Analyse und Kommentar

#clickbaiting instagram – sofrischsogut brüllt wunderbar zu Amalia Ulman

Ruhig ist es geworden in der perisphere. Der Enthusiasmus fürs Thema – welches nun auch immer¿, so richtig klar wurde das hier ja eigentlich nie – klingt ab und es fällt doch schwer sich aufzuraffen, um etwa der Kunst noch etwas abzuringen, was noch an- oder aufregen würde. Zu abgelutscht, banal und durchsichtig ist das ganze Spiel geworden. Und je tiefer man eindringt, um so mehr offenbart sich die Inhaltslosigkeit und die tautologische Leere des ganzen Unterfangens.
Will man nun Zynismus und Sarkasmus nicht zu viel Raum geben, dümpelt man in diesem Lebensbereich dann eben so dahin, nimmt die Eitelkeiten und Neurosen der Protagonisten, so wie die all zu weltlichen Machtspielchen, mit einem müden lächeln zu Kenntnis und lässt die Dinge laufen, um sich so dann den wirklich wichtigen und schönen Dingen die das Leben zu bieten hat zu widmen.
So entsteht Ruhe.

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Aber manchmal, da weckt einen doch noch etwas auf und es freut einen wenn man das Feuer und die Leidenschaft für ein Sujet und die damit verbundene Sache spüren und lesen kann. s scharf gebrüllte und gut fundierte Kritik an der allseits gefeierten und global hoch gejazzten Instagramperformance der Künstlerin Amalia Ulman ist ein solcher Moment. Und während Kohout sich genüßlich an der Performance und dessen Rezeption abarbeitet, offenbart sie zugleich äußerst gekonnt die offenen Flanken der Tempel und Institutionen der Kunst, die zu solch scharfen Beobachtungen aktuell leider nicht Willens, oder nicht in der Lage sind.

Gut gebrüllt, Löwe! Und jetzt den Link zum Text ‘Kunst? Ja. Aber keine gute. #clickbaiting’.

Reinheit und Dummheit der KünstlerInnen

“Man wird den Künstlerinnen und Künstlern nicht mehr durchgehen lassen, dass sie sich politisch dumm stellen und diese Dummheit dann als ‘Reinheit’ verkaufen. Wir dürfen von Künstlern soviel politisches Bewusstsein verlangen wie von Arbeitern, Angestellten oder Intellektuellen; und wir dürfen genau so trauern, wenn sie freiwillig darauf verzichten […]“

Auszug aus: Ein Manifest zur Rettung der Kunst für die Gesellschaft, in: Markus Metz und Georg Seeßlen: Geld frisst Kunst. Kunst frisst Geld. Ein Pamphlet, Berlin 2014. S. 471-492

(via http://vomwertderkunst.tumblr.com)

Niemand braucht Kunstblogs!!!1!!!!1!

niemand auf der welt braucht kunstblogs. absolut niemand!

trylon hats für sich erkannt und hört leider nach kurzem feuer wieder auf. matthias planitzer hingegen wills mit castor und pollux noch mal wissen.
ok.
mal sehen also ob es – wie von planitzer immer wieder gefordert – nun doch noch mal knallt und sich was tut. etwas mehr power und haltung in diesem segment würde in der tat nicht schaden und ich stimme zu, auch ich lese fast keine kunstblogs mehr. zu brav, zu nett, zu selbtsreferentiell, zu hermetisch. die welt dreht hoch, nein durch! und blogs flüchten zusammen mit kunst und künstlern in den ästhetikbunker whitecube. nun denn, da kann ich auch die gut gemachte monopol beim cappucino blättern. sehr hübsch.
warum aber kunstblogs nie das potential entwickelt haben, das andere sparten auftaten – stichwort #aufschrei und #landesverrat, oder eben blogs wie diese, diese und diese – bleibt nach wie vor unklar. eventuell ist es die hysterisch verklemmte enge des kunstsystems.
die hand die einen mal füttern soll, die beisst man lieber nicht.
die küsst man.
in einem solchen umfeld kommt kein großes selbstbewusstsein oder gar der hang zur autonomie auf, es entsteht wohl eher das gegenteil und realisiert sich dann in form von selbstzweifel und vorauseilendem gehorsam. eine ausnahme bildet der mittlerweile fast schon legendäre donnerstag. aber auch dort bevorzugtes man es anonym und unter pseudonym zu schreiben.

ein selbstbewusstsein braucht es aber.

und natürlich die sicherlich bittere einsicht, dass es nichts zu holen gibt beim großen kuchen kunst, dass sich das flauschen und buckeln also eh nicht und nie bezahlt machen wird und man dann doch eigentlich wenigstens den spaß in den mittelpunkt stellen kann. denn wenn denn kunst einen zweck hat und haben darf, dann doch den, hier in diesem areal ungestraft die sau raus lassen zu dürfen, nein zu sollen – denn nett sein müssen wir im job genug!
aber nun wirklich den schritt zu tun, die hoffnung fahren zu lassen und sich damit zu gleich frei zu machen von einem sozialen system welches den feuchtesten träumen unserer neoliberalen visionäre entspricht, das ist nicht einfach. denn es heißt träume als illusionen an zu erkennen und sich selber den schmerz der enttäuschung an zu tun.
aber notwendig ist es. und allerhöchste zeit, wenn denn realisiert werden sollte wovon wir alle träumten als wir einmal naiv und jung damit begonnen hatten uns mit dem anderen zu beschäftigen.

seid also kritisch und kackt euch endlich an! seid polemisch! und seid politisch!

einen ersten anlauf mit der polemik macht dann nun ausgerechnet der marta-blog mit einem pamphlet anlässlich der blogparade #besuchermacht.
nun gut, am ende auch kein wirkliches wunder. der autor hat einen der wenigen lukrativen posten ergattern können,  zumindest einige schafe im trockenen und die rentenansprüche hinreichend gesichert. da brüllt er sich dann nach vollziehbar merklich leichter und entspannter.
und auf einmal wird der nutzen dessen sichtbar, was man – nein ich! – immer abgelehnt hatte:
es braucht institutionen und keine blogs.
zumindest derzeit.

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Berlin, mal wieder verkackt

Nicht zum ersten und nicht zum letzten mal haben die Honks in Berlin ne öffentich ausgeschriebene Kunstaktion ordentlich verkackt. Es heißt ja immer so schön,  Berlin hat die Kreativität und das Rheinland das Geld. Nun ja, bei allem Frust über den Kapitalsmus, mit Kreativität allein lässt sich dann eben auch nicht alles reissen.
Aber lest doch selbst dazu bei Blitzkunst.

12241560_955207561211576_8056936020654927215_n Aufregende Berliner Lichtkunst im Park.

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Der Computer des Jahres 2015 ist ein gefrässiges Ding. Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat er sich vom exklusiven Militärapparat hin zum omnipräsenten Massenphänomen und Alltags-Gadget entwickelt. Die ehemals hausgroßen Rechner haben sich in immer kleiner werdende Geräte verwandelt, welche sich mit atemberaubender Geschwindigkeit minimalinversiv in unser aller Leben implementieren. Der Computer, das Netz, die damit verbundenen Devices und die zugehörigen Interfaces prägen unsere Kultur und unser Denken wie nur wenig andere Entwicklungen der Gegenwart und Vergangenheit.
Treibstoff, Erzeugnis und Abfall der damit verbundenen psychosozialen Prozesse ist die Information. Sie ist die allgegenwärtige Droge unserer Zeit nach der immer größere Teile der Bevölkerung gieren wie der Junkie nach dem nächsten Schuss.
Der Zugang zu dieser Droge und die Kontrolle darüber ist die zentrale technopolitische Frage unserer Generation, um sie dreht sich das aktuell laufende Redesignprogramm des Kapitalismus. Die Interfaces sind das ultra-cleane Fixerbesteck des metamodernen Menschen, durch sie gelangt die Droge in unsere Gehirne um dort ihre disruptive Wirkung zu entfalten und sich bunt, schrill und hysterisch schillernd mit unserem Geist zu verbinden. Mit jedem Klick und jedem konsumierten Bit verwandelt sich das Wesen unseres Geistes ein Stück weiter vom biologischen zum synthetischen. Ein Teil dieses Transformationsprozesses ist die sukzessive und kontinuierliche Annäherung der Schnittstellen an unsere Körperoberfläche mit dem Ziel in diese einzudringen und sich unauflösbare mit uns zu verbinden.
Die Droge Information, der Prozess der Immersion und die Kontrolle darüber, werden damit zu den entscheidende Themen unserer Tage. Wie wollen wir uns mit der Maschine verbinden, wo liegen die aktuellen Schnittstellen zwischen Hirn und Prozessoren und wo sollen sich diese in Zukunft befinden? Viel wichtiger aber noch als die Frage des Wie: Wer darf über Funktion der Schnittstellen und den Fluss der Droge Information durch diese entscheiden?

.htaccess spürte diesen Fragen in gewohnt ungezwungen, lässiger Manier aber mit vollem Einsatz nach und bringt ausgewählte Künstler die schon lange an den Grenzbereichen dieser Fragestellung arbeiten und künstlerisch forschen an einem Ort, dem #digital3mpire in Düsseldorf, für eine Show zusammen.

 

 

 

Testfeld Ebertplatz

Was für die Düsseldorfer Künstler der Worringer, ist für die Kölner der Ebertplatz. Und wer diesen Blog mitverfolgt, der hat  eventuell mitbekommen, dass ich ein großer Freund dieses Ortes und der dort verorteten Projekte und Räume bin. Im Dezember letzten Jahres gab es dann bekanntlich einen Wechsel in einem der vier Projekträume. Max Erbacher, Diane Müller und Yvonne Klasen haben ihre erfolgreiche Arbeit als Organiatoren der Boutique bendet, Maria Wildeis führt die Location nun unter dem Titel Tiefgarage fort.
Als krönender Abschluss erschien die Publikation Ebene Minus Eins, in der  die Entwicklung eines noch im Januar 2012 völlig verpatzten Platzes (1) hin zu einer der spannendsten Adressen im Kölner Kunstleben (2) reflektiert wird. Während der Arbeit an Ebene Minus Eins stellte sich heraus, dass die Genesis des Ortes sowie dessen aktuelle Entwicklung zu komplex für eine rein chronologische Dokumentation der BOUTIQUE war und ist. So wurde daraus ein Buch in dem eingeladene Autoren die „neue urbane Qualität“ (Zitat des Kölner Kunstbeirats 2013 in seinem Plädoyer für eine Mietfreiheit der Off-Räume am Ebertplatz) aus ihrer fachspezifischen Perspektive untersuchen durften.

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BU: ALONG THE LIGHT – Festival für analoge Bilder und Klänge 2014,
Veranstalter: BOUTIQUE, Bruch & Dallas und GOLD+BETON;
Bild: Martin Plüddemann

Es entstanden eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher, sehr lohnender Texte, und transkribierter Gespräche, die in unterschiedlichen Formen, von der Stadt, ihrem Platz, seiner Architektur, seiner Geschichte und den damit verbundenen Künstlern und Künsten handelt. Eines dieser Gespräche führten Diane Müller und Yvonne Klasen mit der Direktorin des Ludwig Forum Aachen, Brigitte Franzen.


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Von der unsinnigen Unmöglichkeit einer Beschreibung der Metamoderne

Nachfolgend nun ein Textbeitrag verfasst durch gonzomode

Es ist ganz und gar unmöglich nicht unsinnig, die Metamoderne ein für alle mal zu begreifen. beschreiben.

Die Metamoderne ist jetzt.
Beginnen wir mit dem Jetzt.
Die Metamoderne umfasst so ziemlich alles, was wir hier und jetzt erleben. Sie reduziert sich nicht auf den digitalen Æther, sie schließt ihn auch nicht aus.
Die Metamoderne ist ausschließlich auf das sich Selbst reduziert.

Die Standardkonfiguration der Metamoderne ist der hyperwidersprüchliche Hipster/ Hippie.
Er pendelt nahtlos, durchweg und nahezu widerstandsfrei durch alle ihre Widersprüche der Zeit. Zwischen 100% & 0%.
Natürlich hat die Metamoderne auch viel mit der Zeit zu tun.

Die Metamoderne ist das, was die Cloud mit Euren Köpfen macht. Die Wolke, die jetzt schon in Euren Köpfen IST.

In der Metamoderne gibt es kein zurück, bzw. auch, nur, wenn man es denn sehr will.

Und wenn Ihr diesen Text nicht versteht, dann ist er einfach natürlich nicht metamodern.
Heute trinkt die Metamoderne nur Wasser, heute Abend nur Bier.
Die Metamoderne erkennen Sie sofort sofort an der sofortigen anständigen Verknüpfung von schwarz und weiß.
Die Metamoderne legt ein ihr goldenens Händchen wohin sie will.

Spätestens jetzt ist das hier völligster Nonsense und damit unanständig metamodern.
Der Hipster bewundert ihre schlanke Poesie und schreibt sich gleich alles auf. Jetzt weiß er endlich, dass er auch dazugehört, denn die Metamoderne ist nicht ganz gerne ganz alleine.

Wer jetzt immer noch nicht auf sein Schlautelefon geschaut hat, ist noch nicht metamodern. Am liebsten ist die Metamoderne eine gelungene Gratwanderung, am allerliebsten isst sie saures Süßes.

Die Antwort auf die Metamoderne lautet natürlich und selbstverständlich Non. Eine Frage wurde nie gestellt.

Brain Drain! Tribune d’un Français en Allemagne à propos des élections européennes

Il n’est pas de mon genre de bavarder comme le font trop de bloggeurs et d’utiliser l’espace de ce forum pour propager mes états d’âme. Perisphere est un magazine de la scène artistique indépendante d’Allemagne et non pas le journal intime d’un égotiste en quête de reconnaissance. Mais les derniers développements politiques en France me forcent à sortir de ma réserve et à prendre la parole. J’ai mal avalé le triomphe du Front National et de sa politique d’exclusion anti-européenne.


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Brain-Drain jetzt! Stellungnahme eines Franzosen in Deutschland zur vergangenen Europawahl

Es ist nicht meine Art, aus dem Nähkästchen zu plaudern und dieses öffentliche Forum zu nutzen, um persönliche Befindlichkeiten zu verbreiten. Perisphere ist ein Blogmagazin für die selbstorganisierte Kunstszene und kein Tagebuch für geltungsheischende Egomane. Aber die letzten politischen Ereignisse in Frankreich zwingen mich geradezu zu einer Stellungnahme. Der Triumph des Front National und seine ausgrenzende sowie europafeindliche Politik sind mir im Hals stecken geblieben.

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Was geht woanders? Kurz umgeschaut im Internet.

Beim Donnerstag steht nach wie vor der Artikel zur Post-pre-spectaculative-Material-Internet-Email-Bazong-Megahipster-Objektfetisch-Normcore-Ausstellung im Kasseler http://www.fridericianum.org ganz oben – passend mit dem Kanzlerhashtag #Neuland versehen. Ich hatte die Ausstellung hier erwähnt, fand das Arrangement in der Tat auch äußerst reizend, und wollte das zweite #LocalNon dann eigentlich auch dort steigen lassen, sozusagen als ergänzenden immateriellen Kommentar zu all den Objekten dort. Heute bin ich dann aber doch wirklich froh darüber, wie es jetzt gelaufen ist, der Ebertplatz ist definitiv die bessere Location dafür gewesen. Apropos #LocalNon, die Bilder vom Ebertplatz, habe ich in meinen Blog gestellt. Wer sich für solche Sachen interessiert klickt bitte hier. Danke an Alle die da waren und mitgemacht haben.
Am nächsten Tag startete in der Boutique dann übrigens noch ein 48h-DeepNon, das hat Johannes Thies organisiert. Davon ist auch das Foto hier.

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Deep Non am 5.4.2014 in der Boutique am Ebertplatz. 48h schreiben und sein,


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Die Elite der weißen Scheisse aus China

Also wer hier so ein bißchen mitliest, der hat vielleicht schon mal gemerkt, dass ich ein etwas ambivalentes Verhältnis zur Kunst habe. Obwohl ambivalent da vieleicht sogar etwas sehr euphemistisch formuliert ist, denn um Ehrlich zu sein geht mir die – mit Verlaub – weiße Scheisse zunehmend auf die Nerven. Und wenn es derzeit einen Künstler auf der Welt gibt, der für mich exemplarisch für das steht, was mich dazu bringt das Kunst-hassen zu lieben, der mir also so richtig, absolut und über allen Maßen auf den Sack geht, dann ist das der doofe dicke Chinese mit dem Rauschebart.
Aiweiwei ist eigentlich der Damien Hirst der politischen Kunst, obwohl ich letzteren, auch wenn ich für Zyniker wenig übrige habe, eigentlich dann noch vergleichsweise interessant finde. Echte Fieslinge sind mir zwar nicht wirklich sympathisch, aber eine ehrlich erkennbare Boshaftigkeit ist mir doch sehr viel lieber als der anbiedernd, devote Ideologiekitsch aus China, den man da jetzt im Gropius-Bau feiert. Viel lustiger und netter als ich formuliert das im übrigen Leo Fischer, ehemaliger Chefredakteur des Nachrichtenmagazins »Titanic«, an dieser Stelle. Klickt mal rein.

die kunst retten *

Ein Text von Frank Richter

dieser stete zuwachs an galerien, museen, ausstellungen, auktionen, festivals, biennalen, kunstmessen, vernissagen, finissagen, katalogen, portfolios, retrospektiven, kunstpreisen, stipendien, kustoden, artdealern, gutachtern, museumspädagogen, sammlern, kunstarchiven, ausschreibungen, juroren, koryphäen, kunststudenten, kunstschulen, meisterschülern, karrieren, altmeistern, nestoren, berühmtheiten, kunstprofessoren, stiftungen, akademien, meisterwerken, monographien, kunstszenen, künstlertagebüchern, kunstmagazinen, ratinglisten, nachwuchstalenten, newcomern, shooting-stars, kunstmetropolen, mega-events, meuseum-shops, kunsttouristen, kunstbanausen…

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Erik Stein beendet mit dem Besten vom Besten aus Düsseldorf

Das ist Schade! Erik Stein, langjähriger Blogautor des Donnerstag hört auf (Wir hatten uns vergangenes Jahr im April mit ihm unterhalten, das Gespräch findet Ihr hier) und schreibt seinen letzten Artikel dort.

Zum Abschluss haut er aber noch mal richtig auf die Pauke, in dem er hier mit viel Geduld analysiert und seziert was an Kunst derzeit anödet und nervt. Um sich nicht völlig im luftleeren Sprachraum zu verlieren greift er dazu die Ausstellung ‘Das Beste vom Besten’ im Düsseldorfer Kunstverein auf. Kunstkritik at it’s best. Wir wünschen viel Vergnügen.

Bild vom Donnerstag Blog geliehen. Danke!

Bild vom Donnerstag Blog geliehen. Danke!

Und bei Kunstverein und Kunstkritik fällt mir auf einmal wieder ein, dass ich eigentlich noch mal etwas über den ADKV-ART COLOGNE Preis für Kunstkritik schreiben wollte. Denn beim Blick auf die wechselnde Abfolge von Preisträgern und Jurymitglieder der vergangenen Jahre offenbaren sich Qualitäten die ebenfalls an der von Erik gedachten Linie angedockt werden können. Auch hier zeigt sich, und zwar recht ungeniert und schamlos, eine fast schon grenzdebile Lächerlichkeit, die das Unterfangen mit der Kunst offen desavouriert (und das für läppische 3000 Scheine).
Man kann und soll so etwas als ästhetisch geschulter, denkender Mensch bitte nicht mehr all zu ernst nehmen. Denn wir wollen uns die  Selbstachtung und den Respekt vor einer Welt bewahren, die in Teilen durchaus schön ist, in der Menschen permanent erstaunlich gute und edle Dinge vollbringen und in der es einer ganzen Menge von Leuten jeden Tag aufs Neue gelingt den inneren Schweinehund erfolgreich in Zaum zu halten.

Seine Aufgabe und seine Berufung Ernst nehmen und die Distanz wahren soll aber bitte auch Erik Stein weiterhin, in dem er hoffentlich an der richtigen Stelle weiter macht. Und dem Donnerstag wünschen wir, dass man die entstehende Lücke erfolgreich schließt und die Arbeit der vergangenen Jahre dort genauso bissig, klug und selbstsicher fort setzt wie bisher.

 

Bewegung im Kölner Epizentrum

Schön, dass sich in Köln am Ebertplatz was tut. Und mit etwas Glück bemerkt man auf Seiten der Stadt jetzt auch welche wertvolle Arbeit hier getan wird. Wobei das gar eigentlich unsinn ist, so wie ich das schreibe.

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18 Thesen von Hans Abbing zur Künstlerarmut. So wie einige kritische Bemerkungen zum Status der Autonomie in diesem Zusammenhang.

Der nach folgende Text stammt aus der Feder des Künstlers, Soziologen und Ökonomen Hans Abbing und wurde erstmalig im Handout zur Veranstaltung der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) ‘Are Artists Rich?’ – Workshop und Parlamentarischer Abend in den Badischen Stahlwerken Kehl, November 2012, www.igbk.de/projekte/are-artists-rich-2012 veröffentlicht.
In der deutschen Fassung ist er ursprünglich bei thing.frankfurt erschienen. Stefan Beck machte mich via F***book darauf aufmerksam. Ich habe ihn Eins-zu-Eins kopiert und hier übernommen. Besten Dank nach Frankfurt!

Update: Unten habe ich nach freundlichem Hinweis durch Hans Abbing den Dwonload-Link zu seinem Buch Why are Artists Poor, The exceptional economy of the arts im PDF-Format angehängt.

Bild via http://www.kukik.de/kunst-trotzt-armut/

Vorschläge zur Bekämpfung der Künstlerarmut

Empfehlungen für politische Entscheidungsträger

Basierend auf Beobachtungen in den Thesen 7-17

Von Hans Abbing

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Kunst? Nein Danke!

Eine ganze Weile mussten sie in der Hauptstadt kämpfen, diskutieren und streiten, letztes Jahr hatten sie endlich Erfolg. Seit 2009 haben sie geplant und geredet, seit 2012 sind sie ein neuer Haushaltsposten. Und so kommt es, dass die Berliner freie Szene nun Preise für Projekträume vergeben kann.
Sieben Räume werden am 18. September durch eine Jury ausgezeichnet, die Preise gehen dieses Jahr an: Altes Finanzamt, Kreuzberg Pavillon, KUNSTrePUBLIK, LEAP, Netzwerk-Projektraum “Hip Hop Stützpunkt mit From Here To Fame & Common Ground Gallery“, uqbar e.V., Walden Kunstausstellungen e.V.

LAST EXIT TO SPACE – 18. September 2013 | 20:00 | HAU1

So eine Auszeichnung ist natürlich schön, wirklich interessieren würde das aber wohl niemanden, wenn diese denn nicht mit einem Preisgeld versehen wäre. Und dieses Preisgeld kann sich mit jeweils 30.000 Euro Förderung pro Projekt für ein Jahr sehen lassen. Das ist im Kontext der freien Szene eine ganz ordentliche Summe, mit der man durchaus  auch etwas bewerkstelligen kann. Zumindest dann, wenn man, so wie wir das hier im Kulturprekariat gelernt haben und gewohnt sind, hocheffizient und kostenbewusst arbeitet.
Begleitet wird das Jurierungsverfahren durch eine Publikation die zur Preisverleihung am 18. September erscheinen wird.

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Guten Abend Düsseldorf, Hallo Welt!

Es gibt Dinge, für die mag ich dieses Internet einfach. Eine Sache ist, dass ich hier komische, skurile, verstörende Videos sehen kann, die ohne das zu beanspruchen, problemlos im Kategoriensystem Kunst mitlaufen könnten, ich dafür aber nicht in den zb Düsseldorfer Kunstverein muss, wo man zwar derzeit eine durchaus interessante Arbeit von Brenna Murphy mit starkem Netzbezug zeigt, aber einen bei Anfragen am Telefon gerne mal wie den letzten Deppen behandelt.

Ich mag das Netz weil es Zugang zu den Dingen verschafft. Einfach, schnell und ohne dass ich mich mit prekär beschäftigten, unterbezahlten Kunstwissenschaftlerinnen herum schlagen muss, die weil man erwähnt dass man Blogger ist, fälschlicherweise glauben, man würde doch in der Rang- und Hackordnung des Kunstbetriebs endlich einmal unter ihnen stehen, und die dann auf Basis dieser Eingebung versuchen einen am Telefon mit blöden Sprüchen abzufertigen.

Ich finde diese aktuellen durch das Netz geschaffenen Möglichkeiten gut, denn ich interessiere mich wie viele Andere für Skuriles, Schräges und ästhetisch Ausgefallenes, lege aber keinen gesteigerten Wert auf das zu weilen eher schwierige Publikum welches man zu oft trifft wenn man sich an die Orte der Kunst begibt. Und deshalb hoffe ich, dass diese digitalen Möglichkeiten auch in Zukunft erhalten bleiben, und dieses intelligente Medium nicht von alten ängstlichen Männnern und jungen, hübschen, mindestens eben so ängstlichen Frauen zerstört wird, sondern dass sich bei Zeiten auch wieder eine starke Gegenbewegung auftut.

Und diese Gegenbewegung wird irgendwann auch wieder kommen, denn die Technologie mag aktuell kontrollierbar erscheinen, die Idee der Netzwerke ist es nicht. Der Geist ist nun mal aus der Flaschen. Und wenn es soweit ist, werden sich ausgemusterte Kunstwissenschaftlerinnen an die Zeiten erinnern als sie noch ihre 1-Jahres-Verträge hatten und so gerne über die Blogger lachten. Das waren die Zeiten als man selber noch dabei sein durfte, wenn die alten Männer und Frauen über die letzten Ihrer Art diskutierten und sich den Kopf darüber zerbrachen, warum sich wohl keiner mehr so Recht dafür interessieren wollte was in den heiligen, weißen Hallen geschah.
Nun, vielleicht hätten sie einfach mal etwas offener und netter sein sollen, denn zu netten Menschen kommt man im Allgemeinen recht gern, während man die Snobs eben meidet so gut es eben geht. Das mit dem Meiden haben aber im übrigen mitterweile auch ein paar Andere bemerkt, und Weitere werden folgen. Nicht, dass ich speziell diese Entwicklungen besonders gut finden würde, aber es deutet an wo die Reise gerade sehr zügig hingeht.

Ach, und das hier das sind die eigenartigen, skurilen und verstörenden Dinge die man einfach so findet, kurz  am Schreibtisch anschaut und wegen denen ich das Netz so gerne mag.

Sowas gibts bei LiveLeak.com. Kam rein via E-mail, danke Götz!

Flaming Creatures – nachträgliche Gedanken zur Ausstellung

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Wenn wir heute auf eine eben abgeschlossene Ausstellung zurückblicken, ist es nicht, um deren einzelne Künstler zu besprechen und um auf eine Bewertung ex post zu kommen, sondern um manche bleibende Eindrücke zu vertiefen. Dabei – wie immer – schreiben wir aus der einzigen Perspektive, die uns legitim erscheint: unserer. Wir schreiben aus der Perisphere. Die Perisphere ist ein schlecht kartografiertes Gebiet am Rande der zentralen Zone, ein terrain vague, eine noch nicht kolonisierte Insel. Die Perisphere ist ein gehacktes Territorium, die Rückseite der bekannten Welt, der Backroom jenseits der offiziellen Bühne, der Traum, manchmal auch der Alptraum, des Zentrums. Die Perisphere ist ex-zentrisch. In der Perisphere agieren Parias, Widerstandskämpfer, Krüppel, Schattengestalten, Neurotiker, Rebellen, Dienstuntaugliche, Idioten und Fundamentalisten. Sie verteidigen ihre Nische und bereichern die Oberfläche mit unorthodoxen, masseninkompatiblen Strategien, die keinerlei Rücksicht auf etablierte Regeln oder externe Erwartungen nehmen.  Und wenn wir heute auf eine eben abgeschlossene Ausstellung zurückblicken, ist es weil diese auf Akteure der Perisphere eingegangen ist.

Ansicht der Ausstellung im 2. OG.; Foto: Achim Kukulies

Flaming Creatures war eine der besten Ausstellung in Düsseldorf und Umgebung für 2012-2013. Weil sie trotz allem Mut und aller Radikalität ihre vermittelnde Rolle nicht vernachlässigt hat. Weil sie Künstler und Werke intelligent in Beziehungen gebracht und ein kulturelles Phänomen – Camp – für ein breites Publikum zugänglich gemacht hat. Zur Erinnerung, oder Klärung: Camp ist, so der kanonische Text von Susan Sontag aus dem Jahr 1964, „die richtige Mischung von Übertreibung, Phantastik, Leidenschaftlichkeit und Naivität“, ein „Geist der Extravaganz“, eine „Liebe zum Unnatürlichen, zum Trick und zur Übertreibung“ (Sontag: „Anmerkungen zu ‚Camp‘“, 1966). Camp ist die ungehemmte Maskerade mit Hang zur theatralischen Selbstinszenierung. Camp ist die selbstbezogene Ekstase (also: bar von Transzendenz, bar von Mystik). Camp ist die unfreiwillige Verwechslung von Intensität und Überschwang (deshalb besteht eine unleugbare Verwandtschaft zwischen den Kategorien Camp und Kitsch, wobei der Kitsch, dessen Entstehung an Bedingungen der Massenproduktion und -verbreitung anknüpft, nichts vom Unikatcharakter vom Camp besitzt). Camp ist die höchst individualisierte, eigenwillige, manchmal auch unbeholfene Aneignung von Hochkultur – eine maßgeschneiderte Kulturproduktion, die in ihren konsequentesten Formen zu einer ganzheitlichen Ästhetisierung des Lebens führt.

Bruce Nauman: Pulling Mouth (1969). Foto: Achim Kukulies

Trotz der expliziten Bezugnahme zum Text von Susan Sontag und der (zumindest in der Intention) deutlichen Anknüpfung an die Camp-Idee, war Flaming Creatures keine Camp-Ausstellung. Bis auf Jack Smith, der Outlaw des US-amerikanischen Films, dessen wegweisender Flaming Creatures (1963) zum programmatischen Namengeber der gesamten Show auserkoren wurde,  war die Liste der eingeladenen Künstler eher von Prominenzen und anerkannten Größen gekennzeichnet als von obskuren Randerscheinungen. Lustvoll wurde das Abartige, Unkonventionelle, Fremde, Abstoßende, Schokierende oder Grenzwertige zitiert – aber es blieb eben bei einem Zitat, und die Hierarchie des Kunstsystems wurde im Großen und Ganzen respektiert. Das von Sontag hochgehaltene Kriterium der Naivität stellte man weder bei Mike Kelley fest, dessen Kurzfilm voller kulturkritischer Anspielungen und kryptischer Symbole gespickt war, noch bei den präzise beobachteten hysterical homemovies von Ryan Trecartin oder den im Kunstkontext fest verankerten Selbstversuchen Paul McCarthys.

Mike Kelley: Vice Anglais (2011); Foto: Achim Kukulies

Camp wurde also hier großgeschrieben, kam aber letztendlich nur noch als Referenz zum Zug. Angesichts der Qualität und des Seltenheitswerts der präsentierten Werke war diese Tatsache wenig störend. Dass eine Institution sich überhaupt an eine solche Thematik getraut hat, ist durchaus lobenswert. Schließlich kann man  Flaming Creatures als ein Geschenk auffassen. Und zwar nicht, weil die Ausstellung kostenlos war, die einzelnen Arbeiten teilweise hochwertig waren und adäquat präsentiert, bzw. inszeniert, auch nicht weil man eine unglaubliche Chance zu einem Wiedersehen mit den (restaurierten) Filmen von Jack Smith und zu einer intensiven Beschäftigung mit John Bocks Universum erhielt, sondern in erster Linie weil das Düsseldorfer Publikum, eher an konventionelle Museumsausstellungen gewöhnt, in eine Welt eintreten durfte, die fremd, bizarr und unheimlich anmutete. Ja, das ist in der Tat ein Geschenk.

Ryan Trecartin: Trill-ogy Comp (2009); Foto: Achim Kukulies

Diese Welt ist die Welt der Andersartigkeit, der Irregularität und Non-Konformität. Es ist die Welt der Hyperindividualität und der konsequentesten Expressivität, eine Welt in der jeden Mensch zum Gesamtkunstwerk erklärt wird. Es ist eine Welt, die jeder einzelner Bewohner immer wieder neu erfindet und gestaltet, eine Welt voller Produzenten, die sich selbst produzieren und zugleich die Selbstproduktion anderer Produzenten rezipieren, konsumieren und reflektieren. Es ist eine Welt ohne verbindliche Norm, ohne Kanon und daher ohne Legitimitätshierarchie. Diese Welt hat viele Gesichter und viele Namen; wie eingangs erwähnt, nennen wir sie in diesem Blogmagazin Perisphere. Für diese vom Anpassungsdruck, von der Marktlogik, von der politischen Borniertheit, von der Geschmacksnivellierung oder gar von der Selbstzensur stetig bedrohte Welt setzen wir uns im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten ein. Nicht weil wir eine neurotische Fixierung auf Andersartigkeit hätten, sondern weil wir in diese Welt, die auch very campy ist, ein großes Glück für die kulturelle Vitalität einer Gemeinschaft sehen.

Jack Smith: Untitled (ca. 1958-63); Copyright Estate of Jack Smith
Courtesy Gladstone Gallery

Jack Smith: Untitled (ca. 1958-63); Copyright Estate of Jack Smith
Courtesy Gladstone Gallery

Denn nur hier können die seltsamen, exotischen und empfindlichen Blüten – strange fruits – gedeihen, die in der anderen Welt verkümmern. Nur in diesem Biotop kommen sie zur Reife und bereichern die gesamte Landschaft mit ihren ungewöhnlichen Düften und Farben. Nur hier finden die Parias, Ex-zentriker und Idioten Raum für den Ausdruck ihrer einmaligen Persönlichkeit. Diesen Raum zu schützen heißt die kulturelle Artenvielfalt schützen. Wir rufen die UNESCO an und schicken sie in die Perisphere! Wer den Kampf gegen Uniformität und Gleichmäßigkeit führt ist bereits in der Perisphere.

Jack Smith

Das leidenschaftliche Engagement für die Peripherie, das wir in diesem Blogmagazin in der Form einer gesteigerten Aufmerksamkeit für Randzonen der Kultur treiben, darf jedoch nicht zu einem Reflex, zu einem unreflektierten Automatismus verkommen. Zunächst weil es die Gefahr birgt, eine blinde Akzeptanz für alle Minderheiten zu entwickeln. Auch Nationalisten, Trader, Zuhälter, religiöse Fundamentalisten, Sadisten oder Pädophile bilden Subkulturen, Nischen und Biotope. Es kann nicht ausreichen, am Rande des Hauptbetriebes zu agieren und irgendwie alternativ zu sein, um zur schützenwerten Spezies erklärt zu werden. Und genau da liegt das Problem. Rainer Metzger hat es in seiner Relektüre des Buches von Terry Eagleton (Was ist Kultur?, München 2001) so formuliert: „Nationalisten sind ebenso in der Minderheit wie Lesben: Warum aber, lässt man den Minderheitenstatus als Kriterium denn gelten, firmiert das eine als Qualität, während das andere verpönt ist?“ Es müssten also gesellschaftliche Übereinkünfte her, um die Spreu vom Weizen zu trennen und „ungute“ Gruppen aus der Bildfläche zu tilgen. Klingt das gut? Wir sind keine Richter – auch wenn wir bestimmte Entwicklungen definitiv nicht gutheißen wollen.

Ein anderes, vielleicht weniger heftiges jedoch genauso unlösbares Problem betrifft die Aneignung der Peripherie durch kommerzielle Branchen. Zu Zeiten des Guerilla Marketing und Streetbranding wird die Nische als Chance auf Profilierung und Eroberung von neuen Absatzmärkten gewittert. Für die creative industries ist die Andersartigkeit ein unique selling proposal mit Distinktionsmerkmal, während die eben genannten Parias und Rebellen eine wunderbare Inspirationsquelle bilden. Gesellschaftskritische Konterformisten, die von einem divergent thinking gekennzeichnet sind und, wie die Dandys des 19. Jahrhunderts, ihr Leben als Gesamtkunstwerk feiern, werden zu Originalitätsmodellen erklärt. Manche ihrer Attribute und Attitüden fließen unvermittelt in das kapitalistische Verwertungssystem und versorgen ihn damit widerwillig. Luc Boltanski und Eve Chiapello haben bereits vor 15 Jahren diese Dynamik der Anpassung und Aneignung analysiert und gezeigt, wie die Kritik des Kapitalismus zum Motor des Kapitalismus umgewandelt wird (s. Der neue Geist des Kapitalismus).

 

Jack Smith: Flaming Creatures (1963-64)

Das Beispiel von Jack Smith spricht da Bände: Der schwule Bohemien lebte konsequent seine Andersartigkeit aus und blieb bis zu seinem frühzeitig Tod 1989 ein Prototyp des verkörperten kulturellen Widerstandes gegen Gleichförmigkeit und Mainstream – eine Anomalie im System. Die extravagante Lebensweise des Transvestiten wurde zunächst von gut informierten Underground-Scouts wie Andy Warhol „entdeckt“ und später gewinnbringend in die populäre Kultur eingeschleust. Die angebliche Paranoia des flamboyant Smith lässt sich dadurch erklären, dass seine Strategie der totalen Ästhetisierung zum oberflächigen Vorbild von Lou Reed, David Bowie (Phase Ziggy Stardust), Kiss oder Brian Eno fungierte, und erfolgreiche Klamauken wie The Rocky Horror Picture Show beeinflusste. Unter Umständen hätte sich Smith wenig über die – wie gesagt: sehr empfehlenswerte – Ausstellung bei Julia Stoschek gefreut und dort eine erneute Aneignung seiner Einzigartigkeit unerträglich empfunden.

#Prism-Remix #Prism-Ästhetik

Wer die letzten Wochen nicht ohne Strom und Netzanschluss in der selbstgebauten Hütte im Wald verbracht hat, der kam um die Leaks des ehemaligen NSA-Analysten Edward Snowden nicht herum. Was vorher Verschwörungstheorie oder bittere Erkenntnis von Hackern war, ist jetzt Allgemeinwissen: “Wir haben den Krieg verloren“, wir leben im Überwachungsstaat. Einen Kommentar dazu sparen wir uns an dieser Stelle, verweisen aber statt dessen auf den Rant der CCC-Sprecherin Constanze Kurz ‘Das allwissende Schattenimperium’ und auf diesen Kommentar mit dem schönen Titel ‘Wir müssen ihnen sagen, dass sie Abschaum sind’ beim Rebellmarkt.

Nicht, dass es uns gleichgültig oder egal wäre, ganz im Gegentail sogar. Natürlich beschäftigen auch uns solche Entwicklungen und natürlich werden auch wir mittelfristig Aktiv werden um die Geschehnisse würdig zu kommentieren und diese für uns zu verarbeiten. Dazu benötigt es aber etwas Ruhe und Zeit zur Vorbereitung, deshalb ein anderes Mal mehr.
Heute und hier wollen wir uns dem Thema auf der ästhetischen Ebene annähern und einige kreative Reaktionen und Remixes auf #Prism präsentieren.

Stasi versus NSA

Den Weg der Aufklärung durch Veranschaulichung wählen die Jungs von OpenDataCity. Ihre nachfolgende Visualisierung ist wohl derzeit die Bekannteste und geht der Frage nach “Wieviel Platz würden die Aktenschränke der Stasi und der NSA verbrauchen – wenn die NSA ihre 5 Zettabytes ausdrucken würde? ”


Gehe zu Stasi versus NSA. Realisiert von OpenDataCity (CC-BY 3.0)

Immersion vom Massachusetts Institute of Technology

Einen ähnlichen Weg beschreitet man am MIT, mit der nachfolgenden Visualierung der Metadatenauswertung von E-Mail-Accounts. Wer über einen Gmail-Account und Chrome verfügt, kann ganz leicht selbst mal NSA spielen und in den Meta-Daten der eigenen Mails schnüffeln.

Immersion: Beneath the surface from Deepak Jagdish on Vimeo. via Spreeblick

Zeitleiste der NSA-Leaks

Ebenfalls eine Mischung aus Recherche und visuellem Entertainment, ist das bei Interweb3000 gefunde Tool. Es gibt eine ganz brauchbare Visualisierung der chronologischen Abfolge der einzelnen Leaks wieder.

 Edward Snowdens empty Seat

Das nachfolgende Bild ist wohl eines der bekanntesten visuellen Meme zu #Prism und bewegt sich lakonisch zwischen seriöser Berichterstattung, reisserischem Teil der Jagdinszenierung und schräger Ironie. In Umlauf gebracht wurde es ursprünglich vom AP-Reporter Max Seddon über Twitter, von wo aus es sich rasend schnell über das Netz verbreitete. Wer es trotzdem nicht weiß, es zeigt den leeren Sitz in der Maschine nach Kuba, auf dem Edward Snowden nicht saß.

(via nerdcore)

Yes we scan

Mit schwarzem Humor begegnet Rene Walter vom Nerdcore-Blog dem Thema. Er hat sich Shepard Faireys berühmtes Plakatmotiv für den ersten Wahlkampf des Friedensnobelpreisdrohnenkillers Obama vorgenommern und einem zeitgemäßem Remix unterzogen. Sehr schön auch die Kopfhörer und das Auge der Illuminaten unten im Bild.

 

Obama Is Checking Your Email

In eine ähnliche Richtung geht die nächste Interpretation in Form eines tumblr-Blogs. Der Blog bewegt sich in der Tradition der ‘is looking at things’-Blogs, von denen der über den koreanischen Diktator Kim Jong Il wohl der Bekannteste ist. Unter dem Titel ‘Obama Is Checking Your Email‘ befindet sich eine ständig wachsende Sammlung von Originalfotos die Obama beim betrachten verschiedener Monitore und Techgadgets zeigen. Die kleine Kontextverschiebung durch den Blogtitel gibt diesen Bildern eine neue, zeitgemäße Bedeutung.

All your data, in one place

Ironisch, affirmativ geht Andrew Mc Carthy mit dem Webprojekt http://prism.andrevv.com/ an die Sache ran. Er macht aus Prism einen großen einfach zu handhabenden Cloud-Datenspeicher.

 

Das war der erste Überblick, solltet ihr schöne Links, Bilder, Meme, Videos zum Thema finden,  gerne Hinweis an uns.
Ansonsten gilt natürlich, lasst Euch die Laune nicht zu sehr verderben, passt gut auf Euch auf, bleibt dran und genießt den Sommer.

Mit Champagner und Gummiknüppel auf der Art Basel

«Die Basler Messe verhält sich genau so, wie ihr Neubau aussieht: wie ein ziemlich grosses Arschloch.» schreibt die WOZ. Und wer in den letzten Tagen im asozialen Netzwerk seiner Wahl unterwegs war, weiss eventuell auch worum es geht.
Die Art Basel hat Kannte gezeigt und getan was einige Leute mit zu viel Einfluss und Geld derzeit länderübegreifend für opportun halten, wenn diese sich in ihrem Tun gestört fühlen. Man hat also eine eher harmlose Intervention auf dem Messevorplatz der Art Basel ganz zeitgemäß mit Hilfe der Polizei, unter Einsatz von Gummiknüppel, Tränengas und Gummigeschossen beenden lassen.
Eine solche Aktion ist für die internationale Kunstmesse der Superreichen zwar irgendwie konsequent und ehrlich, kommt aber – wie man sich denken kann – auf Facebook, Youtube und Twitter gar nicht so gut an. Schnell ist das Urteil über dieses Vorgehen gefällt: Die Art Basel ist ein Arschloch!
Für unseren Geschmack fällt das Urteil allerdings dann doch etwas zu schnell. Nicht, dass wir es in irgendeiner Weise gut heißen würden, wenn Leute mit Tränengas oder Gummiknüppeln traktiert werden. Aber – und das muss man an dieser Stelle auch mal fest gehalten werden – die Art Basel hat hier durchaus etwas aufs Spiel gesetzt, um ihren Beitrag zu einem veritablen Kunstskandal zu leisten.

Keine Frage, auch wir haben überhaupt keine Lust auf solchen spaßbefreiten Partybesuch, allerdings feiern wir unsere Parties auch nicht auf Kunstmessen (es sei denn vielleicht, man lädt uns höflich ein und rollte den roten Teppich aus) und auf eben diesen den Anarchopunk zu spielen interessiert uns ebenfalls nicht.
Denn eines sollten wir doch bitte nicht vergessen. Eine Systemkritik die sich, wie hier geschehen, von vorne herein in den internationalen Kunstzirkus einreiht, nimmt dabei bewusst oder unbewusst eine ganz bestimmte Rolle ein. Es ist die Rolle des modernen Hofnarren, mal lustig, mal unverschämt, mal unterhaltsam, aber immer harmlos. Es ist einfach so, kritische Kunst, die sich als solche positionieren will, kann man – von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – eigentlich komplett in die Tonne treten.  Dirk Schümer fragt deshalb in seinem FAZ-Artikel zur Venedig-Biennale im übrigen auch völlig zu recht “Warum eigentlich kann sich die Gegenwartskunst immer noch als widerständiges Medium der Welterklärung und -verbesserung feiern, wenn kein anderes soziales Ereignis einen solchen Aufgalopp von Superreichen und Nobelmarken, mehr gierige Halbwelt und einverständige Mediengaffer anzieht als diese globale Kunstmesse im Lagunenbrackwasser?

Schwierig wird es zu dem oft, wenn Künstler dazu tendieren die höchst ambivalenten Wechselwirkungen zwischen Kunst, Kapital und Macht, und damit natürlich auch die eigenen Verstrickungen darin zu ignorieren, um aus einer vermeintlich moralisch überlegenen Position heraus kritische Arbeiten zu verfertigen. Eine solche Position suchen zum Beispiel Isabella Fürnkäs, Henning Fehr und Philipp Rühr in ihrem aktuellen Projekt mit dem etwas brachialen Titel »KÖRPER UND KNOCHEN« im Düsseldorfer Studio for artistic research. Selbstbewusst nimmt man auch dort Stellung zu den Geschehnissen in Basel und bezieht politisch korrekt Position.

Das ökonomische Diktat wird unaufhaltsam vorangetrieben, es vereinnahmt, zerschlägt und schreitet voran. Nicht ökonomisch zu verortende Strukturen werden mit den Knüppeln der Effizienzkriterien für Leistungsbilanzen standardisiert. Das Freihandelsabkommen „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP) zwischen der EU und Amerika deklariert Kultur zur Ware, für die im Handel die selben Regeln gelten wie für jedes andere ökonomische Gut. Wer nicht im Sinne der Ökonomisierung durch Einkaufszentren marschiert sondern durch Frei- und Grünflächen spaziert, wird vernebelt und hinweggespült. Wenn die Favela zum Café geworden ist gibt es kein Zurück mehr. Was sich nebenan entwickelt wird niedergeschlagen. Die Schnittstelle zur Ökonomie verschwindet, alles wird zur Ökonomie.

Alles ist Ökonmie? Kultur als Ware?! Hm,… da war doch mal was?

Wie gesagt, ein schwieriges Feld, die Systemkritik in der Kunst. Und das Kapital ist ein widerspenstiges Biest.

Aber liebe Freunde, es geht selbstverständlich nicht darum, Künstlern das Recht zur Systemkritik abzusprechen. Hier geht es um den Kontext, in dem das geschieht und die Rolle, die man dabei als Mensch einnimmt.
Man kann nun einmal nicht ein ganzes Jahrhundert lang bis in den heutigen Tage hinein totale Autonomie für Künstler und Kunst einfordern, im nächsten Moment aber mit der gleichen Stimme politisch mitreden wollen. Entweder das Eine, oder das Andere, Beides gleichzeitig geht nicht. Man muss sich da im Moment des eigenen Wirkens schon entscheiden.
Kunst ist, neben vielem anderen, nun mal der Ort, den wir den Abgründen, den Paradoxien und den Widersprüchen zugestehen, hier ist der Raum für die schwierigsten Diskurse mit unklaren Fronten. Es ist der Platz für die Themen zu denen es noch keine Antworten, meistens noch nicht einmal adäquate Fragen oder gar eine rechte Kritik gibt. Kunst ist damit der soziale Ort des Undefinierten und Unbekannten, an dem die Dinge und ihr Probleme erst noch formuliert werden dürfen und müssen – und braucht gerade deshalb absolute Kunstfreiheit.

Doch – und damit kommen wir zurück auf den Messevorplatz in Basel – weder die eine noch die andere dort als diffuse Kritik inszenierte Favela braucht diesen Freiraum. Zugegeben, die Favelaarchitektur von Tadashi Kawamata als urbanes Cafe und Champagnerbar für den gelangweilten, globalen Geldadel zu inszenieren ist nicht Provokation sondern verdesignter Kitsch. Diese dann auch noch als Diskurs über den Stadtraum anzusetzen, wie durch die Art Basel geschehen, in der Tat ein müder Kalauer für ein paar Wenige mit viel zu viel Tagesfreizeit.

http://richkidsofinstagram.tumblr.com/

Diesen Kalauer aber um einen Weiteren in Form einiger selbst gezimmerter und schlecht gemachter Bretterbuden zu ergänzen, um dort dann andere Musik zu hören und Bier statt Latte Macchiato zu trinken, ist eben auch nicht sonderlich originell. Und wie es mit müden Witzen eben so ist, leider addieren sich zwei Schlechte nicht zu einem Guten.

Der entscheidende Punkt ist aber hier nicht der Grade der Originalität, sondern dass die Kritik, die in der Party-Intervention wage artikuliert wurde, bereits weltweit laut und deutlich auf den Straßen und Plätzen formuliert wird – mit allen dazu gehörigen oftmals unangenehmen Konsequenzen für die Beteiligten. Diese Systemkritik benötigt den Kontext der Kunstfreiheit, und damit den Vorplatz der Art Basel oder eines anderen Kunstraumes nicht mehr.
Orte für Engagement und Kritik gibt es hinreichend, man muss dafür nicht auf dem Vorplatz der Artbasel rumhängen, Bier trinken um sich damit bewusst oder unbewusst zum Hampelmann eines zuweilen recht grenzdebilen Kunstsystems zu machen. Wer Eier hat der macht so etwas auf der Demo seiner Wahl und lässt sich dort intim, anonym und ganz privat seine Ration Pfefferspray verpassen, während einem hilfsbereite Staatsdiener die Arme auf den Rücken drehen.

Die Art Basel braucht es dafür wie gesagt nicht. Auf dem Vorplatz in Basel wurden vielmehr hart erfochtene Freiheiten der Kunst fürs ‘Party-machen’ ausgenutzt, und unter dem Deckmantel einer Pseudokritik für die eigene Wertschöpfung innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie verbraten. Es wäre naiv zu glauben, dass die medial geschulten Aktivisten vor Ort nicht mit den diskursiven Prozessen dieser Ökonomie, welche engstens mit dem Kunstystem verzahnt sind, vertraut wären. Natürlich weiss man, dass eine Provokation an dieser Stelle mit erhöhter Aufmerksamkeit, Clicks und Likes belohnt wird und sich langfristig durchaus gut in der eigenen Vitae macht, die Karriere also auch befördern kann.

Die Messe in Basel hingegen hat einen ganz anderen Einsatz ins Spiel gebracht. Man war dort, wenn zu Anfang auch etwas verunsichert, dann aber später doch um so konsequenter bereit, volles Risiko einzugehen und das mühsam aufgebaute, wertvolle Image der Marke zu riskieren, um so aus einer müde dahin plätschernden Partyintervention, einen veritablen Kunstskandal zu machen.

Die kritischen Kunstaktionisten in Basel werden sich irgendwann einmal bei der Messe für diesen Einsatz und das Engagement bedanken.

Guten Morgen Düsseldorf, guten Morgen Welt!

Die Verwendung des Wortes Kunst verbietet sich derzeit. Zu viel Reaktionäres und Ungutes, welches unter diesem Begriffen subsumiert wird, und einem, wenn man es zu Nah an sich ran lässt, merklich die Laune und den Glauben an die Sache verdirbt. PR-Profis, Hasenfüße und Streber haben auch hier das Kommando übernommen und halten glücklich und devot das Heft fest in der Hand – und für die nächste Eins mit Auszeichnung bereit.
Das ist nichts für Leute mit Haltung, so wie einem gewissen ästhetischen und politischem Mindestanspruch an sich und die Welt. Und so gilt es Abstand zu nehmen von der Kunst, die zwar auch nur ein Wort von vielen, meist im komplett neutralisierten Umfeld, von netten, freundlichen, braven, zuvorkommenden und überaus distinguierten Leuten verwendet, aber dennoch und eben auch gerade deswegen derzeit Tabu, ist. Und wer sich Heute noch unbekümmert als Künstler bezeichnet, ohne dabei verschämt, leicht rot zu werden, der oder die hat offensichtlich den Schuss nicht gehört.
Dabei geht es natürlich nicht um die Sache an sich, sondern um die Dinge, mit denen man sich gemein macht, in dem man den Begriff für das eigenen Tun und Schaffen verwendet.
Nennt es also wie Ihr wollt, macht was Ihr wollt, aber seht zu, dass Ihr Abstand haltet oder einen wirklich, wirklich(!) guten Deal rausholt, wenn Ihr Euch und Euren guten Namen als Stütze des Systems hergebt. Und wer diesen Deal nicht unterschrieben und gesichert zuhause und auf dem Bankkonto hat – und das sind natürlich alle die, die das hier lesen – hat sich für unbestimmte Zeit fern zu halten von allem was Kunst genannt wird, hat sich fern zu halten um die Dinge zu tun, die Kraft haben, Potentiale entwickeln und diese frei zu setzen vermögen.

Von daher fängt das nachfolgende Video mit der Frauenstimme etwas mau an, (“i am an artist, … “) mag sein, dass das wie so oft halb-ironisch angelegt ist. Ich weiß es nicht und will es aber an dieser Stelle eigentlich auch nicht wissen müssen.
Zum Glück ist das dann aber auch schnell vergessen, denn im weiteren Verlauf wird der Clip herrlich schräg und voll versöhnlich. Die modernen Storm-Trooper-Ritterkostüme mag ich sehr, das Hand-Zepter ist einfach top und lässt das Gerede vom Künstlerin-sein schnell vergessen. Ein solches Kostüm wollte ich immer schon mal haben um damit Nachts durch Düsseldorf zu schweben! Eventuell würde ich dann sogar endlich mal am Karneval gefallen finden.

Und völlig gleichgültig in welche Kategorie die 4:30 Min nun gehören, am Ende bleibt eine knappe aber schöne Remineszenz an den Tausendfüssler, die ehemalige Hochstraße durch Düsseldorfs Mitte, um deren Abriss es viel Diskussionen gab, die aber jetzt, da sie weg ist, nicht wirklich fehlt. Und wenn ein Abriß zu solchen Videos führt, dann gibt es jetzt einen weiteren triftigen Grund in dieser Stadt noch so einiges mehr umzugraben…

 

Weisser Westen is a Duesseldorf artists duo formed by Angela Fette and Phillip Schulze. In her work Fette refers to the idea of the artist in the spirit of the classical avant-garde — embracing painting, costume design, poetry, and performance art. The media-artist and composer Schulze creates and programs electroacoustic sound and light sculptures.

In Weisser Westen Angela Fette chants absurd hymns and manifestos in an imperative, gestural way over the intermittent beats and chiseling electronica of Phillip Schulze. The group presents itself guised in masks and armor, with a look reminiscent of Constructivism or Dada.

www.weisserwesten.com

(via e-mail, Danke Phillip!)

Body Light bei Venus und Apoll – eine Nachlese

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos: Sirin Simsek

 

Nicht, dass wir uns missverstehen: Es soll im Folgenden nicht partout versucht werden, eine neuartige Tendenz zu erkennen oder gar einen artifiziellen Trend zu kreieren. Nichts liegt mir ferner, als der vermeintliche Beobachter und Kommentator einer neuen, homogenen Generation zu fungieren – einer Generation, deren Homogenität hauptsächlich aus dem schön zusammen gedichteten Konstrukt eines Kunstwissenschaftlers bestehen würde. Ich möchte nur auf die Verdichtung einiger Anzeichen aufmerksam machen und fragen, ob eine ganze Gruppe von Düsseldorfer Nachwuchskünstler nicht als „romantisch“ bezeichnet werden könnte. Fragen, ob jene Kunstschaffenden, die Anfang der 1980er Jahren geboren wurden und entweder ihr Kunststudium vor kurzem abgeschlossen haben oder es bald tun werden, nicht auf eine romantische Weltsicht rekurrieren. Fragen ob sie, bewusst oder unbewusst, Stilelemente verwenden und eine Haltung verkörpern, die sehr an Formen der historischen Romantik erinnern. Denn– zumindest in Düsseldorf – verdichten sich die Hinweisen.

In einem früheren Artikel hatte ich mich bereits über den eigentümlich romantischen Charakter der künstlerischen Einstellung von Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek gewundert. Ihr Projektraum Studio Roh, dem ich neuerdings einen zweiten Besuch abstattete, ist von eine idealistische Vision und einer erfrischenden, emotionalen Begeisterung getragen, die selten geworden ist. Weit entfernt vom strategischen Kalkül, von der abgeklärten Coolness oder der post-postmodernen Ironie, die in diesem Milieu vorherrscht, wird dort an einer Parallelwelt – einem existentiellen Gesamtkunstwerk – gearbeitet. Mit viel Pathos und Herzblut. Ich hatte versucht, diese Eigentümlichkeit am genuinen Charakter der zwei Künstler zu interpretieren und mir zunächst keine weiteren Gedanken gemacht. Aber es liegt vielleicht mehr dahinter. Die bereits vor ein paar Wochen abgeschlossene Ausstellung „Body Light“, die in Julia Stoscheks Projektraum „Venus und Apoll“ nur drei Tage lang zu sehen war, hat neues Material zur „romantischen Hypothese“ geliefert.

Jonas Wendelin: Du Licht – Abgrund

C.D. Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes (1819-20)

Ein für mich charakteristisches Exponat der Body Light-Ausstellung war „Du Licht – Abgrund“ von Jonas Wendelin. Schon dieser Titel. Ein Heraufbeschwören der finsteren Untiefen dieser Welt und der transzendentalen Erleuchtung, die sie trotzdem verspricht. Um die Bilder einzufangen, die in seine Videoarbeit einfließen, wandert und wandelt Wendelin durch die Berliner Nacht. Anders als die Figuren von Caspar David Friedrich, die sich auf den Weg in ein dichtes Gestrüpp machen, bevor sie, eine mystische Union mit den schlummernden Kräften der Natur eingehend, in katatonische Ekstase unter dem Schein des Mondes geraten, streift Wendelin am Rande der Hauptstadt entlang, entlang an Schnellstraßen und Tankstellen. Die vorbei rauschenden Autos sind zwar nie zu sehen, sie spielen aber die eintönige Hintergrundmusik dieser Großstadtpassion. Wendelin geht durch die Nacht. Er braucht diese Dunkelheit, die nur von dem orangenen Licht der Straßenlaternen gebrochen wird (hier leuchtet kein Mond); er braucht diese Un-Zeit zwischen den Tagen; er braucht diese Einsamkeit. Er ist allein und sucht – aber was sucht er? Das Licht, das Schöne, die Transfiguration? Er sucht ein Bild. Die klirrende Kälte der Nacht hinterlässt nämlich Spuren, und Wendelin kann sie lesen. Er filmt den von der kondensierten Luftfeuchtigkeit produzierten sehr dünnen und unregelmäßigen Eisbelag auf den Motorhauben von geparkten Autos. Diese winzigen Eiskristalle entstehen nur unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen und wirken in Großaufnahmen wie Sterne. Sie blitzen und funkeln in verschiedenen Farbtönen. Hier treffen das Triviale und das Göttliche, car and stars, Mikrokosmos und Makrokosmos, das Stumpfsinnige und das Erhabene, aufeinander.

Alex Grein: o.T.

Wendelin fixiert ein simples, natürliches Phänomen auf Video und überträgt das Lichtspiel, das die fragile Schönheit der Welt einzufangen versucht, in den Raum.  Diesen Impuls finden wir auch in der reduzierten Arbeit von Alex Grein. Die Künstlerin war bereits vor einem Jahr in einer Gruppenausstellung im NRW-Forum aufgefallen, wo sie das Landschaftsmotiv (darunter auch die eisige Ikone von C.D. Friedrichs Gescheiterter Hoffnung) collageartig neu interpretierte. Ihre kleine, unbetitelte Videoinstallation am Worringer Platz, bestehend aus einem mit Wasser gefüllten Glaskasten, auf den Aufnahmen von Wasserspiegelungen projiziert wurden, leuchtet wie eine magische Schatulle in der Dunkelheit. Das viereckige Objekt, das an ein Aquarium erinnert und gewiss dekorativ wirkt, funktioniert wie ein Meditationsstein, eine kontemplative Ruhe ausstrahlend. Die instinktive Faszination des menschlichen Auges für Naturschauspiele wie Wasserfälle, Vogelschwärme oder Wolkenbewegungen kristallisiert sich in diesem höchst artifiziellen Gegenstand. Unter Umstände wird man an Nam June Paik erinnert, auch wenn die esoterische Ästhetik von Greis‘ Objekt weit entfernt zu den grellen und hektischen Bildexplosionen des Großvaters der Videokunst stehen. Beide Ansätze behaupten, dass die Suche nach dem Erhabenen nicht zwangsläufig durch eine Naturerfahrung vollzogen werden muss, sondern auch technologisch evoziert werden kann.

Anna K.E.: Gloss of a Forehead

Francisco Goya

Vom Erhabenen zum Grotesken mag der Weg sehr lang erscheinen; aber gerade das Zeitalter der Romantik hat gewusst, welche Abkürzungen gangbar sind und die Überquerung von einem Extrem ins Nächste ermöglichen. Die ästhetische Kategorie des Grotesken, die übrigens überhaupt nicht spezifisch romantisch ist, soll als Kontrapunkt des Erhabenen verstanden werden – wie die notwendige Schattenseite einer Lichtgestalt –, und war mit Goya und Füssli in den Bildenden Künsten sowie Victor Hugo und Gogol in der Literatur dieser Epoche gut vertreten. . . Präsenzen des Grotesken in Body Light lassen sich an verschiedenen Stellen ausmachen. In Gloss Of a Forehead lässt Anna K.E. ihre lustig-monströse Arschkreatur durch ein Künstleratelier herumtapsen und allerlei Kunst-Stücke (sowohl im wörtlichen als auch im erweiterten Sinne) durchführen. Das Wesen mag ein deftiges Vexierbild oder ein obszönes Ebenbild sein –  bedeutend hier ist jedenfalls die Platzierung des laufenden Popos im Kunstkontext. Klar besitzt der Ansatz von Anna K.E. den Biss und die Albernheit eines einfachen punkigen Streichs; darüber hinaus aber scheint sie manche Schöpfungsmythen und Künstlerklischees heftig in die Mangel zu nehmen. Sowohl die paradigmatische Figur des Künstlers als auch die Vorstellung des Ateliers als Ort der Kreation werden hier ohne große Anal-yse frech demontiert.

Victor Hugo: Le Roi des Auxcriniers (1866)

Dominik Geis: Die Maske

In der Abteilung für groteske Selbsttransformationen müsste neben Anna K.E. auch Dominik Geis herbeizitiert werden. In seiner zwölfminütigen Videoarbeit appliziert er sich in strenger Frontalansicht feuchte Tonklumpen auf das Gesicht, um daraus eine grobe Maske zu formen. Der Künstler verschwindet hinter einer lächelnden Fratze aus schleimiger Materie, verwandelt sich regelrecht in eine Grimasse, wird eins mit dem Kunstwerk. In der Umkehrung des Pygmalion wird Geis zu einer Skulptur. Maske kann als expressionistische Variante von (als Hommage an?) Bruce Naumans Art Make-Up von 1967 interpretiert werden, in dem der Körper des US-Amerikaners zum Bildträger gemacht wurde. Diese Aufhebung der Distinktion zwischen Objekt und Subjekt im Prozess der künstlerischen Schöpfung führt zur Vorstellung der Verschmelzung von Kunst und Leben. Die Welt nach den Idealen der Kunst zu prägen und die Existenz des Künstlers in einem prozesshaften Kunstwerk zu gestalten war ein Projekt der Frühromantik. Das Leben sollte einem Roman gleichen, jeder Mensch sollte zu einem kunstvollen Held werden. Die von Novalis, Schlegel oder Schleiermacher gepredigte Realisierung einer ästhetischen Existenz sollte sich allerdings nie in dieser formulierten Radikalität verwirklichen. Geht man zu weit, wenn man die schlichte Arbeit von Dominik Geis in dieses sehr weite Feld einordnet? Wird das Selbstporträt überinterpretiert? Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein.

Isabella Fürnkäs & Marion Benoit: Zucker

Tanja Ritterbex: I like it Loud

Maske ist nicht die einzige selbstreferenzielle Arbeit der Ausstellung mit grotesken Zügen. In I like it Loud zappelt Tanja Ritterbex wie wild vor der Kamera, übertrieben geschminkt und hyperaktiv, singt, plappert und gestikuliert in einer häuslichen Umgebung, die ihr Teenager-Zimmer sein könnte. Ihr ausgeflippter und enthemmter Beitrag hat den Charakter einer Tagebucheintragung mit evidenten exhibitionistischen Zügen – Tendenz Trash. Die narzisstische Leier kann, je nach Tagesform des Rezipienten, als nerventötend oder goldig angesehen werden. Man entzieht sich jedenfalls der One-Woman-Show nur schwer; die Penetranz des Videos wird nur dank eines kleinen Monitors und Kopfhörers in Schach gehalten. Es ist gewiss eine Plattitüde, diese Art von digitaler Hypersubjektivität als späte Nachfolgerschaft und Web 2.0-Variante der Tagebuch-Manie und der autobiographischen Erzählungsmode zu sehen, die sich im Zeitalter der Romantik rasch ausbreitete. Indes scheint sich die Tyrannei der Intimität durchgesetzt und das totalitäre Ideal des romantischen Menschen in der Transprivacy verwirklicht zu haben. Der Blick in den Spiegel nimmt manische Züge an, vor allem wenn das reflektierte Bild vollständig gestaltet werden kann. Die beinah erschreckende Verstärkung des Individuums, die das Phänomen der social networks mit sich bringt, führt zugleich zu einer Steigerung der expressiven Möglichkeiten des Einzelnen und zu seiner größeren Isolierung im Schwarm. Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, wie sie von der Protagonistin Ritterbex durchlebt werden, werden zur Norm.

Sarah-Jane Hoffmann: From w/Love

Ben van den Berghe: Stepper, Tower and Stomach Trainer (session II)

Es ist prinzipiell erstaunlich, wie relevant die Thematik des Individuums in Body Light erscheint. Wenn sie sich nicht gerade selbst inszenieren, greifen viele Künstler auf die Gattung des Portraits zurück. Nach den Künstler-Kuratorinnen Isabella Fürnkäs und Melike Kara sollte sich die Show auf Themen der Körperlichkeit und der Selbstwahrnehmung konzentrieren – dass ihr Vorhaben vielmehr geworden ist, als eine bloße, erneute Gruppenausstellung zum Motiv des Leibes, spricht für die Beiden. In Body Light wird die Kunst zum Mittel der Selbsterkundung, Selbstbefragung und Selbststilisierung eingesetzt. Überall so viele Ichs. So viele alleingelassene Menschen, in so vielen (Vorstellungs-)Bildern und Klischees gefangen. In manchen Beiträgen, wie beispielsweise bei Ben van den Berghe oder bei Sarah-Jane Hoffmann, prallen Individuen an massenmedialen Konstrukten (aus der Populärkultur im ersten Fall, aus der sog. Hochkultur im zweiten) zusammen, die ihr Selbstbild erheblich bestimmen. Dabei löst sich die Individualität des Körpers in einem diffusen Fundus aus idealen und traditieren Images; die selbst auferlegte Entfremdung nimmt ihren Lauf. Man nimmt es mit Humor (van den Berghe) oder mit Respekt (Hoffmann). Weil diese Bilder rund um die Uhr verfügbar sind und als implizite Modelle gelten, verformen sie allmählich die Körper, nachdem sie sich in die Köpfen verpflanzt haben. Dieser Schock der medialbedingten Selbstmanipulierung lag Goethe, Novalis oder Stendhal fern – auch wenn sie gerade am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der explosiven Entwicklung des Romans ihren ersten Anlauf nahm.

Anna-Lena Meisenberg: o.T.

Tobias Hoffknecht: MEM

Die große Qualität der Ausstellung liegt eben nicht nur allein darin, den Spleen einer einigermaßen einheitlichen Generation eingefangen und auf dem Punkt gebracht zu haben – also auf die romantische Ader dieser Generation gestoßen zu sein und sie zu erschließen. Darüber hinaus wurden in Body Light manche Spezifitäten dieser wiederholten Romantik berücksichtigt, die ansonsten keine Entsprechung in der Geschichte finden – wie z. B. durch den Rückgriff auf Kommunikations- und Vernetzungsmedien, die ganz neue Möglichkeiten der Selbstinszenierung öffnen. Die gegenwärtige romantische Generation ist keine eins-zu-eins-Kopie einer historisch-romantischen Generation. Sie bringt ihre Eigenheiten mit. Anstatt der x-ten Retro-Welle, die sofort vergessen wird, könnten wir es hier mit einer tiefgreifenden Reaktualisierung zu tun haben. Der Unterschied ist ein wesentlicher.

Kira Bunse: My Favourite Wate of Time

Kira Bunse bewegt sich allerdings eher in einem anachronistischen Raum. Diese Bemerkung darf nicht als Kritik genommen werden, sondern als Ausdruck einer gewissen Originalität. Bunses Foto- und Videoarbeit ist in der Modewelt angesiedelt, unterhält aber durchaus Beziehungen zur sogenannten „freien Kunst“. Mit My favourite Wate of Time zeichnet sie das Bild eines jungen Mannes mit nacktem Oberkörper, eine Zigarette vor einem neutralen Hintergrund rauchend. Keine übertriebene Laszivität in diesem kurzen Film, doch eine gute Portion Selbstverliebtheit, wie man sie sonst aus den Mode-Klischees kennt. Die Kontraste sind hart, das verwackelte Bild leicht unscharf. Die Super 8-Ästhetik evoziert in ihrer seichten und stilisierten Homoerotik die frühen Filmen von Derek Jarman. Die melancholische und elegische Grundstimmung der Aufnahme wird von ebenso schmachtenden wie schwülen Gitarrenakkorden unterstützt. In unmittelbarer Nähe der Arbeit von Tanja Ritterbex schafft Bunses Miniatur eine willkommene Atempause.

Melike Kara: Haram

Eugène Delacroix: Femmes d’Alger dans leur appartement (1834)

Andere Musik, andere Landschaft, andere Stimmung. Das Motiv des Harems revisited zieht sich durch die wunderbar schlichte und intensive Arbeit von Melike Kara. Der Harem als Topos der Fremde, des Mysteriösen und Lustvollen ist ein höchst romantisches Motiv in den Bildenden Künsten. In den Salons des 18. Jahrhunderts  wurde die wollüstige Atmosphäre eines orientalischen Zimmers voller schlummernder Frauen zu einem beliebten Männerphantasma. Erinnerungen an die Interieurs eines Delacroix oder Ingres drängen sich nun im kurzen Videofilm auf. Aber anstatt von schweren Vorhängen in satten Farben und von reich verzierten Teppichlagen herrscht in Karas Arbeit die Nüchternheit eines mittelmäßigen Wohnzimmers in einem westeuropäischen Wohnblock; anstatt einer halbdunklen Kammer voll berauschender Düfte und geheimnisvoll wirkender Kerzenlichter, wird die Szenerie von grellen Neons beleuchtet. Der exportierte Traum vom Morgenland wird mit seiner wenig schmeichelhaften Realität konfrontiert. Von dem Gemach der Frauen von Algier zu dem Wohnzimmer der Frauen in Köln-Kalk scheint die Distanz unüberwindbar zu sein. Aber ein dunkler Blick voller Sehnsucht, ein improvisierter Bauchtanz vor dem Sofa oder die melancholische Stimme einer Sängerin, die den kahlen Raum mit einem orientalischen Wunder füllt, stellen plötzlich Verbindungen zwischen verträumten Bildern aus einer anderen Zeit und der heutigen Situation türkischer Frauen in Deutschland her. Haram besitzt eine fragile Poesie, die mit wenigen Worten und lakonischen Bildern auskommt. Der Film reaktiviert eine eigentümliche Exotik, die sich an manche triste Standards des deutschen Lebens angepasst hat.

Mit Buchtipp von Manuel Graf wird schließlich die romantische Hypothese ein letztes Mal bestätigt. Die Arbeit ist schon öfter gezeigt worden; ich möchte nur kurz darauf zurückkommen, auch wenn Grafs spannender Ansatz einen ganzen Artikel verdient hätte. Buchtipp nähert sich spirituellen Erkenntnistheorien aus der anthroposophischen Lehre an und bringt auf sehr gelungene Art und Weise eine alternative naturwissenschaftliche Denkweise, die sich u.a. aus der Physik, der Biologie und der Thermodynamik ableitet, mit ihrer freien, plastischen Interpretation zusammen. Das Ergebnis ist zunächst leicht verwirrend, denn man fragt sich, ob man vor einem Dokumentarfilm steht, vor der Persiflage einer Doku oder tatsächlich vor einem künstlerischen Video. Die Struktur der Arbeit ist dichotomisch: Ein älterer Herr referiert zunächst über das Buch Das sensible Chaos von Theodor Schwenk und fasst dessen Hauptthesen zusammen. Dann sind stilisierte Bilder eines eurythmischen Tanzstücks und Raucheffekte zu sehen. Auf den rationalen, analytischen Teil folgt also ein stark assoziativer Teil. Über den esoterischen Diskurs des Vortragenden im Film wurde während der Ausstellungseröffnung gut und raffiniert gelacht. Die meisten Besucher wollten unbedingt Ironie erkennen, da wo – wie ich zumindest vermute – das ehrliche Interesse des Künstlers liegt.

D.J A.Korte

Nach Body Light ist jedenfalls Eines klar. Künstler sind die besseren Kuratoren. Karas und Fürnkäs’ Präsentation zeichnet sich durch einen lockeren und unaufdringlichen Umgang mit der Ausstellungsthematik aus. Diese unerwartete Aktualisierung der Romantik erfolgt unsystematisch und mit einer charmanten Leichtigkeit – und lässt viel Interpretationsraum für den Besucher zu. Hier werden keine eindeutigen Botschaften geliefert und keine Manifeste unterzeichnet; hier werden keine handfesten Beweise gesammelt und keine Thesen an die Wand genagelt. Die zwei Künstlerinnen/Kuratorinnen arbeiten intuitiv und assoziativ, frei von jedwedem theoretischen Ballast (dafür sind wir Kunstwissenschaftler letztendlich zuständig). Body Light ist keine didaktische Demonstration sondern eine verspielte und vorsichtige Behauptung – man fragt sich sogar, ob sich die Macherinnen der Tragweite ihres Ansatzes bewusst sind, ob sie die übergeordneten Zusammenhänge gesehen oder ob sie nicht eher, ihrem Instinkt und ihrer Lust folgend, einfach gemacht haben. Jedenfalls haben sie es sehr gut gemacht.

Politik zum Rundgang der Kunstakademie Düsseldorf

von Dominik Busch (Düsseldorf)

Ich wollte ursprünglich eine Glosse über die Akademie und diese sogenannte Leistungsschau der Studenten schreiben, wurde mir der Ironie dieses Vorhabens aber recht schnell gewahr. Letztes Jahr noch nahm ich selbst daran teil, war selbst noch Teil dieses Systems, in dem der Konsens das Zepter führt und die Kritik allerhöchstens zeitweise kritisch ist. Dieser Punkt wäre mein Einstieg gewesen in die Forderung nach der Rückkehr zu einem kritischen Diskurs, zu mehr Streit über und um die Kunst. Daher werde ich mit Hinblick auf diese Forderung exemplarisch die diesjährigen Projekte der Klassen Grosse, McBride und Williams vorstellen. Drei Konzepte, die man als irgendwie politisch beschreiben könnte. Und die daher das größte Diskussionspotential entfalten.


» Gimme more of this please. now …

Für heute habe ich genügend fette Frauen gesehen


Der nachfolgende Text erschien erstmalig am 7. Februar 2013 im tumblr-Blog von UBERMORGEN.COM und wird im Sommer 2013 in: What’s next? Kunst nach der Krise, herausgegeben von Johannes M. Hedinger/Torsten Meyer im Kulturverlag Kamdos erscheinen. Wir kopieren, verweisen und verlinken jetzt schon mal, sagen artig Danke und freuen uns, dass wir uns hier um unsinnige letzte Leistungsschutzrechte einer verschwindenden Verlagswelt nicht kümmern wollen und müssen.
Film ab!

Für heute habe ich genügend fette Frauen gesehen


UBERMORGEN.COM / Februar 2013

Die Prämisse klingt in unseren Ohren wie Ketzerei: Kunst sei nutzlos, ja komplett sinnlos und es wäre immer schon so gewesen und es würde auch immer so bleiben. Dem liegt die These zu Grunde, dass die Kunst – wie auch die Finanzindustrie – keinerlei Produkte und auch keine Dienstleistungen erzeuge. Kunst produziere keine Nahrungsmittel, keine Medizin, keine Energie, keine Baustoffe, keine Maschinen, keine Information, und auch keine Kultur, nicht einmal Sinn oder Wissen würde durch Kunst erschaffen, und das hieße Kunst sei einzig und alleine für die Unterhaltung, die Ablenkung und die Befriedigung der Menschen da, und ab und zu diene sie auch als Statussymbol und Geldwaschanlage für reiche und einflussreiche Menschen und Firmen, ja sie sei sogar verbraucherfreundlich, und dieser Zusatznutzen sei überhaupt das schlagendste Argument gegen die romantische Verklärung eines solch unregulierten Bereichs unserer Gesellschaft.

Für heute habe ich genügend fette Frauen gesehen“,
anonymer Museumsbesucher.

Nun zur nahen Zukunft, dort wo Investitionen in elitäre und ekelhaft teure Kunst in Form von Ideen, Objekten, Zertifikaten auch für die Proleten der Unterschicht und für die Emporkömmlinge oder Statuserhalter der Mittelschicht möglich wird. Es drängt sich vordergründig der Vergleich zum Finanzmarkt der späten 1990er Jahre auf (Volksaktie, Dotcom, NASDAQ), kleine Investoren bekommen die Möglichkeit sagenhaft teure Kunst kollektiv zu erwerben, häppchenweise und zu einem erschwinglichen Preis, mit dem Versprechen, dass diese Kunst auch auf immer und ewig an Wert zunehmen werde. Die Kleininvestoren können in einzelne Kunstwerke oder ganze Werkgruppen, in umfassende Nachlässe und in globale Kunstmarken – Künstler, Galerien, Auktionshäuser, Museen – investieren. Aber wie schon seit jeher fließt der Hauptanteil des Profits auf wundersame Weise bergauf, es werden Transaktionsgebühren aufgeschlagen und der konsolidierte Mehrwert bewegt sich dann unaufhaltsam in Richtung der 0,01%. Der Mensch von der Straße dient als immerwährend stumpfer und zunehmend einfacher zu manipulierender Liquiditätslieferant, durch Massenmedien dumm gehalten und durch Medikamente und Drogen gedämpft, unfähig zu eigenem Willen, dienen diese Arbeitsesel zur schnellen und günstigen Finanzierung des weiteren Wachstum des sogenannten Kunstmarktes, diesem korruptesten und intransparentesten Gebilde mit limitiertem Zugang, Pragmatiker nennen es Marktversagen, Verschwörungstheoretiker und Wirtschaftswissenschaftler sprechen von einer Oligarchie.

In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre gibt es dann erstmals Anzeichen von Demokratisierung und Regulierung dieses plutokratischen Systems. Die neugegründete Art Exchange Commission (AEC) in Shanghai wird als globale Regulierungsbehörde eingesetzt und in der Folge werden die neuen großen Marktplätze, gegen allen Widerstand, von den Chinesen aufgekauft und verstaatlicht. Der chinesische Staat greift auch sonst stärker in den Kunstsektor ein und beginnt eine globale Kunsttransaktionssteuer zu erheben. Durch Förderungen, Stipendien und zielgerichtete Zensur wird etwas mehr Stabilität für die kapitalstarken Investoren und eine Grundsicherheit für die kleinen Anleger suggeriert. Kunstobjekte von staatlich finanzierten Künstlern werden zumeist als Bonds zertifiziert und vertrieben. Der Staat hat ein neues Finanzkunst- / Kunstfinanzinstrument geschaffen und finanziert damit Kunstsubvention. Das System wird selbsttragend und dadurch ein lohnendes Zielobjekt für profitorientierte Entitäten.

Parallel dazu geschieht der Durchbruch, in Form des Konzeptes der „virtuellen Existenz“: Das Kunstwerk muss von nun an nicht mehr existieren, um gehandelt zu werden, es genügt ein Zertifikat um den Besitz zu manifestieren und zu legalisieren. Nun werden auch alle historisch relevanten Kunstobjekte verstaatlicht und eingezogen und nur noch zeitnahe, sogenannt zeitgenössische Kunst darf offen und virtuell gehandelt werden. Die Objekte und Dateien verschwinden in den Depots und auf den Servern der Institutionen zirkulieren legale und illegale Raubkopien und Zertifikate ungehindert. Dadurch wird die Kunst metaphysisch, sie beginnt erst im Moment ihrer eigentlichen Auflösung wirklich zu existieren.

Dieser radikale Schritt öffnet Tür und Tor für Spekulation, neue Transaktionsarten, geteilte Besitzmodelle und Handelssysteme entstehen und das neu erschaffene „Glaubenssystem“ basiert auf einer Pyramide deren Basis aus Kunstmarken, und die darüber liegenden Ebenen aus Nachlasssystemen, Genres, Generationen, Kunstbewegungen und -szenen, besteht. Kunstbesitz wird nun ausschließlich in Fonds strukturiert, und durch die, dank der Digitalisierung, sehr hohe Bewegungsfähigkeit entwickeln sich neue Formen der Distribution. Der Markt beweget sich in Richtung binäre Objekte – Zertifikate, Unterschriften, Gif-Animationen, Jpgs, Mp3, Filme, Textfiles und weitere historische Objekte wie html-, css- und flashfiles sowie neue noch unbekannte Formate. Obsolete und mittlerweile illegale Konzepte der Finanzindustrie (Aktien, Derivative, Optionen, Futures, Credit Default Swaps), Arbitrage und die Idee des Hedge Fonds werden adaptiert. Nun steht dem globalen Crash des Kunstsystems nichts mehr im Wege.

Die Marktplätze verschieben sich dramatisch, von den verstaatlichten Institutionen und Marktplattformen, den historischen Kunstgalerien und den letzten übriggebliebenen Messen hin zu den neuen digitalen Hochgeschwindigkeitshandelsplattformen.

Die Dinosaurier der Kunstmessen werden in spektakuläre, oscarartige, Preisverleihungsshows umgewandelt, um den Unterhaltungsaspekt des Kunstsektors und dessen Protagonisten optimal zu vermarkten. Kunst wird weiter popularisiert und immer mehr zu einem vordergründig praktischen Medium, vergleichbar mit Musik oder Film.

Der daraus entstandene, moderne Kunstmarkt und seine Teilnehmer sind Maschinennetzwerke in denen sich, einst von Menschenhand geschaffene, komplexe Algorithmen autonom weiterentwickeln. Es dominiert der Hochfrequenzhandel: Serverfarmen in Dubai, anonyme Handelsteilnehmer, offshore Zertifizierungsgesellschaften, bitcoinartige Währungssysteme und andere, dem Menschen unverständliche und seiner Kontrolle gänzlich entzogene Technologien und Instrumente, dominieren die Marktlandschaft.

Nun verlieren auch die Künstler komplett die Kontrolle über ihre Zuliefertätigkeit und die Netzwerke übernehmen die Kunstproduktion. Zu Beginn werden aufgrund der Analyse der Kunstgeschichte neue Konzepte errechnet und zertifiziert, ähnlich eines modernen Schachcomputers errechnen die Netzwerke optimale Varianten und Produkte. In der Folge werden alle Bereiche der Kunstproduktion autonom, und in einem ultimativen Akt der Autonomiemanifestation beginnen die Maschinencluster neue Identitäten, Marktsättigungslevels und Finanzierungs- und Marketingstrategien zu errechnen.

Die Konvergenz ermöglichte zu Beginn des binären Zeitalters die Benutzung einer Plattform für Handel, Produktion, Distribution und Konsumation von Kunst, und genau diese Konvergenz ermöglicht es nun den Netzwerken die Kunstproduktion zu emulieren, zu kapern und zu monopolisieren. Das Hauptargument: Die Qualität der Netzwerkkunst ist um ein vielfaches höher als die herkömmlich erstellten Produkte und auch die Kritik und das Bewertungssystem sind längst an die Netzwerke ausgelagert und in Folge übernommen worden.

Die Menschen sind obsolet geworden, sie sind reine Übersetzer, Beobachter ihres eigenen Machtverlustes und entweder Bewunderer der neuen Ästhetik oder fundamentalistische Kritiker jeglicher Netzwerkkunst. Die vormals neoliberalen Kuratoren und Kritiker dienen nunmehr als Handlanger, sie arbeiten als Assistenten für die virtuellen Instanzen – Historiker und Archäologen. Ihr Versuch die Netzwerke zu verstehen scheitert an der übermenschlichen Geschwindigkeit und an der unglaublichen Vielfältigkeit der Entwicklung. Es entsteht Natur pur, chaotisch und komplex und ohne Quellcode unmöglich zu interpretieren.

Nach einer längeren Periode der rein binären Kunst einigen sich die Netzwerke darauf wieder materielle Objekte herzustellen. Sie beginnen 3D-Macher – vormals 3D-Drucker – zu entwerfen, diese wiederum drucken 3D-Macher, welche dann effektiv materielle Kunst herstellen können. Ehemalige Museen, Fast-Food Restaurants, Copy-Shops, Bibliotheken und Kleidergeschäfte werden Musterzimmer für die Zurschaustellung maschinengemachter Dinge. Offensichtlich haben die Netzwerke Ironie und einen Sinn für Romantik entwickelt, und es stellt sich die Frage, ob eine Art kollektives Bewusstsein mit verschiedenen Seinszuständen und Selbstkritik folgen wird.

Bis heute wurden in den Netzwerkarchiven keine Kunst gesichtet, die fette Frauen beinhaltet, und anonyme Museeumsbesucher gibt es schon seit langen nicht mehr.

Die Tagung des Kulturrats NRW zum geplanten Kulturfördergesetz im Düsseldorfer Landtag

von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)


Vergangenen Montag tagten einige Vertreterinnen und Vertreter des nordrheinwestfälischen Kunst- und Kulturbetriebs auf Einladung des Kulturrats NRW im Düsseldorfer Landtag. Erklärtes Ziel war es eigene Wünsche und Vorgaben für ein derzeit geplantes Kulturfördergesetzt zu definieren. Das Kulturfördergesetzt soll die Finanzierung der Kulturlandschaft NRW, sowie die Verteilung der Aufgaben und Lasten zwischen Kommune und Land regeln und dem vergleichsweise kleinen Posten im Landesetat in den kommenden Jahre einen gewissen Schutz vor den zu erwartenden Einsparmaßnahmen bieten. Wir waren wie angekündigt dabei.

Diskutiert wurde auf erfreulich hohem Niveau, mit viel Wissen über und Verständnis von der Materie in jeweils 3 Foren am Vormittag und 3 weiteren Foren Nachmittags. Themen der einzelnen Foren war etwa die Frage nach den Schutzmöglichkeiten für Neues, oder ganz generell die Frage welcher Kulturbegriff das Gesetz prägen soll.
Wer sich die Redebeiträge jeglicher Couleur und aller Parteien aufmerksam anhörte, konnte sich des Verdachts nicht erwehren, dass es sich offensichtlich um ein mysteriöses Versehen handeln muss, dass der Kulturetat der kleinste und nicht der mit Abstand größte Posten im Landeshaushalt ist. Wir waren uns einig, Kultur ist wichtig und die unverzichtbare Basis für unser Zusammenleben. Nur von Systemrelevanz sprach leider niemand.

Zum geplanten Haushalt 2013

Der Kulturrat hatte aber gegenüber der Ministerin des Landes NRW Frau Ute Schäfer seine starken Bedenken gegen die Reduzierung der Kulturfördermittel im Haushaltsentwurf 2013 zum Ausdruck gebracht. Denn angesichts des minimalen Anteils der Kulturausgaben am Gesamthaushalt und am Haushalt des zuständigen Ministeriums sind zu erwartenden die Kürzungen offensichtlich unverhältnismäßig hoch. Sie betreffen in der aktuell geplanten Form wichtige Aktivitäten der Künstlerinnen und Künstler in Nordrhein-Westfalen.
Derzeitige Planung ist den Haushalt von 196 Mio. auf 180 Mio. €. zu kürzen, was in etwa einer Kürzung von 10% entspricht. Auch wenn darin Reserven enthalten sind, die im Moment nicht zur Ausgabe anstehen, so macht sich die Landesregierung in den Augen des Kulturrats allerdings doch auf den Weg zu dramatischen Kürzungen, da dieser Prozess mit dem Haushalt 2013 nicht abgeschlossen sein dürfte.
Der Kulturrat NRW fordert nun die Projektmittel in Höhe von rd. 4,5 Mio € auf keinen Fall zu kürzen und die jetzige Haushaltsmittel so zu sichern, dass in den nächsten Jahren in den Reserven nicht mehr zu Verfügung stehen weitere Einschnitte vermieden werden. Auch gegen andere Einsparvorschläge hat der Kulturrat erhebliche Bedenken.
Gemessen wird die Landesregierung an der klaren Aussage der Ministerpräsidentin in der Regierungserklärung: „Kunst und Kultur sind kein Luxus – und dürfen es grade in schwierigen Zeiten nicht sein.“
Diesem Anspruch wird der vorgelegte Kulturhaushalt allerding nicht gerecht. Deshalb soll es Anfang nächsten Jahres weitere Gespräche mit den Landtagsfraktionen und der Landesregierung geben, um zu verhindern, dass der Haushalt in der Form des Entwurfes verabschiedet wird. Der Kulturrat begrüßt in diesem Zusammenhang, dass die Kultursprecher der Landtagsfraktionen, nicht nur der Opposition sondern auch die der Regierungskoalition, den Haushalt in der vorgelegten Form kritisieren.

Kulturfördergesetz

Der Kulturrat NRW unterstützt das Projekt eines Kulturfördergesetzes NRW und verbindet damit die Hoffnung, dass Kulturpolitik aufgewertet wird. Der Kulturrat erwartet dass das Gesetz die Förderung von Kultur, Kunst und kulturelle Bildung der Förderung einen verlässlichen Rahmen gibt.
Unter anderem kommt es darauf an den Städten und Gemeinden Handlungsspielraum zu ermöglichen, sie zu motivieren Kunst und Kultur zu fördern. Zudem sollte Kulturpolitik entwickelt und verlässlich formuliert werden und damit den Künstlerinnen und Künstlern Planungssicherheit zu gewähren.

Darüber hinaus hält der Kulturrat NRW eine Entbürokratisierung des Förderwesens für unabdingbar. Wir übrigens auch.

Netz, Kultur, Spenden und Fördern – Wie organisieren wir die digitale Allmende?

von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)


Sprechen wir über Kultur

Der Kulturrat NRW lädt kommenden Montag zur Parlamentarischen Begegnung Kultur und Politik in Nordrhein-Westfalen in den Düsseldorfer Landtag ein. Zusammen mit Dr. Lars Henrik Gass von den Oberhausener Kurzfilmtagen werde ich dort über Sinn- und Unsinn kultur- und kreativwirtschaftlichen Förderinstrumente in einem Kulturfördergesetz diskutieren. Ob in Zeiten der globalen Haushaltskonsolidierung aber all zu viel für die freie Szene rauszuholen ist, wage ich zu bezweifeln (mal ganz abgesehen davon, dass ich natürlich weiß, dass man hier bestenfalls einen minimalen Impuls liefern, und nicht das große Rad drehen kann).
Und dennoch freue ich mich auf die Einladung, immerhin bietet die Veranstaltung Anlass sich Gedanken über das Thema zu machen, das ein oder andere Gespräch zu führen und sich die Zeit zu nehmen, eigene Ideen zu den Fragestellungen zu entwickeln. In unserem speziellen Fall bedeutet das einmal über die aktuelle Fördersituation für unkommerzielle Onlineprojekte nachzudenken.

Ein Datennetz als Kulturraum?

Die Innovationskraft des Netzes ist mittlerweile unumstritten, an vielen Stellen unseres privaten Alltags und unseres sozialen Miteinanders hat diese Technologie ihre Spuren hinterlassen und wir befinden uns inmitten eines Veränderungsprozesses, der noch nicht abgeschlossen ist. Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass das Netz auch im Bereich des kulturellen Schaffens tiefgreifende Veränderungen hervorruft. Denn was online geschieht, was dort veröffentlicht, erdacht und produziert wird, ist zu einem wichtigen Element unserer Kultur geworden. Blogs, Podcasts, Netlabels, Onlinegaming, aber auch Foren, Wikis, Mailinglisten und Soziale Netzwerke zur Bürgerbeteiligung gewinnen in unserer modernen Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Auf medialer Ebene entsteht so an manchen Stellen eine neue Form der „Commons“ – oder der Gemeingüter, was in etwa dem entspricht was man früher in Dorfgemeinschaften die Allmende nannte.

Wie aber wollen wir die Gemeingüter organisieren?

Überlassen wir Google, Facebook und den noch zu gründenden Start-Ups das Feld und vertrauen auf die Organisationskraft von Unternehmen oder ist es eventuell doch notwendig zumindest parallel dazu auch andere Modelle zu etablieren? Thorsten Wiesmann schreibt dazu in einem aktuellen Artikel “Um die Politik der Zukunft gestalten zu können, braucht es Pioniere, die sich lokal und international gegen die weitere Privatisierung und Kommerzialisierung von Natur, Wissen, öffentlichem Raum und für eine andere Form der institutionellen Organisation einsetzen. Dabei geht es vor allem auch immer um die Frage, wie die Gemeingüter durch die Stärkung vertrauensvoller und fairer sozialer Beziehungen geschützt und weiterentwickelt werden können.
Und es geht um die Frage wie die Pioniere, die diese Politik mitgestalten in das bestehende, arbeitsteilig organisierte Gesellschaftsmodell eingebunden werden. Wirklich lohnend ist in diesem Zusammenhang übrigens das Interview mit dem New Yorker Journalisten Stephen Engelberg (ProPublica – New York), der erfolgreich eine gemeinnützige Nachrichtenredaktion auf Spendenbasis aufbaut.

Als weiteres Praxisbeispiel gilt aber natürlich auch das Feld der Künste und die dort angesiedelte freie Szene. Denn Künstler haben schon immer kollaborative Formen der Zusammenarbeit ohne Kapitalflüsse entwickelt. Zugegeben: der traditionelle Begriff des Kulturschaffenden, Autors oder Künstlers ist nicht eins zu eins aufs Netz übertragbar. Zu oft zerfließen die Grenzen zwischen Publikation und Autorschaft, an vielen Stellen laufen kreative Prozesse auf einer kollaborativen Ebene ab, selbst die Trennung zwischen Autor und Publikum löst sich in der Commons auf, die stark auf Copy-And-Paste und Remix basiert. Am Ende ist nicht immer klar ersichtlich, wer in dem Prozess federführend war, was die Situation in der ersten Betrachtung unüberschaubar macht. Unbestritten ist allerdings, dass alle diejenigen, die im Netz mit viel Einsatz von Zeit, Wissen und Ressourcen an Öffentlichkeit und Kultur mitwirken, auch wertvolle und wichtige Impulse geben.
Während es aber in vielen Bereichen, wie etwa Theater, Musik oder auch der Bildendenden Künste, mittlerweile kommunale, regionale und landesweite Förderungen gibt, ist im Bereich der Onlinemedien insbesondere im Bezug auf das Netz noch sehr wenig vergleichbare Unterstützung vorhanden.

Allan Kaprow “Eighteen Happenings in Six Parts.”

Die Menschen denken, nicht die Institutionen.

Hier besteht Diskussionsbedarf, und für ein Land wie Nordrhein Westfalen, das sich wie wenig andere der Idee eines Kulturwandels durch breite Förderung von Kultur und Kreativwirtschaft verschrieben hat, eine große Chance sich als Vorreiter zu positionieren.
Es existieren mittlerweile zahlreiche Projekte, die vor allem durch den hohen Zeiteinsatz einzelner Personen mit viel Engagement vorangetrieben werden, oftmals aber auch verschwinden wenn die persönlichen Ressourcen nicht mehr vorhanden sind, etwa weil die beruflichen Anforderungen steigen oder sich die familiäre Situation wandelt. Eine innovative Förderpolitik könnte hier Unterstützung bieten, die Arbeit erleichtern, den Fortbestand von Projekten sichern und überregionales Vorbild sein. Kultur, Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit, Kreativität und Ideenreichtum würden auf diese Weise unterstützt und gefördert werden. Politisches Engagement, Bürgerbeteiligung und die Kulturregion NRW würden langfristig davon profitieren, indem neue Ideen leichter entwickelt werden und darüber hinaus engagierte Köpfe besser im Land gehalten werden könnten.

Wichtig ist dabei aber, dass die Förderung eben nicht wie in der derzeit bevorzugten Praxis vor allem Institutionen und teuren Leuchtturmprojekten zu Gute kommt, sondern dass es ein Umdenken gibt. Denn insbesondere in der freien Szene und aber auch im Bereich der onlinebasierten Projekte – in denen Infrastruktur oft zum kleinsten Kostenfaktor wird – sind es meist kleine Teams und vor allem eben die Köpfe welche die kreative Arbeit leisten. Diese müssen unterstützt und gestützt werden wenn wir die Organisation der entstehende Commons nicht gänzlich dem E-Business überantworten wollen.

Podiumsdiskussion vom Netzwerk freier Berliner Projekträume

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

So ungern wir Rheinländer und Wahlrheinländer es zugeben: In vielen Dingen sind uns die Berliner ein Stückchen voraus. In Sache Projekträume und freie Kunstszene kennt die Dichte der Berliner Initiativen keinen Vergleich in ganz Europa. Und auch der Grad der Selbstorganisation und die Qualität der Selbstreflexion dieses voluminösen Netzwerkes sind für alle weiteren Off-Projekte der Republik ein Vorbild. 2009 wurde auf Antrieb der Art Transponder das Netzwerk freier Berliner Projekträume und –initiativen gegründet, das sich als „loser Zusammenschluss“ einiger Projekträumen der Hauptstadt versteht. Durch regelmäßige Treffen, Konferenzen und Aktionen sowie die Etablierung einer zentralen, koordinierenden Stabsstelle, die zugleich als Think Tank und als Diskussionsplattform dient, soll ein stärkeres Solidaritätsgefühl kreiert und die Identität und Rolle der unabhängigen Szene definiert werden.

Ein solches Konstrukt kann freilich nur in einer Stadt entstehen, in der die Zahl an Projekträumen derart groß und die politische Motivation ihrer Akteuren so hoch ist wie in Berlin – nur Hamburg könnte gegenwärtig eine vergleichbare Metastruktur auf die Beine stellen. Vergangene Woche organisierte das Netzwerk eine Podiumsdiskussion mit dem programmatischen Titel: „Interdisziplinär. diskursiv. nicht marktorientiert. Zur besonderen Bedeutung von freien Projekträumen und –initiativen für die bildende Kunst in Berlin“; Gastgeber war das Haus der Kulturen der Welt. Was von der Provinz aus wie eine Berlin-berlinerische Nabelschau wahrgenommen werden könnte, sollte jedoch genauer betrachtet werden. Denn die zwischen Kreuzberg und Prenzlauer Berg geführte Debatte dreht sich um Probleme, die wir auch, im wilden Westen – und im Süden und im Norden –, kennen. Außerdem gibt es nirgendwo sonst ein derartiges Reflexionsniveau zu diesem Sujet.

Séverine Marguin

Zum Auftakt der Veranstaltung wurden die Ergebnisse einer von Séverine Marguin geführten Studie präsentiert. Die französische Nachwuchssoziologin hat 2011 eine empirische Untersuchung zu den Berliner Projekträumen durchgeführt und stellt seitdem eine Datenbank her, in der die Komponenten des Phänomens katalogisiert werden. Ihre Umfrage, die von ca. 60 Off-Galerien beantwortet und von Experteninterviews flankiert wurde, brachte im Großen und Ganzen keine brandneuen Erkenntnisse zum Vorschein, bestätigte aber auf wissenschaftlicher Ebene viele gefühlten und intuitiv erfassten Fakten. Dass Projekträume flexibel, spontan, experimentorientiert und finanziell unterversorgt sind, und dass Selbstorganisation Selbstausbeutung zum Korrelat hat dürfte nicht als revolutionäre These durchgehen – aber nun beruhen diese Binsenwahrheiten des Offs auf einem zitierfähigen Dokument.

Die gegenwärtige Dynamik der Berliner Szene ist immer noch an ihre günstige urbane Struktur gekoppelt. Noch stehen genug freie Räume zur Verfügung, die zur Zwischennutzung umgewandelt und von einer Handvoll engagierter Menschen betrieben werden können. 150 Räume, betrieben von 900 Ehrenamtlichen, stemmen Jahr für Jahr um die 750 Ausstellungen in der Hauptstadt. Es sind beeindruckende Zahlen, die die Fragilität und endemische Prekarität des Biotops jedoch nicht verbergen können. Die Lebensdauer eines Projektraumes wurde zwar in Marguins Studie nicht dokumentiert, dürfte aber im Durchschnitt 3-5 Jahren nicht überschreiten. Zudem nimmt die Menge an bespielbaren Räumen aufgrund steigender Mietpreise ständig ab.

Nach der kurzen Präsentation von Marguins Studie fand die angekündigte Podiumsdiskussion statt. Versammelt waren Leonie Baumann, Jan Ketz, Andreas Koch, Heike Catharina Mertens und Detlev Schneider. Es wurden ebenso die klassischen Themen der Projekträume angesprochen, wie beispielsweise Fragen der Finanzierung, der Prekarität oder des ewigen Kampfes „On“ vs. „Off“, als auch neue Entwicklungen, wie zum Beispiel die Tatsache, dass kommerzielle Galerien oder Institutionen (Stichwort: Guggenheim Lab) sich anschicken, Projekträume zu betreiben und damit das Experimentelle und Prozessuale in ihre globale Kommunikationsstrategie zu integrieren – wie Jan Ketz, Leiter des Raums für Zweckfreiheit, bemerkte. Wir können und wollen nicht an dieser Stelle die Gesamtheit des informativen, vielseitigen und gut geführten Gesprächs zusammenfassen; der geneigte Leser sollte selbst zuhören.

Sehr angenehm an der Runde war jedenfalls das Selbstbewusstsein ihrer Teilnehmer, die mit dem anrüchigen Ruf des Off aufräumten. Von außen wird die freie Szene nämlich nicht selten als Reservoir für gescheiterte Künstler gesehen, ohne Zugang zum institutionellen oder kommerziellen System, sich mit den Krümeln der Öffentlichkeit begnügend. Dabei ist das „Off“ eine existentielle Wahl – im Sinne einer politischen Entscheidung –  und kein Abstellgleis. Viele bekennen sich offensiv zur Projektraum-Szene als Ort der Alternative und als Gegenentwurf zu einer dominierenden Kultur; sie sind keineswegs Gestrandete des offiziellen Kunstbetriebs. Die Bemerkung von Leonie Baumann war in dieser Hinsicht rhetorisch geschickt (wenn nicht unbedingt faktisch nachvollziehbar): Wenn einerseits viele junge Künstler sich nicht für den Kunstmarkt interessieren, sondern nur ihre Arbeit verrichten möchten und anderseits gestandene Künstler ohne Galerienvermittlung gut bis sehr gut von ihrer Produktion leben können, und wenn diese beiden Gruppen sowieso die große Mehrheit der Künstlerschaft bilden, müsste man den aktuell herrschenden Kunstmarkt zur eigentlichen Parallelgesellschaft erklären, zum (extrem sichtbaren und lauten, aber letztendlich peripheren) Randphänomen mit geringfügigem Realitätsbezug.

Dieses Selbstbewusstsein ist im braven Westen wenig vertreten. Hier spielt das Off allzu oft die Rolle eines Sprungbretts ins sehnsüchtig erträumte On. Eine klare politische und konsequente Haltung für die freie Szene lässt sich nicht ausmachen. Und vor allem lässt eines sich nicht ausmachen – und das ist etwas, das wir Rheinländer und Wahlrheinländer von den Berlinern lernen sollten: Den Zusammenschluss.

 

 

Unser Mann in Nürnberg

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Danke, vielen Dank, tausend Dank, oh, Du freundliche Nürnberger Congress- und Tourismus-Zentrale, für Deine Einladung! Was, außer Deinem verführerischen, zweitägigen, rundumbetreuten Angebot, hätte mich sonst dazu motiviert, die Stadt Nürnberg zu besuchen? Nichts. Aber du ludst mich ein und ich bekam die Gelegenheit, mir ein Bild der selbstorganisierten Kunstszene der Stadt zu machen. Anlass war allerdings ein anderer: Die Akademie der Bildenden Künste wurde dieses Jahr 350 und zählt somit zur ältesten Kunst-Ausbildungsstätte der Republik. Ein erstaunliches Alter, wenn man bedenkt, dass die erste Kunstakademie des Abendlandes in Florenz weniger als ein Jahrhundert zuvor gegründet wurde. Trotz der ausgiebigen Feierlichkeiten und einer anknüpfenden, hochinteressanten Tagung zur Rolle der Kunstakademie und zum Sinn der Künstlerausbildung, darf die Frage gestellt werden – wer in der weiten Welt hat dieses außergewöhnliche Jubiläum wirklich wahrgenommen? Denn wer im Jahr 2012 sein Blick nach Nürnberg gerichtet hat, konnte vor allem Eines sehen: Dürer.

Der „berühmteste Sohn der Stadt“ (ein geflügeltes Wort, das ich zu oft zu hören bekam) bleibt – fast 500 Jahre nach seinem Tod – ein gnadenloser Egozentriker, der alle Scheinwerferlichter auf sich monopolisiert und keine Konkurrenz duldet. Die vermutlich letzte umfangreiche Schau von Dürer lockte in den vergangenen Monaten bis zu 300.000 Menschen nach Nürnberg. Die Zahl der z.T. weitgereisten Gäste, die im Anschluss an ihren Besuch des Germanischen Nationalmuseums auch noch einen Fuß in das (architektonisch) wunderbare Neue Museum gewagt haben, ist zwar nicht erfasst worden, dürfte jedoch nach Aussage der Museumsdirektorin Angelika Nollert, sehr gering sein. Wer zu Dürer geht, hat u.U. seine Schwierigkeiten mit Richter, Kiecol oder Taffe. Und kann mit der sehr jungen Kunst, die in der AdBK produziert wird, nichts anfangen.

Akademie der Bildenden Künste

Wie viele von den Dürer-Fans und anderen Frankenophilen wissen eigentlich, dass die Stadt über eine so schöne Kunstakademie verfügt? Die von Sep Ruf in den frühen 1950er Jahren erbauten Pavillons, in denen die einzelnen Klassen untergebracht sind, liegen idyllisch am Stadtrand, umgeben von hohen Bäumen, offen zum Himmel und zur Natur. Nach den schweren Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft, die besonders in Nürnberg wie Blei gewogen hatten, bildete Rufs humanistische und zuversichtliche Architektur den Versuch, eine längst verlorene Leichtigkeit und Durchlässigkeit wieder zu finden. Die klaren Linien und die offene und transparente Struktur der Anlage zeugen bis heute von einem euphorischen Zukunftsglauben. Die Stadt lag noch in Schutt und Asche; abseits der zerstörten Welt von gestern wurde an einer neuen Welt gearbeitet.

Bildhauereiklasse

Die AdBK ist ein leider wenig bekanntes oder gar verkanntes Musterbeispiel der modernistischen Architektur und zählt mit Sicherheit zu den schönsten Kunstakademien der Republik. Allerdings ist auch sie von den globalen Entwicklungen im Bereich der künstlerischen Ausbildung betroffen. Ursprünglich für 150 Studierende konzipiert, zählt die Anstalt heute mehr als zwei Mal so viele Schüler. Der Raumnot ist überall sichtbar, wird aber besonders in den Bildhauerei-Ateliers eklatant. Um die vorhandenen Werkstätten zu entlasten und die angehenden Kunsterzieher (zurzeit in der 15 Kilometer weiter gelegenen Stadt Lauf untergebracht) zu integrieren werden gerade weitere Pavillons gebaut, die die filigrane Achse von Sep Ruf verdoppeln sollen. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob das harmonische Ensemble dadurch aus dem Gleichgewicht geraten wird, aber diese Erweiterung ist als Wachstumssymbol unverkennbar. Und trotz dieser positiven Zukunftsaussichten, scheint die Akademie weit von einer Integration in – oder von einer Akzeptanz durch – die Stadt entfernt zu sein. Eine Perle vor die Säue?

Bild: Stadt Nuernberg/Ralf Schedlbauer

Vorbereitung für die Ausstellung “Prospekt” der Akademie im Neuen Museum

Das relative Desinteresse der Bürger an ihrer Kunsthochschule muss nicht in deren geographisch abgelegener Position gesucht werden. Es muss auch nicht in der kommunikativen Zurückhaltung der Anstalt gesucht werden – denn in diesem Bereich wird Einiges bemüht, wie die zurzeit stattfindende Kooperation mit dem Neuen Museum beweist. Die Bürger Nürnbergs scheinen sich einfach überhaupt nicht für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Es gibt hier keine seriöse Galerie, die auch nur eine regionale Bedeutung hätte. Es gibt keinen charismatischen Kunstsammler, der eine Vorbildfunktion übernehmen konnte. Das eben erwähnte Neue Museum wurde erst im Jahr 2000 eröffnet; und das Gebäude von Volker Staab zählt zwar zu den gelungensten seiner Gattung in der deutschen Museumslandschaft, gilt aber als Spätgeburt – und mit jährlich 20.000 Besuchern wirkt es als mäßiger Publikumsmagnet. Immerhin findet man in Nürnberg einen Kunstverein. Und eine Akademie der Bildenden Künste. Aber das Volk wandert weiterhin zu Dürer.

Die Chance von Nürnberg ist auch ihr Fluch. Die Stadt ist durch und durch von der Geschichte geprägt – oder: von der Geschichte geplagt. Die Kaiserpfalz, Sitz von regelmäßigen Reichstagen im Mittelalter, blühende Handels- und Kulturmetropole bis zur Neuzeit, dynamischer Industriestandort im 19. Jahrhundert und Machtzentrum des Nationalsozialismus, hat nichts vergessen. Überall ist die Geschichte dieser „deutschesten aller deutschen Städte“, so Goethe, abzulesen. Trotz der Beinahe-Vernichtung der Frankenmetropole im zweiten Weltkrieg ist die Last der Vergangenheit deutlich zu spüren. Keine Überraschung, dass Nürnberg zu einer in erster Linie historischen Stadt erklärt wurde. So preist die Werbegemeinschaft „Magic Cities“, ein Zusammenschluss der Stadtmarketingbüros der größten deutschen Städte, der sich um eine geschlossene Kommunikation des City-Images und damit um die Erhöhung der touristischen Attraktivität bemüht, Berlin als „City of cool“, Hamburg als „Maritime City“, München als „City of lifestyle“ (oh, Gott!) – aber Nürnberg ist und bleibt die „City of history“.

Bild: Uwe Niklas

Es mag sinnvoll sein, den historischen Reichtum der Stadt als Marketing-Argument zu nutzen und eine globale Imagestrategie danach zu richten. Besonders zukunftsweisend ist dies allerdings nicht. Gerade nach der Insolvenz von Quelle hat Nürnberg eine weitere wirtschaftliche Größe verloren, und es sind nicht Dürer und die Staufer, die die innovativen, erlebnishungrigen und kulturell interessierten Investoren und Arbeitnehmer, die die Stadt unbedingt braucht, anziehen werden. Der rückwärtsgewandte Blick könnte also fatal sein. Für die junge Kunstszene ist dieser Blick jedenfalls unheilvoll. Denn was geschieht in einer solchen Stadt mit den jetzigen und damaligen Akademikern? Wo gehen die jungen, eben fertigstudierten Künstler hin, wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben? Wie finden sie einen Anschluss an den regionalen oder nationalen Kunstbetrieb? Anscheinend werden sie zu Taxi-Fahrern oder Christkindlmarkt-Verkäufern. Oder sie verlassen die Stadt und kommen nur für die nächste Dürer-Ausstellung wieder. Jedenfalls sind sie nicht präsent. Sie unternehmen nichts, um eine alternative Szene aufzubauen, ihre Arbeit an die Öffentlichkeit zu bringen, eine Lobby zu gründen. Sie erobern keinen Leerstand. Sie schließen sich nicht zusammen, um ihre Ressourcen zu vereinen und eine stärkere Wirkung zu entfalten. Warum denn auch die liebe Mühe? „Hier fehlt das Gefühl, dass jemand sich eine neue Ausstellung wirklich anschauen will“, erzählte mir ein Student der AdBK. Wer sollte denn schon zu den regelmäßigen Shows einer vermeintlichen Off-Szene hingehen?

Bild: Steffen Oliver Riese

Bis auf den Kunstbunker, eine Art Post-Punk-Institution des überschaubaren Nürnberger Kunstbetriebes, deren Stichhaltigkeit ich leider nicht überprüfen konnte, und dem AEG-Gelände, einer von Künstlerateliers bespielten industriellen Brache, die ab und an die eine oder andere Ausstellung auf die Beine stellt, ist nichts in dieser Stadt, das auf eine lebendige und autonome Kunstszene hinweisen könnte. Trotz der großstädtischen Struktur (mit einer halben Million Einwohner ist Nürnberg kaum kleiner als Düsseldorf oder Leipzig) und trotz der Präsenz einer Kunstakademie, ist hier keine selbstorganisierte Szene vorzufinden. Weitere Faktoren wären notwendig, um eine solche Alternative zu etablieren: ein poröser und internationaler Humus, in dem sich verschiedene Subkulturen begegnen (Berlin), eine Tradition der Kunstrezeption, die das Neue willkommen heißt (Köln), eine Tradition des politischen Widerstandes und der Autonomie (Hamburg) oder eine dezidierte kommunale Kulturpolitik, die die Nische als Chance auffasst (Düsseldorf). All diese Faktoren vermisst man in Nürnberg.

 

Deine Geduld, geneigter Leser, weiß ich zu schätzen. Ich habe am Anfang des Artikels einen Bericht zur Nürnberger Off-Szene angekündigt und brauchte die Umwege über Dürer, die AdBK und die historisierende Orientierung der Stadt, um endlich auf dem Punkt zu kommen. Und schließlich so gut wie nichts vorzulegen. Aber auch wenn ich nicht gefunden, wonach ich explizit gesucht habe, wurde die Studienreise erkenntnisreich. Mir liegt der Gedanke einer Instrumentalisierung der freien und selbstorganisierten Kunstszene zu Zwecken des Stadtmarketings sehr fern (das muss ich hier nicht beweisen), aber, durch den vielen und langen Gesprächen mit den mitreisenden Blogger-Kollegen und Nürnberger Künstlern und Kuratoren, wurde mir klar, welche Impulsen diese Kunstszene und – allgemeiner – die zeitgenössische Kunst für eine Stadt leisten und wie sie zu einer Dynamik des wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwungs beitragen können. Und da fungiert Nürnberg als Negativbeispiel. Die Reise war kurz, die Eindrücke gewiss oberflächlich, aber in diese Stadt habe ich eine Teilbestätigung mancher Creative Class-Thesen erhalten – und bin der Ansicht, dass man Richard Florida nicht so schnell abschreiben sollte, wie die deutsche Wissenschaft tut.

Alles kann – die Welt als Kunst. Ein letzter Kommentar zur documenta 13

von Dominik Busch (Düsseldorf)

 

Anfang Juni 2012 beschwor Hans-Joachim Müller in der „Welt“ noch das Recht der Kunst als soziale Handlungsform und erinnerte in einem historischen Aufriss vergangener Weltausstellungen an die Vergangenheit einer Kunst als säkularisierter Religion. Einige Tage nach der Eröffnung der d13, der 13. documenta in Kassel, mag er sich jener Worte erinnert und deren Veröffentlichung möglicherweise bereut haben. Denn was an Berichterstattungen über die documenta im Folgenden erschien, ließ sich durchaus als Kritik jenes Volksgeschehens pseudoreligiöser Art lesen. So besprach man beispielsweise an zahlreichen Stellen die stetig durchscheinende Allmacht der Kuratorin Carolyn Christov-Barkagiev, deren Konzept hermetischer Geschlossenheit vorgeführt, gerügt und gewissermaßen in sträfliche Nähe zu Wagner gestellt, die Rollenverteilung zwischen Künstler und Kurator gar in ihrer Praxis angezweifelt wurde. Christov-Barkagiev erschien bisweilen als die eigentliche Künstlerin der documenta, ausreichend viele Berichte zeugten von einer Art der Überwachung, die künstlerische Praktiken massiv einschränkte und versuchte zu institutionalisieren.

Foto: Eduardo Knapp

Neben dieser rein an „CCB’s“ kuratorischer Arbeit ansetzenden Kritik, verwirrte sie jedoch zeitweise selbst mit beispielsweise der Forderung nach dem Wahlrecht für Hunde und Erdbeeren, da sich ihrer Meinung nach in „einer wahren Demokratie alle äußern dürfen“[1]. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung klingen die Worte der Kuratorin wie im Nachhall Joseph Beuys’. Sie spricht von natureigenen Schöpfungen als der Kunst gleichwertigen Bestandteilen der Welt und macht aus „Jeder ist ein Künstler“ „Alles ist ein Künstler“. Sie sieht keinen grundlegenden, will sagen strukturellen Unterschied zwischen einer Frau oder einem Hund, einem Menschen oder einer Pflanze. Noch in dem Moment, in dem sie Heideggers Zitat „Wir wissen, dass wir sterben müssen, die anderen Tiere nicht“ für ihre Argumentation gegen eine menschenzentrierte Auffassung von Kunst anführt, missinterpretiert sie die Intention des Philosophen, der sich vielmehr auf seinesgleichen bezog, als auf das Sein der Tiere.

Christov-Barkagiev geht es jedoch um die Emanzipation der Tiere und die Emanzipation der Pflanzen. Aha. Das verwundert allerdings nur bedingt weniger, wenn man ihre Ablehnung der westlichen Philosophie sowie des gesamten Intellektualismus des 20. und 21. Jahrhunderts in Betracht zieht. Geradezu paradox mutet dies in Bezug auf die Wahl ihrer Referenzen an. Was bleibt ist der Nachgeschmack einer Selbstinszenierung zwischen Schamane und Revoluzzer, zwischen Naturgeist und Atomphysiker, der sich die paradoxe Intervention auf seine Fahne geschrieben hat. Folgerichtig, dass die offizielle Pressemappe zur d13 aus drei Fotografien zu Giuseppe Penone, neun zu Jimmie Durham, aber gleich neunzehn zur Kuratorin selbst inklusive Abstract besteht. Das von Seiten der Presse verliehene Alias CCB’s – „Madame Maybe“ – scheint sowohl in Bezug auf ihre kuratorische Schlagrichtung, als auch auf ihr Hierarchieverständnis nicht ganz unpassend gewählt.

Aber lassen sich „diese ganze Maybe-Rhetorik der Kunstvermittlung, die Sichtschutzwände endloser Textgebirge, die allerorten aufsteigenden verbalen kosmischen Nebel der Ambivalenzen und Relativierungen“ wirklich derart leicht klassifizieren oder stehen wir letztendlich als einer dieser „traumatisierten Kunstkritiker“ da und stellen fest, dass wir den Schuss nicht gehört haben, weil jede Art von Kritik von Vornherein impliziert und damit unwirksam war?

Foto: Nils Klinger

Akzeptieren wir ruhig für einen Moment die mögliche Lesart der d13 als Gesamtkunstwerk, akzeptieren wir meinetwegen auch jene im Sinne Wagners, die infolgedessen zu Noten in der Partitur der Kuratorin degradierten Künstler und eine zum seienden Nichts aufgeblasene Kunst – so vermag der Philosoph doch ein Konzept zu entdecken, welches unausgesprochen bleibt, da es doch zumindest polarisiert. Ein ebenso hochaktuelles wie diskussionswürdiges Konzept, welches in seiner Ur-Form Luhmann, Deleuze und Foucault erkennen lässt und Ende der 90er unter dem Namen „Relationale Ästhetik“ veröffentlicht wurde. Das Konzept des Kunstkritikers Nicolas Bourriaud blieb nicht lange unkommentiert und erfuhr bisweilen harsche Kritik seitens der zeitgenössischen Philosophie[2], welche der Relationalen Ästhetik per definitionem Willkür, Zufall und Mangel an Referenzen unterstellte. Bourriauds Definition der „Relationalen Kunst“ als einem „Set künstlerischer Praktiken, welches als seinen theoretischen und praktischen Ausgangspunkt eher die Gesamtheit der menschlichen Beziehungen und deren sozialen Kontext nimmt, als einen unabhängigen oder privaten Raum.[3] darf also durchaus kritisch gegenüber gestanden werden und ist in dieser Form sogar aufgrund ihrer Unbestimmtheit das Beste Argument gegen sie.

 

Unabhängig jedoch von der argumentativer Folgerichtigkeit des Konzepts erscheint diese Definition als eine gleichermaßen theoretisierende wie prägnante Verbalisierung der Kasseler Weltausstellung. In den Worten Georg Diez’ führt die d13 „die Überlegenheit der Kunst vor, weil Kunst eben eine Methode ist und keine Form, nicht festgelegt wie Theater, Film oder Literatur. Weil die Kunst damit so sehr dem entspricht, was diese Zeit fordert: verschiedene Dinge zu bündeln, [...] den Traumata unserer Zeit nachzuforschen, der Chronologie zu entfliehen, Geschichten zu sammeln, die Welt zu erfassen, sinnlich wie intellektuell.“ Nach Meinung des Autors stimmt Diez nur zu überschwänglich in die Lobreden dieser ach so politischen documenta ein, dieser weltverbessernden, politisch korrekten und polyformalen documenta, welche sich letztlich doch zumeist nur banaler, formloser und angestrengter Kunst widmet, die auf Biegen und Brechen hochkomplexe Bezugssysteme aufstellen zu wollen scheint, welche jedoch letztlich im Nichts verlaufen. Der politische wie feministische Impetus, das evozierte ökologische wie technoinnovative Bewusstsein der Besucher bleibt ebenso ungelenkt, uferlos und beliebig, wie die Aussage darüber, was hier eigentlich Kunst ist. Hätte die Kuratorin dieser Uferlosigkeit entgegengewirkt, die angestrebte Diskussion hätte sich deutlich substanzieller gestaltet.

 

Die Berücksichtigung von Polykontexturalität ist indes kein neues Vorgehen, das interobjektive Befragen der Werke ebenso wenig wie das Tanzen, Lesen oder Kochen im Ausstellungsraum. Aber wann gab es zuletzt eine Kuratorin, die dies alles unter einem Dach vereinte? Wann gab es zuletzt eine Kuratorin, die der eigentliche Star, der eigentliche Künstler ihrer Ausstellung war und gewissermaßen als Urheberin jeder einzelnen kommunikativen Einheit verstanden werden konnte? Gab es jemals eine derart hochkomplexe Diskussionsplattform, die bei ausreichender Auseinandersetzung die Grenzen ihres Systems tatsächlich auf die gesamte Welt auszudehnen vermochte?[4] Falls dem so sein sollte, darf man sich durchaus einigen Aspekten der kritischen Reflexion der d13 anschließen. Falls nicht, findet sich CCB aktuell absolut zu Recht auf Platz eins der artreview Top 100. Wie lange sie dort zu bleiben vermag, hängt indes von einer Unzahl komplexer Bezüge ab.

 

Sämtliche Abbildungen sind dem offiziellen Pressematerial der documenta entnommen (http://www3.documenta.de/de/presse/oeffentlichebilder/).


[1] Vgl. die Berichterstattung der Welt, der Neuen Zürcher Zeitung, der Süddeutschen Zeitung, der Zeit, der FAZ, des Spiegels, des art-magazins, des monopol-magazins sowie diverser Blogs, bspw. perisphere.de. Sinngebend für einen Großteil der Debatte war das von Kia Vahland auf sueddeutsche.de geführte Interview mit Carolyn Christov-Barkagiev.

[2] Vgl. u.a. Jacques Rancière; Der emanzipierte Zuschauer; Wien 2009

[3] Bourriaud, Nicolas; Relational Aesthetics; Les presses du réel 2002; S. 113

[4] Im Unterschied zu den anderen Subsystemen der Gesellschaft verfügt das „Kunstsystem“ über eine gesamtgesellschaftlich-reflexive Beobachtungsfähigkeit. Vgl.: Lehmann, Harry: Die flüchtige Wahrheit der Kunst, Ästhetik nach Luhmann; München 2003 sowie meinen Artikel „Die Kunst der Gesellschaft?“ auf definitionsarephenomena.tumblr.com vom 16.07.2012