Ausstellung

Transphaire in der Beton-Box

Nachdem er zur Präsentation seiner Arbeit in der BetonBox eingeladen wurde, entschloss sich der Maler Wolf Raskin nicht allein zu spielen und lud vier weitere KollegInnen ein, die schönen, rauen und überschaubaren Räumlichkeiten zu okkupieren. Eine kleine, dichte Show sollte Transphaire werden, konzentriert auf fünf Positionen der abstrakten Malerei aus Düsseldorf, die, fast alle, zu einer Generation gehören („mittelalte Künstler“ hörte ich an diesem Abend; und damit waren wohl Menschen zwischen 40 und 50 gemeint).

W. Raskin und W. Aschenborn. Letzterer hielt die Eröffnungsrede

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Chantal Vey bei Onomato

Fotos (wenn nicht anders angegeben): Enis Vardar

 

Die französische Fotografin Chantal Vey (*1970) lässt sich am ehesten als eine reisende Persönlichkeitsforscherin beschreiben. Ihre Arbeitsweise erweitert die Möglichkeiten der Fotografie, bzw. stellt den klassischen fotografischen Bildbegriff in Frage.

Foto: C. Vey

Das künstlerische Interesse konzentriert sich auf die Bildgattungen des Porträts und der romantischen Landschaft. In beiden fokussiert der Blick Fragmente bzw. Nebensächlichkeiten, die die Porträtierten wie auch die Landschaftsansichten bedeutsam aufladen.

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Grischa Lichtenberger im Team Titanic

Der Bielefelder Sound-Künstler Grischa Lichtenberger präsentierte „In/ven/tur [ɪnvɛnˈtuːɐ̯] – An Exhibition Of Things That Remain After An Exhibition“ im Projektraum Team Titanic vom 6-12.7.

Danke Julia für die Bilder!

 

 

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Die gebrochene Mitte im Studio Roh

Alle Fotos und Kommentare: Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek

 

Letzte Woche wurde die neueste Ausstellung im Studio Roh eröffnet. Leider waren wir nicht dabei – und werde also das ungesehene Ereignis nicht kommentieren. Freundlicherweise haben uns Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek, die zwei Raumbetreiber, ein paar Bilder zur Verfügung gestellt. Die Beschreibungen stammen von den jeweiligen Künstlern.

 

 

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic: LSD PERFORMANCE : Aus dem Wildpark wurde ich zur Ausstellung gefahren und dort habe ich mit Acryl und Bier von den Gästen, mit LSD ; MP3 Player, Händen und Füßen, ein ACTION PAINTING Nr. 1 gemalt.

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Christoph Knecht bei Rupert Pfab

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos von Dirk Rose und Giovanni Bendzulli

 

Für seine erste Präsentation bei Rupert Pfab hat er sich nicht lumpen lassen. Christoph Knecht tischt alles auf, was er hat. Eine große Kachelinstallation, feine Druckgrafiken, verschiedene gefasste und nicht gefasste Plastiken, handbemalte Kärtchen, großformatige Gemälde, Bronze- und Keramik-Skulpturen sowie ein objet trouvé; das Ganze als einheitliches Ensemble konzipiert und in den zwei offenen Räumen der Galerie inszeniert.  Diese Technikvielfalt wird noch von der Bandbreite der ikonografischen Referenzen übertrumpft. So findet man allerlei Fantastisches, Naturwissenschaftliches, Allegorisches, Philosophisches, Esoterisches, Kulturhistorisches und Mystisches im Knechtschen Sammelsurium. Zitiert wird aus medizinischen Abhandlungen, chinesischen Schriften, Renaissance-Herbarien oder barocken Capricci. Die von den Bildern und Gegenständen erweckten Assoziationen reichen von der Akupunktur bis zur Fast-Food-Kultur, von der Alchemie bis zur Anthroposophie.

Um nur einige, wenige Objekte zu nennen: Ein kelchartiges Gefäß mit einer Vogelkralle als Fuß, eine Himmelskarte in Delftblau, ein Edelweiß, ein bronzener Hawaii-Toast oder ein Totenkopf, dessen Oberfläche an die Struktur von Erdnussschalen erinnert. Es sind Kuriositäten, die sowohl in dieser Welt als auch in Paralleldimensionen gesehen, aufgelesen und, fernab von strengen naturwissenschaftlichen Einordnungskriterien, in nüchternen Schaukästen präsentiert werden. (mehr …)

Grayson Revoir mit INTERNATIONAL BATHING zu Gast bei Jan Kaps

Flussaufwärts, grobe Richtung Aachen hat ein neuer Projekt-Raum aufgemacht. Der Name des Projekts lautet wie der Initiator selber JAN KAPS, die Räume befinden sich in der Jülicher Strasse 24A. Jan Kaps (der Mann) geht seiner kuratorischen Tätigkeit jetzt seit 5 Jahren nach und war in der Vergangenheit vor allem in Düsseldorf, und dort bei Beck & Eggeling, sowie in Berlin u.a. bei Sprüth Magers aktiv.
Die erste Ausstellung präsentiert unter dem Titel „INTERNATIONAL BATHING“ Arbeiten von Grayson Revoir. Revoir penetriert seine selbst entworfenen Objekte mit oxidierten Schrauben, so dass Ecken
und Kanten sowie die Oberfläche zu zersplittern beginnen und auch ansonsten geht er eher wüst und schmutzig mit seinen Materialien um.

Wir präsentieren das neu gestartete Projekt hier einfach mal mit einer kurzen Bildstrecke und wünschen für die Zukunft alles Gute. Wer neugierig geworden ist, schaut am Besten selber mal vorbei, die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Juni 2013 und ist Donnerstags – Sonntags von 15 – 20.30 Uhr geöffnet. Alles weitere wie üblich nach Vereinbarung, Ihr kennt das ja.

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km temporaer zeigt (n)on site

Non-Sites: Arbeiten im Ausstellungsraum aus ursprünglichen Rohmaterialien, dem Naturraum entnommen, der Ort ist beliebig
Sites: spezifischer Ort, gestalteter Naturraum

In der aktuell laufenden Ausstellung „(n)on site“ (24.5. – 14.6.2013) wird der Ansatz des Projektes km temporaer, zeitgenössische Positionen der analogen und digitalen Kunst in einem gemeinsamen thematischen Kontext zu präsentieren, mit der Intention, einen Dialog zwischen netzbasierter Kunst und klassischeren Kunstdisziplinen zu schaffen, fortgeführt.
Die künstlerischen Arbeiten reagieren auf das Thema Mapping und der zunehmenden Tendenz der stark objektiv-rationalen Wahrnehmung des realen Raumes durch Datenvisualisierung im Netz. In den Arbeiten werden gezielt Momente der Diskontinuität erzeugt, die aus diesen technischen Methoden eine poetische Ästhetik entstehen lassen und damit die Bindung des Menschen an räumliche Bezugssysteme offenlegt bzw. hinterfragt.

„What you are really confronted with in a Nonsite is the absence of the Site.. a ponderous and weighty absence“ (R. Smithson)

Der Titel der Ausstellung nimmt Bezug auf Robert Smithsons Dialektik der Orte (Sites) und Nicht-Orte (Non-Sites), mit der er die Karte in eine symbolische Sprache überführt. Nach Smithson konfrontiert der kartographische Blick stets das Abstrakte und das Reale, den Ort und die Delokalisierung zugleich.

In Anlehnung an Lev Manovich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Verhältnis von Analogie und Digitalität im modernen menschlichen Leben und wirft die Frage auf, inwiefern sich unsere Wahrnehmung von räumlicher Form verändert, wenn diese mit dynamischen und vielfältigen Multimedia-Informationen überzogen ist. (Schwinden die Sinne im Zuge der zunehmenden Medidatisierung? Kann Desorientierung in der technischen Dokumentation wirklich verhindert werden?)

Daniel Schwarz / juxtapose / 2012

„Juxtapose“ ist eine Serie von Gegenüberstellungen unbearbeiteter Satellitenaufnahmen zivilisationsferner Orte auf der Erde, die dem Internetdienst Google Maps entstammen. Simultan nebeneinander legen sie die poetische Kraft der Naturgewalt gegenüber rationalisierenden Technologien zur Dokumentation unserer Welt offen. Die unterschiedlichen Witterungszustände und Jahreszeiten auf den Fotos sind Störungen, die automatisch durch die Google Algorithmen bei Aktualisierung des Bildmaterials erstellt werden. Diese Diskrepanz hinterfragt den Einfluss der erweiternden Technologie auf unsere Wahrnehmung von Raum und Zeit und enthüllt gleichzeitig das Scheitern, die Realität wiederzugeben.

Davide Cascio / Ikebana Arrangement / 2013

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Petites résistances im Weltkunstzimmer

Fotos: Krischan Ahlborn

 

Über die eigene Ausstellung zu berichten ist schon peinlich, keine Frage. Im Ehrenkodex der Kunstvermittlung ist dies beinah ein Tabubruch. Denn auch die Selbstwerbung und -vermarktung kennt ihre Grenzen. Über die eigene Ausstellung zu berichten kommt einer Überschreitung des Rubicon gleich; von da an hat der Kunstkritiker seine Glaubwürdigkeit verloren und entpuppt sich als voreingenommener Texter (zum Komplex der Entmachtung der Kritik zu Zeiten einer ökonomischen Abwertung der reflexiven Praxis, empfehle ich übrigens wärmstens die letzte Ausgabe des Kunstforum International, dessen Schwerpunkt auf dem aktuellen Schicksal der Kunstkritik legt). Wenn der Kurator eine Rezension über seine Ausstellung schreibt, sollte man sofort an der Legitimität des gesamten Unternehmens (also: Ausstellung, Text und Textmedium) zweifeln. Aber erstens bin ich ja kein Kunstkritiker. Zweitens bin ich ja kein Kurator. Drittens schreibe ich gar keine Rezensionen, sondern liefere lediglich ein paar Aufnahmen zur (wirklich sehr empfehlenswerte) Ausstellung Petites résistances. Und viertens sind diese Bilder noch nicht mal von mir. Es doch alles in Ordnung. Oder?

 

Die Bilder zum Workshop folgen an dieser Stelle sehr bald….

Ted Green im Gagarin

Den Projektraum Gagarin und Ted Green hatten wir zwar jetzt schon ein paar mal im Blog, aber wenn sich jemand intensiv und avanciert mit dem Thema Symmetrie auseinandersetzt kann ich einfach nicht Nein sagen, das muss dann einfach mit hier rein, da sind die persönlichen Präferenzen zu groß, als dass ich da widerstehen könnte.
Mein persönlicher Favorit ist aber übrigens dann doch Succubus. Grafitti und Malerei kommen da sehr gut zusammen, die dynamischen Linien direkt auf der Wand setzt der naturgemäß recht statischen Symmetrie der Bilder angenehm zu. Wer mehr über diese Malerei und die Bilder erfahren möchte liest bitte die Rezension vom Kollegen Mir hier in unserem Blog.

Elementary Particle, 2012,
Öl+Acryl+Lackfarbe+Sprühlack auf Leinwand, 140 x 140 cm

Succubus, 2012,
Öl+Acryl+Lackfarbe+Sprühlack auf Leinwand / Sprühlack auf Wandfläche, 210 x 240 cm

o.T., 2013,
Acryl+Sprühlack auf Wandfläche / Öl+Sprühlack auf Papier, 160 x 80 cm

Pinch, 2012,
Öl+Acryl+Sprühlack auf Leinwand, 50 x 40 cm

 

(alle Bilder via E-Mail, danke Ted!)

Pinch, 2012,
Öl+Acryl+Sprühlack auf Leinwand, 50 x 40 cm

Projektraum Gagarin
Kirchstr. 41
40227 Düsseldorf
Besichtigung nach Vereinbarung
0171/1231596 oder 0151/11500277

Die Boutique zu Gast im Institut für alles Mögliche

Treue Leserinnen und Leser unseres Blogs kennen natürlich sowohl die Boutique als auch das Institut für alles Mögliche bereits, wir hatten Projekte an beiden Orten mehrfach bei uns. Um so schöner wenn zusammen kommt was eh schon zusammen gehört. Nach dem der Initiator und Organisator des Insituts, Stefan Riebel letztes Jahr in Köln zu Gast war, erfolgte nun der Gegenbesuch. Hier sind die Bilder vom Besuch.

Alle Bilder von Stefan Riebel via E-Mail, danke Stefan!

www.i-a-m.tk
www.boutique-koeln.de

Cocktailkleider und Altherrenwitze. „Das kleine Schwarze“ in der Boutique Köln.

von Dominik Busch

Die Kölner Boutique steckt in ernsten finanziellen Schwierigkeiten. Auch eine Crowdfunding Initiative via startnext.de brachte nicht den erhofften Erfolg. Falls sich kein privater Financier finden lässt, sieht es schwer danach aus, als müsste eines der drei Off-Projekte am Ebertplatz bald seine Räume schließen. Dank der Kölner Konsolidierung inklusive drastischer Kürzung des Kulturetats.

Ich möchte allerdings an dieser Stelle nicht direkt Stellung zu kulturpolitischen Fragen beziehen, noch möchte ich Kommentare wie auch immer gerichteter parteilicher Lager provozieren. Wenn Politik, dann politische Potenziale, wenn politisch, dann in einem ästhetisch reflexiven Sinn. Doch dazu später mehr.

Die Boutique zeigt aktuell „Das kleine Schwarze“, eine Ausstellung der beiden Studenten der Kunstakademie Düsseldorf Melike Kara und Peppi Bottrop. Kara, seit Kurzem Studentin von Rosemarie Trockel, tat sich bereits als eine der (Künstler-) Kuratorinnen der Videoausstellung „Body Light“ hervor, jetzt gibt sie Einblick in ein weiteres ihrer Medien, das der Malerei. Bottrop, aktuell Student bei Andreas Schulze und meines Erachtens eher Vertreter einer Düsseldorfer Malerei, zeigt nach zuletzt grafischen Arbeiten (im etymologischen Sinne) und solchen mit Tendenz zum Objekt, wieder Bilder mit Farbe, Spuren, Oberflächen und Versatzstücken – um zunächst mal wertungsfrei zu bleiben. In meiner Vorstellung gingen diese Beiden so gar nicht zusammen. Etwas dramatisch formuliert stellte ich mir eine Begegnung zwischen Poet und Provokateur vor, eine Unterhaltung zwischen Träumer und Rationalist. In der Theorie durchaus spannend, in der Praxis oft ein stumpfes Entweder-Oder. Hier weder noch. In „Das kleine Schwarze“ stehen sich zwei Positionen gegenüber, jeder für sich. Keine perfekte Symbiose, aber auch kein wirklicher Battle. Eine Gruppenausstellung, in der alle gewinnen.

Privates und Persönliches außen vor – das Gewinnbringendste dieser Ausstellung sind die Editionen, deren Erlös allein dem Erhalt der Boutique zugute kommt: Prints diverser Oberflächen, mit kleinen Arabesken collagiert, mit Materialien verschiedener Haptik verklebt, auf Glas montiert und in einfachen Geometrien durchschnitten. Einfach, aber effektiv. Vorne wird hinten, Bildträger wird Informationsträger, Bezeichnendes wird Bezeichnetes, ein unterhaltsames Spiel mit Begrifflichkeiten. Und zudem „ästhetisch“ äußerst ansprechend. Die Editionen sind es allen voran, die Karas und Bottrops Positionen verschränken: Der eine liefert, der andere trägt ab, addiert, subtrahiert, ideell wie formal, mithin das ewige Spiel der Malerei. Gewissermaßen Malerei 2.0.

Bottrops verhältnismäßig große Formate dominieren die kleinen Räume ohne Weiteres, in ihnen findet sich das Spiel der Oberflächen und Materialien wieder, welches die Editionen so fundierte: Pastoses Schwarz steht gegen dünnes Türkis, Kreise und Dreiecke aus Farbe stehen neben Prints einer Holzoberfläche, ein übergroßer Kantholzrahmen hält die scheinbar losen Teile zusammen. In der Chronologie kommen Bottrops Arbeiten eigenartig anachronistisch daher, hatte er doch mit seinen Ausschnitten bei „TOTALE 4“ im Maschinenhaus in Essen  bereits deutlicher die Grenzen des Bildraums unterwandert. Aber geht es darum? Bildraum, Bildaufbau, Materialität, Malergesten, Inside-Jokes? Ich will es schwer hoffen. Aber noch viel mehr will ich hoffen, dass keiner die Ironie dahinter übersieht. Denn Ironie ist integraler Bestandteil dieser Malerei und mindestens ein Kriterium guter Malerei – wenn nicht sogar das einzige heutzutage. Unter anderem deswegen ist meine Lieblingsanalogie zur Malerei die Rapmusik. Nirgendwo sonst werden Setzungen derart direkt und subjektiv gemacht. Beispielsweise: „Wie zum Teufel kannst du heute noch Songs über das harte Leben auf der Straße machen?“ Analog dazu könnte man fragen; „Wie zum Teufel kannst du Malerei heute noch so bitterernst nehmen?“ Man kann. Es wird aber immer mindestens einer kommen, der sich zu Recht über diese Form des Konservatismus lustig macht. Bottrop ist so einer. Seine Malerei scheint daher irgendwie sehr aktuell, aus grob historischer Perspektive war sie das aber auch schon vor gut dreißig Jahren. Damit soll nun kein Werturteil gefällt werden, es wird lediglich darauf hingewiesen.

Den streng schwarzen Grund der Bilder Karas als den einer Malerin zu erkennen, tut man sich zunächst schwer. Scheinbar unbedacht der Auftrag, erkennbares Um-die-anderen-Teile-drum-herum-Malen, recht direkte Emblematik. Absicht? Ich denke ja. Mit Karas Videos im Hinterkopf lässt sich ihre Malerei nämlich noch auf andere Weise fassen als aus rein malereiimmanenter Perspektive.

In der Hoffnung, gänzlich auf Proust-Zitate verzichten zu können, möchte ich dazu einen Gedanken aufgreifen, der kürzlich in Bezug auf die zeitgenössische Ausstellungspraxis von Videokunst (!) am Beispiel von „Body Light“ angemerkt wurde. Der Autor monierte die bisweilen ignorante Praxis institutioneller Kuratoren hinsichtlich der Installation von Videokunst, die, im Falle der „Big Pictures“ Ausstellung des K21, vermeintlich nach wie vor hauptsächlich in Black Boxes stattfinde, anstatt, wie im Falle von „Body Light“, in einem offenen räumlichen Diskursbezug zueinander. Diesem Ansatz, so durchsetzungswürdig er auch ist, liegt der Trugschluss der Gleichheit von Video- und Filmkunst zugrunde – eine mithin rein begriffliche Unterscheidung, aber deswegen nicht minder wichtig. Letztere bedarf nach wie vor der Präsentation im hermetischen System der Black Box, liegt doch immerhin ihr Spezifikum in einer primär kognitiven Form der Rezeption. Vergleichbar etwa mit der des klassischen Theaters. Videokunst verhält sich dem gegenüber zu seinem Konsumenten hin offen, die räumliche Installation sowie die interne Struktur sind meist aufeinander bezogen und/oder argumentativer Bestandteil der Arbeit. Ein Film muss den Betrachter vereinnahmen, er lebt gewissermaßen von einer ihm immanenten Zeit- und Räumlichkeit, ein Video hingegen darf vereinnahmen, ist aber aufgrund seiner vermeintlich komplexeren Struktur grundsätzlich nicht als hermetische Form zu betrachten.

Von dieser Unterscheidung zehrt auch die Malerei Karas. Das zuerst so gar nicht malerische Schwarz ihrer Bilder erinnert also nicht nur rein nominell an das einer Black Box, vielmehr kann man die kleinen Formate im hinteren Raum der Boutique über ihren Status als Tafelbild hinaus als Stills eines ihrer Videos sehen. Zudem rahmt eine beige Fläche auf Karas starkem Großformat das matte Schwarz wie ein Vorhang ein. Der Vorhang einer Theaterbühne oder der eines alten Kinosaals? Oder etwa das Schwarz einer Burka? Mein subjektives Auge erkennt in den roten, goldenen und blauen Tupfen, in deren Positionierung im oberen Drittel der Kleinformate und ihrer leicht gekrümmten – und dadurch plastisch werdenden – Form, Ausschnitte osmanischer Schmuckstücke, etwa eines Tikkas oder Diadems; Goldenen Kopfschmuck, wie ihn in unserer Vorstellung etwa eine türkische Braut tragen könnte. Hierin spielt Kara offenbar mit kulturellen Klischees, mit dem Blick auf eine Kultur durch die Brille einer anderen. Oder so. In diesen Gedanken ließe sich auch die einzige installative Arbeit der Ausstellung einreihen, ein filigraner Blumen-Print auf annähernd quadratischem Plexi, gehalten von rohem Stahl. Er wirkt wie eine Folie, wie ein Fenster, der die Ausstellung von außen zugänglich macht. Die Form der Blumen wiederholt hier die der Diademe und wirkt dennoch wie ein Fremdkörper zwischen den Malereien, wie eine Projektionsfläche für weitreichende Assoziationen. Ohne die genaue Bedeutung dieser Schmuckstücke für die türkische Kultur zu kennen, werden wir an Karas Videos „Haram“ oder „Bülbül“ erinnert, in denen der kulturelle – nennen wir es mal – Konflikt äußerst sanft, poetisch und dadurch für uns wertungsfrei dargestellt wird. Karas Malerei ist also in meinem Verständnis keine, die, wie jene Bottrops, ihr Medium kritisch hinterfragen, vielleicht nicht einmal als solches thematisieren will, sondern allein legitimes Mittel zum Zweck, in der Formulierung ihrer Position. Die Malerei mag Kara eine kontemplative Möglichkeit der Betrachtung geben, die in Videos nur begrenzt vorhanden ist. Szenen, beziehungsweise einzelne Frames, werden so in den Zustand einer dauerhaft möglichen Betrachtung überführt, wenn auch gleichermaßen der willkürlichen Rezeptionsdauer des Betrachters ausgeliefert. Doch geht das Schwarz der Black Box dann mit jenem der Malerei Karas, als ihren Videos entstammend, überhaupt zusammen oder wird die eingangs beschriebene begriffliche Unschärfe hier nicht ebenso unklar gehalten? Für die Konstruktion einer solchen Assoziationskette ist das sicher nicht von Bedeutung, hierin liegt vielmehr das diskursive Potenzial ihrer Arbeiten. Medienspezifik, Bildbegriffe und vor allem kulturelle Erwartungen werden gegeneinander ausgespielt, deuten an und lassen doch offen. Das ist es, was sie so wertvoll macht – keine Ansage, keine große Geste, vielmehr ein subtiler Fingerzeig. Und sähe man hierzulande kulturelle Identitäten und deren gegenseitige Vorurteile nicht so konservativ, man käme bei so viel Pathos um ein Grinsen nicht herum. Möglicherweise ist es dieser hintergründige Humor, der Karas und Bottrops Positionen letzten Endes doch irgendwie zusammen bringt. Als Basis einer gemeinsamen Ausstellung wäre Humor jedenfalls nicht das Schlechteste.

Für die Boutique bleibt zu hoffen, dass sie ihre Position trotz allen Widrigkeiten irgendwie halten kann. Das Team von perisphere.de wünscht Maximilian Erbacher und Yvonne Klasen hierzu viel Erfolg. Mit „Das kleine Schwarze“ haben die beiden Kuratoren einmal mehr ihr subtiles Auge bewiesen und zunächst so disparat scheinende Positionen sinngebend zusammen bringen können.
Hoffentlich sieht die Stadt Köln das ebenso. Spread the word.

Das kleine Schwarze
MELIKE KARA
 und PEPPI BOTTROP
Eröffnung: Freitag, 10. Mai, 19 Uhr

Dauer: 11. – 31. Mai 2013

Öffnungszeiten: Fr-Sa, 16 – 19 Uhr 
und nach Vereinbarung.

http://www.boutique-koeln.de/

Digital-Soirée BOOKS AND BLANKETS 1 Sebastian Schmieg – Bilder vom Abend

Tut mir leid liebe Freunde, dass es so lange gedauert hat, aber hier endlich mal die Bilder unserer ersten Digital-Soirée am 20.4.2013 in den Räumen von Morgen Gestaltung in der Kirchfeldstraße 112. Das Video gab es ja bereits hier, alle Infos gibt es hier und auf der Projektwebseite. Die Webseite vom ersten Gast Sebastian Schmieg findet Ihr hier.
Und die Bilder hat übrigens Freund und Kollege Thomas Spallek geschossen, mit dem ich das vorgestellte BOOKS AND BLANKETS-Projekt realisiert habe.

Und wer eine der limitierten Unikat-Decken und/oder den Katalog erwerben möchte schickt uns bitte einfach eine E-Mail mit Kontaktdaten.

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Alex Whittaker im Hotel Ufer

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Gebissen vom Kunstdämon. So könnte man den Mann beschreiben. René Tilgier, irgendwo um die Vierzig, stolzer Besitzer eines Gasthauses in zentraler Lage und erfolgreicher Hotelier in der dritten Generation, ist ein begeisterter Kunstliebhaber wie man sie nur noch selten trifft. Ein Leben ohne Kunst scheint ihm undenkbar zu sein. Und zwar nicht nur als Rezipient, bzw. Konsument, sondern zunehmend als Akteur und Gestalter. Sich in einem Freundeskreis zu bewegen, der zum guten Teil aus Absolventen der hiesigen Kunstakademie besteht, Kunst zu sammeln oder, Beruf und Passion verbindend, die vom Kit oder von der Kunsthalle eingeladene Künstler zu beherbergen– das war ihm nicht genug. „Als Hotelbesitzer bekomme ich Künstler praktisch frei Haus geliefert“, erzählt er. Es sei zwar eine schöne Austauschbasis, aber noch längst keine tiefe Auseinandersetzung. Weil er genau diese Intensität vermisste, entschied sich Tilgier, Kunst und Künstler dauerhaft in sein Haus zu holen. Den Anfang macht der junge Brite Alex Whittaker, der seit letzter Woche eine Videoarbeit und eine Installation in einem Zimmer des Hotels Ufer zeigt.

Hotel Ufer. Bild: A. Whittaker

Renés erste Erfahrung mit einer Ausstellung in den Räumlichkeiten des Hotels geht übrigens auf das Jahr 2001 zurück, als er eine Auswahl an Studenten der Kunstakademie auf  zwei Etagen präsentierte. Ein paar Jahre später fand eine kurze Zusammenarbeit mit Akiko Bernhöft und Patrizia Dander im Rahmen des Projektes White Light statt. Aber das neue, mit Whittaker lancierte Programm ist etwas ganz anderes. Im vergangenen Jahr rief Tilgier ein Stipendium ins Leben, das völlig privat organisiert und finanziert ist. Unter dem Name Brave Grey Artist in Residence Programm adressiert sich das Projekt an Absolventen des Chelsea College of Art and Design in London. Für die erste Ausgabe war der Zuspruch erstaunlich groß: Über 70 Bewerber haben ihr Glück versucht und wurden von einer fünfköpfigen, britisch-deutschen Jury begutachtet.

Christoph Knecht, Alex Whittaker und René Tilgier

Verglichen zu den lokalen Stipendien, die die Stadt Düsseldorf an fremde Künstler vergibt, ist das Angebot von Tilgier sogar ein bisschen verlockender. Der Laureat darf ganze drei Monate in der Stadt bleiben – anstatt der zwei Monate, die üblicherweise gelten und die von den meisten Betroffenen als zu kurz empfunden werden. Während dieser Zeit wurde Whittaker eine Wohnung und ein Atelier sowie ein bisschen Taschengeld zur Verfügung gestellt. Der Künstler wurde von Christoph Knecht (der René Tilgier beratend zur Seite steht und auch Mitglied der Jury war) begleitet und in die lokale Szene eingeführt. Die Integration verlief also ideal; für den Briten kam es zu zahlreichen Kontakten, die in einzelnen Fällen sogar zu freundschaftliche Verhältnisse mutierten. Was kann man eigentlich noch von einem Stipendium erwarten? Aus Sicht des Außenstehenden vielleicht einen Gegenzug. Bedauerlicherweise ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine Einbahnstraße; der künstlerische Transit führt nur in die Richtung London-Düsseldorf. Aber kann man die komplette Abwicklung eines internationalen Austausches von einem Privatmann erwarten? Hier wäre womöglich ein Einschalten der Stadt gefragt.

Alex Whittaker erzählte, wie bereichernd sein Aufenthalt war und wie gut er die selbsternannte Kunststadt Düsseldorf fand. Seine Eindrücke sind von einer sehr lebhaften Szene geprägt, die viele neue Impulse vermittelt und zugleich nicht in Hektik verfällt. Anders als in London, könne man in Düsseldorf konzentriert an seiner Kunst arbeiten, einem großen Connaisseur-Publikum begegnen, viele Kollegen kennenlernen ohne sich an der aufreibenden Stimmung einer Großstadt zu erschöpfen. Düsseldorf gibt viel, fordert dafür aber wenig. Deshalb wurde es fast eine Selbstverständlichkeit für Whittaker, eine Arbeit dem Hotel Ufer zu überlassen. Mit Winter Morning Immersion hat er eine feine Videoarbeit in einem Zimmer installiert, die von den Gästen immer wieder abgerufen werden kann.

Besonders im Düsseldorfer Kontext ist Whittakers Ansatz ein interessanter, weil er Bereiche verbindet, die man hier selten zusammen sieht. Seine konzeptuelle Herangehensweise, die auf den ersten Blick kühl und distanziert erscheinen kann, mildert er mit narrativen und biografischen Elementen, die ihn in die Nähe eines Story-Tellers bringen. Mit einem dezenten Humor und einem großen Sinn für die Harmonien und Dissonanzen, die zwischen Bilder und Begriffen entstehen können, illustriert er eine kurze Geschichte (eine wahre Kindererinnerung) mit Stockbilder, die er aus der Google Image-Search-Funktion gezogen hat. Magritte im Zeitalter des Internets. Die Paarung Vignette-Wort wirkt mal sachlich-richtig, mal verschoben-komisch und spielt mit semantischen Lücken und Deutungsspielräumen. So wandert Whittaker entspannt und rührend zugleich (wahre Geschichte sind ja immer rührend) durch eine mentale Landschaft, die von jedem Betrachter neu kreiert und animiert wird.

Stills aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker

Still aus Winter Morning Immersion. © courtesy Alex Whittaker

Winter Morning Immersion  wirkt wie eine schöne, wenn auch etwas traurige Gute-Nacht-Geschichte, die zwar ein visuelles Universum evoziert, aber sich über die Richtigkeit und die Tragweite ihrer Worte und ihrer Bilder unsicher wäre. Die kongeniale Platzierung in einem Single-Hotelzimmer, diese nüchterne Zelle der Einsamkeit, betont die zurückhaltende narrative Kraft der gesamten Installation.

Bild: A. Whittaker

Bild: A. Whittaker

Als Pendant des Videos hat Whittaker eine kleine Box fest im Zimmer installiert. Wie viele seiner früheren Arbeiten, ist sie im Inneren mit Glas- und Spiegelfläche so verarbeitet, dass die wenigen Objekte, die sie beinhaltet – eine Zahnpastatube, dessen Name („White Now“) indirekt auf die Videocollage verweist, eine Porzellanfigur mit Häschen und ein Glas – sich ins Unendliche reflektieren. Eine Mise en abyme, die sehr typisch für Whittaker ist.

Für Tilgier ist die Ausstellung von Alex Whittaker im Hotel Ufer keine Pflicht, sondern ein erfreuliches Ergebnis. Der Hotelier stellt keinerlei Erwartungen an seine Stipendiaten. In erster Linie soll der Düsseldorfer Aufenthalt eine Möglichkeit bieten, sich forschend zu betätigen und, frei von jeder materiellen Sorge, an Neuem zu arbeiten. Für junge Londoner Künstler ist das Brave Grey Artist in Residence Programm eine hervorragende Gelegenheit, ein neues Land zu entdecken und das unbekannte Terrain zu erobern. In diesem Sinne könnte der Name des Hotels künftig eine stärkere  symbolische Bedeutung erhalten….

Alex Whittaker
Winter Morning Immersion
Ausstellungseröffnung: Freitag, 19.04.2013 19:00 Uhr
im Hotel Ufer
Gartenstrasse 50, 40479 Düsseldorf

Guten Morgen Düsseldorf, guten Morgen Welt!

Schön war es am Samstag Abend, bei unserer ersten Digital-Soirée. Das Wetter zeigte sich von der besten Seite, die Stimmung war gut und das Haus kontinuierlich voll. Das freut uns und muss erwähnt werden, denn wer sich im Underground rumtreibt, der kennt auch Anderes.
Off ist eben Off, und eigentlich auch nur dann wirkliches Off, wenn man quasi alleine bleibt, Keiner kommt und man dann da so sitzt, um die Getränke mit den engsten Freundinnen und Freunden und dem einen seltsamen Vogel, den keiner kennt und der trotzdem herfand, wegmachen muss.

Doch diesmal war es anders – zum Glück! Und über das Andere, das Einsame und das Versagen wollen wir jetzt nicht sprechen. Denn als Versager und Verlierer darf und will man sich nicht outen. Das ist Tabu, vor allem natürlich hier in der Welt der Kunst, in der alle möglichst bald Gewinner sein wollen und darüber völlig vergessen, dass es keine Abkürzungen im Leben gibt.

Wir nehmen keine Abkürzung, weil wir wissen, dass wer zu früh am Ziel ankommt bekanntlich lediglich etwas eher tot ist. Statt dessen setzen wie unsere Reise fort und haben mit diesem neuen Projekt Digital-Soirée einige neue Stationen und Wegmarken angelegt. Schön, dass der Auftakt zu diesem Wegstück so gut gelungen ist, schön dass einige von Euch dabei waren.

Wer unsere Gäste verpasst hat, der macht jetzt 2 Minuten Pause mit dem neuesten Clip von Lars Klostermann.

BOOKS AND BLANKETS from meta-unlimited on Vimeo.

Max Frintrop & Machail Pirgelis im Parkaus

Max Frintrop

Michalis Pirgelis

Michalis Pirgelis

 

Salad Days
Max Frintrop und Michail Pirgelis
6.4-21.4.2013
Sonntags 14-18 UHr
Parkhaus im Malkastenpark
Jacobistr. 6a
40211 Düssleodrf
www.parkhaus-duesseldorf.com

Samstag 20.4.2013 – Digital-Soirée präsentiert BOOKS AND BLANKETS 1

Wir hatten bereits vor einiger Zeit angekündigt, dass wir gemeinsam mit Thomas Spallek an einem neuen Projekt arbeiten. Jetzt ist es soweit: BOOKS AND BLANKETS 1 ist fertig und wird kommenden Samstag, den 20.4.2013 in unseren Galerieräumen in der Kirchfeldstraße 112 in Düsseldorf präsentiert. BOOKS AND BLANKETS ist ein Editionsprojekt bestehend aus Decken und Büchern, die wir gemeinsam mit einem ausgewählten Künstler gestalten und entwickeln.

Den Auftakt machen wir zusammen mit dem in Berlin lebenden Sebstian Schmieg. Schmieg beschäftigt sich im Rahmen seines Search by image Projekts mit Googles umgekehrter Bildersuche. Mit Hilfe eines selbst entwickelten Skripts füttert er Google mit einem Bild, das zurück gegebene Ergebnis nutzt er für die nächste Anfrage. Die in diesem rekursiven Prozess entstehende Feedbackschleife setzte er in Bilder-Clips um, in denen die Bilder wie in einem Daumenkino ablaufen.

In den kommenden Tagen werden wir das mit Sebastian geführte Interview hier schon mal vorab veröffentlichen. Hier ein erstes Bild der kuscheligen Decken.

Samstag, 20.04.
19.00 Uhr
Kirchfeldstraße 112
Düsseldorf

www.sebastianschmieg.com
www.booksandblankets.org

 

Endlos im Asta-Raum

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Es kam eben anders. Anstatt des Debüts eines Newcomers bot der Asta-Raum ein Wiedersehen mit zwei Akademie-Alumni, die seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit tätig sind. Am vergangenen Samstag endete die Ausstellung von Taka Kagitomi und Nesha Nikolic mit einer Doppelperformance beider Künstler. Dabei war der  kleine Raum vor der S-Bahn-Brücke auf der Gerresheimer Straße zu voll, um allen Gästen Platz zu bieten.

Beide Künstler wurden von Maurice Urhahn, einem Kiecol-Schüler, eingeladen. Möglicherweise hatte Urhahn geahnt, welches Potenzial eine solche Konfrontation mit sich bringt. Während Nikolic eher brachial und körperbetont arbeitet und dabei gerne seine Stimme (oder andere, live produzierte Klänge) einsetzt, hat Kagitomi eine eigentümliche Vorliebe für skurrile kinetische Objekte, die er aus Fundstücken zusammen setzt und zum Leben erweckt. Zwei sehr unterschiedliche Herangehensweisen, die eine gewisse hartnäckige Konsequenz als gemeinsamen Nenner haben. Die zwei Performer sind sich übrigens nicht unbekannt: Sie haben zum gleichen Zeitpunkt studiert, waren praktisch Klassennachbarn (Kagitomi bei Tal.R und Nikolic bei Georg Herold) und schätzen sich seit einigen Jahren; zusammen gearbeitet hatten sie aber noch nicht.

 

Nesha Nikolic

Taka Kagitomi

So fanden sie sich wieder, zunächst, für den ersten Teil der gemeinsamen Performance, um Kagitomis große Installation – ein Gerät, das ein wenig an einen gekippten Billardtisch erinnert und bunte Tischtennisbälle ausspuckt. Nikolic modulierte am Mischpult seine Stimme, so dass sie stets neue Färbungen annahm und immer fremder, elektronischer wurde. Kagitomi führte währenddessen seine lustigen Geräte aus und erntete wohlwollende Heiterkeit.

Taka Kagitomi

Taka Kagitomi

Im zweiten Teil (war das wirklich ein zweiter Teil?, eigentlich eher ein Abschluss…) ging Nikolic in den Hinterraum und postierte sich vor einem Laptop. Auf diesem lief als Loop ein kleines Video, das die gewaltige Zerstörung eines ähnlichen Laptop-Modells zeigte. Nun geschah was geschehen sollte: Nikolic ergriff ein Beil und nachdem er pathetisch „Progress ist Regress! Es gibt kein Progress!“ geschrien hatte, zertrümmerte er das Gerät und dessen Sockel. Heftig, konzentriert, effizient.

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Nesha Nikolic

Technikfeindlichkeit? Fortschrittszweifel? Infragestellung unserer PC-beherrschten Welt? Ein wenig plump. Und nicht unbedingt neuartig: Vor fünfzig Jahren zerstörte Günter Uecker methodisch Fernseher, Klavierflügel und andere Stellvertreter der  besitzfixierten bürgerlichen Ordnung. Wenn man sich aber den Titel und das Thema der Ausstellung („Unendlich“) vor Augen führt, bekommt man einen anderen Zugang zu dieser authentischen Zerstörungswut: Man kann diese Energieausladung als ewige Wiederkunft interpretieren, als eine nie endende Wiederholung – als eine abrechnende Geste, die jede Generation für sich vollziehen muss, egal was in der Vergangenheit bereits zertrümmert wurde.

Endlos
Taka Kagitomi und Nesha Nikolic
Asta-Ausstellungsraum
Gerresheimerstr. 100, 40233 Düsseldorf
25-3-6.4.2013

Die USB-SHUFFLE-SHOW – ONE im Institut für Alles Mögliche

Text: Luisa Hänsel

Das Institut für Alles Mögliche experimentiert gern, vor allem wenn jeder mitmachen kann. Das neueste Experiment wurde am Donnerstag, dem 4. April, gegen 19 Uhr in der Abteilung für Alles Andere in der Ackerstraße 18 erstmals vorgeführt – die „USB-Shuffle-Show“: mit einem Open Call rief das Institut alle Interessierten dazu auf die eigenen Kunstwerke auf USB-Stick per Post einzuschicken. Wer bis zum 31. März seine Arbeit eingereicht hatte, wurde ohne Umschweife Teil der Show und erhielt die Chance seinen digitalen Beitrag einem Publikum vorzuführen.


Auf einem kleinen Couchtisch türmen sich Speichermedien in allen möglichen Ausführungen. Neben klassischen San-Disk-Modellen aus schwarzem Kunststoff, finden sich auch Hartplastik-Werbegeschenke oder praktische Miniatur-Formen fürs Portemonaie. Besondere Highlights: ein pinkes Nilpferd, ein mit Glitzer-Lametta verziehrter USB-Stick und eine graue, quadratische Box aus dicker Pappe.

Fast einhundert Datenspeicher beinhaltet der sorgfältig angelegte Katalog, den alle Besucher der Ausstellung in Form eines Memoriesticks als Begrüßungsgeschenk erhalten. So können sich Besucher die Kunstwerke speichern und mit nach Hause nehmen. Die schier unmögliche Ordnung des digitalen Chaos überblickt im Raum nur eine: Hanna – die Praktikantin.

Hanna sitzt mit dem Künstler Jona auf dem Sofa im vorderen Bereich des Raumes und steckt ein paar der nicht-flüchtigen Halbleiterspeicher in die dafür vorgesehenen Sammelbuchsen. Einen Augenblick päter wird der Film „Busen” an die Wand projiziert. Wir sehen mehrere Frauen oben ohne. Dann laufen verschiedene Bilder aus einem unbekannten Stadtraum von einem türkisfarbenden USB-Stick und im Anschluss erhalten wir eine Anleitung wie man sich imaginäre Freunde macht.

„Wenn ich mich an die Sachen erinnere, bedeutet das entweder, dass sie besonders gut oder besonders schlecht sind.“ erklärt mir Hanna mit einem Grinsen. Recht hat sie. Qualitativ unterscheiden sich die Filme und Fotos weit voneinander. Ein herausstechender Beitrag befindet sich in der quadratischen Pappbox.
Das Video auf dem Stick zeigt eine Einstellung aus der Subjektiven. Zwei Hände basteln mit Cutter, Kleber und Pappe den gerade benutzten USB-Stick. Was allerdings neben dem Speicher noch in den Karton eingepflanzt wird, ist geschickt ausgeblendet worden und verbleibt für den Betrachter im Dunkeln.

Auf die Frage, ob die gezeigten Werke zum Großteil von bildenden Künstlern stammen, antwortet mir der Gründer des Instituts, Stefan Riebel nur so viel wie „Das spielt keine Rolle. Jeder konnte ja seine Ideen einreichen.” Eine streng kuratierte künstlerische Leistung, soll in der USB-Shuffle-Show auch gar nicht gezeigt werden.

In erster Linie möchte das Institut für Alles Mögliche untersuchen ob der beliebte Datenspeicher auch ein Ort für Kunst und Kultur sein kann. Außerdem soll die Ausstellung zum Überdenken der Urheberschaft, Einzigartigkeit, Interaktivtät und kuratorische Praxis anregen.

Die USB-SHUFFLE-SHOW – ONE
4. – 6. April 2013
Institut für Alles Mögliche, Berlin 
Weitere Info unter: http://usb.i-a-m.tk/

 

Schall und Rauch im Kunstraum: schwarz_weiß_denken_#1

Eine Bildstrecke zur Installation schwarz_weiß_denken_#1 im Kunstraum Düsseldorf. Dort ist derzeit die Ben J. Riepe Kompanie aktiv, eine Tanzkompanie, die seit Jahren an den Rändern von Tanz, Musik und Bildender Kunst arbeitet. Die Bilder zu schwarz_weiß_denken_#1 sind von letzter Woche und leider fehlt auf diesen naturgemäß des Sound der die Sache vor Ort erst richtig Rund gemacht hat.
Bis zum Sonntag ist dort aktuell übrigens noch schwarz_weiß_denken_#4 installiert.

schwarz_weiß_denken_#1

alle Bilder von Martin Baasch via Email (Danke Martin!)

Ben J. Kompanie
„schwarz_weiß_denken_#1“ (Nebelraum)
Ausstellung im Kunstraum Düsseldorf

http://www.benjriepe.com/

Body Light bei Venus und Apoll – eine Nachlese

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Fotos: Sirin Simsek

 

Nicht, dass wir uns missverstehen: Es soll im Folgenden nicht partout versucht werden, eine neuartige Tendenz zu erkennen oder gar einen artifiziellen Trend zu kreieren. Nichts liegt mir ferner, als der vermeintliche Beobachter und Kommentator einer neuen, homogenen Generation zu fungieren – einer Generation, deren Homogenität hauptsächlich aus dem schön zusammen gedichteten Konstrukt eines Kunstwissenschaftlers bestehen würde. Ich möchte nur auf die Verdichtung einiger Anzeichen aufmerksam machen und fragen, ob eine ganze Gruppe von Düsseldorfer Nachwuchskünstler nicht als „romantisch“ bezeichnet werden könnte. Fragen, ob jene Kunstschaffenden, die Anfang der 1980er Jahren geboren wurden und entweder ihr Kunststudium vor kurzem abgeschlossen haben oder es bald tun werden, nicht auf eine romantische Weltsicht rekurrieren. Fragen ob sie, bewusst oder unbewusst, Stilelemente verwenden und eine Haltung verkörpern, die sehr an Formen der historischen Romantik erinnern. Denn– zumindest in Düsseldorf – verdichten sich die Hinweisen.

In einem früheren Artikel hatte ich mich bereits über den eigentümlich romantischen Charakter der künstlerischen Einstellung von Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek gewundert. Ihr Projektraum Studio Roh, dem ich neuerdings einen zweiten Besuch abstattete, ist von eine idealistische Vision und einer erfrischenden, emotionalen Begeisterung getragen, die selten geworden ist. Weit entfernt vom strategischen Kalkül, von der abgeklärten Coolness oder der post-postmodernen Ironie, die in diesem Milieu vorherrscht, wird dort an einer Parallelwelt – einem existentiellen Gesamtkunstwerk – gearbeitet. Mit viel Pathos und Herzblut. Ich hatte versucht, diese Eigentümlichkeit am genuinen Charakter der zwei Künstler zu interpretieren und mir zunächst keine weiteren Gedanken gemacht. Aber es liegt vielleicht mehr dahinter. Die bereits vor ein paar Wochen abgeschlossene Ausstellung „Body Light“, die in Julia Stoscheks Projektraum „Venus und Apoll“ nur drei Tage lang zu sehen war, hat neues Material zur „romantischen Hypothese“ geliefert.

Jonas Wendelin: Du Licht – Abgrund

C.D. Friedrich: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes (1819-20)

Ein für mich charakteristisches Exponat der Body Light-Ausstellung war „Du Licht – Abgrund“ von Jonas Wendelin. Schon dieser Titel. Ein Heraufbeschwören der finsteren Untiefen dieser Welt und der transzendentalen Erleuchtung, die sie trotzdem verspricht. Um die Bilder einzufangen, die in seine Videoarbeit einfließen, wandert und wandelt Wendelin durch die Berliner Nacht. Anders als die Figuren von Caspar David Friedrich, die sich auf den Weg in ein dichtes Gestrüpp machen, bevor sie, eine mystische Union mit den schlummernden Kräften der Natur eingehend, in katatonische Ekstase unter dem Schein des Mondes geraten, streift Wendelin am Rande der Hauptstadt entlang, entlang an Schnellstraßen und Tankstellen. Die vorbei rauschenden Autos sind zwar nie zu sehen, sie spielen aber die eintönige Hintergrundmusik dieser Großstadtpassion. Wendelin geht durch die Nacht. Er braucht diese Dunkelheit, die nur von dem orangenen Licht der Straßenlaternen gebrochen wird (hier leuchtet kein Mond); er braucht diese Un-Zeit zwischen den Tagen; er braucht diese Einsamkeit. Er ist allein und sucht – aber was sucht er? Das Licht, das Schöne, die Transfiguration? Er sucht ein Bild. Die klirrende Kälte der Nacht hinterlässt nämlich Spuren, und Wendelin kann sie lesen. Er filmt den von der kondensierten Luftfeuchtigkeit produzierten sehr dünnen und unregelmäßigen Eisbelag auf den Motorhauben von geparkten Autos. Diese winzigen Eiskristalle entstehen nur unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen und wirken in Großaufnahmen wie Sterne. Sie blitzen und funkeln in verschiedenen Farbtönen. Hier treffen das Triviale und das Göttliche, car and stars, Mikrokosmos und Makrokosmos, das Stumpfsinnige und das Erhabene, aufeinander.

Alex Grein: o.T.

Wendelin fixiert ein simples, natürliches Phänomen auf Video und überträgt das Lichtspiel, das die fragile Schönheit der Welt einzufangen versucht, in den Raum.  Diesen Impuls finden wir auch in der reduzierten Arbeit von Alex Grein. Die Künstlerin war bereits vor einem Jahr in einer Gruppenausstellung im NRW-Forum aufgefallen, wo sie das Landschaftsmotiv (darunter auch die eisige Ikone von C.D. Friedrichs Gescheiterter Hoffnung) collageartig neu interpretierte. Ihre kleine, unbetitelte Videoinstallation am Worringer Platz, bestehend aus einem mit Wasser gefüllten Glaskasten, auf den Aufnahmen von Wasserspiegelungen projiziert wurden, leuchtet wie eine magische Schatulle in der Dunkelheit. Das viereckige Objekt, das an ein Aquarium erinnert und gewiss dekorativ wirkt, funktioniert wie ein Meditationsstein, eine kontemplative Ruhe ausstrahlend. Die instinktive Faszination des menschlichen Auges für Naturschauspiele wie Wasserfälle, Vogelschwärme oder Wolkenbewegungen kristallisiert sich in diesem höchst artifiziellen Gegenstand. Unter Umstände wird man an Nam June Paik erinnert, auch wenn die esoterische Ästhetik von Greis‘ Objekt weit entfernt zu den grellen und hektischen Bildexplosionen des Großvaters der Videokunst stehen. Beide Ansätze behaupten, dass die Suche nach dem Erhabenen nicht zwangsläufig durch eine Naturerfahrung vollzogen werden muss, sondern auch technologisch evoziert werden kann.

Anna K.E.: Gloss of a Forehead

Francisco Goya

Vom Erhabenen zum Grotesken mag der Weg sehr lang erscheinen; aber gerade das Zeitalter der Romantik hat gewusst, welche Abkürzungen gangbar sind und die Überquerung von einem Extrem ins Nächste ermöglichen. Die ästhetische Kategorie des Grotesken, die übrigens überhaupt nicht spezifisch romantisch ist, soll als Kontrapunkt des Erhabenen verstanden werden – wie die notwendige Schattenseite einer Lichtgestalt –, und war mit Goya und Füssli in den Bildenden Künsten sowie Victor Hugo und Gogol in der Literatur dieser Epoche gut vertreten. . . Präsenzen des Grotesken in Body Light lassen sich an verschiedenen Stellen ausmachen. In Gloss Of a Forehead lässt Anna K.E. ihre lustig-monströse Arschkreatur durch ein Künstleratelier herumtapsen und allerlei Kunst-Stücke (sowohl im wörtlichen als auch im erweiterten Sinne) durchführen. Das Wesen mag ein deftiges Vexierbild oder ein obszönes Ebenbild sein –  bedeutend hier ist jedenfalls die Platzierung des laufenden Popos im Kunstkontext. Klar besitzt der Ansatz von Anna K.E. den Biss und die Albernheit eines einfachen punkigen Streichs; darüber hinaus aber scheint sie manche Schöpfungsmythen und Künstlerklischees heftig in die Mangel zu nehmen. Sowohl die paradigmatische Figur des Künstlers als auch die Vorstellung des Ateliers als Ort der Kreation werden hier ohne große Anal-yse frech demontiert.

Victor Hugo: Le Roi des Auxcriniers (1866)

Dominik Geis: Die Maske

In der Abteilung für groteske Selbsttransformationen müsste neben Anna K.E. auch Dominik Geis herbeizitiert werden. In seiner zwölfminütigen Videoarbeit appliziert er sich in strenger Frontalansicht feuchte Tonklumpen auf das Gesicht, um daraus eine grobe Maske zu formen. Der Künstler verschwindet hinter einer lächelnden Fratze aus schleimiger Materie, verwandelt sich regelrecht in eine Grimasse, wird eins mit dem Kunstwerk. In der Umkehrung des Pygmalion wird Geis zu einer Skulptur. Maske kann als expressionistische Variante von (als Hommage an?) Bruce Naumans Art Make-Up von 1967 interpretiert werden, in dem der Körper des US-Amerikaners zum Bildträger gemacht wurde. Diese Aufhebung der Distinktion zwischen Objekt und Subjekt im Prozess der künstlerischen Schöpfung führt zur Vorstellung der Verschmelzung von Kunst und Leben. Die Welt nach den Idealen der Kunst zu prägen und die Existenz des Künstlers in einem prozesshaften Kunstwerk zu gestalten war ein Projekt der Frühromantik. Das Leben sollte einem Roman gleichen, jeder Mensch sollte zu einem kunstvollen Held werden. Die von Novalis, Schlegel oder Schleiermacher gepredigte Realisierung einer ästhetischen Existenz sollte sich allerdings nie in dieser formulierten Radikalität verwirklichen. Geht man zu weit, wenn man die schlichte Arbeit von Dominik Geis in dieses sehr weite Feld einordnet? Wird das Selbstporträt überinterpretiert? Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein.

Isabella Fürnkäs & Marion Benoit: Zucker

Tanja Ritterbex: I like it Loud

Maske ist nicht die einzige selbstreferenzielle Arbeit der Ausstellung mit grotesken Zügen. In I like it Loud zappelt Tanja Ritterbex wie wild vor der Kamera, übertrieben geschminkt und hyperaktiv, singt, plappert und gestikuliert in einer häuslichen Umgebung, die ihr Teenager-Zimmer sein könnte. Ihr ausgeflippter und enthemmter Beitrag hat den Charakter einer Tagebucheintragung mit evidenten exhibitionistischen Zügen – Tendenz Trash. Die narzisstische Leier kann, je nach Tagesform des Rezipienten, als nerventötend oder goldig angesehen werden. Man entzieht sich jedenfalls der One-Woman-Show nur schwer; die Penetranz des Videos wird nur dank eines kleinen Monitors und Kopfhörers in Schach gehalten. Es ist gewiss eine Plattitüde, diese Art von digitaler Hypersubjektivität als späte Nachfolgerschaft und Web 2.0-Variante der Tagebuch-Manie und der autobiographischen Erzählungsmode zu sehen, die sich im Zeitalter der Romantik rasch ausbreitete. Indes scheint sich die Tyrannei der Intimität durchgesetzt und das totalitäre Ideal des romantischen Menschen in der Transprivacy verwirklicht zu haben. Der Blick in den Spiegel nimmt manische Züge an, vor allem wenn das reflektierte Bild vollständig gestaltet werden kann. Die beinah erschreckende Verstärkung des Individuums, die das Phänomen der social networks mit sich bringt, führt zugleich zu einer Steigerung der expressiven Möglichkeiten des Einzelnen und zu seiner größeren Isolierung im Schwarm. Formen der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, wie sie von der Protagonistin Ritterbex durchlebt werden, werden zur Norm.

Sarah-Jane Hoffmann: From w/Love

Ben van den Berghe: Stepper, Tower and Stomach Trainer (session II)

Es ist prinzipiell erstaunlich, wie relevant die Thematik des Individuums in Body Light erscheint. Wenn sie sich nicht gerade selbst inszenieren, greifen viele Künstler auf die Gattung des Portraits zurück. Nach den Künstler-Kuratorinnen Isabella Fürnkäs und Melike Kara sollte sich die Show auf Themen der Körperlichkeit und der Selbstwahrnehmung konzentrieren – dass ihr Vorhaben vielmehr geworden ist, als eine bloße, erneute Gruppenausstellung zum Motiv des Leibes, spricht für die Beiden. In Body Light wird die Kunst zum Mittel der Selbsterkundung, Selbstbefragung und Selbststilisierung eingesetzt. Überall so viele Ichs. So viele alleingelassene Menschen, in so vielen (Vorstellungs-)Bildern und Klischees gefangen. In manchen Beiträgen, wie beispielsweise bei Ben van den Berghe oder bei Sarah-Jane Hoffmann, prallen Individuen an massenmedialen Konstrukten (aus der Populärkultur im ersten Fall, aus der sog. Hochkultur im zweiten) zusammen, die ihr Selbstbild erheblich bestimmen. Dabei löst sich die Individualität des Körpers in einem diffusen Fundus aus idealen und traditieren Images; die selbst auferlegte Entfremdung nimmt ihren Lauf. Man nimmt es mit Humor (van den Berghe) oder mit Respekt (Hoffmann). Weil diese Bilder rund um die Uhr verfügbar sind und als implizite Modelle gelten, verformen sie allmählich die Körper, nachdem sie sich in die Köpfen verpflanzt haben. Dieser Schock der medialbedingten Selbstmanipulierung lag Goethe, Novalis oder Stendhal fern – auch wenn sie gerade am Anfang des 19. Jahrhunderts mit der explosiven Entwicklung des Romans ihren ersten Anlauf nahm.

Anna-Lena Meisenberg: o.T.

Tobias Hoffknecht: MEM

Die große Qualität der Ausstellung liegt eben nicht nur allein darin, den Spleen einer einigermaßen einheitlichen Generation eingefangen und auf dem Punkt gebracht zu haben – also auf die romantische Ader dieser Generation gestoßen zu sein und sie zu erschließen. Darüber hinaus wurden in Body Light manche Spezifitäten dieser wiederholten Romantik berücksichtigt, die ansonsten keine Entsprechung in der Geschichte finden – wie z. B. durch den Rückgriff auf Kommunikations- und Vernetzungsmedien, die ganz neue Möglichkeiten der Selbstinszenierung öffnen. Die gegenwärtige romantische Generation ist keine eins-zu-eins-Kopie einer historisch-romantischen Generation. Sie bringt ihre Eigenheiten mit. Anstatt der x-ten Retro-Welle, die sofort vergessen wird, könnten wir es hier mit einer tiefgreifenden Reaktualisierung zu tun haben. Der Unterschied ist ein wesentlicher.

Kira Bunse: My Favourite Wate of Time

Kira Bunse bewegt sich allerdings eher in einem anachronistischen Raum. Diese Bemerkung darf nicht als Kritik genommen werden, sondern als Ausdruck einer gewissen Originalität. Bunses Foto- und Videoarbeit ist in der Modewelt angesiedelt, unterhält aber durchaus Beziehungen zur sogenannten „freien Kunst“. Mit My favourite Wate of Time zeichnet sie das Bild eines jungen Mannes mit nacktem Oberkörper, eine Zigarette vor einem neutralen Hintergrund rauchend. Keine übertriebene Laszivität in diesem kurzen Film, doch eine gute Portion Selbstverliebtheit, wie man sie sonst aus den Mode-Klischees kennt. Die Kontraste sind hart, das verwackelte Bild leicht unscharf. Die Super 8-Ästhetik evoziert in ihrer seichten und stilisierten Homoerotik die frühen Filmen von Derek Jarman. Die melancholische und elegische Grundstimmung der Aufnahme wird von ebenso schmachtenden wie schwülen Gitarrenakkorden unterstützt. In unmittelbarer Nähe der Arbeit von Tanja Ritterbex schafft Bunses Miniatur eine willkommene Atempause.

Melike Kara: Haram

Eugène Delacroix: Femmes d’Alger dans leur appartement (1834)

Andere Musik, andere Landschaft, andere Stimmung. Das Motiv des Harems revisited zieht sich durch die wunderbar schlichte und intensive Arbeit von Melike Kara. Der Harem als Topos der Fremde, des Mysteriösen und Lustvollen ist ein höchst romantisches Motiv in den Bildenden Künsten. In den Salons des 18. Jahrhunderts  wurde die wollüstige Atmosphäre eines orientalischen Zimmers voller schlummernder Frauen zu einem beliebten Männerphantasma. Erinnerungen an die Interieurs eines Delacroix oder Ingres drängen sich nun im kurzen Videofilm auf. Aber anstatt von schweren Vorhängen in satten Farben und von reich verzierten Teppichlagen herrscht in Karas Arbeit die Nüchternheit eines mittelmäßigen Wohnzimmers in einem westeuropäischen Wohnblock; anstatt einer halbdunklen Kammer voll berauschender Düfte und geheimnisvoll wirkender Kerzenlichter, wird die Szenerie von grellen Neons beleuchtet. Der exportierte Traum vom Morgenland wird mit seiner wenig schmeichelhaften Realität konfrontiert. Von dem Gemach der Frauen von Algier zu dem Wohnzimmer der Frauen in Köln-Kalk scheint die Distanz unüberwindbar zu sein. Aber ein dunkler Blick voller Sehnsucht, ein improvisierter Bauchtanz vor dem Sofa oder die melancholische Stimme einer Sängerin, die den kahlen Raum mit einem orientalischen Wunder füllt, stellen plötzlich Verbindungen zwischen verträumten Bildern aus einer anderen Zeit und der heutigen Situation türkischer Frauen in Deutschland her. Haram besitzt eine fragile Poesie, die mit wenigen Worten und lakonischen Bildern auskommt. Der Film reaktiviert eine eigentümliche Exotik, die sich an manche triste Standards des deutschen Lebens angepasst hat.

Mit Buchtipp von Manuel Graf wird schließlich die romantische Hypothese ein letztes Mal bestätigt. Die Arbeit ist schon öfter gezeigt worden; ich möchte nur kurz darauf zurückkommen, auch wenn Grafs spannender Ansatz einen ganzen Artikel verdient hätte. Buchtipp nähert sich spirituellen Erkenntnistheorien aus der anthroposophischen Lehre an und bringt auf sehr gelungene Art und Weise eine alternative naturwissenschaftliche Denkweise, die sich u.a. aus der Physik, der Biologie und der Thermodynamik ableitet, mit ihrer freien, plastischen Interpretation zusammen. Das Ergebnis ist zunächst leicht verwirrend, denn man fragt sich, ob man vor einem Dokumentarfilm steht, vor der Persiflage einer Doku oder tatsächlich vor einem künstlerischen Video. Die Struktur der Arbeit ist dichotomisch: Ein älterer Herr referiert zunächst über das Buch Das sensible Chaos von Theodor Schwenk und fasst dessen Hauptthesen zusammen. Dann sind stilisierte Bilder eines eurythmischen Tanzstücks und Raucheffekte zu sehen. Auf den rationalen, analytischen Teil folgt also ein stark assoziativer Teil. Über den esoterischen Diskurs des Vortragenden im Film wurde während der Ausstellungseröffnung gut und raffiniert gelacht. Die meisten Besucher wollten unbedingt Ironie erkennen, da wo – wie ich zumindest vermute – das ehrliche Interesse des Künstlers liegt.

D.J A.Korte

Nach Body Light ist jedenfalls Eines klar. Künstler sind die besseren Kuratoren. Karas und Fürnkäs’ Präsentation zeichnet sich durch einen lockeren und unaufdringlichen Umgang mit der Ausstellungsthematik aus. Diese unerwartete Aktualisierung der Romantik erfolgt unsystematisch und mit einer charmanten Leichtigkeit – und lässt viel Interpretationsraum für den Besucher zu. Hier werden keine eindeutigen Botschaften geliefert und keine Manifeste unterzeichnet; hier werden keine handfesten Beweise gesammelt und keine Thesen an die Wand genagelt. Die zwei Künstlerinnen/Kuratorinnen arbeiten intuitiv und assoziativ, frei von jedwedem theoretischen Ballast (dafür sind wir Kunstwissenschaftler letztendlich zuständig). Body Light ist keine didaktische Demonstration sondern eine verspielte und vorsichtige Behauptung – man fragt sich sogar, ob sich die Macherinnen der Tragweite ihres Ansatzes bewusst sind, ob sie die übergeordneten Zusammenhänge gesehen oder ob sie nicht eher, ihrem Instinkt und ihrer Lust folgend, einfach gemacht haben. Jedenfalls haben sie es sehr gut gemacht.

Dan Dryer im RAUM Oberkassel

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Schon wieder hat Matthias Erntges, Kurator und Betreiber des Raums Oberkassel, eine adäquate Besetzung seines schwierigen Raumes gefunden. Mit dem Künstlerduo Dan Dryer, bestehend aus Astrid Piethan und Jörg Koslowski, ist es ihm gelungen, einerseits die Spezifitäten des Ortes zu unterstreichen und anderseits eine pointierte künstlerische Bezugnahme darauf hervorzurufen. Das kleine Zimmer ist eine Herausforderung; das haben wir bereits in der Vergangenheit betont. Diese Herausforderung ist aber von den zwei Künstlern glänzend gemeistert worden.

aus der Ausstellung 22 Fachgeschäfte

Die letzte Installation von Dan Dryer erlebte ich in einer verlassenen Einkaufspassage in Mönchengladbach im Rahmen der Ausstellung 22 Fachgeschäfte. Es war ein monumentales und brachiales Werk, beruhend auf einer schlichten und evidenten Idee (dies lässt sich nachträglich gut behaupten), ausgeführt aber mit einer fast einschüchternden Kraft. Die physische Präsenz der Decke/Wand war beeindruckend und die leichte Orientierungslosigkeit, die sich vor dieser gekippten Oberfläche einstellte, faszinierend.

In Oberkassel aber sind leisere Töne angesagt. Dan Dryers Ansatz ist hier subtiler geworden und bewegt sich im Bereich des Infravisible – die Installation Monitor ist für den neuen Besucher, der den Raum noch nie begehen hat, so gut wie unsichtbar. Denn dieser Besucher betritt zunächst einen leeren, weißen Raum, mit kleinem Kaminsims und zwei Türen. Die „Objekterwartung“ des Rezipienten – wie Erntges diese stupide Sehnsucht nennt – wird bitter enttäuscht: Hier ist definitiv nichts. Dabei hat doch eine kaum bemerkbare Verschiebung stattgefunden: Eine Wand, mitsamt Tür und drei übriggebliebenen Nägeln, wurde eins zu eins kopiert und auf einer anderen, sich im rechten Winkel befindenden Wand übertragen. Copy and paste. Durch diesen Vorgang ist das Fenster, das sich sonst an der Stirnwand befindet, verschwunden und der Raum erhält eine völlig neue Konfiguration.

Die Änderung ist minimal, der zu generierende Aufwand aber sehr groß. Die Wirkung unspektakulär, die Irritation aber unleugbar. Etwas ist anders hier, obwohl alles so normal ist. Die Attrappe im Maßstab eins zu eins verwirrt den gewohnten Besucher. Sie ist so perfekt, dass sie sich nicht unmittelbar als Fake erkennen lässt. Winzige Gebrauchsspuren, Dreckflecken und weiße Übermalungen, die sich auf der Originalwand befinden, sind nämlich auf die zusätzliche Wand übertragen worden. Dan Dryer appelliert an die Sensibilität unserer Raumwahrnehmung. Die angebliche Leere des Ortes macht auf das Wesentliche – auf den Raumcharakter – aufmerksam, lenkt die Perzeption auf das Arrangement und auf die Natur dieses Raumes.

Matthias Erntges

Die akkurate Raumbeobachtung und der präzise Eingriff besitzen eine große Strenge und Stärke. Es überrascht nicht, dass Piethan und Koslowski bei Magdalena Jetelová studiert haben. Da wurde ein Verständnis für den Raum geschult, welches eben zu solchen hervorragenden Arbeiten führt.

 

Dan Dryer
Monitor
2.3-6.4.2013
RAUM Oberkassel
Sonderburgstr. 2, 40545 Düsseldorf
geöffnet Sa. 14-18 UHr
www.raumoberkassel.de

 

2,3 – 3d (+) und SUR FACE im Ballhaus Ost

Das BALLHAUS OST ist eine seit 2006 bestehende Spielstätte für freies Theater, Performance und Tanz. Das Haus in der Pappelallee 15 im Prenzlauer Berg ist Heimat für bereits etablierte Gruppen und Künstler der freien Szene (wie z.B. die Puppenspielformation „Das Helmi“) und bietet gleichzeitig Raum für bislang weniger bekannte Akteure der vitalen freien Berliner Theaterlandschaft, hier ihre Arbeiten zu präsentieren. Das Ballhaus ist somit Begegnungsstätte für experimentierfreudige und -mutige Theaterkünstler und ein neugieriges Publikum – ein dynamischer Ort der passionierten Bearbeitung heutiger Lebenswirklichkeiten. Neben den regulären Programm gibt es eine Ausstellungsreihe namens „l’oiseau présente…“, das von den Gastkuratorinnen und Künstlerinnen Mani Hammer, Gunna Schmidt, Nicola Stäglich und Anke Völk auf die Beine gestellt wurde.

 

Mit 2,3 – 3d (+) versammelt die Berliner Künstlerin Nicola Stäglich Werke von Künstlern aus Berlin und Düsseldorf, die auf unterschiedliche Weise an Konzepten des erweiterten Bildraumes und -begriffs in Form von Reliefs bis zur freistehenden Skulptur arbeiten. Mit Jan Albers, Eva Berendes, Florian Baudrexel, Wolfgang Flad, Max Frintrop, Sabine Groß, Karsten Konrad, Frank Maier und Nicola Stäglich.

 

Ausstellungsansicht mit Werken von Boller, Konrad, Flad, Baudrexel und Albers

Frintrop, Stäglich, Boller, Maier, Flad, Baudrexel

Eva Berendes, Boller, Frank Maier und Wolfgang Flad

Florian Baudrexel, Nicola Stäglich, Frank Maier, Wolfgang Flad und Jan Albers

Sabine Groß, Frank Maier

SUR FACE – ausgehend von einem Wortspiel betrachtet die Berliner Künstlerin Gunna Schmidt in Ihrer Soloshow die Oberfläche von Malerei, als geformte Haut eines Bildes und gibt ihren Werken durch körperhaften Einsatz von Material und Farbe etwas wesenhaftes.

„Sur Face“ Gunna Schmidt

„Sur Face“ von Gunna Schmidt

Eröffnung 7. März 18-22h
Mo-Fr 16 – 18:30h
Sa-So 15 – 18:30h
Die Ausstellung läuft bis 16.3.2013
Ballhaus Ost 
Pappelallee 15
Hinterhaus/3.Etage – Berlin/Prenzlauer Berg
www.loiseaupresente.blogspot.com

 

 

 

 

Benzulli zeigt Franz Zar

Benzulli zeigt: Ausstellungen im Abstand von vier bis sechs Wochen im Hinterhof der Worringer Straße 103 in Düsseldorf. Aktuelle Informationen dazu findet Ihr auf Facebook unter www.facebook.com/benzulli.

Am Freitag den 01.03.2013 eröffnete dort für drei Tage die Ausstellung Franz Zar.
Und was soll ich sagen???
Mich spricht ja wirklich nicht mehr viel von dem an, was aktuell so Kunst genannt wird, doch das was dort hing gefällt mir.
Keine rechte Ahnung warum, aber diese Sachen von Franz Zar gehen einfach extrem gut bei mir. Denn es ist alles drin: Reproduktion, Serialisierung, digital Painting, amorphe Wurstformen, Ideologien, Ästhetikfragen, Revolution und Bildersturm. Was will man mehr?
Nur der Verweis auf Schulbücher ist im ersten Moment nicht so ganz meines, das liegt aber an meiner nachhaltigen Abneigung gegen die Institution Schule. Wenn ich das dann – wie im Text unten vermerkt – im Kontext von Auslöschung und Zerstörung lese geht das aber schon klar.

Bild via http://www.franzzar.net/

Deshalb nun zum Einstieg und zur Einstimmung noch den zugehörigen erstklassigen Text von Franz Zar selber.

>> Die Bilderstürmer des 16. und 17. Jahrhunderts begreifen die zu zerstörenden Bilder und Skulpturen als Repräsentationen der von ihnen bekämpften Ideologien. Heiligenbilder als Zeichen für die diesseitige Wirksamkeit Gottes und damit als Machtbeweis der Institution Kirche. Kunstobjekte aus den Sammlungen des Adels als Materialisierungen von Reichtum und elitärer Bildung. Erst die Aufklärung sieht in den Bildern und Skulpturen aus dem Besitz von Adel und Klerus das Potenzial, für die neu zu schaffende bürgerliche Öffentlichkeit in ästhetischer, politischer und historischer Hinsicht zum allgemeinen Bildungsinhalt zu werden. Während der Französischen Revolution werden die anfänglichen Zerstörungen von Kunstobjekten untersagt und neu geschaffene staatliche Kommissionen sammeln und katalogisieren die so geretteten Objekte, um sie an Orten wie dem Louvre, dem ehemaligen Königspalast, einer möglichst großen Anzahl von Menschen aus möglichst allen Gesellschaftsschichten zu präsentieren. In diesen neuen Ausstellungsräumen ist die ästhetische Beschaffenheit der in ihnen gezeigten Objekte wichtiger als die ihnen anhaftenden politischen und historischen Implikationen. Sie werden von früheren Repräsentationspflichten befreit, und zeigen in den neuen Kunsttempeln gleichsam nur sich selbst. Die Idee des Bildersturms ist die Zäsur zwischen modernem und vormodernem Kunstverständnis. Begreife ich ein Objekt ausschließlich als Repräsentation einer Ideologie, ungeachtet seiner formalen Qualität, muss ich es zerstören, wenn ich die entsprechende Ideologie bekämpfen will. Sehe ich von den politischen, historischen und ideologischen Implikationen ab, und beschäftige mich vorrangig mit der ästhetischen Beschaffenheit eines Objekts, beginnt das, was das moderne Verständnis von Kunst erst ermöglicht: die Reflektion über das Potenzial von Ästhetik, Wissen zu vermitteln. In den von mir für die Ausstellung bei Benzulli konzipierten Arbeiten werden Buchseiten meiner eigenen Geschichte-Schulbücher aus den Neunzigern mit Motiven deformierter Portraits bedruckt, die ich in Anlehnung an historische Bildzerstörungen geschaffen habe. Die Konstruktion und didaktische Vermittlung von Geschichte in Form der Schulbücher wird von mir mit Motiven zusammengeführt, die auf die Zerstörung und Auslöschung von Geschichte verweisen. Die digital erstellten malerischen Gesten untersuchen ein Verständnis von Malerei, das sich einst aufmachte, etablierte Formensprachen zu stürzen, auszulöschen und zu ersetzen. <<

Text: Franz Zar, Wien, Februar 2013

Einen weitere lohnenden Text von Franz Zar gibt es hier.

Und nach dem Lesen gibts die Bilder

alle Bilder Copy&Paste via benzulli – dort gibts noch mehr.
Danke!

Franz Zar bei Benzulli
01.03. – 03.03.2013
http://www.benzulli.com
Hinterhof der Worringer Straße 103, Düsseldorf

Pepper + Woll zeigen SUPER in Köln

Mit der speziell für den Ort entwickelten Arbeit „SUPER“ des in Düsseldorf lebenden Künstlerduos PEPPER + WOLL präsentierte die Projektreihe 10qm am Freitag den 08. März um 18 Uhr die neunte für den Ort konzipierte Arbeit.

10 QM – SUPER ist eine temporäre Architektur-Skulptur, welche sich durch Einbeziehung der spezifischen Raumkoordinaten am Ort manifestiert. Die Intervention schafft ein neues Zentrum innerhalb des vorhandenen Wohnquartiers, indem sie eine Schnittstelle im innerstädtischen Gefüge von Park, Kirche und Anwohner von Köln/Nippes provoziert. „Super“ funktioniert als architektonische Geste, die die Aufmerksamkeit des Anschauenden bannt und Fragen, Meinungen bzw. Prozesse der Kommunikation eröffnet!

„Super“ ist durch die freie Verwendung konventioneller Baumarktmaterialien und der Glorifizierung gegenüber der Technik geprägt. Ausgediente technische Objekte wie z.B.  der Lüfter (Bobble), der Stromkasten oder aber auch der Leuchtturm (Glockenturm) sind ausgediente technische Objekte mit Wiedererkennungswert, die in der gebauten Struktur eine scheinbare Logik ergeben.

Alle Bilder by Pepper +Woll via E-Mail.
Danke Mark!

10qm
Freitag den 08. März, 18 Uhr
www.10qm.de
www.facebook.de/zehnqm
www.pepperwoll.com

Zyklus (Der Mensch unter der Führung des Menschen) im Studio Roh

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Der Titel der Ausstellung erschließ sich mir nicht sofort; er erwies sich jedoch im Nachhinein als die klarste Formulierung, die man sich zu dieser Gruppenausstellung hätte vorstellen können. Es gäbe viel zu sagen über diese gelungene Show, die sehr breit aufgefasst war und zugleich das Thema nie verfehlte (bis vielleicht auf eine Ausnahme). Aber wir bleiben diesmal wortkarg und lassen die Bilder sprechen – begleitet von minimalen Kommentaren.

Jaebong Jung

Jaebong Jung

Der Rausch der Geschwindigkeit, die Extase des Lichtes. Eine impressionistische und hypnotische Kurzarbeit von Jaebong Jung, gefilmt von einem fahrenden Zug aus, oszillierend zwischen starken Überblendungen und raschen Ansichten einer periurbanen Landschaft.

Diana Akoto-Yip

Diana Akoto-Yip

Diana Akoto-Yip

Die interaktive Videoinstallation von Diana Akoto-Yip brachte den Besucher an verschiedenen Orte einer Stadt in Ghana und ermöglichte jeweils einen Panorama-Blick auf die Umgebung. Nachdem man ein Chip in den vorgesehenen Schlitzen eines Monitorkastens platziert hatte, öffnete sich die entsprechende Landschaft auf 360 Grad.

Rebekka Benzenberg

Rebekka Benzenberg

Rebekka Benzenberg

Die Szene findet offensichtlich in einem Künstleratelier statt (das man unschwer als einen Raum der Kunstakademie Düsseldorf identifizieren kann). Ein Model ist an einem Stuhl gefesselt und wird von einer Bildhauerin (es ist Rebekka Benzenberg höchstpersönlich) eingegipst. Gestaltung durch Unterwerfung; Tortur als Motor der Schöpfung.

Fabian Heitzhausen

Im dokumentarischen Duktus erzählt ein junger Mann  vor der Kamera von Fabian Heitzhausen von seinen Erfahrungen als angelerneter Arbeiter in der Autoindustrie. Auch im Jahr 2013 ist die Entfremdung der Arbeit kein Fremdwort – wobei diese Entfremdung, von einer stupiden und eintönigen Tätigkeit verursacht, vom Betroffenen selbst gewählt wurde…

Experimentelle Bild- und Toncollage mit stark verfremdeten Bildern, bizarren Oberflächenstrukturen, und Klangwelten, die unter die Haut gehen. Experiment mit dem Material Film.

Oliver Blumek

Oliver Blumek

Dokumentation einer Performance von Oliver Blumek. Der gute Mann spaziert am Düsseldorfer Hauptbahnhof mit einem Stück rohen Fleisches an der Leine. Die Reaktionen seiner Mitmenschen sind verhalten. Auf diesem harten Pflaster scheint die skurrile Erscheinung Keinen aus der Fassung zu bringen.

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann

Sara Hoffmann präsentiert eine schwindelerregende Spiegelinstallation, die sehr an Dan Graham erinnert und die Paradigmen des Sehens/Gesehenwerdens, der Projektion und der Rezeption gekonnt inszeniert. Visuelle Abgründe öffnen sich plötzlich…

Melike Kara

Melike Karas Film wirkt wie ein melancholischer Eintrag in einTagebuch.

Bona + Fide

Bona + Fide

Dominik Królikowski

Dominik Królikowski hat den längsten Abspann der Filmgeschichte produziert. Er hat die Regierungsmitglieder aller Staaten dieser Welt (mit einer aussagekräftigen Ausnahme: die USA) in einer „Credits-Form“ aufgearbeitet und lässt so die Schauspieler und Mitwirkenden der realen Bühne in eine endlos wirkende Schleife abrollen.

 

Zyklus (Der Mensch unter Führung des Menschen)
Ausstellung v. 2.3-4.3.2013
Studio Roh
Mintropstr.14
40215 Düsseldorf

 

Camera Obskur im Kunstraum Düsseldorf

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Bereits in den 1980er Jahren nahm eine ganze Generation von deutschen und deutschsprachigen Künstlern – darunter Thomas Schütte, Thomas Huber oder Ludger Gerdes – auf die Form des Modells Bezug. Ihr Interesse galt vor allem der Zwitternatur dieser Gattung, die zugleich autonomes Objekt, perspektivischer Entwurf und utopische Projektion sein könnte. Oft mit einer guten Portion postmoderner Ironie versehen und, entweder als Plan oder als Bühne, in betont artifiziellen Arrangements inszeniert, fungierten ihre kleinen Systeme als möglichkeitsöffnende Denkspiele, die zwischen elegant-aseptischem Glanz (Fritsch) und amateurhaftem Trash (Hirschhorn) oszillierten. Auch in jüngeren Positionen, wie z. B. bei Tatiana Trouvé, Rita McBride oder Simon Starling, die vereinzelt mit dieser Form arbeiten und die Disziplinen der Architektur oder des Designs (Stichwort: Prototyp) offensichtlich zitieren, ist die Bandbreite der konzeptuellen Strategien und der plastischen Lösungen in Bezug auf das Modell sehr groß. Umso erstaunlicher erscheint die programmatische Konzentration der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Düsseldorf.

Die zwei Kuratorinnen Stefanie Ippendorf und Jari Ortwig haben eine dichte Präsentation geschaffen, die, klugerweise, auf einen einzigen Aspekt der Modellfrage fokussiert. Die sechs Künstler der Show greifen alle auf Hausmodelle zurück (wobei „Haus“ im erweiterten Sinne zu verstehen ist, also auch als Halle, Zimmer, Zelle), die entweder dreidimensional geformt oder fotografisch kreiert werden. Diese Konstruktionen siedeln sich gezielt in eine unscharfe Zone zwischen Realität und Fiktion an, und dies wird teilweise durch die mediale Aufarbeitung des Haus(modells) forciert, die ein Filter zwischen Objekt und Subjekt legt und damit die grundsätzliche Unsicherheit des Betrachters steigert.

Christine Erhard

Christine Erhard

Sind nun die menschenleeren und sterilen urbanen Räume in den Bildern von Christine Erhard die Imitation einer Stadt oder handelt es sich hier um authentische architektonische Ansichten? Erhard scheint mit den Sehgewohnheiten des Betrachters zu spielen. In ihren Aufnahmen von Modellen integriert sie geschickt und verschmitzt Elemente ihres Ateliers und schafft somit verwirrende Trompe-l’oeil, die die Nähe der sachlichen Fotografie offensichtlich suchen. Sie verwandelt einfache Tischplatten in riesige Hängebrücken und lässt eine einfache Heizung wie Plattenbauten wirken. Diese köstlich irritierenden Bilder (übrigens: Erhard versteht sich in erster Linie als Bildhauerin) stellen den Automatismus der Bildinterpretation und, grundsätzlicher noch, das Verhältnis des Bildes zur Realität in Frage. Ausstellungsbesucher, die Christine Erhard gemocht haben, werden Lois Renner lieben…

Elke Schlenkhoff

Elke Schlenkhoff

Wie Erhard baut Elke Schlenkhoff ihre Modelle selbst bevor sie sie abfotografiert. Allerdings ist hier die motivische Perfektion, die in Erhards Aufnahmen gekonnt vorgetäuscht wird, gar nicht von Interesse. Anstatt glänzenden Oberflächen und anonymen Betonlandschaften in den Vordergrund ihrer kleinen Bilder zu rücken, blickt Schlenkhoff, 1984 in Herne geboren, auf heruntergekommene Hinterhöfe, triste Fassaden und desolate Straßenecken, die den ganzen Charme des Ruhrgebiets ausstrahlen. Diese aus Pappe und Knete zusammen gebauten Szenerien erinnern eher an Bühnenbilder ohne Schauspieler als an Modelle. Das Atmosphärische, das Narrative sind hier bedeutender als die Exzellenz der Form, als die gelungene Täuschung. Natürlich verkörpern sowohl Erhard als auch Schlenkhoff zwei Positionen, die reflexartig an die paradigmatische Haltung von Thomas Demand erinnern. Der Spannungsbogen zwischen Realem und Konstruiertem, zwischen Fotografie und Architektur, bzw. Modell ist evident.

Marc Räder

Marc Räder

Marc Räder

Vor etwa fünfzehn Jahren überraschte Marc Räder die kleine Fotowelt mit seinen verzerrten Aufnahmen der nordamerikanischen Suburbia. Durch Verschiebungen und Schwenkungen der Linse seines Objektives (sog. „Tilt and Shift“-Verfahren; wenn ich mich nicht irre, ist Räder der Erste, der diese Technik entwickelte und bewusst einsetzte, und dies lange bevor sie von der Werbebranche aufgegriffen wurde), brachte er ganze Wohnsiedlungen, verwaiste Sportareale und künstlich wirkende Landschaftszüge in eine merkwürdige Perspektive. Von einem beinah göttlichen Standpunkt aus gesehen, erscheint die Welt in Räders Bildern wie ein kleines, hässliches und lebensfremdes Eisenbahnmodell ohne Eisenbahn. Diese verstörende Mischung aus extremer Expressivität und gnadenloser Sachlichkeit (doch, das ist wirklich unsere Welt) ist allerdings nur spannend, wenn die Wahl der Motive sozialkritische Spuren aufweisen und die Missstände unserer urbanen Kultur aufdecken. Diese raffinierte Fotografie läuft nämlich Gefahr, interessant-abstruse Bilder zu liefern, die sich in ihrem kurzen Aha-Effekt erschöpfen.

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Mirjam Kuitenbrouwer

Weiterhin wären die subtilen, vertrackten Apparaturen von Mirjam Kuitenbrouwer zu erwähnen, die würdig eines Kuriositätenkabinetts der Aufklärung sind und – extrem schöne machines à voir und machines à penser darstellen. Die Installationen von Stephan Mörsch, die sich in Modellen, Zeichnungen und Videoaufzeichnungen durchdeklinieren und, trotz ihrer formellen Harmlosigkeit, politische Brisanz besitzen, hätten sowohl Baudrillard als auch Virilio viel Vergnügen bereitet. Schließlich das kleine entomologische Theater von Susanne Kutter, wo Schmetterlinge und Kellerasseln in nachgebauten Interieurs inszeniert wurde. Ich hatte Schwierigkeiten, das Ganze als Metapher einer existentiellen, menschlichen Situation zu sehen. Vielleicht weil mir in der Schulzeit Kafka mit einer Keule eingetrichtert wurde.

Mirjam Kuitenbrouwer

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Stephan Mörsch

Die Kunsthistorikerinnen-Kuratorinnen spielen bewusst mit der Doppeldeutigkeit des Begriffs „camera“, der sowohl „Zimmer“ im Italienischen als auch „Fotoapparat“ im Englischen heißt und finden in dieser dichten Präsentation die stimmige Schnittstelle zwischen Fotografie und Raum. Die Ausstellung ist gut recherchiert und, in dieser kompakten Form (die Räumlichkeiten des Kunstraums sind beinah halbiert worden, und dies war eine goldrichtige Entscheidung), ein wahrer Genuss. Es fehlt zwar ein Funken an Verrücktheit, an deplatzierten Invenzione; man vermisst vielleicht den Bruch, die Zäsur, das Unvernünftige, die Spannung ins harmonische Ganze bringen würde. Aber was meckere ich nur? Man bekommt nicht jeden Tag eine so solide Gruppenausstellung…

Susanne Kutter

Susanne Kutter

Susanne Kutter

 

 
Camera Obskur
Kunstraum Düsseldorf
Himmelgeister Str.  107
Ausstellung vom 1.2.-24.3.2013
Öffnungszeiten: Do-So, 14-18 Uhr

Body Light bei Venus und Apoll

Venus&Apoll ist der Onffspace-Ableger der in Düsseldorf ansässigen JULIA STOSCHEK COLLECTION. Begleitend zum jährlichen Rundgangspektakel an der Akademie eröffnete dort am vergangenen Freitag Abend die Gruppenausstellung Body light, mit den Teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern Ben van den Berghe, Kira Bunse, Isabella Fürnkäs, Dominik Geis, Manuel Graf, Alex Grein, Tobias Hoffknecht, Sarah-Jane Hoffmann, Anna K.E., Melike Kara, Magdalena Kita, Anna-Lena Meisenberg, Tanja Ritterbex, Hermes Villena, Jonas Wendelin und Sophie Wilberg-Laursen.

Und auch wir hatten fest vor darüber eine Bildstrecke zu machen!
Leider, leider kamen wir aber nicht bis zum Worringer Platz, sondern sind dann keine 200 Meter von zu Hause entfernt am Fürstenplatz im Bar/Cafe Appartement hängen geblieben – und dort ganz klassisch versackt.
So gab es für uns Zündkerzen statt Videokunst und am nächsten Tag nen dicken Kopf…

Was für ein Glück aber, dass es noch andere Blogger gibt, die über mehr Disziplin und Einsatzbereitschaft verfügen und in solchen Fällen aushelfen können. Deshalb hier der Verweis auf die Kolleginnen und Kollegen vom artfridge-Blog, denen es gelungen ist eine Bildstrecke mitzubringen.
Zum Ansehen bitte kurzer Klick auf das Bild oder hier.

via artfridge
Venus & Apoll 
Worringer Platz 8
40210 Düsseldorf
Opening Hours: Daily, 12 – 18 h

Neues aus Hamburg: Carola Deye – Sorry Safari und Tillmann Terbuyken – Spitzen

Dank der Unterstützung der frisch nach Hamburg gezogenen, jungen Künstlerin Theda Schillmöller werden wir ab jetzt und in den kommenden Monaten etwas tiefer in die Kunstszene der norddeutschen Hafenstadt einsteigen – eine Stadt im übrigen, die auch für einen Teil der Perisphere schon einmal zwei Jahre lang Heimat gewesen ist, bevor es dann ins Rheinland ging.
Zur Feier des Tages und weil man auch mal was verrückter tun muss, machen wir den Auftakt – ganz untypisch für uns – mit einem fotografischen Doppel zu zwei Räume.

Danke Theda!

Tillmann Terbuyken präsentiert Spitzen bei Isa Maschewski

Der Maler und Bildhauer Tillmann Terbuyken eröffnete letzte Woche seine Ausstellung ‚Spitzen‘ im Projektraum Isa Maschewski in der Admiralitätstraße. Er zeigt Arbeiten aus den letzten sieben Jahren. Zeitgleich ist eine Auswahl seiner Arbeiten in der Ausstellung ”Passagen und Werkzustände” bei KM in Berlin zu sehen. Beide Ausstellungen laufen noch bis März 2013.

Carola Deye zeigt Sorry Safari im Goldbekhof

Carola Deye, Gastkünstlerin im Goldbekhof 2012, zeigte am 31.01.2013, ihre Abschlussausstellung ‚Sorry Safari‘. Deyes Arbeiten beziehen sich auf die gleichnamige Tom & Jerry-Folge und spielen u.a. mit Stolperfallen und Perspektivverschiebungen. Der Großteil ihrer Arbeiten ist während ihres einjährigen Aufenthalts im Gastatelier Goldbekhof entstanden und kann, je nach Räumlichkeit, sowohl zweidimensional, als auch dreidimensional ‚gelesen‘ werden. Deyes Arbeiten sind tiefgründig und humorvoll zugleich – dieser Spagat gelingt ihr ganz gut, finden wir.

spitzen
tillmann terbuyken
Projektraum Isa Maschewski
Admiralitätstr. 71
20459
Hamburg

Ausstellung: 25.01.2013 – 21.03.2013
Öffnungszeiten: Dienstag – Donnerstag 14 – 18 Uhr
und nach Vereinbarung
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sorry safari
Carola Deye
Goldbekhof
Moorfuhrtweg 9 B
22301 – Hamburg

Formation – Peles Empire im Cell Project Space

von Benny Höhne (London)

 

Peles Empire – der Name scheint Programm zu sein bei Katharina Stoever (*1982) und Barbara Wolff (*1980), demjenigen Duo, das sich hinter dem Großmachtstatus beanspruchenden Alias verbirgt. Seit nunmehr acht Jahren leben und arbeiten die beiden Künstlerinnen in London, wo sie im Jahr 2005 ein Kollaborativprojekt gründeten, dessen Namen sie dem rumänischen Schloss Peleş entlehnten. Aber nicht nur ihr Name, sondern das gesamte Werk der zwei jungen Damen, die ausschließlich als Duo arbeiten, entspringt ausnahmslos diesem am Fuße der Karpaten, zwischen Transsilvanien und der Wallachei gelegenen Neorenaissance-Schlosses, das allem Anschein nach Quelle höchster Inspiration ist.

Formation 7  (digital prints on paper, 275 x 440cm) und Formation 2-6 (Porzellan und schwarzer Ton) (Bild: Damian Jaques)

Ausgangspunkt ihrer aktuellen Solo-Show FORMATION im Londoner Cell Project Space ist der Waffensaal des Gebäudes, den sie neben anderen Räumen des Schlosses bereits für vergangene Ausstellungen installativ interpretiert und rekonstruiert haben. Dabei präsentieren Peles Empire eine Gruppe von Arbeiten bestehend aus skulpturalen Objekten und digitalen Prints, welche das Verhältnis verschiedener Transformationsmöglichkeiten von Raum, Zeit und Materialität auszuloten scheint.

Formation 7. (Bild: Damian Jaques)

Dem Besucher begegnen zunächst zweidimensionale Rückführungen und Neuinterpretationen der ursprünglich räumlichen Nachbildungen des Waffensaals. Zwei große Schwarz-Weiß-Drucke unterteilen den Ausstellungsraum in drei gleichgroße Abschnitte und umgeben den Besucher als mehrfach verzerrte, digital modifizierte Version des originalen Schlossraumes, der hier visuell bis zur Unkenntlichkeit entfremdet ist. Nur puzzlehaft lassen sich Rückschlüsse ziehen auf ein ursprüngliches Ganzes, das von Stoever und Wolff fortlaufend – hierin ist ein Grundschema ihres Arbeitsprozesses zu erkennen – transformiert, permutiert und re-arrangiert wird.

Formation 8 (digital print on paper, 250 x 280cm). Bild: Mariell Amélie

Formation 8 (Bild: Marielle Amélie)

In FORMATION wird dieses Konzept mit fünf in einer Reihe auf dem Boden positionierten Objekten auf die Spitze getrieben. In einer subjektiven Wiedergabe einzelner abstrakter, aus den Fotomontage-Kulissen herausgegriffener Formen und Strukturen führt das Duo die vorherige Umwandlung von Raum zu Fläche in skulpturale Dreidimensionalität zurück und entfernt sich mit dieser abermaligen Umwandlung umso weiter von seinem Ausgangspunkt. Durch die untypische Materialkombination von weißem, unglasiertem Porzellan und Black Grog, einem schwarzen, grobkörnigen Pigment, verbinden sich die Keramiken einerseits mit der Farbigkeit der Fotokopien, stoßen sich durch ihre schroffe Oberflächenstruktur aber andererseits von den glatten Bildwänden ab, was für ein deutlich spürbares Spannungsverhältnis unter den verschiedenen Arbeiten sorgt.

Formation 7 und 1 (Prints auf Papier, je 275 x 440cm) und Formation 4-6, (Porzellan, schwarzer Ton). (Bild: Mariell Amélie)

Formation 5. (Bild: Mariell Amélie)

Formation 4. (Bild: Mariell Amélie)

Die Metamorphose ihres architektonischen Namensgebers vollzieht Peles Empire in einer zweiten Objektgruppe auch mit den im Waffensaal des Schlosses erhaltenen Artefakten, die als abstrahierte Keramik-Reproduktionen von Lanzen oder Speeren im hinteren Galerieraum gegenüber einer Collage aus geschredderten Schwarz-Weiß-Drucken an der Wand staffiert sind und die Ausstellung abschließen. Auch diese Arbeiten können im Hinblick auf eine zusammenfassende Einschätzung von FORMATION als berechtigter Versuch der Künstlerinnen gewertet werden, einen historischen Raum zu visualisieren, der seiner selbst allerdings so weit entrückt ist, dass der Betrachter sich in einer auf Realem basierenden Utopie wiederfindet, einem von Stoever und Wolff herbeigewünschten Ort, der hier in abermaligen Transformationen zu einem kuriosen Nirgendwo mutiert ist.

Formation 9 (Porzellan, schwarzer Ton, 212 x 58cm) und Formation 10 (Porzellan, schwarzer Ton, 212 x 58cm). (Bild: Mariell Amélie)

Formation 9. (Bild: Mariell Amélie)

Bild: Mariell Amélie

Nicht nur künstlerisch, auch kuratorisch sind Peles Empire höchst aktiv. Unter gleichem Namen betreibt das Duo momentan zwei eigene Off-Spaces in London und Cluj, in denen die zwei Städel-Absolventinnen bei regelmäßig stattfindenden Ausstellungen mit anderen Künstlern kollaborieren – demnächst wieder Ende Februar in London. Ihre nächsten Solo-Shows haben Peles Empire im März im Kunstmuseum Stuttgart, sowie im Mai in den Glasgower Sculpture Studios.

 

FORMATION – Peles Empire
31. Januar – 17. März 2013
Cell Project Space
258 Cambridge Heath Road
London E2 9DA
Öffnungszeiten: Fr – So, 12 – 18 h

Ubermorgen.com in der Fach und Asendorf Galerie

Netzkunst. Von der Nische ins Spektakel und zurück ins Off.

Netzkunst und künstlerische Experimente mit diesem, unseren Medium gibt es seit den Anfangstagen des Internets. Und obwohl es Ende der 90er Jahren durchaus eine Art Hype gab, ist die Netzkunst Teil einer Nische und Bestandteil der Offkultur geblieben. Dies im übrigen trotz, oder eventuell auch gerade wegen des unfassbar rasanten Wandels des Netzes zum Massenmedium innerhalb der vergangenen zehn Jahren.
Die Kunst, oder das was von den Institutionen unserer Zeit als solche hoch gehalten wird, tut sich allerdings nach wie vor schwer mit diesem Medium, zu wenig verwert- oder ausstellbar sind die Ergebnisse in den meisten Fällen.

Dabei versprach dieses neue Medium ungeahnte und vielversprechende Möglichkeiten für Künstler. Die Netzwerkverbindungen ermöglichten einen direkten Kontakt zu Kollegen und Publikum, ganz ohne störende Galeristen, Kritiker, Kunstvermittler, Kulturmanager oder andere parasitäre Figuren dazwischen. Es bot neue Formen der Publikation und Möglichkeiten für Experimente mit Autorschaften und Anonymität, welche bei konsequenter Durchführung am Ende sogar die Künstler selber endlich überflüssig gemacht hätten.
Die Fluxusidee, dass alles Kunst werden solle und jeder ein daran mitwirkender Künstler sei, erlebten hier in modifizierter Form eine Rennaissance und die damit verbundenen Überschneidungen zwischen Künstler- und Hackerkultur waren zahlreich und sind es auch heute noch. Anonymous, der strukturlose Hackerschwarm, der mittlerweile eine gewisse Bekanntheit erreicht hat, geht auf diese Ideen der offenen subjektlosen Strukturen zurück.
Schon in der ersten Generation der Netzkünstler die sich in den 90er jahren mit der neuen Technologie auseinander setzte war die Kultur der Hacker deutlich zu spüren. Vorhandenes umzunutzen, oder in bestehende Systeme einzudringen, prägte die Arbeit der damals aktiven Protagonisten.

Mediahack and Intervention by UBERMORGEN.COM

Eine herausragende Künstlerformation, die die Idee des Hackens sowohl auf technologische als auch auf soziale Systeme anwendete war und ist UBERMORGEN.COM, bestehend aus dem, mittlerweile zur vierköpfigen Künstlerfamilie transformierten, Künstlerpaar Hans Bernhard und lizvlx.

UBERMORGEN.COM lizvlx & Hans Bernhard mit Guantanamo Bay Aufseher Chris Arendt

Die beiden haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten den ein oder anderen spektakulären medialen Hack hingelegt und sich damit mehr als einmal Ärger mit Behörden und großen Unternehmen eingehandelt, über dies aber auch einen Namen im internationalen Netzkunstjetset gemacht.

Einer dieser medialen Superhacks der international für Aufsehen sorgte war die ‚Vote Auction‚ zur US-Wahl 2000. „Voteauction was a Website which offered US citizens to sell their presidential vote to the highest bidder during the Presidential Elections 2000, Al Gore vs. G.W. Bush.“ Die Idee des Netzes als Medium einer Aufklärung und einer subversiv kritischen Halltung gegenüber den bestehenden Machtverhältnissen ist hier schon deutlich spürbar.

In den vergangenen Jahren hat sich das Netz, dessen Nutzung und seine Funktion verwandelt, Konsum und E-Commerce haben massiv an Bedeutung gewonnen. Den damit einhergehenden Transformationsprozess haben UBERMORGEN zwischen 2005 und 2009 in der EKMRZ-Trilogy aufgearbeitet.

Google will eat itself – Teil der EKMRZ trilogy – Installation, The Premises Gallery, Johannesburg/South Africa

Transformation des Freiheitsversprechen

So langsam wird deutlich, dass sich die früheren Freiheitsversprechen des Cyberspace nicht bewahrheitet haben. Oder zumindest anders als gedacht, denn die Freiheit die sich aktuell über die Datenkabel des Computernetzwerks verbreitet ist in erster Linie die Freiheit der Unternehmen und der von ihnen umkämpften Märkte. Die zugehörige, konsumierende Masse dominiert dabei mehr und mehr die virtuellen Debatten. Ob diese Dominanz nun aber mit der ihnen zugeschriebenen Weisheit oder mit stumpfer, als Basisdemokratie getarnter Pöbelei einhergeht, bleibt vorerst offen. Die Grenzen und Überlagerungen zwischen den beiden Polen sind wie so oft fliessend. Zumindest aber, so lange das zu Grunde liegende sozialpolitische Programm Konsum heißt, wird der Trieb und damit der Mob die Richtung vorgeben.
Onlinepetitionen, Bürgerbeteiligung per Shitststorm und Entrüstungsorgien auf Facebookunternehmensseiten sind zwar groß in Mode, die Beschäftigung mit den angeprangerten Missständen endet aber nicht selten mit dem Klick.
Einige der aktivsten, selbst ernannten Freiheits-Datatypisten treten seit einigen Jahren als Partei organisiert aus der wütend klickenden Masse heraus, sind aber bis heute die Antwort schuldig geblieben was sich denn nun eigentlich mit den neuen Kommunikationsmitteln ändern solle. Und einzelne aus diesem Umfeld inszenieren sich ungeniert heldenhaft als Freiheitskämpfer, fordern aber in erster Linie nur Freiheit für die eigene Einfältigkeit und die dort gefeierte naive Weltsicht.
Aber nicht das wir uns falsch verstehen, Netzneutralität sowie freie, unbeachtet Kommunikation und Open-Access sind unzweifelhaft wichtig und bedeutend. Alleine damit ist es aber eben auch nicht getan, denn man muss schon auch wissen, was denn kommuniziert werden will.

Die zweite Generation und die New Aesthetic

Fast unbemerkt ist während dessen eine neue Generation von Künstlern herangewachsen, die nun dabei sind neue künstlerische Strategien, Formate und Stilrichtungen im Umgang mit dem immer noch jungen Medium zu entwickeln. Metamoderne ironische Ernsthaftigkeit und eher spielerischer Umgang mit dem vorgefundenen Fundus der digitalen Popkultur sind Kennzeichen dieser neuen Richtung in der Netzkunst.  Kim Asendorf und Ole Fach sind zwei Protagonisten dieser nächsten Generation. Gemeinsam betreiben sie die halb im Ernst, halb im Spaß die Onlinegalerie f&a.org in der Ende 2012 eine der neuesten Arbeiten von UBERMORGEN.COM zu sehen war.

Dailiy Doodle heißt das Projekt welches mit Hilfe des Onlineabstimmunstools doodle den Onlineaktivismus, auch genannt Slacktivism thematisiert und persifliert. Berliner Gazette-Autorin Jillian C. York beschreibt die Slacktivisten in ihrem Artikel Mit ein paar Klicks vom Sofa aus die Welt retten? wie folgt „Sie sind als „Sofa-Aktivisten“, zu faul zum Protestieren auf der Straße, klicken den Facebook-Like-Button oder retweeten etwas in der Annahme, dass die reine Zustimmung etwas bewirken kann. Dem Slacktivisten wird vorgeworfen, er steuere minimalen Aufwand bei und wäre dabei noch unverdientermaßen stolz auf seine Leistung“.

Die hier formulierte Kritik setzen UBERMORGEN.COM bei Fach&Asendorf in die Praxis um in dem sie jeden Tag überlebenswichtige und gesellschaftsrelevante Fragen online zur Doodle-Abstimmung brachten.

Die Screenshots fa-g.org/2012/ubermorgencom-dailydoodle

 

UBERMORGEN.COM brachten bei Fach und Asendorf einen Monat lang täglich Fragen die die Welt bewegen zur Abstimmung ein. Alle weltweit angeschlossenen Onliner konnten über das Mitmachnetz 2.0 teilhaben und partizipieren.

Das Doodle-Abstimmungstool wird vielfach für die unterschiedlichsten Fragen genutzt. Oft geht es darum gemeinsame Termine zu finden, diesmal um die Fragen für oder wider Gerechtigkeit.

Ein offenes Kunstwerk

»Der Konsument ist ‘am Machen des Werkes beteiligt schreibt Umberto Eco 1962 im ‚Offenen Kunstwerk‘. Rückwirkend betrachtet stimmt diese Aussage hier in doppeltem Sinne. Neben dem ironisch, spielerischen Umgang mit den partizipativen Möglichkeiten des Netzes, ist die prozesshafte und transparente Entwicklungsarbeit für das Projekt durchaus bemerkenswert.

Denn, wer so wie ich UBERMORGEN.COM bereits seit längerem über deren Twitteraccount folgte, war schon in den Monaten davor Zeuge der Versuche mit der Doodle-Befragungen. Allerdings ohne zu wissen was es damit auf sich hat, denn die thematische Ausrichtung war damals noch nicht recht absehbar.

In der Twittertimelin sind die Experimente mit dem Material des Projekts auch jetzt noch zu verfolgen und so wird nicht nur das Endergebnis der Arbeit, sondern auch Teile des zugehörigen Entstehungsprozesses und der Umgang mit dem Material für Aussenstehende nachvollziehbar. Was in der finalen Show bei Fach und Asendorf dann pointiert und präzise erscheint, war Monate zuvor noch rohes, zuweilen auch infantiles Herumprobieren.

Das Sichtbarmachen der öffentliche Entwicklungsgeschichte ist eine Form der Transparenz und Offenheit wie sie aktuell nur selten in zeitgenössischen künstlerischen Arbeitsprozessen sichtbar wird. Zu sehr ist künstlerisches Schaffen derzeit auf die Produktion von fertigen, finalen Werken und deren fest definierter Dokumentform ausgerichtet.

Es ist aber äußerst beruhigend zu sehen, dass die vorausgehenden Experimente in der Twitteröffentlichkeit dem präsentierten Ergebnis nicht geschadet haben. Es hindert uns also nichts daran, weiterhin in dieser Richtung zu experimentieren und damit auch wieder dem kreativen Prozess selber eine höhere Wertigkeit gegenüber dem finalen Werk einzuräumen. Mit Blick auf die aktuelle Phase einer fast autistischen Marktorientierung künstlerischer Produktion, zeigen sich hier spannende Aspekte und eventuell auch Alternativen des Schaffens, weg vom toten Artefakt hin zum lebenden Prozess.

‚Daily Doodle‘ by UBERMORGEN.COM
in der Fach und Asendorf – Galerie
http://fa-g.org/2012/ubermorgencom-dailydoodle

Urban Structures auf der Flurstrasse 16

eine Bildstrecke von Emmanuel Mir (der an diesem Tag nur mit einer Schnappschusskamera unterwegs war und um Nachsicht bietet)

 

Flingern did it again. Immerhin ist der ehemalige Gemüse- und Obstladen, bei dem Keiner einkaufte weil es nicht auf dem Weg lag und die Petersilie schon verfault war, nicht von einer Agentur für Grafikdesign oder von einer Boutique für überteuertes (aber handgemachtes) Nippes ersetzt worden. Aber, schlimm genug, der Laden ist schon wieder von Künstlern übernommen worden. Vielleicht. Möglicherweise. Wenn alles gut geht, soll ab sehr bald ein Projektraum entstehen. Das Konzept ist einfach: Fünf Künstler schmeißen zusammen um die Miete zu bezahlen und laden, je zwei Mal im Jahr, in die sehr schönen Räume ein. Es ist noch zu früh, um von einem Programm zu sprechen. Aber das wichtigste ist vorhanden: Die Energie. Diese Idee ist auf den Mist von Robert Pufleb, der sich in der Vergangenheit bereits durch seine weihnachtlichen Kunstsalons ausgezeichnet hatte, gewachsen. Da der Mann ein sicheres Händchen beweist und einen strammen Gang hat, könnte die Chose schneller über die Bühne gehen, als man glaubt. Sehr gut! Wir freuen uns darauf!

Andreas Zimmermann

Wand: Robert Pufleb

Andreas Gefeller

Andreas Gefeller

Robert Pufleb

Josef Schulz

 

Urban Structures
Mit: Andreas Gefeller, Robin Merkisch, Robert Pufleb, Josef Schulz, Andreas Zimmermann
auf der Flurstrasse 16
2-3.2.2013, 14-20 Uhr

Ted Green auf der Flurstraße 16

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Höchst untypisch: Ein ehemaliger Lüpertz-Schüler verweigert die auktoriale Hoheit über seine Arbeit, schert sich nicht um subjektives Ausdruckspathos und verschwindet regelrecht hinter dem malerischen System, das er zwischen der Leinwand und seiner Person errichtet hat. Dieser Maler heißt Ted Green und ist einer der zwei Köpfe des Projektraumes Gagarin. Als Maler bisher selten zu sehen, erscheint er nun verstärkt in der kleinen Düsseldorfer Öffentlichkeit und sucht die Konfrontation mit dem Publikum. Er ergreift die Chance einer Zwischennutzung und verwandelt einen ehemaligen Gemüseladen in eine Galerie. Dort hängen fünf Gemälde in sehr verschiedenen Formaten.

 

Die abstrakten Werke des US-Amerikaners kommen zunächst zeitgemäß-schick daher. Die Schablonenformen seiner Bilder, die sich meistens in symmetrischer Anordnung entfalten, erinnern in ihren Einzelheiten an manche Graffitis (Technik und Geste) oder an Rorschach-Tests (Komposition). Die wilde Bildsprache greift auf zugleich intensive und harmonische  Farbverhältnisse zurück und kann ihre Neigung für die glatte Schönheit des Ornaments nicht verbergen. Das geht sogar bis zur Einbeziehung einer Wand in eine Komposition (und vice-versa); eine Geste die nicht unbedingt als ironischer Augenzwinker zu verstehen ist.

Alles wirkt handwerklich gekonnt und optisch schmeichelhaft. Alles wirkt kalkuliert. Ein Verdachtsmoment entsteht in dieser frühen Rezeptionsphase: Ist Green einer dieser Maler, der auf eine halbwegs innovative Formel gekommen ist und sich nun in Trendsetting ausprobieren will? Die geschickte Paarung aus einem zurechtgebogenen Quasi- Informel und einem vermeintlichen Street-Art-Duktus ist ja kommerziell vielversprechend…

Bei genauerer Betrachtung und im Gespräch mit dem Künstler verflüchtigt sich jedoch der anfängliche Verdacht. Die ästhetische Verführung von Greens  Bildern, die teilweise an Gefälligkeit grenzt, ist nicht das Ergebnis einer marktorientierten Strategie sondern das Produkt des Zufalls. Die durchaus ansprechenden, teilweise komplex miteinander verflochtenen Grafikmuster entstehen durch die strenge Einhaltung ein paar selbstauferlegter Gesetze. Die formellen Entscheidungen des Malers in Hinsicht auf Farbe, Textur und Form werden gewürfelt oder gelost. Bevor er seine Pinsel anrührt, konstruiert Green kleine tabellarische Systeme, die aus Zahlen- oder Buchstabenreihen bestehen und in das Verhältnis zu Material, Duktus oder Form gebracht werden. Diese Tabellen bestimmen die Hauptachsen der Komposition: Wird eine Drei gewürfelt, soll die festgelegte Schablonenform grün werden; bei einer Sechs soll sie gelb sein. Oder so ähnlich.

Ein anschauliches Beispiel: Die feinen, kringelnden, roten Striche einer Komposition sind nicht das Ergebnis einer automatischen, nervösen Schrift (obwohl sie genau danach aussehen) sondern die von Googlemap errechneten Routen zwischen zwei europäischen Städten, welche Green in einem Losungsverfahren gepaart hat. Mit dem Würfel bestimmt er weiterhin die Malgeschwindigkeit oder die Größe seiner Pinsel, die Reihenfolge der Farbschichten und weitere entscheidende Bestandteile seiner Bilder. Die Palette an Möglichkeiten ist begrenzt, innerhalb dieser Palette hat der Künstler prinzipiell nichts zu melden – wobei er sich immer wieder erlaubt, nachträgliche „Korrekturen“ vorzunehmen. Da wo man also eine bewusste und durchdachte Handlung sehen möchte, handelt es sich um die Folgen eines absurden Programms, das den künstlerischen Entschluss größtenteils ausschaltet. Alles ist hier nur gespielt; und die Regeln des Spiels bestimmen das Bild.

Alte Kamelle? Damit haben Richter und Polke bereits gespielt, damit spielen seit eh und je Francois Morellet und Bernard Venet? Ja und? Der konzeptuelle Ansatz von Ted Green erhebt nicht den Anspruch, den kreativen Akt auf innovative Weise infrage zu stellen oder manche Klischees über Malerei (betr.: Inspiration, Intuition, Spontanität, Genietum, etc.)  ironisch zu dekonstruieren. Dafür kommen seine akribischen Allover definitiv zu spät – zumindest in dieser Form. Aber ob Gemälde von Menschen oder von Systemen generiert werden ist letztendlich zweitrangig. Wenn man wirklich davon ausgeht, dass jedes Bild dieser Welt bereits gemalt worden ist und dass das „Neue“ in der „neuen Malerei“ (das saisonal neu definiert wird) ein Betrug ist, erscheint Ted Greens Herangehensweise zumindest luzid und ehrlich.

Ted Green

Ersatz Woddpeckers of Central Flingern
Ted Green
Flurstr. 16
20.1-28.1.2013
Am gleichen Standort findet übrigens am 2.2 und 3.2. eine feine Fotoaustellung, worüber wir gleich noch berichten werden.

Robert Heel und Eva-Maria Offermann bei General Public

von Julia Wirxel (Berlin)

 

„Aufzug oder Treppe?“ lautet der Titel der Mappe von Eva-Maria Offermann mit 12 Plakaten. Es geht hier nicht um Entscheidungsfindungen von Kollegen nach dem Mittagessen in der Kantine oder die Überlegung, wie man effizient sportliche Betätigung in den Arbeitsalltag integriere, um ein paar Kalorien zu verbrennen. Es geht um ökologische und ethische Fragestellungen: Um den eigenen Fingerabdruck im Klimawandel. Wieviel an Energieressource kann man bewahren, wenn man anstatt den Aufzug zu bemühen, die Treppe benutzt und seine eigene Körperkraft einsetzt. Oder alternativ die Rolltreppe nicht nutzt. Und dies trotz der Tatsache, dass heute die Schnelligkeit und Effizienz einer Gesellschaft oder einer Stadt an ihrer Geschwindigkeit gemessen wird und and der Bereitschaft ihrer Bewohner, eine Rolltreppe während des Fahrens hochzulaufen.

Eva-Maria Offermann

Eva-Maria Offermann: Fortschritt

Eva-Maria Offerman: Co2

Eva-Maria Offermann hat auch ihr eigenes künstlerisches Tun unter die Lupe genommen. So wie sie auf die Luftverschmutzung hinweist und saubere, erneuerbare Energien als erstrebenswert aufzeigt, so hat sie errechnet, was die Herstellung des von ihr verwendetes Papiers, die Produktion der Siebdruckfarben und der Prozess des Druckens selbst an C02-Ausstoß verursachte: 400 kg. Diese Auswirkungen auf die Umwelt hat sie bei atmosfair ausgeglichen und quasi neutralisiert.

Eva-Maria Offermann: Ressourceneffizienz

Eva-Maria Offermann: Gesellschaftsvertrag

„Dinge länger nutzen“ steht slogangleich auf einem anderen Plakat, das „Ressourceneffizienz“ betitelt ist. Die Farben und Art der Gestaltung erinnern an einen Markt für Unterhaltungselektronik, der den Konsumenten zum Geiz anmahnt – allerdings geht es in diesem Geiz nicht darum, Dinge länger zu nutzen und kein neues „Ding“ zu kaufen, sondern im Gegenteil, weitere und neue Dinge zu erstehen, um dabei angeblich zu sparen. Dabei wurden Glühbirnen schon immer so konzipiert, dass sie weit unter ihrer möglichen Lebensdauer bleiben oder Kaffeemaschinen nach der Ein-Jahres-Garantie auseinanderfallen. Auf ästhetisch vielfältige Weise greift Eva-Maria Offermann in ihren Plakatdrucken Gedanken auf, die einer weiten Verbreitung bedürfen. Somit steht sie in der langen Tradition der politischen Aussage von Plakaten, Flyern, Handzetteln, Aufklebern. Die Möglichkeit zur Vervielfältigung ist diesen Medien eingeschrieben.

Robert Heel: Installationsansicht

Robert Heel

Umrahmt werden die Plakate von den Märchenwaldbildern Robert Heel. Im ersten Raum sind Papierarbeiten zu sehen, die mit Hilfe von Schablonen entstanden sind. Auf einer anderen Wand sind dieselben Waldtiere in schwarz-weiß einzeln auf – aus Berlin nicht mehr wegzudenkende – Stoffbeutel aufgetragen: Uhu, Dachs, Luchs, Specht und Fuchs. Sie hängen vor einer Waldlandschaft und können jederzeit verkauft werden, der Wald steht damit quasi vor dem Ausverkauf. Nach Bedarf kann man dazu mit einem Eichhörnchennussknacker in pinkfarbenen Signalton Nüsse knacken. Der Besucher imitiert das Leben im Wald selbst, im Ausstellungsraum, mit einem leblosen Eichhörnchen. Zur künstlichen Szenerie der im Wald als Taschen baumelnden Tiere ertönt der künstlich-echte Sound des Wallnussknackens von Menschen. Diese Aktion war ein Teil der Performance zur Eröffnung. Teil zwei spielte sich im hinteren Bereich des nächsten Raums ab. In einer weiteren Waldkulisse trat Heel musikalisch auf und erfreute das Publikum mit einem grafischen Konzert: „Ich möchte ein Eichhörnchen sein“, war die einzige Songzeile. Am kommenden Tag ertönen als eine Art Relikt Käuzchenrufe aus den Lautsprecherboxen.

Robert Heel: Installationsansicht

Der Projektraum General Public gründete sich 2005 als Verein. Das achtjährige Bestehen des Raums ist etwas besonderes, wenn man die hohe Fluktuationsrate von Off-Räumen in Berlin bedenkt. Manche bestehen für einen Abend, eine Ausstellung oder ein Jahr. Aber hier ist die Hälfte der Gründungsmitglieder noch aktiv und die Entscheidung zum Programm verläuft auf harmonische Weise basisdemokratisch, was ebenfalls eher eine Ausnahme und nicht die Regel ist. Zur aktuellen Ausstellungseröffnung erschien ein brasilianischer Künstler, der sich einen Monat in Berlin aufhält und gezielt auf General Public zukam, um eine mögliche Zusammenarbeit vorzuschlagen. Auch daran sieht man, wie sich Bedeutung und Glaubwürdigkeit niederschlagen können.

Robert Heel

Mit dem Preis zur Auszeichnung künstlerischer Projekträume und –initiativen, mit dem General Public / DISK Initiative Bild & Ton e.V. – und auch andere Off-Räume in Berlin – vom Senat gewürdigt wurden (immerhin 30.000 € pro Raum), wird sehr überlegt umgegangen. Zunächst sollte es –  als Kritik des Desasters der Kunst-, Künstler- und Raumförderung, ausgelöst durch „Based in Berlin“ – in schicke Schuhe zur Preisverleihung investiert werden… Absolut wünschenswert sind mindestens acht weitere Jahre mit einem engagierten Programm, ganz gleich wie das Preisgeld investiert werden wird. Eine gute Lösung wird sicherlich gefunden werden.

Wire im Benzulli

Fotos: Johannes Bendzulla

Danke Benzulli!

 

Johannes Döring

Johannes Döring

Johannes Döring

Johannes Döring

Agnes Lux

Ryan Foerster

Katherine Bauer

 

Gallery Opening in Düsseldorf Flingern

von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)

Letztes Wochenende, gemeinsames Gallery Opening in Düsseldorf Flingern – der Name ist Programm. Wer von auswärts mit liest und Flingern nicht kennt, der stelle sich bitte einfach Berlin Mitte vor, allerdings nicht nur komplett durchsaniert sondern in der Zusatzvariante völlig tote Hose.
Aber warum trotzdem nicht einmal aus nächster Nähe sehen was man in der WZ derzeit unter dem Zentrum der Avantgarde-Händler versteht.

Eine fantastische Fotostrecke wollte ich mitbringen. Bilder mit weltklasse Kunst die unseren Lesern die Tränen in die Augen treiben und sowohl Spitzenhöschen als auch Feinrippbuchse nass machen. Ich war guter Dinge!

Leider wurde nichts draus.

Die mehrheit der Bilder und Artefakte konnten nicht überzeugen, das allermeiste war selbst für unsere Verhältnisse zu off, geradezu offoff eigentlich. Eine der wenigen Ausnahmen Gregor Schneider – aber Schneider ist eben Schneider – mit einem einfachen und nachhaltig beeindruckenden Video seines Indienprojekts.

Gregor Schneider war in Indien und hat unter anderem ein Video mitgebracht. Ein Bild wie eine Faust. Respekt!

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„Brachial Sensibel“ im Studio Roh

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Im Norden des Düsseldorfer Hauptbahnhofs, um den Worringer Platz herum, wimmelt es mittlerweile vor Projekträumen, Ateliers und mehr oder weniger kurzfristig angelegten Kunstinitiativen. Weiter im Süden, um den Mintropplatz herum, eingequetscht zwischen Bahnbrücke, Table-Dance-Läden und den Ausläufern des marokkanischen Viertels, wurde vor kurzem ein Gegengewicht geschaffen, das erste Off-Projekt in diesem zentralen Stadtteil. Dort haben sich Rebekka Benzenberg und Oliver Blumek etabliert und ihre Wohnung zu einer Art work in progress gemacht. Die beide haben sich in der Klasse Gostner in der Kunstakademie kennengelernt. Binnen weniger Monate hatten sie ein neues Zuhause bezogen und gleichzeitig ein Projekt definiert, das unter der Bezeichnung „Studio Roh“ läuft. Es ist also mehr als eine Wohnung – es ist zugleich ein Ort des Lebens, des Arbeitens und der öffentlichen Begegnung. Die erste Ausstellung sollte ein Zeichen setzen und programmatischen Wert haben. Mit „Brachial sensibel“ zeigten die zwei Künstler ihre eigenen Arbeiten und gaben den Ton an.

Blick im „Wohnzimmer“

Im Hintergrund: Ein Bild von Rebekka Benzenberg

Die Küche ist ein hart beleuchteter Getränke-Ausschank, bestückt mit Bildern und einem Sofa. Das Wohnzimmer mit den breiten Fenstern gilt als größter Ausstellungsraum und ist für großformatige Gemälde geeignet – am Eröffnungsabend wurde hier auch getanzt. Das Schlafzimmer ist in ein Installationskabinett verwandelt worden, getaucht in krankes gelbes Licht. Diese Atmosphäre der Semi-Öffentlichkeit ist, abgesehen von den jeweiligen Projekten von Sebastian Riemer und Tanja Goethe, eine Seltenheit in der Düsseldorfer Kunstszene. Auch die Grundhaltung des Betreiberpaares klingt zunächst unüblich – eine Mischung aus unverfrorener, sich nicht um die Regeln des Kunstbetriebes scherender Begeisterungsfähigkeit und pubertärer Naivität. Beide Bestandteile dieser Mischung besitzen eine willkommene Frische, die immer noch wärmer als die Coolness mancher Off-Akteure ist.

Rebekka Benzenberg

Der Titel „Brachial Sensibel“ beschreibt ganz gut die Ambivalenz, die Benzenberg und Blumek interessiert. „Wir suchen etwas, das zugleich hitzig und weich ist“, kommentierten die Künstler. „Es soll sehr gefühlsbetont werden. Die Kunstszene erscheint uns zu künstlich, zu fern von den Menschen.“ Gute Absichten, die zunächst ein wenig abstrakt klingen. „Wir wollen zurück zu den Wurzeln!“, fahren die beide fort. „Zu welchen Wurzeln?“ frage ich. Da müssen sie ein wenig überlegen. Sie sind sich ihrer Sache sicher, hatten aber anscheinend noch nicht an eine Verbalisierung gedacht. „Die Wurzel ist die Emotion“, sagt dann Blumek. „Zurück zum Ich. Die Wurzel ist das Bewusstsein für das Gute und das Böse. Es ist eine moralische Vorstellung“.  Na so was. Sturm und Drang revisited?

Oliver Blumek

Nun, Eines muss ich zugeben: Mit einer Rückkehr der Romantik hätte ich niemals an diesem Ort gerechnet. Und das war ein Fehler von mir – denn, trotz des Abgangs des Malerfürsten Lüpertz und trotz des frischen Windes, der nun angeblich in der Kunstakademie wehen muss, ist der Hang zum romantischen Pathos eine tief in der künstlerischen Seele Düsseldorfs verbohrte Eigentümlichkeit, die sich nicht mal eben aushöhlen lassen kann. Von den Anfängen der Düsseldorfer Malerschule im frühen 19. Jahrhundert bis zum heutigen Tag ließe sich möglicherweise ein roter, gefühlsbetonter und affektiver Faden ziehen, der das Kolorit der lokalen Kunstszene bestimmt – für weitere interessante Dissertationsthemen, bitte bei der Redaktion melden.

Oliver Blumek

Oliver Blumek

Aber zurück zur Emotion. Und zurück zur Kunst. Benzenberg und Blumek haben eine Auswahl von ca. 25 Bildern getroffen, die vor allem in zwei Räumen hängen. Obwohl er eigentlich aus der Skulptur- und Installationskunst kommt, hat sich Blumek von seiner Partnerin „anstecken lassen“ und sich im Medium der Malerei ausprobiert. Es sind vielschichtige, abstrakte Bilder entstanden, die der Balance zwischen laschen, unkontrollierten und sehr präzisen Gesten nachgehen – und diese zum Teil auch finden. Elemente eines vitalen Action Painting mischen sich mit einem sensibleren Duktus, der verschiedene, sich widersprechende Raumtiefen schafft. Auch wenn diese Malerei viel verspricht und neugierig auf weitere Entwicklungen macht, ist sie noch längst nicht ausgereift. Man spürt hier deutlich, dass ein Künstler sich noch sucht und zwischen unterschiedlichen Formeln zaudert. Sich dieser Unfertigkeit zu stellen ist für den Maler-Neophyten ein mutiger Akt – und für den Außenbetrachter eine spannende Einsicht in ein entstehendes Werk.

Rebekka Benzenberg: Weltkarte

Rebekka Benzenberg

Rebekka Benzenberg beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit Malerei und ihre Bilder zeigen da eine andere Reife als die ihres Partners. Es sind meistens große Formate mit sehr verdünnten Farben, in denen die vielen Malschichten Motivansätze und schemenhafte Formen generieren. Die Laviertechnik, die dem Zufall viel Raum öffnet, ist mit großen Gesten durchgeführt. Die weichen Farbtöne, in Beige, Blau-Grau und mit Spuren von Lila und Alt-Rosa, erinnern an manche frühen Kompositionen von Graubner. Diese wässerigen, atmosphärischen Welten werden nicht selten von deutlichen schwarzen Blitzen gebrochen oder von entscheidenden Pinselspuren auseinandergerissen, bei denen die Präsenz des Körpers deutlich sichtbar wird. Die Expressivität der Informellen (man muss hier schon oft an Fred Thieler denken) bestimmt den Herstellungsmodus dieser Gemälde. Trotz einiger Referenzen, besitzt Benzenberg einen eigenständigen, ausdifferenzierten Stil, der nicht zur Neo-Neo-Geo-Malereiwelle der letzten Jahren passen will. Darüber hinaus probiert sich die junge Künstlerin in etwas gegenständlicheren Kompositionen aus, die wie Reminiszenzen an die Neuen Wilden wirken.

Der gelbe Raum war Objekten gewidmet, die Benzenberg und Blumek zusammen gestaltet haben. Da ließ sich die Malerin auf die dreidimensionale Arbeit ein, genauso wie der Bildhauer Oliver Blumek sich auf die Malerei eingelassen hatte. Das Ergebnis ist weniger überzeugend als die malerische Arbeit. Mit Hackfleisch gefüllte Nylonstrümpfe und Kondome hängen in verschiedenen Konstellationen und Inszenierungen im Raum, eine verschmutzte Matratze liegt da wie eine verschandelte Leiche, eine Pflanze ertrinkt im dreckigen Wasser. Körper, Sexualität, Tod, Gewalt. Die Symbolik ist alles in allem ein wenig zu grob. Die gewollte Atmosphäre wird zu einem Gruselkabinett.

Künftig soll sich das Studio der Außenwelt öffnen. Geplant sind Workshops, und zwar nicht nur im Bereich der Malerei sondern auch der Fotografie und der Mode. Die nächste Ausstellung findet am 2.3. statt; der Schwerpunkt soll diesmal auf Video liegen.

Finale im Institut für Skulpturelle Peripherie

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Auf das dialogische Prinzip von Push sind wir bereits in der Vergangenheit eingegangen. Nach einigen Monaten vorprogrammierter Kollision und künstlerischer Reibungen bot die Abschlussausstellung ein friedfertiges Bild. Jeder Künstler der Reihe war mit einer Arbeit vertreten und okkupierte jeweils einen kleinen Bereich des ohnehin kleinen Raumes. Demnach wirkte die gesamte Präsentation wie ein ungezwungenes Zusammenkommen von Freunden, mit Verzicht auf einen künstlichen Überbau und (in diesem Fall: überflüssigen)  konzeptuellen Hintergrund.

Burchhard Garlichs

Interessanterweise waren gerade die zwei Positionen, die ich bei einer früheren Rezension ein wenig hart in die Mangel genommen hatte, die aus meiner Sicht besten der Ausstellung. Burchhard Garlichs hat Papierarbeiten an eine Wand gehängt und die richtige Balance zwischen strengem Kompositionsprinzip und einer sensiblen Sinnlichkeit gefunden. Der Rhythmus seiner auf vertikalen, diagonalen und horizontalen Linien basierenden Bilder besitzt die Prägnanz von serieller Musik, verschwindet jedoch nicht hinter einem anonymen Duktus. Die Hand des Künstlers bleibt durch winzige Zuckungen und Unregelmäßigkeiten stets sichtbar. Auch die Behandlung des Papiers, die teilweise die linierte Struktur hinter einem weißen Schimmer durchscheinen lässt, trägt zu dieser ausgeglichenen aber dennoch spannenden Gesamterscheinung bei.

Michalis Nicolaides

Seinerseits hat Michalis Nicolaides die Störenfried-Rolle fortgesetzt, die er bereits bei der ersten Ausgabe der Serie erfüllt hatte. Bei seiner schelmischen Licht- und Videoinstallation, bezieht er sich sowohl auf die allgemeine Raumsituation, mit den vielen über den Putz verlaufenden Elektrokabeln, als auch auf die konkrete Ausstellungssituation, deren harmonische Wahrnehmung er in regelmäßigen Abständen stört. Das Video zeigt den Künstler, zwei Segmente eines abgeschnittenen elektrischen Kabels über dem Kopf zusammenhaltend, in einer angestrengten Körperposition. Nach einer gewissen Zeit, als er an die Grenzen seiner Muskelkraft stößt, lässt er los, die Bindung der Kabel bricht ab, das Licht im gefilmten Raum geht aus – sowie an den Wänden des Instituts für Skulpturelle Peripherie. Für ein paar Sekunden wird es an diesem späten Winternachmittag düster im Raum. Mehr als ein Gag ist dies hier eine humorvolle und anspielungsreiche Performance und Nicolaides hält viele Stränge in einer Hand: Das Klischee des heldenhaften Künstlers als (hier: müder) Prometheus wird zitiert, aber natürlich auch die ganze Tradition des immer-aufs-Ganze-gehenden-Performers à la Flatz oder Abramovic und das Pygmalion-Paradigma wird revidiert und auf die neuen Medien übersetzt. Eine scheinbar simple Angelegenheit führt den Betrachter auf viele, interessante Pfade…

Ulrike Kötz

Unbeeindruckt von Nicolaides Lichtunterbrechungen leuchtete spärlich aber beständig die Installation von Ulrike Kötz, ein Überbleibsel aus der letzten Ausstellung der Push-Reihe, die sich wortwörtlich an den markanten Holzbalken des Raumes anlehnte und, sich verselbstständigend, eine Verbindung zwischen Decke und Boden vornahm.

Christiane Rasch

Weiterhin ist das geschickt platzierte Video von Hüseyin Karakaya aufgefallen, das in unmittelbarer Umgebung des und im Institut realisiert wurde. Wie für eine Art subjektiver Raumerkundung und Spurensuche näherte sich Karakaya mal in völlig abstrakten, mal in gespenstischen Nachtaufnahmen manchen visuellen Elementen des Ortes an.

Martin Steiner war mit einer Arbeit vertreten, die, trotz der kompakten Erscheinung, in einem eigentümlichen Schwebezustand stand und die Grenze zwischen Bildhauerei und Malerei, Leere und Fülle, geführter Linie und zufälliger Spur suchte. Das „Bild“ war wohl ein modifiziertes Überbleibsel aus einem früheren Werk und verhielt sich dazu wie ein Negativ oder autonom gewordener Schatten einer unsichtbaren Form.

Des weiteren waren auch Sonja Meyer, Wanda Sebastian und Christiane Rasch mit präzisen und unaufdringlichen Arbeiten vertreten – eben alle Pusher und Gepuschten der vergangenen Monate. Erstaunlicherweise gestaltete sich das Finale also zu einer klaren, aufgeräumten und harmonischen Präsentation. Manche, wie Sonja Meyer, gingen noch einmal auf architektonische Besonderheiten des Ortes ein, andere, wie Christiane Rasch, zeigten streng autonome Arbeiten.

Sonja Meyer

Und wie geht es weiter, nun da Push zu Ende ist? Die aktuellen Betreiberinnen Pe, Friederike Schardt und Eva Weinert haben für die Zukunft keine feste Reihe geplant. Das serielle Ausstellungsformat spielerisch-konfrontativer Akzente, mit dem das Institut für Skulpturelle Peripherie seit einigen Jahren gut fährt, soll nicht fortgeführt werden. Zu einnehmend wurde die regelmäßige Arbeit, die ein solches Format mit sich bringt. Stattdessen soll es künftig zu punktuellen Ausstellungen kommen, die bevorzugt in Kooperation mit anderen Projekträumen der Republik stattfinden werden. Der erste Austausch ist indes schon mit dem Kunst- und Kulturverein 2025 e.V. aus Hamburg geplant; voraussichtlich September 2013 wird das Institut dort ausstellen und Maler aus der Hansestadt zuvor empfangen. Wir halten euch auf dem Laufenden…

Christel Blömeke: Abdruck (courtesy Christel Blömeke)

 

Jenseits in der Hans Peter Zimmer Stiftung

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Es ist eine gewagte und für den durchschnittlichen Kunstbetrieb höchst außergewöhnliche Ausstellung. Nicht, dass eine Präsentation zum Thema „Tod und darüber hinaus“ (meine Zusammenfassung) neu oder gar sensationell wäre. Aber wenn eine Institution ihre Arbeit zum ersten Mal in der Öffentlichkeit präsentiert und sich zu diesem Zweck als Neugeborene stilisiert, erwartet man üblicherweise eine zukunftsträchtige Rhetorik voll jugendlicher Kraft sowie feuerwerksartige Statements und Bilder, die blühende Landschaften und sonnige Perspektiven versprechen. Stattdessen wird uns der Tod serviert. „Jenseits – Beyond the Body“, mehr oder weniger als Eröffnungsgala der HPZ-Stiftung zu verstehen, dreht sich in der Tat um eine gerne verdrängte Thematik.

vorne: Roy Villevoye; hinten Alet Pilon

Die Auslöschung des Lebens als Auftaktveranstaltung kann entweder als makabrer Humor oder als antizyklische und widerborstige Programmankündigung bewertet werden. Und wer den Künstler Wolfgang Schäfer kennt, den führenden Kopf der Stiftung und bekennenden Christen mit starker Affinität zur offiziellen Kirche, wird für die zweite Hypothese tendieren. Denn die Auslöschung des Lebens ist ja aus religiöser Perspektive nicht alles und markiert eher einen Neuanfang als ein endgültiges Ende. Von diesen Prämissen ausgehend hat die eingeladene Kuratorin Anne Berk ihre Vernetzungen in den Niederlanden (und jenseits davon) reaktiviert und eine Ausstellung konzipiert, die wie eine Faust auf das Auge der Stiftungsräume passt.

Alet Pilon; hinten: Mark Cramer

Es ist sicherlich keine einfache Aufgabe, die großen und atmosphärischen, z.T. düsteren, z.T. bloß rohen Hallen der HPZ-Stiftung zu bespielen. Und auch wenn man die Schmuddelästhetik verlassener Industriegebäude im Kunstkontext langsam leid wird (gibt es wirklich keine andere Alternative zum White Cube?) müssen wir Berks kuratorische Arbeit loben. Sie hat sich auf Positionen der Bildhauerei, der Installation und der Videokunst konzentriert, die sparsam und ausgewogen in den unterschiedlich großen Sälen platziert wurden. Ihr facettenreicher Parcours spielt klug und ohne unnötige Effekte mit Lichtvariationen und räumlichen Hell-Dunkel-Kontrasten (eine schöne inszenatorische Metapher zum Ausstellungsthema). Während die Raumbespielung so gut wie perfekt erscheint, ist hingegen die Künstlerauswahl ungleichmäßig. Die Qualität der Werke, bzw. der Künstler schwankt so stark, dass man, aller atmosphärischen Dichte und thematischen Prägnanz zum Trotz, nicht von einer homogenen Ausstellung sprechen kann.

Jeroen Eisinga: Springtime

Der fesselndste und tiefste Beitrag der gesamten Schau stand direkt an deren Anfang. Der Film von Jeroen Eisinga wurde einsam im sog. „Backraum“ projiziert und war so stark, dass er locker den großen, dunklen Raum  füllte. Hier erlebte man in feinkörnigen Bildern, wie ein riesiger Bienenschwarm den Körper des Künstlers nach und nach bedeckte, bis der Mensch zu einer einzigen wimmelnden, organischen Masse wurde. Die Extremsituation braucht weder Ton noch andere Mittel um ihre ganze existentielle Dramatik zu entfalten und ein Minimum an Empathie reicht beim Betrachter aus, um Beklemmungsängste und Todesfurcht auszulösen. Höchst sinnlich und ätherisch zugleich, von einer mystischen Symbolik durchdrungen und trotzdem extrem körperbezogen, ist Springtime ein Film, der die paradigmatische Balance zwischen Angst und Ekstase auslotet und einen Schritt in den Tod wagt.

Jaap de Ruig: Man

An diese beeindruckend starke Arbeit kommen die meisten anderen Beiträge nicht heran – und werden nicht selten von dem genuinen Zusammenspiel mit den Räumen der Stiftung gerettet. Suffering von Jaap de Ruig ist hingegen so abgründig gemein, dass das Video sich durchaus in diesem und in jedem anderen Rahmen locker behaupten kann. Wie ein böser, ungezogener Junge spielt de Ruig mit toten Tieren und inszeniert ihr Ableben mit einer kindischen Ernsthaftigkeit, die nicht frei von Grausamkeit bleibt – wie als das kleine, süße, bereits tote Mäuschen mit dem Spielzeug-Traktor zur Mausefalle transportiert wird um dort erneut eliminiert zu werden. Ist einmal die kulturell bedingte Ekelschwelle und der oberflächliche Eindruck, vor einer perversen, krankhaften Handlung zu stehen, überwunden, dringt man in weitere, komplexere Schichten der Arbeit ein. Abseits moralisch korrekter und pietätvoller Gefühle, ist Suffering eine Metapher des menschlichen Körpers und seiner Verletzbarkeit und nimmt eine ungenierte Manipulation des Phänomens Tot vor. Ein verstörender und befreiender Tabubruch.

Célio Braga: Unveil

Der brasilianische Künstler Célio Braga hat eine sensible Installation realisiert, die sich aus dem Leiden und der Krankheit seines Freundes speist – und automatisch an manche wunderbaren Arbeiten von Felix Gonzalez-Torres erinnert. Medikamentpackungen und Beipackzettel werden in repetitiven und geduldigen Gesten verarbeitet und zu einer Kettenwand verwoben oder zu einem Turm (mit eindeutigem Brancusi-Bezug) assembliert. Bragas Herangehensweise hat etwas naiv-magisches – als ob er mit diesen obsessiven Gesten die Krankheit eines ihm teuren Menschen ausmerzen wollte.

Judith Maria Kleintjes: No title

Judith Maria Kleintjes: o.T.

Judith Maria Kleintjes: in between

Eine weitere stimmige, wenn auch im Kontext der Ausstellung fragwürdige Position, ist die von Judith Maria Kleintjes. Die seit vielen Jahren in Düsseldorf lebende Niederländerin zeigte eine Stahlwolle-Skulptur, die in mühsamer und z.T. schmerzhafter Arbeit entwirrt und in eine kokonartige Form gebracht wurde. Wie Braga, aber mit einer gesteigerten Aufmerksamkeit für die inhärente Qualität ihres Materials, legt Kleintje ebenso viel Wert auf das Prozesshafte ihrer Kunst als auch auf deren fertige, skulpturale Gestalt. Die zeitintensive und geduldige Verarbeitung der Stahlwolle fließt in deren Interpretationsfeld. In einem anderen Raum lagen auf dem Boden kleinen, rötlichen Keramikobjekte, deren organische Formen, zwischen Vulva und Schmetterling oszillierend, zu sehr mit der Ästhetik  des Weiblichen kokettierten.

Mark Kramer: Tracing Out the Void

vorne: Mark Kramer; Mittelgrund: Roy Villevoye; Hointergrund: Alet Pilon

Erwähnenswert ist noch die abstrakte Installation von Mark Kramer, deren Bezug zur Ausstellung nur grenzwertig einleuchtend war (wobei ihre universelle Gültigkeit dazu führt, dass sie mit Sicherheit in allen denkbaren Kontexten passen kann). Der Körperbezug, den man in allen anderen Werken der Schau feststellen kann, hat sich nun vollständig aufgelöst. Hier kann die Leere, das Nichts, das den lebendigen Körper in dessen Tod entlastet, erfahren werden – so zumindest laut Katalog der Ausstellung. Jedenfalls war das extrem reduzierte Spiel mit Licht und Schatten, das reflexartig Platos Höhlengleichnis evoziert, ansprechend.

Alet Pilon: Not Me

Alet Pilon: Wish I Had

Brele Scholz: Study in Motion 3

Obwohl sie sich mit einem unsagbaren Phänomen auseinandersetzt, ist Jenseits eine erstaunlich gegenständlich geprägte Ausstellung, die teilweise auf konventionell-symbolischen Werken beruht. Die Skulpturen und Installationen von Alet Pilon, Esther Bruggink, Brele Scholz oder Jan Thomas operieren beispielsweise mit mehr oder weniger eindeutigen Bildern und Zeichen. Ohne sie in eine einzige, einheitliche Schublade aufräumen zu wollen, erkennt man formelle Verwandtschaften in all diesen Werken. Sie gehen auf den Tod ein und visualisieren das Phänomen wirksam und direkt – manchmal aber eben ein wenig zu direkt.

Erzebeth Baefeldt: Pieta

Esther Bruggink: Rusalka

Ida van der Lee: Allerzielen Alom

Ida van der Lee

Auch das von Anne Berk konstatierte „religiöse Defizit“ unserer einigermaßen säkularisierten Gesellschaft wird nicht wirklich aufgegriffen. Mehr als das Eindringen ins Jenseits, wird hier vor allem das Ende des leiblichen Lebens registriert und durchdekliniert. Transzendentale Elemente findet man nur mit angestrengtem, gutem Willen in der einen oder anderen Installation. Diese Tatsache ist von mir jedoch nicht als Kritik gedacht – denn eine abgeklärte Ausstellung zum Leben nach dem Leben hätte mir, gerade in dieser engelüberladenen vorweihnachtlichen Zeit, gar nicht geschmeckt.

Jan Thomas: Black Master

Martin uit den Bogarth: Painting and Singin‘ Finger

Jenseits – Beyond the Body
Weltkunstzimmer in der Hans Peter Zimmer Stiftung
Ronsdorfer Straße 77a
28.10-30.11.2012
 

The white male complex bei SAVVY Contemporary

von Stefanie Ippendorf (Berlin)

„Macho, weiß, von gestern” titelte DIE ZEIT und machte damit Barack Obamas Wiederwahl sowie die „Bedrohung“ der „Männer des Westens“ durch „Frauen, Migranten“ und „den Rest der Welt“ zum Thema.  „Die Wiederwahl von Obama“, so das gemischtgeschlechtliche Autorenteam „markiert eine historische Wende, die Jahre selbstverständlicher männlicher, weißer Dominanz gehen zu Ende …“.

Ähnlicher Meinung dürfte auch der Künstlerkurator Thomas Eller sein. Für den Berliner Kunst- und Projektraum SAVVY Contemporary hat er die Ausstellung The white male complex konzipiert, in der stichprobenartig untersucht werden soll, was es unter heutigen Voraussetzungen bedeutet, weiß und männlich zu sein. SAVVY Contemporary versteht ich als „Laboratorium der Formgedanken“ und  ist, so die Homepage-Selbstdarstellung, “ein gemeinnütziger Kunstraum, der durch Ausstellungen, Performances, Lectures und Talks den Austausch zwischen Westkunst und Nicht-Westkunst fördert“.

links: Adib Fricke: Seven Ties Version1 with 7 suits_
(1991); rechts: Thomas Eller: THE selbst (sans…) (2011)

Bei der Themenfindung zur aktuellen Ausstellung hat sich Eller durch eine kritische Betrachtung der amerikanischen „Whiteness Studies“ sowie vom Gedankengut des Germanisten Klaus Theweleits inspirieren lassen, der 1977 mit seinen „Männerphantasien“ Furore machte: einem doppelbändigem Buch, in dem er die Entstehung der faschistischen Gewalt untersuchte und danach fragte, wie diese in den Körpern der (männlichen) Soldaten verankert war. Laut Eller haben Theweleits „Beschreibungsweise von nicht zu Ende geborener Männlichkeit und Körperpanzern aller Art, bis hin zu Superheldenhalluzinationen ein brauchbares Instrumentarium zur Verfügung“ gestellt. Resultat ist eine Ausstellung mit zwölf, durchweg von Männerhand erschaffenen Werken und einem Comicheft.

DETEX: VI4GRA [SPAM] (2012)

Was also sind die Komplexe des weißen Mannes? Thema: Phallus, Thema: Potenz! Mit der VI4GRA [SPAM] betitelten Arbeit, die am Anfang der Ausstellung zu sehen und hören ist, geht die Künstlergruppe DETEXT in Zusammenarbeit mit der spanischen Band Mendetz direkt in die Vollen. „life is unjust and cruel if you have a tiny tool”, „you can be a real macho”, „be proud of your masculinity, much longer than it used to be” tönt es hier aus den kleinen Boxen – alles Textzeilen von per Spam-Mail empfangenen Viagra-Werbungen, die zu einem tanzbaren Synthie-Pop-Song mit schicken Visuals verarbeitet wurden (leider ein Ohrwurm! hier nachzuhören http://www.detext.es/).

Thomas Eller: THE selbst (endgame)(2012)

Thomas Eller lässt die Hosen runter. In seinen Arbeiten macht sich der Künstler immer wieder selbst zum Thema und bevölkert die Welt mit Stellvertreter-Aufstellfiguren in unterschiedlichen Größendimensionen. Als THE selbst (sans…) zeigt er sich dandyhaft  im schwarzen Anzug mit Krawatte, doch ohne Beinkleid und geschrumpft. Auf THE selbst (endgame) gibt er sich gar die komplette Blöße und sitzt mit erigiertem Penis beim Schachspiel gegen das eigene, bekleidete Konterfei. Mit der 2012 entstandenen Arbeit verweist Eller auf Marcel Duchamp, der sich 1963 mit der nackten Studentin Eve Babitz beim Schachspielen im Museum fotografieren ließ, um das Ende seiner künstlerischen Tätigkeit anzukündigen.

Markus Voit: ME (2005)

Markus Voit: Ohne Titel (2011)

Für das Selbstportrait ME lies auch Markus Voit die Hüllen fallen. Mit bravem Seitenscheitel und freundlichem Blick präsentiert er uns seinen schmalen, jugendlichen Körper. Doch was ist das? Statt roter Brustwarzen, wachsen zwei Fellbüschel auf der sonst haarlosen Brust. Seinen damals ebenfalls noch jugendlichen Körper inszeniert Bruce Naumann in Walk with Contraposto. Mit ordentlich viel Hüftschwung durchschreitet er einen langen, schmalen Korridor und erkundet dabei die Möglichkeit,  den auf Standbein und Spielbein basierenden, in der klassischen Bildhauerei genutzten Kontrapost in Bewegung zu setzen.

Clemens Wilhelm: Read me (2011)

„Was die Zukunft wohl bringen mag?“ fragte sich Clemens Wilhelm und konsultierte während eines Residency-Aufenthalts im chinesischen Chongqing vier Wahrsager, die ihm aus der Hand lasen und ihm über seine künftigen Erfolge, den Reichtum, das Liebesleben und die Gesundheit Auskunft gaben. Im Video ist die überlebensgroß auf einen Tisch projizierte Hand zu sehen. Als Untertitel läuft die englische Übersetzung der aus dem Off erschallenden chinesischen Zukunftsvorhersagen. Erstaunlicherweise sind sich die unabhängig voneinander befragten Wahrsager in den Kernaussagen einig. Man erfährt u.a., dass Wilhelm wohl nicht so früh heiraten wird (bzw. nicht so früh heiraten sollte), er aber einige Affären haben wird, er  jemand ist, dessen Arbeit auf dem Intellekt fußt und nicht körperlicher Art ist und dass er eine ausgeprägte Analysefähigkeiten besitzt. Mit Read me gewährt Wilhelms Einblicke in eine normalerweise sehr private Erfahrung und vermittelt dabei eine chinesische Blickweise auf seine Person.

Mike Kelley: Superman Recites Selections from `The Bell Jar`and other works by Sylvia Plath (1999)

In seinem Spätwerk hat sich der leider Anfang des Jahres verstorbene Mike Kelley mit der Vita von Superman und somit dem Paradebeispiel des heldenhaften, weißen Mannes, befasst. Ausgangspunkt für das Projekt Kandor-Con 2000 ist die Stadt Kandor: eine Stadt, die in den Comics als letztes Überbleibsel des zerstörten Heimatplanten Krypton auftaucht. Kandor wurde von einem Bösewicht auf Miniaturformat geschrumpft und gelangte in Supermanns Besitz, der die Stadt unter einer Glasglocke aufbewahrt – Superman nicht als Held sondern als durch die Vergangenheit, den Verlust der Heimat bzw. durch ein „entfremdetes Verhältnis zu dem jetzt von ihm bewohnten Planeten“ traumatisiert.  Mit dem Video Superman Recites Selections from ‚The Bell Jar‘ and Other Works by Sylvia Plath ist in der Ausstellung leider nur ein minimaler Teil von Kelleys umfassendem Projekt zu sehen. Hier rezitiert ein Schauspieler im Supermann-Kostüm Textteile aus Sylvia Plaths Roman Die Glasglocke (1963).

Irgendwie unnötig, dass neben Kelleys Arbeit eine Kopie des Comics Superman: Für den Mann, der alles hat (1968) hängt, in dem Batman, Robin und Wonder Woman dem Superhelden eigentlich einen Geburtstagsbesuch in seiner „Festung der Einsamkeit“ abstatten wollen, diesen jedoch starr, geistesabwesend und von einer Art Pflanze befallen vorfinden…

Walter Robinson: untitled (Penthouse) (2010)

Wie sang einst Herbert Grönemeyer? „Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark, Männer können alles, Männer kriegen ´nen Herzinfarkt, Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter…“

 

The white male complex
Thomas Eller, DETEXT, Adib Fricke, Mike Kelley, Bruce Nauman, Walter Robinson,
Felix Schneeweiss, Superman, Markus Voit, Clemens Wilhelm
4.11. – 4.12.2012
Do- So, 16.00-20.00 Uhr
SAVVY Contemporary
Richardstr.43/44
12055 Berlin
www.savvy-contemporary.com

 

Über die Streetart in Düsseldorf (und anderswo)

Es ist schon eigenartig mit dem Internet. Da scannt man täglich durch den digitalen Äther, hält die Augen auf und ist fest davon überzeugt man kenne sich gut aus und all das was dazu gehört. Und wenn man schon nicht alles kennt, dann glaubt man doch man hätte zumindest all das auf dem Schirm, was für die eigene Filterbubble von Relevanz ist.
Und dann stolpert man eines Tages doch über etwas Neues was offensichtlich gar nicht so neu ist, schaut ich das dann an und fragt sich wie diese Sache so lange Zeit mit solcher Energie betrieben werden konnte, ohne in den eigenen Wahrnehumgshorizont zu geraten. Sebastian Hartmanns Blog streetartmag.wordpress.com ist ein solches Projekt und wird hiermit sofort in unsere Blogroll aufgenommen.
Schön, dass es auch in Düsseldorf ein ambitioniertes Projekt gibt, welches sich dieser mittlerweile ganz und gar nicht mehr so exotischen Kunst im öffentlichen Raum widmet. Und schön auch, dass das Projekt nicht nur in der digitalen Öffentlichkeit aktiv ist, sondern auch in den Straßen der Stadt, zum Beispiel mit einer kleinen Streetart-Führung für Facebook-Fans durch Bilk.

Sebastian Hartmann bei der zweiten Streetart-Tour durch Düsseldorf Bilk

 

Die Bilder stammen aus Sebastian Hartmanns Blog und von den Kollegen vom bilkorama – wir sagen Danke! Weitere Infos zu den vorgestellten Künstlern und zu Streetart in Düsseldorf generell finden unser neugierigen Leserinnen und Leser dort.

(Tip via Rieke – Danke!)

http://streetartmag.wordpress.com

 

Winfred Gaul im Grafischen Kabinett

von Dominik Busch (Düsseldorf)

Fotos: Sebastian Riemer

 

Den langen Flur in der Ackerstraße mit einer Ausstellung zu bespielen, die „ich unbedingt noch machen wollte“, bevor das Grafische Kabinett in absehbarer Zeit schließt – so gezwungen wirkt die Schau beileibe nicht. Es verwundert vielmehr die für das Kabinett ungewohnt farbigen Siebdrucke Wilfred Gauls, die Erzählungen zufolge der sonst eher üblichen Grisaille ausgestellter Arbeiten entgegentritt.

Foto: D. Busch

Sebastian Riemer, über den perisphere.de bereits zu anderer Gelegenheit berichtete, Meisterschüler von Thomas Ruff und Christopher Williams, öffnet seit mehreren Jahren seine Wohnung für temporäre Ausstellungen. Der Name ist hierbei Programm. So werden im Grafischen Kabinett vornehmlich Grafiken von akademienahen Künstlern und Künstlerinnen ausgestellt, zuletzt solche des Düsseldorfer Malers Lukas Schmenger. Wir haben es also mit einem Projektraum aus dem direkten Umfeld der Kunstakademie Düsseldorf zu tun und dürfen eine kuratorische wie künstlerische Auseinandersetzung am vermeintlichen Puls der Zeit erwarten.

 

Warum also, mag manch einer fragen, stellt man im Jahr 2012 einen Maler des deutschen Informel aus, dieser Großkeule deutscher Malereigeschichte? Warum zudem in einem Projektraum, der von einem Kurator in seinen Mittzwanzigern betrieben wird und der begann zu studieren, als Gaul gerade verstorben war? Etwa Profilierungsnot im Wust Düsseldorfer Projekträume? Abwechslungsbedürfnis zu den sonst omnipräsenten Positionen aspirierender Kollegen? Oder schlichtweg das Ergreifen der Gelegenheit beim Schopfe? Nichts von alldem und doch von allem ein bisschen.

 

Die Gelegenheit bot sich Riemer durch die Bekanntschaft mit der Nichte Gauls, die den Kontakt zwischen dessen Witwe, seiner Nachlassverwalterin, und Riemer herstellte. Ein Zufall definitiv, und doch ein glücklicher. Nicht viele Düsseldorfer Projekträume können sich eines solch großen Namens rühmen. Und dieser verfehlt auch nicht seine Wirkung; zur Eröffnung am vergangenen Freitag erscheinen Galeristen gleichermaßen wie Museasten und Kollegen beider Professionen. Die Auswahl der gezeigten Arbeiten bildet indes den Querschnitt einer der differenten Phasen im Werk Winfred Gauls. Geboren in Kaiserswerth, studiert bei Baumeister in Stuttgart, Aufenthalt in Paris, Auszeichnung unter Anderem der Villa Romana und (Gast)Professuren in Norddeutschland und England. Mitglied der Gruppe 53, Freund und Kollege Dahmens, Hoehmes, Götz’ und Brünings. Soweit die Vita eines „typischen“ Informellen. Doch Gauls Werk lässt sich klarer als das der genannten Kollegen in Phasen einteilen, zumal er diese selbst markierte und benannte. Sinngemäß zitiert, begriff er das Informel wie viele seiner Weggefährten als revolutionär-anarchistische Verarbeitung braundeutscher Vergangenheit, dessen Kunst sich jedoch sukzessive abnutze und von Zeit zu Zeit wieder aufgeladen werden müsse – und zwar an und durch die Realität.

 

Informelle Grafiken sind die ausgestellten daher auch nur nominell, korrekterweise stammen sie aus Gauls Gruppe der Signale & Verkehrszeichen. In jenen sah der durchaus belesene Maler einen Sonderfall des Zeichens, angesiedelt zwischen Ikon und Symbol, einen abstrakter Index kultureller Prägung. In ihre formalen Bestandteile zerlegt, legen diese die ikonische Verwendung von Zeichen offen und demonstrieren die doppeldeutige Oberflächlichkeit des aufkommenden digitalen Zeitalters. Im Begleittext eines Kataloges moniert Gaul die in den 60er und frühen 70er Jahren zunehmende Schilderflut deutscher Großstädte, die Bilderflut der Werbung, der Banner und Plakate. Die Formensprache seiner Siebdrucke entstammt jener Alltagsästhetik, sie seziert und analysiert sie jedoch gleichermaßen. Sie zeigt uns die ihr implizite Verdummungsstrategie, die gezielte Vereinfachung bildlicher Inhalte zugunsten einer allgemeinverständlichen Aussage; Strategien, die mittlerweile als Kavaliersweg gewisser deutscher Fotografen dienen und nicht zuletzt dadurch schon lange ins Repertoire zeitgenössischer Kunstpraktiken aufgenommen wurden. Doch das Einfache Zeigen wäre nicht genug. Gauls Arbeiten sind ebenso formal spannend wie sie klug sind, sie sind ebenso klassisch wie sie aktuell sein können.

Hierin liegt also die Rechtfertigung jener Ausstellung, wenn es denn einer solchen bedürfte. Hierin liegt auch ihre Stärke. Gauls Siebdrucke sind trotz all ihrer Aktualität zur Zeit ihrer Entstehung ihrer Zeit weit voraus. Bedenkt man, dass die älteste gezeigte Grafik ’63 und die meisten um 1970 entstanden sind, zweifelt man so manches Wissen und Können zeitgenössischer Kollegen an. Gemäß dem vergleichsweise jungen Gedanken eines französischen Kunstkritikers, wird jegliche Form entwickelt und auf vorherige aufgebaut, in der Form, wie sich Eis „setzt“. Was gestern formlos oder informell war, trifft heute nicht mehr auf sie zu. Die Ambivalenz, mit der uns die Arbeiten Winfred Gauls zurücklassen, das Hin- und Hergeworfensein zwischen melancholischer Wertschätzung und neidvollem Staunen belegt das. Genauso wie die sinnbildliche Eingangsbemerkung Riemers: „Gaul wird völlig unterschätzt.“

 

Schilderwald – Winfred Gaul im Grafischen Kabinett
Ausstellung 17-20.11.2012
Ackerstr. 39
Besichtigung nach Vereinbarung (0178 400 71 75)

 

Stefan Riebel – Somethings in der Boutique am Ebertplatz

von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)

 

2010 wurde ich auf Stefan Riebels Arbeit ‘Black Pixel‘ aufmerksam – ein 1×1 Pixel großes, schwarzes Quadrat auf weißer Fläche. Die Arbeit hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen und da ich etwas neidisch auf ihn und seinen Einfall war, beschloss ich ihm die Arbeit zu stehlen.

Dazu speicherte ich seinen schwarzen Pixel bei mir auf der Festplatte, kopierte ihn dann per FTP in den Webspace meines Servers, um ihn von nun an dort unter der Domain www.stolen-black-pixel.de zu präsentieren. Stefan informierte ich dann per E-Mail über den dreisten Diebstahl, so kamen wir in Kontakt und es entstand über die Jahre ein äußerst fruchtbarer Austausch, mit gemeinsamen Projekten und Ausstellungen, vor allem in Berlin.

Um so schöner also, dass der Berliner Künstler, Kurator, Projektinitiator und Raumbetreiber (Institut für alles Mögliche) nun vom 18.11. bis zum 02.12.2012 mit einer Einzelausstellung in der Kölner Boutique zu Gast ist. Der Projektraum wird von Maximilian Erbacher, Yvonne Klasen
und André Sauer auf der unteren Ebene der Ebertplatzpassagen betrieben, wo sich mittlerweile mit gleich drei Räumen ein Zentrum der Kölner Off-Szene gebildet hat. Schräg gegenüber der Boutique liegt Bruch&Dallas, direkt daneben die Halle der vollständigen Wahrheit. Der Ort ist abgerockt, hinreichend zentral gelegen und dennoch abgeschieden genug um auch mal ordentlich feiern zu können – was im übrigen u.a. der Partyinszenator Alexander Wissel mit dem Single Club vor Ort auch dort bewiesen hat.

Somethings

ist der Titel der Ausstellung, unter dem Riebel ältere und aktuelle Arbeit zusammen gestellt hat.

somethings ist neben dem Namen der Ausstellung aber auch gleichzeitig Titel der größten und nach Außen hin sichtbaren Videoinstallation. Die dort zu lesenden Wörter auf der matten Scheibe hat Riebel assoziativ für diese Ausstellung gesammelt. Seit der Einladung hatte er immer wieder Worte notiert die ihm im zusammenhang mit diesem Ereignis in den Sinn kamen. So entstand eine ortsspezifische Wortsammlung, ganz ähnlich einer Tag-Cloud.
Riebel hat die Arbeit seit dem Jahr 2010 an verschiedenen Orten realisiert und die Ergebnisse dieser Denktätigkeit im Netz festgehalten http://somethings.stefanriebel.de/.

Die Arbeit dedication pieces besteht aus Postkarten und Plakaten die auf einem Holztisch ausgelegt und zum mitnehmen sind. Die Arbeit verteilt sich so mit Hilfe der Besucher langsam und kontinuierlich über die Welt. Auf den verschiedenen Medien in unterschiedlichen Formaten sind poetische, minimalistisch Widmungen notiert, die sich online nachlesen lassen dedication.stefanriebel.de/.

Die Arbeit bg (before google) – im Netz zu sehen unter www.beforegoogle.net war in Düsseldorf in der weißen Version bereits im Rahmen des Transprivacy-Projekts zu sehen. Auch hier lagen kleinformatige Flyer aus, über die sich das Konzept langsam aber leicht mit Hilfe des Publikums verteilt.

Die versuchsanordnung für plattenspieler, vinylrohling und zeit (#3) besteht aus einer einfachen Konfiguration. Auf einem Plattenspieler liegt ein Vinylrohling auf, der beim Abspielen durch die darauf kratzende Nadel beschrieben wird. Die dabei entstehende Tonspur wird gleichzeitig auf normalem Wegen auf den Boxen abgespielt.

dead pixel (on hyundai b71a) ist ein Sammlerstück aus Riebels Sammlung kaputter Pixel, wie sie sich auf diversen Monitoren und Flachbildschirm befinden. Dieser toter Pixel befindet sich auf einem Hyandai B71A Flatscreen. In der Vergrößerung und auf dem Kopf stehenden online hier zu sehen dead-pixel.stefanriebel.de/

Stefan Riebel, somethings
Dauer: 17.11.-01.12.2012
Öffnungszeiten: Do-Sa, 16-19 Uhr

Ebertplatz 0,
Ebertplatzpassagen,
50668 Köln

www.boutique-koeln.de

What is it to be Chinese? im Grimmuseum

von Stefanie Ippendorf (Berlin)

 

Auf die Frage „Was bedeutet es Chinese zu sein/ Was bedeutet Chinesisch-Sein?“ würden sicherlich viele Nicht-Chinesen mit einem bunten Potpourri aus Klischees antworten: Chinesen sind klein, essen Hundefleisch mit Stäbchen, schmatzen, schlürfen und spucken, fälschen Markenartikel, sind eine wirtschaftliche Großmacht auf der Überholspur, müssen die Ein-Kind-Politik und Zensur der Kommunistischen Partei erdulden und eifrig für niedrige Löhne arbeiten.

FX Harsono: Writing in the Rain

Der China-Fastfood-Mann von nebenan oder Chinatown in New York – vielen von uns scheint die chinesische (Eß-)Kultur vor allem durch die unzähligen, in der ganzen Welt verstreuten Auslandschinesen vertraut, doch welche Beziehung haben die oft schon seit mehreren Generationen nicht mehr in China lebenden Menschen zu ihren kulturellen Wurzeln und wie definieren sie ihre Identität? Genau dies sind die Fragen, um die es in der von Katerina Valdivia Bruch kuratierten Ausstellung >What is it to be Chinese?< im Berliner Grimmuseum geht. Die fünf beteiligten KünstlerInnen sind zwar chinesisch-stämmig bzw. haben einen chinesischen Hintergrund, doch wurden sie weder in China geboren, noch sprechen sie die Sprache oder leben dort. Oftmals nehmen sie die eigen Vita oder Familiengeschichte als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit und vermitteln so ganz persönliche Eindrücke davon, was es heißt, Teil der globalen Migrations-bewegungen zu sein und von außen auf das Land des eigenen kulturellen Ursprungs zu schauen.

Kyungwoo Chun: 1592Nr1 und Nr2

Kyungwoo Chun: Departure Songs

David Zink Yi: El Festejo

Für das von 2006 bis 2008 andauernde Fotoprojekte >Thousands< begab sich der Südkorea geborene  und heute in Seoul und Bremen lebende Künstler Kyungwoo Chun auf eine Recherchereise in die chinesische Provinz Henan. Dort machte er sich auf die Suche nach Menschen mit demselben chinesischen Familiennamen und wurde fündig. „Chun“ ist nicht nur ein gängiger Name in der Region, sondern bedeutet „1000“ auf Chinesisch. Der Bedeutung seines Familiennamens folgend, hat Kyungwoo Chun tausend weitere „Chuns“ portaitiert und auf den Fotos deren Geburtsorte und –daten archiviert. Alleine durch die Erkundung des eigenen Namens, erinnert Chun an die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende Geschichte der Chinesen, die nach Korea ausgewandert sind. Einer von ihnen war auch General Chun, der 1592 vom chinesischen Kaiser mit einem Heer ins Feindesland Korea geschickt wurde, dort jedoch sesshaft wurde. Die beiden verschwommenen Fotos eines Mannes in Kämpfermontur, >1592#1 und #2< (2007), verweisen auf die historische Person.

David Zink: Yi El Festejo

Auch David Zink Yis >El Festejo< (2001) vermittelt Geschichte über den Lebenslauf einer Einzelperson. Sein 2-Kanal-Video erzählt von einer Peruanerin, deren Mutter chinesischen und deren Vater afrikanischen Ursprungs ist. Nahaufnahmen ihrer Hände oder eines Auges werden hier neben asiatischen Porzellanfiguren an die Wand projiziert. Zwischendurch sind trommelnde Hände zu sehen und man hört afrikanisch-peruanische Musik. Dass ein chinesisch-afrikanisches Paar auf peruanischem Boden zueinander finden konnte, hängt damit zusammen, dass Afrikaner im 16. Jahrhundert als Sklaven nach Peru gebracht wurden, welche im Laufe des späten 19. Jahrhunderts zunehmend durch chinesische Arbeiter ersetzt wurden. Ähnlich wie die Protagonistin seines Videos ist auch Zink Yi in Peru geboren, ist jedoch das Kind Deutsch-Chinesischer Eltern.

Truong Ngu: Glücklicher Stern

Truong Ngu: Glücklicher Stern

Truong Ngu: Glücklicher Stern

>Glücklicher Stern (Lucky Star)< (2010) ist wie ein Brettspiel aufgebaut. Als Spielplan dient eine chinesische Landkarte, es gibt Spielsteine, einen Würfel und Handlungsanweisungen. Das Spiel ist Bestandteil von Truong Ngus gleichnamiger Performance, bei der der Künstler über den Akt des Spielens vermittelt die Migrationsgeschichte seiner Familie erzählt. Hier bestimmen die Würfel das Schicksal einer Familie, die sich gezwungen sah, ihr Heimatland Vietnam als chinesische Minderheit zu verlassen. Heute lebt und arbeitet Ngu in Berlin.

FX Harsono: Writing in the Rain

FX Harsono: Writing in the Rain

Mit der installativen Videoarbeit >Writing in the Rain< (2011) thematisiert FX Harsono den lange Zeit durch Diskriminierung und Vertreibung geprägten Alltag der in Indonesien lebenden Überseechinesen. Selbst in Ost-Java zur Welt gekommen, lernte Harsono erst vor wenigen Jahren, seinen chinesischen Namen zu schreiben. In dem Video macht er genau dies: es zeigt, wie er den Namen wiederholte Male mit Tinte auf eine Glasplatte schreibt, bis sich die Schrift zu einem abstrakten Muster verdichtet und schließlich von einem starken Regenguss wieder ausgelöscht und fortgespült wird. FX Harsono bezieht sich damit auf eine gesetzliche Anordnung, welche die in Indonesien lebenden Chinesen Ende der 1960er Jahre zwang, ihre Namen in indonesisch klingende Namen umzuändern. In derselben Zeit war es verboten, chinesischsprachige Bücher und Zeitschriften zu verkaufen und das chinesische Neujahrfest zu feiern, chinesischsprachige Schulen im Lande wurden geschlossen und viele Kulturvereinigungen wurden aufgelöst

Tintin Wulia: Study for Wanton

Tintin Wulia: Study for Wanton

Tintin Wulia stammt ebenfalls aus Indonesien, lebt und arbeitet aber inzwischen in Melbourne. Die 4-Kanal-Videoinstallation >Study for Wanton< (2008) zeigt verschiedene Filme im Loop: Mücken in Reagenzgläsern, jemand, der Glückskekse öffnet, eine Fahrt durch eine grüne Landschaft, eine Frau, die verschiedene Nationalhymnen Karaoke singt. Mal auf einem Fernsehbildschirm, mal an die Wand gebeamt, flirren die Filme um einen herum und verleiten zum Gedankenspiel. Dem Ausstellungstext ist schließlich zu entnehmen, dass es sich bei den Karaoke-Liedern um Nationalhymnen von Ländern wie Japan oder den Niederlanden handelt, die Indonesien einmal besetzt haben und dass die Glückskekse, welche seit jeher mit China bzw. chinesischem Essen in Verbindung gebracht werden, ursprünglich gar keine chinesische Erfindung sind (Wer hats erfunden? die Japaner!).

Tintin Wulia: Study for Wanton

 

What is it to be Chinese?
Kyungwoo Chun, FX Harsono, Truong Ngu, Tintin Wulia, David Zink Yi
12.10.-18.11.2012
 
Grimmuseum
Fichtestrasse 2
10967 Berlin
Mi-So 14-19h
 
www.grimmuseum.com
info@grimmuseum.com
Infos zum aktuellen Buchprojekt: www.grimmuseum.com/blog-61/blog-74/index.html

 

 

 

Interview mit Chiara Passa, der Gründerin der Widget Art Gallery bei Rhizome

Die Widget Art Gallery – kurz WAG – ist eine 3-dimensionale Galerie, die aus einem einzigen Raum besteht und in jede Tasche passt, denn sie läuft auf dem Iphone, dem IPod Touch und dem IPad.
Chiara Passa hat diesen experimentellen Ausstellungsraum im Juli 2011 eröffnet und seit dem im monatlichen Wechsel 13 verschiedene Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Jeden Monat wird dem Publikum direkt auf dem eigenen Smartphone eine digitale Einzelausstellung präsentiert.

„All for you forever“ by Andrew Benson, Juni 2012

Rhizome hat ein Interview mit Chiara gemacht, welches Ihr hier findet. Die Webseite des Projekts befindet sich hinter diesem Link.

‚Operatic Narcoleptic‘- Lorna Mills, Oktober 2011

Die Links zum Installieren der WAG befinden sich auf der Webseite.

Chiara Passa
http://the-widget-art-gallery.blogspot.de/

Land Art Biennale Mongolia

Im Qjubes-Blog gibt es aktuell einen Artikel mit Bildstrecke über die Land Art Biennale Mongolia 360°, ein wirklich großartiges Projekt in der mongolischen Wüste. Wir verlieren hier keine großen Worte, wer die nachfolgenden Bilder mag sollte hier klicken um mehr zu erfahren.

(via qjubes)

www.landartmongolia.com
Bilderreihe zur Biennale auf facebook

duktil im Hinterconti, Hamburg

Die Gruppe mit dem Arbeitstitel duktil hatte am 19.10. zum vierten und letzten Mal in die Ausstellungsräume des hinterconti geladen. Die lose zusammengehörige Gemeinschaft, bestehend aus Künstlern/-innen mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten, hat das Grundjahr in der HFBK miteinander verbracht. Einige haben Hamburg verlassen und nur wenige studieren in gemeinsamen Klassen. Es gab bei der Ausstellung kein wirkliches Konzept, so stand eher die Party im Vordergrund. Unsere Hamburgkorrespondentin Theda Schillmöller hat mal ein paar wenige Sachen rausgepickt.

Super Idee, tolle Arbeit! Gefällt uns gut.

Sebastian Faßnacht beschäftigt sich seit längerem mit dem Hanky-Tuch und seinen verschiedensten Bedeutungen in der Schwulenszene.

Fotos: Theda Schillmöller

hinterconti e.V.
Marktstraße 40A
20357 Hamburg

duktil
Eröffnung: 19.10.2012 / 20 Uhr
Öffnungszeiten: 20.& 21.10.2012 / 14 bis 20 Uhr

Sarah Kürten im Parkhaus

von Emmanuel Mir und Karl-Heinz Rummeny (danke für die Kamera!)

 

 

Anna Schmitt in Düsseldorf-Reisholz

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Film: Franz Schuier

 

Liebe Anna Schmitt,

in der Hoffnung, Dich kennen zu lernen, habe ich vor wenigen Tagen die große Halle in Reisholz besucht, in der Du Deine Einstandsausstellung als Kuratorin hattest. Natürlich hatte mich auch die Kunst dorthin verschlagen. Aber ich war in erster Linie sehr neugierig zu erfahren, wer Du bist. Denn, obwohl ich mich nicht wenig in der hiesigen Szene herumtreibe, muss ich gestehen, dass ich Deinen Namen noch nie gehört hatte. Im Vorfeld meines Besuchs hatte ich im üblichen Kreis der Connaisseurs nach Dir gefragt, bekam aber stets vage und widersprüchliche Aussagen. Später ertappte ich mich dabei, Deinen Namen zu googeln, um Informationen – oder ein Gesicht – zu erhaschen. Aber das Netz und die Welt sind voll von Anna Schmitts! Hättest Du Dich tarnen wollen, hättest Du keinen besseren Namen finden können.

Foto: Jeannette Schnüttgen

Foto: Jeannette Schnüttgen

Du kannst Dir also vorstellen, wie enttäuscht ich war, als ich letzten Montag erfuhr, dass Du nicht kommen könntest. Du warst auf alle Fälle gut vertreten: Jeannette Schnüttgen und Anne-Katrin Puchner waren vor Ort und haben mich durch die Ausstellung geführt. Sie erzählten mir, dass Kai Richter auch eine wichtige Rolle spielt und dass ihr alle an dieser ersten Präsentation gearbeitet habt. Durch die zwei Frauen wurde ich übrigens bezüglich Deiner Person nicht schlauer. Ihre Antworten auf mein Nachfragen waren rätselhaft und ließen sogar die Deutung zu, dass es Dich gar nicht gibt! Absurd, nicht? Ich vermute jedoch, dass Du genau wie Deine drei Freunde Künstlerin bist. Ich vermute sogar, dass Du skulptural arbeitest. Puchner und Schnüttgen, in geringerem Maße auch Richter, entwickeln ja in ihrer jeweiligen Kunst einen Ansatz, in dem die Spannungsverhältnisse zwischen Form und Fläche, zwischen Zwei- und Dreidimensionalität ausgelotet werden. Interessanterweise war genau dies der rote Faden der Ausstellung – deshalb meine naheliegende Vermutung. Man merkt es ihr an, dass diese Ausstellung eine Gelegenheit für die Künstler-Kuratoren war, ihre eigene Herangehensweise zu überprüfen und sich mit verwandten Positionen zu konfrontieren.

Julia Kröpelin: Hidden Move (2011)

Julia Kröpelin: Hidden Move (2011)

In dieser Hinsicht fand ich die zwei bunten Plastiken von Julia Kröpelin sehr passend. Kröpelin geht zunächst von expressiven, abstrakten, all-over-Zeichnungen aus, die hochkopiert und auf eine kubistisch anmutende Struktur geklebt werden. Die in sich geschlossene, mannshohe Form spielt dabei die Rolle eines Trägers oder Körpers, der die Zeichnungen gleichzeitig hält und in den Raum projiziert. Reminiszenzen an Picasso drängen sich auf. Sowohl der Bezug zur Collage-Technik als auch die Öffnung eines zweidimensionalen Objektes zum Raum hin (und dazu müsste man noch die gebrochene, grobe und kristalline Grundform der Plastik erwähnen) rufen den alten Meister auf den Plan. Du wirst vielleicht denken, dass es ein gewagter Vergleich ist, aber alles in allem hatte Deine Ausstellung doch etwas Klassisches.

Heiko Räpple: Actio (2011)

Heiko Räpple: Karya (2010)

Heiko Räpple: Karya (2010)

Auch die zwei Arbeiten von Heiko Räpple besitzen, trotz des Umgangs mit aktuellen technischen Materialien (seine Stahl- und Gipsskulpturen sind mit Kunststoffaser verstärkt), eine klassisch-moderne Prägung. Die dynamisch anmutenden Karya und Action, ihre unaufdringliche, zurückhaltende aber durchaus selbstbewusste Präsenz im Raum, dieses gelungene Gleichgewicht zwischen Bodenständigkeit und graziöser Leichtigkeit haben mich an manche minimalen Kompositionen von Archipenko oder Brancusi erinnert – ja, der Kunsthistoriker in mir muss sich immer wieder zu Wort melden. Dabei scheint Räpple mehr an der reinen Materialität und Objekthaftigkeit seiner Skulpturen interessiert zu sein als seine illustren Vorgänger es waren. Die Gipsabgüsse von Blechplatten werden gedreht, gezwängt, verspannt und in einem zwiespältigen Schwebezustand gebracht. Diese körpergewordene Grenzsituation fand ich überzeugend.

Max Sudhues: Inverted Invasion (Billard) (2012)

Ich gestehe, es mir ein wenig schwerer mit den Kopien von Max Sudhues getan zu haben. Vor gut einem Jahr hatte ich seine Arbeit im Institut für Skulpturelle Peripherie gesehen und fand das Zusammenspiel mit Jon Moscow gelungen. Hier fiel mir der Zugang nicht besonders leicht; die Relevanz des Motivs blieb schleierhaft. Ich könnte die Kunst der nicht informierten Deutung so weit bringen und im Motiv des Billardtisches und der Billardkugel eine formale Spielerei zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion sehen, oder eine Metapher der Bildhauerei (Fläche und Volumen; Ordnung, Komposition und Hierarchie, Manipulation und Hand-Werk) oder aber eine Projektion von kosmischen Zeichen und stellaren Konstellationen in der Fläche. Ja, liebe Anna, ich kann in diesen Arbeiten Einiges sehen – aber ich fürchte, dass es Sudhues nicht besonders tangiert.

Janine Tobüren: Twig (2012)

Janine Tobüren: Bastard Title (2012)

Sudhues scheint jedenfalls einige Aspekte der komplexen Brücke, die zwischen den Disziplinen der Graphik und der Bildhauerei / Plastik geschlagen ist, verarbeiten zu wollen. Dieser Impetus ist bei Janine Tobüren deutlich klarer ablesbar. Die Münsteranerin und Meisterschülerin von Guillaume Bijl führt seit ein paar Jahren eine kritische Interpretation der Lyrischen Abstraktion durch. In ihrer Beschäftigung mit der New York School, hinterfragt sie die expressionistische, spontane Geste und nähert sich systematisch den Meistern der 50er und 60er Jahren an. Dies brachte sie in der Vergangenheit dazu, Kompositionen von Franz Kline in die Dreidimensionalität zu übertragen. Die beiden Plastiken in Reisholz beziehen sich ihrerseits auf Zeichnungen von K.R.H. Sonderborg. Es sind in Tusche gefasste Holzbalken, die die räumliche Bedeutung des Grafischen hinterfragen und einen distanzierten Kommentar zu Wildheit und Spontanität formulieren.

Das Video von Adriane Wachholz hat auch etwas Wildes an sich. Der kurze Loop zeigt eine Art schnelle Fahrt durch die Natur. Pflanzlich-organische Formen, die rasch vorbei ziehen und verschwinden, bestimmen das Bild. Dieses hat eine kongeniale Präsentation auf der verdreckten und verrosteten Hallentür gefunden. Eine klare Wahrnehmung der Arbeit stellt sich indes nicht ein (vor allem nicht, als die Sonne durch die Halle schien und die Projektion unsichtbar machte). Wenn der Bezug zum Grafischen evident ist, habe ich mich doch gefragt, ob diese Arbeit, wie ihre Nachbarn, wirklich den Raum sucht.

Carsten Gliese: o.T. (2003)

Carsten Gliese: Tür (2003)

Denn auf der gegenüberliegenden Wand ist diese Suche nach dem Raum, bzw. die Abflachung des dreidimensionalen Raums evident. Carsten Gliese ist eigentlich Bildhauer und greift, wenn er nicht mit verschachtelten Modellen arbeitet, die sich einer eindeutigen Raumwahrnehmung entziehen, in den vorhandenen architektonischen Kontext seiner Ausstellungen ein – oder aber auch gerne in Hausfassaden. Hier tritt er ein wenig kürzer und zeigt Fotografien von Lichtprojektionen in verschiedenen Raumsituationen. Die Lichtkontraste sind dabei so hoch, dass die Hell-Dunkel-Abstufungen verschwinden und die Perspektive sich auflöst. Es bleiben abstrakte Formen, in einer Balance zwischen 2D und 3D. Auch wenn der Bezug zum realen Raum nicht ganz verneint wird und raumanekdotische Elemente zugelassen werden, haben diese Lichtflächen eine immaterielle und geometrische Schönheit, die sie in die Nähe der Kompositionen des Suprematismus rücken lassen.

Tania Bedrinana: aus der Serie „Simple Song“ (2009)

Neben diesen strengen Kompositionen sind die zarten und zugleich bestimmten Zeichnungen der in Peru geborenen und in Berlin lebenden Tania Bedriñana zu sehen. Es sind surrealistisch anmutende, onirische, z.T. verstörende Szenen, in denen Kinder inszeniert werden. Das Bilduniversum von Bedriñana hat diese vage und trotzdem präzise Konsistenz eines Traums, oszilliert zwischen der Wunderwelt von Lewis Carroll und der präpubertären Hölle eines Henry Darger. Grazile, junge Wesen, die sich in einem Zustand der Metamorphose befinden und ihr Gesicht noch nicht gefunden haben, spielen, tanzen und führen merkwürdige Rituale in einem diffusen Raum durch. Die einzige narrative Position der Ausstellung ist zwar alles anderes als überraschend, weckt ja gar ein Déjà-vu-Gefühl, gleicht jedoch die allgemeine ästhetische Kälte und die spröde Schönheit der gesamten Ausstellung aus.

Christian Schreckenberger: o.T. (the only mistake) (vorne)

Christian Schreckenberger: o.T. (2012)

Es ist eben keine opulente, überbordende und farb- oder motivverliebte Ausstellung. Es ist eine konzentrierte, pointierte und aufmerksam zusammengestellte Präsentation, zugleich luftig und dicht, vielleicht ein wenig zu ernst, aber einfach gut und auf den Punkt gebracht. So wie die Arbeit von Christian Schreckenberger. Seine Materialerkundungen, die sich in höchst heterogenen Objekten manifestieren und immer wieder die Nähe zur angewandten Kunst suchen – oder einen leichten Hang zur narrativen Aufladung aufweisen –, haben all die eben genannten Prädikate verdient. Der Bildhauer entwickelt eine besondere Aufmerksamkeit für Texturen, in der Regel ungewöhnlich, nicht selten widerspenstig, und koppelt diese an Formen.

 

Liebe Anna, ich weiß nicht, warum ich Dir das alles erzähle. Du kennst ja diese Dinge besser als ich; es ist schließlich Deine Ausstellung! Aber ich wollte Dir mit diesem Brief sagen, wie gut mir Dein Einstand gefallen hat. Ich bin gespannt auf die zwei nächsten Einzelpräsentationen, die Du bis Ende des Jahres auf die Beine stellen willst. Du willst beim nächsten Mal zum Gagarin ziehen, den Raum dort okkupieren und dann weiter wandern. Vielleicht kreuzen sich unsere Wege. Vielleicht schon am kommenden Sonntag. Die Finissage der Ausstellung findet ja am Nachmittag bei Kaffee und Kuchen statt. Kaffee-Kuchen ist nicht gerade mein Ding, aber vielleicht komme ich doch. Um Dich endlich kennen zu lernen.

 

Mit herzlichen Grüßen.

Fatma Dogan im Gagarin

eine Bildstrecke von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Eine heitere Truppe: Ted Green, Fatma Dogan, Kai Müller und die Performance-Künstlerin Helga Meister (v.l.n.r.)

 

Fatma Dogan
„Alles nur nicht ich“
Ausstellung 12-21.10.2012
Besichtigung nach Vereinbarung
0171 123 15 96 oder 0151/115 00 277
Gagarin
Kirchstr. 41
40227 Düsseldorf

W1111 bei Transmission

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

Auch im weiten Westen der Bundesrepublik ist die junge polnische Kunstszene keine Unbekannte mehr. Abgesehen von den vielen polnischen Künstlern, die den Weg ins Rheinland auf eigene Faust finden, gibt es hierzulande genug Einzelpräsentationen oder Gruppenschauen, die eine Plattform für den östlichen Nachbarn anbieten. Insofern ist das Vorhaben von Transmission nicht originell – aber Originalität ist hier kein relevantes Kriterium. Angeführt von Anna Czerlitski, der in Danzig geborenen und in Düsseldorf studierten Kunsthistorikerin, hat der Verein seine letzte Ausstellung auf der Worringer Straße veranstaltet und zwölf Positionen aus Düsseldorf und Warschau vereint. Wie für die letzte Präsentation an diesem Standort, okkupieren die Künstler alle drei Bereiche der Halle: Erdgeschoss, Galerie und Untergeschoss.

Anna Czerlitski (re.) und ein Teil des Transmission-Teams

Erste angenehme, augenfällige Feststellung: Auf ihrer Suche nach Kunst und Künstlern, hat Czerlitski, die die Recherchearbeit in den zwei Städten im Alleingang durchgeführt hat, keine strenge konzeptuelle Linie verfolgt und sich nicht auf ein übergeordnetes Thema verkrampft. Sie ist von einzelnen, starken und individuellen  Positionen ausgegangen und hat ihren Gästen den nötigen Freiraum gewährt. Was daraus gemacht wurde, ist sehr unterschiedlich. Es gibt starke qualitative Schwankungen in den einzelnen Arbeiten und Brüche in der Struktur der Hängung. Da wo das Untergeschoss zu einer Ansammlung aus Solitären gerät und keinen Dialog schafft, entwickeln die Arbeiten der Galerie eine bezugsreiche Spannung, bestehend aus formellen Korrespondenzen – auch wenn der Zufall es hier gut gemeint hat.

Agnieszka Kurant: 88,2

Zweite angenehme Feststellung: Bei einer guten Medienstreuung (Malerei, Bildhauerei, Grafik, Video- und Performancekunst sind gleichermaßen vertreten) erhält die Klangkunst einen angemessenen Raum. Endlich eine Gruppenausstellung, die dieser Sparte gerecht wird! Die aus unserer Sicht interessanteste Arbeit im Erdgeschoss ist übrigens eine akustische; und zwar eine ganz feine. Agnieszka Kurant hat eine kleine Sammlung von stillen Momenten zusammengetragen und diese aneinander montiert. Ausgehend von Dr. Murkes gesammeltes Schweigen, der Erzählung von Henrich Böll, in der ein Radioredakteur die verworfenen, abgeschnittenen und wortlosen Stellen von Tonaufnahmen findet und eine Faszination für diese leeren Momente der Kommunikation empfindet, hat Kurant große, geschichtsträchtige Reden gesammelt und sie ihrer verbalen Inhalte entledigt, um ausschließlich auf das in den Sprechpausen entstehende Ton-Material zurückzugreifen. Es sind diese Momente des Innehaltens, der Konzentration, des Zauderns oder der Andacht, die hier geballt auftreten. Aber es sind auch die Momente des rhetorischen Schweigens, die, in der Stille selbst, die Bedeutung des Wortes unterstreichen und dem Gesagten mehr Gewicht verleihen. Ähnlich dem skulpturalen Denken, das dem leeren Raum eine ebenso große gestalterische Bedeutung zuspricht wie der greifbaren, sichtbaren Form, umfasst das akustische Denken sowohl das Signal als auch dessen Abwesenheit – danke John Cage… Wer seinen Hörsinn schärft und sich auf diese Sensibilisierung einlässt, wird in der vermeintlichen Stille die vielen Spielarten des Schweigens heraushören und feststellen, wie vielschichtig (und wie laut!) die Wortlosigkeit sein kann.

Seb Koberstädt: Düsseldorfer Säule

Jürgen Staack: DISPUT

Polens experimentelle Klangkunstszene, mit ihrem starken Zentrum in Posen und den vielen Hybridprojekten zwischen Musik und Bildender Kunst im ganzen restlichen Land, scheint besser vermittelt zu werden als ihre deutsche Nachbarin. Immerhin können hierzulande Künstler wie Jürgen Staack auf eine beginnende institutionelle Anerkennung blicken. Der Kunststiftungs-Stipendiat hat seine Klang-Arbeit im Keller installiert und untersucht dort, wie bei früheren Werken, die Distanz zwischen Wort und Bild – und in diesem Fall zwischen Wort und Wort. In Disput stellt er zwei Begriffspaare (ja-nein) gegenüber, in chinesischer und japanischer Fassung. Mal stark verwandt, mal grundsätzlich verschieden, sind die gesprochenen Wörter in eine frontale und räumlich unversöhnliche Situation gebracht worden. Wie bei Schuss-Salven, werden die kurzen und prägnanten Begriffe von einer Seite zur nächsten gefeuert und bilden damit einen dichten, staccato-artigen Klangraum mit leicht aggressivem, jedenfalls sehr dynamischem Hintergrund. Die Installation spielt auf die neuesten politischen Spannungen zwischen den zwei großen Mächten an. Wer aber auf die politische Aktualität der Arbeit verzichten möchte, kann sich auf den guten Umgang von Staack mit dem Raum und auf die Rhythmik des Schlagabtausches konzentrieren.

Giulietta Ockenfuß: Anthropologie

Giulietta Ockenfuß: Geologie

Oskar Dawicki: Telezakupy

Weiter im Keller stößt man auf die Videodokumentation einer Performance von Oskar Dawicki. Der Star der jungen Warschauer Kunstszene gilt als Enfant Terrible und hat sich bereits mit einigen Kollegen verkracht. Für seinen Wisielec, hat er sich kurzerhand erhängt und schwebt, einen Bund weißer Luftballons in jeder Hand, halb-tragisch, halb-grotesk wie ein morbider Clown im Raum. Dabei begrüßt er in seinem Zirkusdirektor-Anzug die Zuschauermenge und betont ausdrücklich die Nicht-Fiktionalität seiner Handlung. Den fragwürdigen Voyeurismus des Performance-Publikums ansprechend und der Spektakellogik des Kunstbetriebs entgegenkommend, formuliert Dawicki eine Institutionskritik, die aus einer Mischung aus sarkastischem Humor, radikaler Konsequenz und scharfsinniger Beobachtung besteht. Im Erdgeschoss präsentiert er ein Video, das ihn die Freundschaft mit dem (exzellenten) Maler Rafal Bujnowski gekostet hat: in einer Fernsehwerbungs-Parodie preist Dawicki die Qualität eines (real existierenden, dem Künstler geschenkten) Bildes von Bujnowski an, das sich bestens zum sauberen Ersatz von dekorativen Tierfellen eignet, die die Wände von polnischen, kleinbürgerlichen Wohnungen zieren. Das hyperrealistische Bild, ein Lammfell in bester illusionistischer Manier darstellend, staubt ja nicht, ist allergiefrei und tierfreundlich. Eine lustige Idee, eigentlich gar nicht weit entfernt vom konzeptuellen Ansatz Bujnowskis. Nur dass die Werbung wirklich ausgestrahlt und das Bild tatsächlich verkauft wurde – der Urheber der Leinwand fand’s gar nicht lustig.

Magdalena Kita: Bialy partyzant / Der weiße Partisane

Magdalena Kita

Apropos Tierfell: Magdalena Kita hat ihre neuen Arbeiten in der unmittelbaren Nähe des eben erwähnten Videos von Dawicki ausgebreitet. Mit Sexopaste-Farbe (doch, diesen Namen gibt es tatsächlich!) hat sie naiv anmutende Szenen auf verschiedene Tierfelle gemalt. Die Bilder beziehen sich alle auf die Legende des weißen Partisans, einer mythisch verklärten Figur, die im letzten Weltkrieg durch die polnischen Wälder streifte und, ausschließlich mit den Briten kooperierend, Widerstand gegen die Wehrmacht leistete. Der Held war und bleibt eine populäre Erscheinung, vor allem wegen seiner reinen Weste: Nicht nur, dass er sein Volk effizient rächte, er kompromittierte sich dabei auch nicht mit den russischen Truppen. Der weiße Partisan bleibt allerdings eine literarische Erfindung mit tröstender Funktion und einer Gutem-Gewissen-Garantie für die Nachkriegsgeneration. Es ist ein schwieriges Stück nationaler Selbstfindung und Identitätsgestaltung, die Kita hier verarbeitet. Die volkstümlichen Fellbilder ordnen sich ein in eine aktuelle Diskussion in Polen, die sich um die Frage der Täter-Schuld im zweiten Weltkrieg dreht und viel Schlamm umwühlt.

Anna Molska: Tkacze / Die Weber  – courtesy Foksal Gallery Foundation

Anna Molska: Tkacze / Die Weber  – courtesy Foksal Gallery Foundation

Das Politische ist auch im Videobeitrag von Anna Molska präsent. Sie hat ganze Stellen von Gerhart Hauptmanns Stück Die Weber in einer zeitgenössischen Fassung nachinszeniert, die mit den Effekten des Naturalismus spielen. Laiendarsteller bewegen sich in den Originalschauplätzen des Stückes (den tristen, verlassenen Zechen Schlesiens) und rezitieren, mehr oder weniger textsicher, Auszüge aus Hauptmanns Drama in einer verrottenden post-industriellen Landschaft. Ein solides, politisch korrektes Projekt mit allzu klaren Absichten – aber unleugbar gutem Hintergrund.

Konrad Smolenski: Guard

Die nächste Videoarbeit im Keller wurde von Konrad Smolenski realisiert. Der junge, polnische Künstler ist auf der Suche nach einer ganzheitlichen Erfassung des Klangs und konzentriert seinen Ansatz auf der sowohl massenhaften als auch homogenen Rezeption von Musik. Während die Wahrnehmung eines Bildes oder einer Skulptur eine hochsubjektive und individuelle Angelegenheit ist, löst die Musik vergleichbare Gefühle bei allen Menschen aus. Es geht also darum, einen Raum zu schaffen, in welchem ein einziges, großes Klangerlebnis schwebt und alle Menschen vereint. Während dies kein bisschen bei der schwachen Arbeit Guard sichtbar wird, knüpfte Smolenski bei der Eröffnung an diese Idee an und legte mit seinem selbst gebastelten und extrem verstärkten Saiteninstrument einen starken Auftritt hin. Zusammen mit dem furiosen Daniel Szwed am Schlagzeug (das Duo bildet die Band BNNT) lieferten die zwei vermummten Sound-Terroristen eine packende Punk-Performance ab.

Giulia Bowinkel und Friedemann Banz: Intersection C213

Giulia Bowinkel und Friedemann Banz: Intersection C213 (Reflexion: Martin Pfeifle)

Giulia Bowinkel und Friedemann Banz: Boolesche Komposition 017

Liv Schwenk: o.T.

Alles in allem enttäuschten die Düsseldorfer ein wenig. Weil einige ihrer Arbeiten bekannt sind und bereits teilweise an anderen Orten gezeigt wurden, oder aber weil sie nicht überraschen und auf bekannte Mittel zurückgreifen, resultiert aus ihrem Heimspiel kein Vorteil. Indes haben Giulia Bowinkel und Friedemann Banz, von denen man lange nichts mehr gesehen hatte, eine besondere, positive Erwähnung verdient. Ihre zwei Collagen, die architektonische Aspekte der Transmission-Halle übernehmen und diese in eine komplexe, semi-abstrakte Komposition überführen, besitzen eine verwirrende, vielschichtige Qualität und eine Tiefe in den Texturen und Strukturen, die mir neuartig ist. Eine solche Kontextorientierung findet man auch in der benachbarten Wand- und Videoinstallation von Liv Schwenk, die ihre ganzkörperliche Erkundung des Raumes an einer Ecke der Galerie durchgeführt hat. Die geisterhafte Projizierung ihres Wändekrabbelns und ihre relativ zurückhaltende Geste harmonieren perfekt. Und schließlich möchten wir noch auf die sehr gelungene Arbeit von Agnieszka Kalinowska hinweisen, die auf der Emporen-Ebene eine Wand von einem bekannten Düsseldorfer Graffiti-Künstler hat besprühen lassen und, in einer Geste der Raumbeanspruchung und –aneignung, die man eben eher in der Sprayer-Szene kennt, das fertige Graffiti mit ihrer eigenen kleinteiligen Struktur aus Sperrholz und Papier zugedeckt hat. Die Struktur ist direkt inspiriert von typisch polnischen Dekoplatten für Hausfassaden aus der sozialistischen Ära. Der Muff von gestern setzt sich doch durch.

Agnieszka Kalinowska: Pattern

„Der Muff von gestern…“ – Es ist gewiss überhaupt kein passendes Schlusswort für eine Ausstellung, die einiges in Bewegung bringt und eine teilweise gute, auf jeden Fall lobenswerte Präsentation schafft. Mit W1111 (es liegen genau 1111 Kilometer zwische Düsseldorf und Warschau) hat Transmission ein für Düsseldorfer Verhältnisse großes Coup hingelegt und kann sich mit dieser Initiative weiter empfehlen lassen.

Martin Pfeifle: SLUP

 
 
W1111 bei Transmission
Worringer Str. 57
Ausstellung v.4.10-25.11.2012
Do + Fr 15-20 Uhr und Sa 12-18 Uhr und nach Absprache