ihrem kurzen Aha-Effekt erschöpfen.

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Weiterhin wären die subtilen, vertrackten Apparaturen von Mirjam Kuitenbrouwer zu erwähnen, die würdig eines Kuriositätenkabinetts der Aufklärung sind und – extrem schöne machines à voir und machines à penser darstellen. Die Installationen von Stephan Mörsch, die sich in Modellen, Zeichnungen und Videoaufzeichnungen durchdeklinieren und, trotz ihrer formellen Harmlosigkeit, politische Brisanz besitzen, hätten sowohl Baudrillard als auch Virilio viel Vergnügen bereitet. Schließlich das kleine entomologische Theater von Susanne Kutter, wo Schmetterlinge und Kellerasseln in nachgebauten Interieurs inszeniert wurde. Ich hatte Schwierigkeiten, das Ganze als Metapher einer existentiellen, menschlichen Situation zu sehen. Vielleicht weil mir in der Schulzeit Kafka mit einer Keule eingetrichtert wurde.

Mirjam Kuitenbrouwer

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Die Kunsthistorikerinnen-Kuratorinnen spielen bewusst mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs „camera“, der sowohl „Zimmer“ im Italienischen als auch „Fotoapparat“ im Englischen heißt und finden in dieser dichten Präsentation die stimmige Schnittstelle zwischen Fotografie und Raum. Die Ausstellung ist gut recherchiert und, in dieser kompakten Form (die Räumlichkeiten des Kunstraums sind beinah halbiert worden, und dies war eine goldrichtige Entscheidung), ein wahrer Genuss. Es fehlt zwar ein Funken an Verrücktheit, an deplatzierten Invenzione; man vermisst vielleicht den Bruch, die Zäsur, das Unvernünftige, die Spannung ins harmonische Ganze bringen würde. Aber was meckere ich nur? Man bekommt nicht jeden Tag eine so solide Gruppenausstellung…

Susanne Kutter

Susanne Kutter

Susanne Kutter

 

 
Camera Obskur
Kunstraum Düsseldorf
Himmelgeister Str.  107
Ausstellung vom 1.2.-24.3.2013
Öffnungszeiten: Do-So, 14-18 Uhr

Zu Inken Bojes Meteoiden

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

alle Bilder Courtesy Inken Boje

 

Von Inken Boje kannte man bisher eher die inszenierten Selbstporträts, die sie seit vielen Jahren produziert und in denen sie in die Identität von populären Künstlerfiguren schlüpft. Ihre skulpturale Arbeit, bestehend aus den sog. „schnellen Skulpturen“, also Objekten aus leichten Materialien, die rasch aufgebaut werden können, wurde verhältnismäßig selten gezeigt. Zwischen April und Oktober 2012 bekam man jedoch eine geballte Gelegenheit, sich mit Bojes Plastik auseinanderzusetzen. Und das Verb „auseinandersetzen“ ist hier nicht als Floskel zu verstehen. Auf neun öffentlichen Plätzen der Stadt stellte die Künstlerin ihre Werke für ein paar Stunden auf, ohne große Vorwarnung und ohne didaktisches Begleitmaterial. Werke, die für das gesunde Volksempfinden nicht unbedingt als Kunst identifizierbar waren. Und die völlig unterschiedliche Reaktionen hervorriefen.

Nachdem sie ihre ursprüngliche Idee beim Kulturamt nicht durchsetzen konnte (zunächst sollten massive Betonquader aufgestellt werden), arbeitete Boje an leichten Plastiken aus Pappe, Plastik, PU-Schaum und Klebefolie, die auf ausgewählten Plätzen aufgebaut wurden. Jede Aktion dauerte zwischen acht und zehn Stunden, mitsamt Auf- und Abbauphase. Während dieser Zeit blieb die Künstlerin stets am Ort des Geschehens und beobachtete, wie ihre Meteoiden – wie sie die Objekte nennt – bei den Passanten ankamen. Es ging also nicht darum, die Stadt auszuschmücken und mit neuen drop-sculptures zu bereichern, sondern den angeblich freien, öffentlichen Raum in Besitz zu nehmen. Darüber hinaus sollte festgestellt werden, wie diese Aneignung akzeptiert wird und, abseits des üblichen Kunstbetriebs, wie der „Mann von der Straße“ damit umgeht.

Wirklich ausufernd waren die Objekte von Inken Boje nicht. Weil sie im Atelier realisiert und später auf konventionelle Weise transportiert werden sollten, überstiegen sie nie drei Meter Höhe. Aber das reichte schon um übliche Durchgangspassagen zu sperren und einen kleinen Umweg zu erzwingen oder, bei Wind, leicht bedrohlich zu wirken. Und vor allem: Diese Haufen nicht-edler Materialien, die nicht unbedingt als neue Verkörperungen des Guten, Wahren und Schönen gehalten werden dürfen, stellten der Öffentlichkeit (zwar banale, aber nach wie vor berechtigte) Fragen: Ist das Kunst? Ist das schön? Muss ich von jetzt an damit leben? Wer nimmt sich die Freiheit, den öffentlichen Platz zu bespielen? Kann sich Jeder diese Freiheit nehmen?

 

Für die Aufstellung ihrer Meteoiden, hatte Boje Orte in der Stadt ausgewählt, die neu gestaltet wurden. Der Oberbilker Markt, der große Platz an der Bonner Straße in Holthausen, der Apollo-Platz am Rhein oder der Friedensplatz in Bilk sind alles öffentliche Räume, die in den letzten fünfzehn Jahren erneuert wurden. Diese Veränderungen gehen immer mit einer notwendigen Neuorientierung ihrer Benutzer einher, mit einer Anpassung ihrer Gewohnheiten. Diese vielfachen Neugestaltungen führen aber zwangsweise auch zu tiefgreifenden Veränderungen im gesamten Viertel. Die Plätze werden kleiner oder größer, Märkte etablieren sich oder verschwinden, zusätzliche Fahrspuren werden auf- oder zurückgebaut, etc. Das lässt die Bewohner nicht kalt. Und wenn plötzlich auch noch eine unerwartete Skulptur aus heiterem Himmel fällt, dann können schon die Emotionen hoch kochen.  Inken Bojes Meteoiden wirkten daher wie das Brennglas eines (mikroskopischen) Wandels im städtischen Raum. Auf ihnen konnte sich der Frust entladen, durch sie konnte sich die Zufriedenheit ausdrücken. Im Oberbilker Markt, wo die Neugestaltung zu mehr Verkehr und weniger Aufenthaltsqualität geführt hat, entwickelten sich spannungsgeladene Gespräche mit den Anrainern, die das bisschen noch verfügbaren Raum aggressiv verteidigten. In Holthausen hingegen, wo unverhofft ein sehr großer Platz mit Spielgeräten, Bänken und Bäumen entstand, bekam die Künstlerin die spontane Hilfe von Nachbarn und deren Anerkennung.

Die Lebensqualität in einer Stadt lässt sich nicht allein an ihrer niedrigen Arbeitslosenquote, an der Anzahl von Schulen und Kindergärten oder an ihrem Freizeitangebot messen. Auch eine sinnvolle, humanistische Stadtgestaltung, die in der Lage wäre, Interaktionen zu provozieren und den heterogenen Menschenfluss zu lenken oder zu verankern ist überlebenswichtig. Da wo öffentliche Plätze entstehen, kommen unterschiedliche Menschen zusammen; sie kommunizieren miteinander und identifizieren sich mit dem Ort, an dem sie sich befinden. Sie finden ihren Platz. In dieser Sache hat Düsseldorf in der Nachkriegszeit – wie viele andere Städte, die sich hauptsächlich auf die Bedürfnisse des motorisierten Verkehrs eingestellt haben – völlig versagt. Plätze sind von Straßen entzweit worden, sind zum Kreisverkehr verkommen. Die Baufehler der Vergangenheit werden nicht korrigiert. Gerade in der Landeshauptstadt, die in etlichen City-Rankings gut abschneidet (es kommt eben auf die Kriterien an), sucht man mit Mühe nach öffentlichen Plätzen, die ein Gefühl der Gemeinschaft unterstützen. An diese Tatsache haben Inken Bojes Meteoiden erinnert.

Bojes Skulpturen wurden übrigens nach ihrem Einsatz auseinandergebaut und sind nur noch fragmentarisch vorhanden. Ihre erneute Präsentation im white-cube-Kontext erscheint nicht besonders sinnvoll…

 

Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf 2013

eine Bildstrecke von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Alle Jahre wieder… Ein sehr langer (aber selbstverständlich nicht vollständiger) Rundgang durch den Düsseldorfer Rundgang. Wahllos, hierarchiefrei, so sachlich, wie nur möglich. Mit schönen Grüßen aus dem Echtzeit-Archiv. Für Hinweise auf falsche Zuordnungen und Versäumnisse sind wir dankbar.

Die Seite wächst nach und nach bis zum Ende des Rundgangs am 24.2.

 

» Gimme more of this please. now …

Formation – Peles Empire im Cell Project Space

von Benny Höhne (London)

 

Peles Empire – der Name scheint Programm zu sein bei Katharina Stoever (*1982) und Barbara Wolff (*1980), demjenigen Duo, das sich hinter dem Großmachtstatus beanspruchenden Alias verbirgt. Seit nunmehr acht Jahren leben und arbeiten die beiden Künstlerinnen in London, wo sie im Jahr 2005 ein Kollaborativprojekt gründeten, dessen Namen sie dem rumänischen Schloss Peleş entlehnten. Aber nicht nur ihr Name, sondern das gesamte Werk der zwei jungen Damen, die ausschließlich als Duo arbeiten, entspringt ausnahmslos diesem am Fuße der Karpaten, zwischen Transsilvanien und der Wallachei gelegenen Neorenaissance-Schlosses, das allem Anschein nach Quelle höchster Inspiration ist.

Formation 7  (digital prints on paper, 275 x 440cm) und Formation 2-6 (Porzellan und schwarzer Ton) (Bild: Damian Jaques)

Ausgangspunkt ihrer aktuellen Solo-Show FORMATION im Londoner Cell Project Space ist der Waffensaal des Gebäudes, den sie neben anderen Räumen des Schlosses bereits für vergangene Ausstellungen installativ interpretiert und rekonstruiert haben. Dabei präsentieren Peles Empire eine Gruppe von Arbeiten bestehend aus skulpturalen Objekten und digitalen Prints, welche das Verhältnis verschiedener Transformationsmöglichkeiten von Raum, Zeit und Materialität auszuloten scheint.

Formation 7. (Bild: Damian Jaques)

Dem Besucher begegnen zunächst zweidimensionale Rückführungen und Neuinterpretationen der ursprünglich räumlichen Nachbildungen des Waffensaals. Zwei große Schwarz-Weiß-Drucke unterteilen den Ausstellungsraum in drei gleichgroße Abschnitte und umgeben den Besucher als mehrfach verzerrte, digital modifizierte Version des originalen Schlossraumes, der hier visuell bis zur Unkenntlichkeit entfremdet ist. Nur puzzlehaft lassen sich Rückschlüsse ziehen auf ein ursprüngliches Ganzes, das von Stoever und Wolff fortlaufend – hierin ist ein Grundschema ihres Arbeitsprozesses zu erkennen – transformiert, permutiert und re-arrangiert wird.

Formation 8 (digital print on paper, 250 x 280cm). Bild: Mariell Amélie

Formation 8 (Bild: Marielle Amélie)

In FORMATION wird dieses Konzept mit fünf in einer Reihe auf dem Boden positionierten Objekten auf die Spitze getrieben. In einer subjektiven Wiedergabe einzelner abstrakter, aus den Fotomontage-Kulissen herausgegriffener Formen und Strukturen führt das Duo die vorherige Umwandlung von Raum zu Fläche in skulpturale Dreidimensionalität zurück und entfernt sich mit dieser abermaligen Umwandlung umso weiter von seinem Ausgangspunkt. Durch die untypische Materialkombination von weißem, unglasiertem Porzellan und Black Grog, einem schwarzen, grobkörnigen Pigment, verbinden sich die Keramiken einerseits mit der Farbigkeit der Fotokopien, stoßen sich durch ihre schroffe Oberflächenstruktur aber andererseits von den glatten Bildwänden ab, was für ein deutlich spürbares Spannungsverhältnis unter den verschiedenen Arbeiten sorgt.

Formation 7 und 1 (Prints auf Papier, je 275 x 440cm) und Formation 4-6, (Porzellan, schwarzer Ton). (Bild: Mariell Amélie)

Formation 5. (Bild: Mariell Amélie)

Formation 4. (Bild: Mariell Amélie)

Die Metamorphose ihres architektonischen Namensgebers vollzieht Peles Empire in einer zweiten Objektgruppe auch mit den im Waffensaal des Schlosses erhaltenen Artefakten, die als abstrahierte Keramik-Reproduktionen von Lanzen oder Speeren im hinteren Galerieraum gegenüber einer Collage aus geschredderten Schwarz-Weiß-Drucken an der Wand staffiert sind und die Ausstellung abschließen. Auch diese Arbeiten können im Hinblick auf eine zusammenfassende Einschätzung von FORMATION als berechtigter Versuch der Künstlerinnen gewertet werden, einen historischen Raum zu visualisieren, der seiner selbst allerdings so weit entrückt ist, dass der Betrachter sich in einer auf Realem basierenden Utopie wiederfindet, einem von Stoever und Wolff herbeigewünschten Ort, der hier in abermaligen Transformationen zu einem kuriosen Nirgendwo mutiert ist.

Formation 9 (Porzellan, schwarzer Ton, 212 x 58cm) und Formation 10 (Porzellan, schwarzer Ton, 212 x 58cm). (Bild: Mariell Amélie)

Formation 9. (Bild: Mariell Amélie)

Bild: Mariell Amélie

Nicht nur künstlerisch, auch kuratorisch sind Peles Empire höchst aktiv. Unter gleichem Namen betreibt das Duo momentan zwei eigene Off-Spaces in London und Cluj, in denen die zwei Städel-Absolventinnen bei regelmäßig stattfindenden Ausstellungen mit anderen Künstlern kollaborieren – demnächst wieder Ende Februar in London. Ihre nächsten Solo-Shows haben Peles Empire im März im Kunstmuseum Stuttgart, sowie im Mai in den Glasgower Sculpture Studios.

 

FORMATION – Peles Empire
31. Januar – 17. März 2013
Cell Project Space
258 Cambridge Heath Road
London E2 9DA
Öffnungszeiten: Fr – So, 12 – 18 h

Urban Structures auf der Flurstrasse 16

eine Bildstrecke von Emmanuel Mir (der an diesem Tag nur mit einer Schnappschusskamera unterwegs war und um Nachsicht bietet)

 

Flingern did it again. Immerhin ist der ehemalige Gemüse- und Obstladen, bei dem Keiner einkaufte weil es nicht auf dem Weg lag und die Petersilie schon verfault war, nicht von einer Agentur für Grafikdesign oder von einer Boutique für überteuertes (aber handgemachtes) Nippes ersetzt worden. Aber, schlimm genug, der Laden ist schon wieder von Künstlern übernommen worden. Vielleicht. Möglicherweise. Wenn alles gut geht, soll ab sehr bald ein Projektraum entstehen. Das Konzept ist einfach: Fünf Künstler schmeißen zusammen um die Miete zu bezahlen und laden, je zwei Mal im Jahr, in die sehr schönen Räume ein. Es ist noch zu früh, um von einem Programm zu sprechen. Aber das wichtigste ist vorhanden: Die Energie. Diese Idee ist auf den Mist von Robert Pufleb, der sich in der Vergangenheit bereits durch seine weihnachtlichen Kunstsalons ausgezeichnet hatte, gewachsen. Da der Mann ein sicheres Händchen beweist und einen strammen Gang hat, könnte die Chose schneller über die Bühne gehen, als man glaubt. Sehr gut! Wir freuen uns darauf!

Andreas Zimmermann

Wand: Robert Pufleb

Andreas Gefeller

Andreas Gefeller

Robert Pufleb

Josef Schulz

 

Urban Structures
Mit: Andreas Gefeller, Robin Merkisch, Robert Pufleb, Josef Schulz, Andreas Zimmermann
auf der Flurstrasse 16
2-3.2.2013, 14-20 Uhr

Ted Green auf der Flurstraße 16

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Höchst untypisch: Ein ehemaliger Lüpertz-Schüler verweigert die auktoriale Hoheit über seine Arbeit, schert sich nicht um subjektives Ausdruckspathos und verschwindet regelrecht hinter dem malerischen System, das er zwischen der Leinwand und seiner Person errichtet hat. Dieser Maler heißt Ted Green und ist einer der zwei Köpfe des Projektraumes Gagarin. Als Maler bisher selten zu sehen, erscheint er nun verstärkt in der kleinen Düsseldorfer Öffentlichkeit und sucht die Konfrontation mit dem Publikum. Er ergreift die Chance einer Zwischennutzung und verwandelt einen ehemaligen Gemüseladen in eine Galerie. Dort hängen fünf Gemälde in sehr verschiedenen Formaten.

 

Die abstrakten Werke des US-Amerikaners kommen zunächst zeitgemäß-schick daher. Die Schablonenformen seiner Bilder, die sich meistens in symmetrischer Anordnung entfalten, erinnern in ihren Einzelheiten an manche Graffitis (Technik und Geste) oder an Rorschach-Tests (Komposition). Die wilde Bildsprache greift auf zugleich intensive und harmonische  Farbverhältnisse zurück und kann ihre Neigung für die glatte Schönheit des Ornaments nicht verbergen. Das geht sogar bis zur Einbeziehung einer Wand in eine Komposition (und vice-versa); eine Geste die nicht unbedingt als ironischer Augenzwinker zu verstehen ist.

Alles wirkt handwerklich gekonnt und optisch schmeichelhaft. Alles wirkt kalkuliert. Ein Verdachtsmoment entsteht in dieser frühen Rezeptionsphase: Ist Green einer dieser Maler, der auf eine halbwegs innovative Formel gekommen ist und sich nun in Trendsetting ausprobieren will? Die geschickte Paarung aus einem zurechtgebogenen Quasi- Informel und einem vermeintlichen Street-Art-Duktus ist ja kommerziell vielversprechend…

Bei genauerer Betrachtung und im Gespräch mit dem Künstler verflüchtigt sich jedoch der anfängliche Verdacht. Die ästhetische Verführung von Greens  Bildern, die teilweise an Gefälligkeit grenzt, ist nicht das Ergebnis einer marktorientierten Strategie sondern das Produkt des Zufalls. Die durchaus ansprechenden, teilweise komplex miteinander verflochtenen Grafikmuster entstehen durch die strenge Einhaltung ein paar selbstauferlegter Gesetze. Die formellen Entscheidungen des Malers in Hinsicht auf Farbe, Textur und Form werden gewürfelt oder gelost. Bevor er seine Pinsel anrührt, konstruiert Green kleine tabellarische Systeme, die aus Zahlen- oder Buchstabenreihen bestehen und in das Verhältnis zu Material, Duktus oder Form gebracht werden. Diese Tabellen bestimmen die Hauptachsen der Komposition: Wird eine Drei gewürfelt, soll die festgelegte Schablonenform grün werden; bei einer Sechs soll sie gelb sein. Oder so ähnlich.

Ein anschauliches Beispiel: Die feinen, kringelnden, roten Striche einer Komposition sind nicht das Ergebnis einer automatischen, nervösen Schrift (obwohl sie genau danach aussehen) sondern die von Googlemap errechneten Routen zwischen zwei europäischen Städten, welche Green in einem Losungsverfahren gepaart hat. Mit dem Würfel bestimmt er weiterhin die Malgeschwindigkeit oder die Größe seiner Pinsel, die Reihenfolge der Farbschichten und weitere entscheidende Bestandteile seiner Bilder. Die Palette an Möglichkeiten ist begrenzt, innerhalb dieser Palette hat der Künstler prinzipiell nichts zu melden – wobei er sich immer wieder erlaubt, nachträgliche „Korrekturen“ vorzunehmen. Da wo man also eine bewusste und durchdachte Handlung sehen möchte, handelt es sich um die Folgen eines absurden Programms, das den künstlerischen Entschluss größtenteils ausschaltet. Alles ist hier nur gespielt; und die Regeln des Spiels bestimmen das Bild.

Alte Kamelle? Damit haben Richter und Polke bereits gespielt, damit spielen seit eh und je Francois Morellet und Bernard Venet? Ja und? Der konzeptuelle Ansatz von Ted Green erhebt nicht den Anspruch, den kreativen Akt auf innovative Weise infrage zu stellen oder manche Klischees über Malerei (betr.: Inspiration, Intuition, Spontanität, Genietum, etc.)  ironisch zu dekonstruieren. Dafür kommen seine akribischen Allover definitiv zu spät – zumindest in dieser Form. Aber ob Gemälde von Menschen oder von Systemen generiert werden ist letztendlich zweitrangig. Wenn man wirklich davon ausgeht, dass jedes Bild dieser Welt bereits gemalt worden ist und dass das „Neue“ in der „neuen Malerei“ (das saisonal neu definiert wird) ein Betrug ist, erscheint Ted Greens Herangehensweise zumindest luzid und ehrlich.

Ted Green

Ersatz Woddpeckers of Central Flingern
Ted Green
Flurstr. 16
20.1-28.1.2013
Am gleichen Standort findet übrigens am 2.2 und 3.2. eine feine Fotoaustellung, worüber wir gleich noch berichten werden.