Art Basel

Endlich eskalation

Wir erheben ausnahmsweise einmal für einen kurzen Moment unsere Blick von den rheinischen Ländereien der Träume und richten diese gen Süden, in die Schweiz. Dort, im beschaulichen Zürich, hat laut Aussage der Jury bestehend aus der ZHdK-Hochschulleitung eine ruamgreifende Installation der Studenteninnen «das Ausmass und der Charakter von Spray- und Farb-Interventionen in den Gängen und Toiletten» das «akzeptable Mass» überschritten.
Wie schön, dass es doch noch gelingen kann, Provikationen zu setzen. Wir wagen uns vor, und gratulieren jetzt schon mal zum besten Rundgang 2016!

13407573_10154248489366081_650406097_n-e1465238791619 13414655_10154248489476081_1757713081_n-e1465238808710 WhatsApp-Image-20160606

noch mehr pics und infos gibt es hier.

Mit Champagner und Gummiknüppel auf der Art Basel

«Die Basler Messe verhält sich genau so, wie ihr Neubau aussieht: wie ein ziemlich grosses Arschloch.» schreibt die WOZ. Und wer in den letzten Tagen im asozialen Netzwerk seiner Wahl unterwegs war, weiss eventuell auch worum es geht.
Die Art Basel hat Kannte gezeigt und getan was einige Leute mit zu viel Einfluss und Geld derzeit länderübegreifend für opportun halten, wenn diese sich in ihrem Tun gestört fühlen. Man hat also eine eher harmlose Intervention auf dem Messevorplatz der Art Basel ganz zeitgemäß mit Hilfe der Polizei, unter Einsatz von Gummiknüppel, Tränengas und Gummigeschossen beenden lassen.
Eine solche Aktion ist für die internationale Kunstmesse der Superreichen zwar irgendwie konsequent und ehrlich, kommt aber – wie man sich denken kann – auf Facebook, Youtube und Twitter gar nicht so gut an. Schnell ist das Urteil über dieses Vorgehen gefällt: Die Art Basel ist ein Arschloch!
Für unseren Geschmack fällt das Urteil allerdings dann doch etwas zu schnell. Nicht, dass wir es in irgendeiner Weise gut heißen würden, wenn Leute mit Tränengas oder Gummiknüppeln traktiert werden. Aber – und das muss man an dieser Stelle auch mal fest gehalten werden – die Art Basel hat hier durchaus etwas aufs Spiel gesetzt, um ihren Beitrag zu einem veritablen Kunstskandal zu leisten.

Keine Frage, auch wir haben überhaupt keine Lust auf solchen spaßbefreiten Partybesuch, allerdings feiern wir unsere Parties auch nicht auf Kunstmessen (es sei denn vielleicht, man lädt uns höflich ein und rollte den roten Teppich aus) und auf eben diesen den Anarchopunk zu spielen interessiert uns ebenfalls nicht.
Denn eines sollten wir doch bitte nicht vergessen. Eine Systemkritik die sich, wie hier geschehen, von vorne herein in den internationalen Kunstzirkus einreiht, nimmt dabei bewusst oder unbewusst eine ganz bestimmte Rolle ein. Es ist die Rolle des modernen Hofnarren, mal lustig, mal unverschämt, mal unterhaltsam, aber immer harmlos. Es ist einfach so, kritische Kunst, die sich als solche positionieren will, kann man – von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – eigentlich komplett in die Tonne treten.  Dirk Schümer fragt deshalb in seinem FAZ-Artikel zur Venedig-Biennale im übrigen auch völlig zu recht “Warum eigentlich kann sich die Gegenwartskunst immer noch als widerständiges Medium der Welterklärung und -verbesserung feiern, wenn kein anderes soziales Ereignis einen solchen Aufgalopp von Superreichen und Nobelmarken, mehr gierige Halbwelt und einverständige Mediengaffer anzieht als diese globale Kunstmesse im Lagunenbrackwasser?

Schwierig wird es zu dem oft, wenn Künstler dazu tendieren die höchst ambivalenten Wechselwirkungen zwischen Kunst, Kapital und Macht, und damit natürlich auch die eigenen Verstrickungen darin zu ignorieren, um aus einer vermeintlich moralisch überlegenen Position heraus kritische Arbeiten zu verfertigen. Eine solche Position suchen zum Beispiel Isabella Fürnkäs, Henning Fehr und Philipp Rühr in ihrem aktuellen Projekt mit dem etwas brachialen Titel »KÖRPER UND KNOCHEN« im Düsseldorfer Studio for artistic research. Selbstbewusst nimmt man auch dort Stellung zu den Geschehnissen in Basel und bezieht politisch korrekt Position.

Das ökonomische Diktat wird unaufhaltsam vorangetrieben, es vereinnahmt, zerschlägt und schreitet voran. Nicht ökonomisch zu verortende Strukturen werden mit den Knüppeln der Effizienzkriterien für Leistungsbilanzen standardisiert. Das Freihandelsabkommen „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP) zwischen der EU und Amerika deklariert Kultur zur Ware, für die im Handel die selben Regeln gelten wie für jedes andere ökonomische Gut. Wer nicht im Sinne der Ökonomisierung durch Einkaufszentren marschiert sondern durch Frei- und Grünflächen spaziert, wird vernebelt und hinweggespült. Wenn die Favela zum Café geworden ist gibt es kein Zurück mehr. Was sich nebenan entwickelt wird niedergeschlagen. Die Schnittstelle zur Ökonomie verschwindet, alles wird zur Ökonomie.

Alles ist Ökonmie? Kultur als Ware?! Hm,… da war doch mal was?

Wie gesagt, ein schwieriges Feld, die Systemkritik in der Kunst. Und das Kapital ist ein widerspenstiges Biest.

Aber liebe Freunde, es geht selbstverständlich nicht darum, Künstlern das Recht zur Systemkritik abzusprechen. Hier geht es um den Kontext, in dem das geschieht und die Rolle, die man dabei als Mensch einnimmt.
Man kann nun einmal nicht ein ganzes Jahrhundert lang bis in den heutigen Tage hinein totale Autonomie für Künstler und Kunst einfordern, im nächsten Moment aber mit der gleichen Stimme politisch mitreden wollen. Entweder das Eine, oder das Andere, Beides gleichzeitig geht nicht. Man muss sich da im Moment des eigenen Wirkens schon entscheiden.
Kunst ist, neben vielem anderen, nun mal der Ort, den wir den Abgründen, den Paradoxien und den Widersprüchen zugestehen, hier ist der Raum für die schwierigsten Diskurse mit unklaren Fronten. Es ist der Platz für die Themen zu denen es noch keine Antworten, meistens noch nicht einmal adäquate Fragen oder gar eine rechte Kritik gibt. Kunst ist damit der soziale Ort des Undefinierten und Unbekannten, an dem die Dinge und ihr Probleme erst noch formuliert werden dürfen und müssen – und braucht gerade deshalb absolute Kunstfreiheit.

Doch – und damit kommen wir zurück auf den Messevorplatz in Basel – weder die eine noch die andere dort als diffuse Kritik inszenierte Favela braucht diesen Freiraum. Zugegeben, die Favelaarchitektur von Tadashi Kawamata als urbanes Cafe und Champagnerbar für den gelangweilten, globalen Geldadel zu inszenieren ist nicht Provokation sondern verdesignter Kitsch. Diese dann auch noch als Diskurs über den Stadtraum anzusetzen, wie durch die Art Basel geschehen, in der Tat ein müder Kalauer für ein paar Wenige mit viel zu viel Tagesfreizeit.

http://richkidsofinstagram.tumblr.com/

Diesen Kalauer aber um einen Weiteren in Form einiger selbst gezimmerter und schlecht gemachter Bretterbuden zu ergänzen, um dort dann andere Musik zu hören und Bier statt Latte Macchiato zu trinken, ist eben auch nicht sonderlich originell. Und wie es mit müden Witzen eben so ist, leider addieren sich zwei Schlechte nicht zu einem Guten.

Der entscheidende Punkt ist aber hier nicht der Grade der Originalität, sondern dass die Kritik, die in der Party-Intervention wage artikuliert wurde, bereits weltweit laut und deutlich auf den Straßen und Plätzen formuliert wird – mit allen dazu gehörigen oftmals unangenehmen Konsequenzen für die Beteiligten. Diese Systemkritik benötigt den Kontext der Kunstfreiheit, und damit den Vorplatz der Art Basel oder eines anderen Kunstraumes nicht mehr.
Orte für Engagement und Kritik gibt es hinreichend, man muss dafür nicht auf dem Vorplatz der Artbasel rumhängen, Bier trinken um sich damit bewusst oder unbewusst zum Hampelmann eines zuweilen recht grenzdebilen Kunstsystems zu machen. Wer Eier hat der macht so etwas auf der Demo seiner Wahl und lässt sich dort intim, anonym und ganz privat seine Ration Pfefferspray verpassen, während einem hilfsbereite Staatsdiener die Arme auf den Rücken drehen.

Die Art Basel braucht es dafür wie gesagt nicht. Auf dem Vorplatz in Basel wurden vielmehr hart erfochtene Freiheiten der Kunst fürs ‘Party-machen’ ausgenutzt, und unter dem Deckmantel einer Pseudokritik für die eigene Wertschöpfung innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie verbraten. Es wäre naiv zu glauben, dass die medial geschulten Aktivisten vor Ort nicht mit den diskursiven Prozessen dieser Ökonomie, welche engstens mit dem Kunstystem verzahnt sind, vertraut wären. Natürlich weiss man, dass eine Provokation an dieser Stelle mit erhöhter Aufmerksamkeit, Clicks und Likes belohnt wird und sich langfristig durchaus gut in der eigenen Vitae macht, die Karriere also auch befördern kann.

Die Messe in Basel hingegen hat einen ganz anderen Einsatz ins Spiel gebracht. Man war dort, wenn zu Anfang auch etwas verunsichert, dann aber später doch um so konsequenter bereit, volles Risiko einzugehen und das mühsam aufgebaute, wertvolle Image der Marke zu riskieren, um so aus einer müde dahin plätschernden Partyintervention, einen veritablen Kunstskandal zu machen.

Die kritischen Kunstaktionisten in Basel werden sich irgendwann einmal bei der Messe für diesen Einsatz und das Engagement bedanken.