Köln

Thorsten Schneider zeigt Stücke im Utensil

Ein gutes Jahrhundert ist das Pissoir jetzt her. Und eigentlich hätte man ja das ganze Unterfangen damit fürs Erste einmal auf sich beruhen lassen können. Der Referenzrahmen stand fest, die Grenzen waren gesteckt und mit Ausnahme der Surrealisten hat dann wohl auch niemand mehr so richtig dran gerüttelt. Was folgte war im Prinzip eine lange Reihe von Referenzen und Neuformulierungen, die nun als Kunst in den Archiven unserer prächtigen Museen lagern, oder als sinnstiftende Anlageobjekte um den Globus verschoben werden. Gut, ich will da jetzt nicht so borniert sein, in Teilen waren und sind da völlig ohne Frage wirklich große und originelle Ansätze dabei, welche eine ästhetische Kraft und damit auch ihre Berechtigung haben. Nichts desto trotz ist und bleibt das verdammte Pissoir der epistemologische Benchmark über den wir nicht so recht hinaus kommen und kamen – seit nun mehr fast 100 Jahre!

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Thomas Woll in der Boutique

Woll’s invasive Arbeitsweise trifft in der BOUTIQUE auf räumliche Muster, die uns auch zu der grundlegenden Fragestellung der Logik führen werden: Bildet der Raum den Grund für INSIDEOUT 3.0 oder stellt diese in Wahrheit die Frage nach der Ursache?

Wir leben heute mit dem Paradox, dass zwei anscheinend widersprüchliche Realitäten nebeneinander existieren. Durch soziale Medien kommen wir uns näher und entfernen uns zugleich voneinander.
Damit wird ein Raum eröffnet, in dem alles möglich ist in dem man aus demselben Grund in keinster Weise über Gewissheit, Vertrauen oder Selbstsicherheit verfügen kann. (Thomas Woll, 2014)

Wen solche Fragestellungen über das Medium der Kunst hinaus interessieren, dem sei dieser Text von Bernd Ternes ‘Agora der Repräsentation‘  empfohlen.

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WINWIN bei Jack in the Box e.V.

Eine knappe Woche hat die Ausstellung WINWIN im ehemaligen Güterbahnhof Köln Ehrenfeld gedauert. Kuratiert von Linda Nadji und Bert Didillon brachte die Schau zwei Generationen zusammen, die sich nicht unbedingt als distinkte Gruppen verstehen: Es ging um jene Künstler, die in den 1990er Jahren zu den sog. emerging artists gehörten und anderseits um diejenigen, die dieses Prädikat gerade noch genießen. Wir haben Bilder ohne Ende.

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Julia Bünnagel Super Structure Part 3 – Sonic

Vor ein paar Wochen fand die abschließende Performance von Sculptress of Sound  in Köln – wir berichteten bereits über die Ausstellung -, die, so die Künstleringruppe, ein voller Erfolg war. Die Performance wurde im Rahmen der Ausstellung von Julia Buennagel – die neben Tamara Lorenz und Patricia Köllges zum Künstlerinnenkollektiv gehört – realisiert. Es sind uns nun Bilder der Veranstaltung sowie einen schönen Text von der Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin Elke Kania zugeflogen. Danke Mesdames für das Material!

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Julia Bünnagel Super Structure Part2

Die Bilder von Julia Bünnagels Skulpturexperiment bei Sebastian Brandl wollte ich eigentlich schon längst im Blog haben, kam aber wegen der Vorbereitungen fürs #LokalNon letzten Freitag die ganze Zeit zu nichts mehr. Deshalb hole ich das jetzt einfach mal nach, auch wenn die Ausstellung mit all den verschiedenen Umbau- und Nutzungsphasen jetzt schon vorbei ist.
Hat mir persönlich gut gefallen, wie Julia da mit den Dingen umgegangen ist, und die Objekte in ihrem Kontext verschoben und verwandelt hat. Wir zeigen das einfach mal als Bildstrecke für diejenigen die es nicht nach Köln geschafft haben, eine ausführliche Besprechung der Ausstellung gibt es übrigens bei den Kölner Kolleginnen und Kollegen vom Artblog Cologne.

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Porn in the City

Der Karneval ist gerade vorbei. Die wilde fünfte Jahreszeit, in der in jedem Straßenwinkel gefummelt, in jeder Sitzung seitengesprungen und auf jeder Kneipentoilette gefickt wurde, ist beendet. Die animalischen Triebe sind wieder gebändigt. Die meisten Menschen sehen immer noch lächerlich und grotesk aus, aber nun unwillkürlich. Die öffentliche Ordnung kehrt wieder ein. Und mit ihr kehrt auch eine ihrer Töchter zurück: die Zensur. Sie ergriff eine eigentlich eher harmlose und nette Ausstellung im Karat, das Vitrinenprojekt von Yvonne Klasen, Malo und Paul Leo, und führte zu einer öffentlichen Aufregung, die man an diesem Ort und zu dieser Zeit nicht hätte vermuten können.

 

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Julia Bünnagels experimentiert mit SUPER STRUCTURE

Eine Skulptur die sich im Laufe einer Show wandelt, die zu erst ihre Form, dann ihrer Funktion verändert und schlußendlich als Kulisse dient, das hat Stil und so etwas gefällt mir gut! Julia Bünnagel experimentiert derzeit in den Räumen von Sebastian Brandl in diese Richtung.

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Und da Manu eigentlich mal vor hatte zur zweiten Phase dort hin zu fahren um dann auch etwas darüber zu schreiben, beschränke ich mich hier auf den kurzen Hinweis zur Phase 1, verlinke zu Anna Lena’s Artfridge (sieh hat nämlich darüber geschrieben) und zitiere hier einfach mal schamlos.


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Das Ambientfestival in Köln

Text: Maria Wildeis

 

Dieses Wochenende findet zum 9. Mal das Ambientfestival – Zivilisation der Liebe, in der St. Apostelnkirche in Köln statt. Das Motto „alpha et omega“ umspannt den Bogen zwischen klassischer Musik und aktueller elektronischer Klangerzeugung.

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Katja Donnerstag und Yvonne Klasen im Quartier am Hafen

Text: Maria Wildeis
Fotografien: Thilo Schmülgen

 

In Köln spielen zwei Künstlerinnen mit dem Licht: Die Flora, eine Halogenlampe für Pflanzenwachstum wirft purpurnes und grünes Licht auf ein dupliziertes Wandstück. Das neue Raumfragment wurde in der Mitte aufgespiesst und dreht sich um die eigene Achse, wenn man es anschubst. Dabei verändert sich die Farbe je nach Einfallswinkel.

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Katja Donnerstag & Yvonne Klasen: Dancing Wall

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Carolina Redondo bei Bruch&Dallas

Text: Nadia Ismail

Fotos: Veit Landwehr

 

Inspiriert durch physikalische Prozesse, deren visuelle Struktur häufig eine geometrische Eigenästhetik besitzt, nutzt und transformiert die chilenische Künstlerin Carolina Redondo den Ausstellungsraum wie ein Experimentallabor. Diese besondere zellulare Situation, bei welcher der Passant und potentielle Ausstellungsbesucher der fortschreitenden Entwicklung ihrer künstlerischen Arbeit von außen beiwohnen kann, weckt Assoziationen an den Blick durch ein Mikroskop in eine Petrischale, in der organische Prozesse von ebensolcher Bedeutung sind wie das Resultat selbst.

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Die Verflechtung von bildender Kunst, Forschung und Wissenschaft setzt sich thematisch und inhaltlich in der Ausstellung fort, wie der Titel Gravity Matters bereits erahnen lässt. Gleich einem Parcour bewegt sich der Besucher durch die Räumlichkeiten, dessen Richtung durch die bewusst gesetzten Plastiken im Raum gelenkt wird. Die überlebensgroßen Elemente, deren hölzerne Rahmen mit Tapete verkleidet sind, verhindern den freien Blick in den Showroom. Lediglich die von Hand geschnittenen Aussparungen, die der geometrischen Struktur der Tapeten folgen, gestatten eine partielle Durchsicht und erzeugen einen nahezu dreidimensionalen Effekt. Damit nimmt der Rezipient von Beginn an die Ausstellung multisensuell wahr. Er wird gezwungen, sich sowohl visuell als auch körperlich zu der Architektur und den ausgestellten Exponaten zu verhalten. Um einzelne Arbeiten in der Gänze zu erfassen, ist ein physisches Bewegen sowohl innerhalb als auch außerhalb des Ausstellungsraumes notwendig. Ebenso wie den Körper lenkt Redondo das menschliche Auge, das stets auf eine neue, von ihr geschaffene, artifizielle Struktur im Raum trifft, die sich von der bestehenden Architektur ornamental abhebt, um sich in nächsten Augenblick optisch mit ihr zu verbinden.

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#LSDSL im GOLD&BETON

Schlimm war das. Sie hatten uns versprochen: Nie wieder. Never again. Aber Florian Kuhlmann und Timothy Shearer bekamen den Befehl von höheren Wesen, die fürchterlichste Ausstellung des Jahres zu produzieren. Sogar da scheiterten sie: Es wurde  die beste Ausstellung des Jahrtausends.

Gut, dass es nur zwei Tage dauerte. Gut, dass es am Ebertplatz stattfand, wo nur Künstler, Alkoholiker und Aussteiger verweilen. Die Manifest-Ausstellung, die schon am vergangenen Sonntagabend von den Gesundheitsschutzbehörden der Stadt Köln mit einem großen polizeilichen Aufgebot geräumt wurde, hätte möglicherweise noch mehr Opfer gefordert. So bleiben die moralischen Schäden einigermaßen überschaubar.

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FAST SENKRECHT, auf jeden Fall Richtung oben – im Honigbrot

 

Katerina Kuznetcowa & Alexander Edisherov: Wolkengraphie

Marie Gerlach: Gleich kommt das Zeichen, Detail

Die Künstler zeigen Arbeiten auf zwei Etagen, sowie dem Treppenhaus des Galerienhauses. Als Meisterschüler der Klasse Maik und Dirk Löbbert schlossen sie alle in den vergangenen Jahren ihre Ausbildung an der Akademie Münster ab. Das gemeinsame Medium, die Bildhauerei, findet in ihren Werken sehr unterschiedliche Ausdrucksweisen. Sie verbindet eine gute Portion Witz und Gelassenheit und eine starke Bezogenheit zum Umgebungsraum. Das Assoziationsspektrum reicht vom persönlichen Erlebnisraum bis zum Gesellschaftsraum, wie z.B. in der Intervention von Stefanie Klingemann. Sie verwandelt den Nutzraum “Treppenhaus” in einem Galerienhaus von einem möglichst neutral und wertfrei gehaltenen Ort in eine typisch häuslich eingerichtete Fläche, durch den Einsatz von Fußläufern, Topfpflanzen und fragwürdigen Dekoartikeln.

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Kunstfestival Strom – 3. Auflage

Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert bestehend hat sich der Verein Kunsthaus Rhenania zu einer kleinen Institution der autonomen Kunstszene in Köln entwickelt. Das Kunsthaus Rhenania ist zunächst ein großes Atelierhaus in bester Lage, ein ehemaliger Getreidespeicher, der von 1926 an die verkehrstechnisch evidente Nähe zum Rhein nutzte und schon vierzig Jahre später, also lange bevor man im Rheinland und im Ruhrgebiet von einem Strukturwandel sprach, in einen kreativen Think Tank umfunktioniert wurde. Mittlerweile werden ca. 40 Künstler aller Sparten dort beherbergt; das Haus ist also in erster Linie eine Arbeitsstätte. Neben dieser Werkstattfunktion erfüllt das Kunsthaus Rhenania auch eine vermittelnde Funktion. Seminare, Workshop sowie Ausstellungen finden regelmäßig statt. Seit 2011 gibt es sogar ein hauseigenes Festival, Strom, das die schwierige Balance zwischen wir-bezogener Selbstzelebration (viele Künstler des Vereins werden ins Programm übernommen) und relevanter kuratorischer Arbeit schafft.

Markus Linnenbrink: Niewiederschnellsagen (remix)

Die dritte Auflage von Strom war – das können wir direkt vorwegnehmen – eine sehr gelungene. Die Kuratorin der diesjährigen Veranstaltung, Maria Wildeis, hat sich auf ephemere Kunstformen konzentriert und spannende Positionen gefunden, die prozesshafte Arbeitsweisen bevorzugen. Dass sich dabei viele Namen wiederfanden, die Wildeis in der Vergangenheit in dem eigenen Projektraum Honigbrot ausgestellt hatte, wunderte nicht und wurde als legitimer kuratorischer Rückgriff zur Kenntnis genommen. Wenn man sich als Ausstellungsmacher für eine bestimmte Kunstsparte, bzw. für einen bestimmten Geist und eine bestimmte Haltung konsequent engagiert, ist es selbstverständlich, dass die 1. Choice-Liste nicht ständig neu geschrieben wird.

Evangelos Papadopoulos: Untitled


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Gold und Beton am Ebertplatz in Köln

Ein Text von Timothy Shearer

Um ein Projekt am Laufen zu halten braucht man Power.

Voller Elan und Energie war die erfolgreiche Eröffnung des erstmal zeitbegrenzten Projektraumes Gold + Beton.
In den ehemahligen Räumlichkeiten der Halle der Vollständigen Wahrheit, die sich in der Ebertplatzpassage befindet, werden eine Reihe Projekte zu sehen sein.
Gold + Beton ist erstmal erdacht für die nächsten 6 Wochen und wird vom Vera Drebusch, Meryem Erkus, Lena Klein und Andreas Rohde organisiert. Zum Glueck!

Bei der ersten Ausstellung dort, Wenn du auslöschst Sinn und Klang, von Ufuk Cam und Jan Pleitner gab es eine bereichernde multimediale, all-over-Experience. Sagen wir mal, die Grand Entrance der beiden ziemlich überlegt-angezogenen Künstlern war gleichzeitig spektakulär und in einer gelungenen Weise albern.
Ein vollgepimpter Audi mit laut dröhnendem Mixtape fuhr vor die Tür und war erst zu hören statt zu sehen. Der Soundtrack gleich dem Kontext des Autos, eine Mischung aus selbstproduzierter Musik und gesammelten Hits, passte schon perfekt in das unterirdischen concrete jungle. Das Auto, was eigentlich eine Runde in der Waschanlage gebraucht hätte, war natürlich eine Metapher der Macho-Symbolik. Man las von einer Flagge auf dem Auto ein bisschen wirres Zeug, dazu ein komischer kleiner Drachenmann-Maskotian. Institut zur Bewahrung Wahrhaftiger emotionaler Momente in der Öffentlichkeit. Diese Grafik gab’s auch als kopierten Flyer zum mitnehmen.

Sympathisch war es dann, dass die beiden Künstler direkt daneben auch selbst-gemachtes Essen im Angebot hatten.
Im Endeffekt, die Selbstentlarvung der Geste eines Machoverhaltens war unterhaltsam. Man durfte zwischen den Zeilen lesen: Wir machen unser Ding. Wir haben Spass dabei und die Betrachter sollen teilnehmen an unserem Spass.
Wohl bekomm’s. Danke, das Angebot ist lecker.


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Grayson Revoir mit INTERNATIONAL BATHING zu Gast bei Jan Kaps

Flussaufwärts, grobe Richtung Aachen hat ein neuer Projekt-Raum aufgemacht. Der Name des Projekts lautet wie der Initiator selber JAN KAPS, die Räume befinden sich in der Jülicher Strasse 24A. Jan Kaps (der Mann) geht seiner kuratorischen Tätigkeit jetzt seit 5 Jahren nach und war in der Vergangenheit vor allem in Düsseldorf, und dort bei Beck & Eggeling, sowie in Berlin u.a. bei Sprüth Magers aktiv.
Die erste Ausstellung präsentiert unter dem Titel „INTERNATIONAL BATHING“ Arbeiten von Grayson Revoir. Revoir penetriert seine selbst entworfenen Objekte mit oxidierten Schrauben, so dass Ecken
und Kanten sowie die Oberfläche zu zersplittern beginnen und auch ansonsten geht er eher wüst und schmutzig mit seinen Materialien um.

Wir präsentieren das neu gestartete Projekt hier einfach mal mit einer kurzen Bildstrecke und wünschen für die Zukunft alles Gute. Wer neugierig geworden ist, schaut am Besten selber mal vorbei, die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Juni 2013 und ist Donnerstags – Sonntags von 15 – 20.30 Uhr geöffnet. Alles weitere wie üblich nach Vereinbarung, Ihr kennt das ja.


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Die Boutique zu Gast im Institut für alles Mögliche

Treue Leserinnen und Leser unseres Blogs kennen natürlich sowohl die Boutique als auch das Institut für alles Mögliche bereits, wir hatten Projekte an beiden Orten mehrfach bei uns. Um so schöner wenn zusammen kommt was eh schon zusammen gehört. Nach dem der Initiator und Organisator des Insituts, Stefan Riebel letztes Jahr in Köln zu Gast war, erfolgte nun der Gegenbesuch. Hier sind die Bilder vom Besuch.

Alle Bilder von Stefan Riebel via E-Mail, danke Stefan!

www.i-a-m.tk
www.boutique-koeln.de

Cocktailkleider und Altherrenwitze. „Das kleine Schwarze“ in der Boutique Köln.

von Dominik Busch

Die Kölner Boutique steckt in ernsten finanziellen Schwierigkeiten. Auch eine Crowdfunding Initiative via startnext.de brachte nicht den erhofften Erfolg. Falls sich kein privater Financier finden lässt, sieht es schwer danach aus, als müsste eines der drei Off-Projekte am Ebertplatz bald seine Räume schließen. Dank der Kölner Konsolidierung inklusive drastischer Kürzung des Kulturetats.

Ich möchte allerdings an dieser Stelle nicht direkt Stellung zu kulturpolitischen Fragen beziehen, noch möchte ich Kommentare wie auch immer gerichteter parteilicher Lager provozieren. Wenn Politik, dann politische Potenziale, wenn politisch, dann in einem ästhetisch reflexiven Sinn. Doch dazu später mehr.

Die Boutique zeigt aktuell „Das kleine Schwarze“, eine Ausstellung der beiden Studenten der Kunstakademie Düsseldorf Melike Kara und Peppi Bottrop. Kara, seit Kurzem Studentin von Rosemarie Trockel, tat sich bereits als eine der (Künstler-) Kuratorinnen der Videoausstellung „Body Light“ hervor, jetzt gibt sie Einblick in ein weiteres ihrer Medien, das der Malerei. Bottrop, aktuell Student bei Andreas Schulze und meines Erachtens eher Vertreter einer Düsseldorfer Malerei, zeigt nach zuletzt grafischen Arbeiten (im etymologischen Sinne) und solchen mit Tendenz zum Objekt, wieder Bilder mit Farbe, Spuren, Oberflächen und Versatzstücken – um zunächst mal wertungsfrei zu bleiben. In meiner Vorstellung gingen diese Beiden so gar nicht zusammen. Etwas dramatisch formuliert stellte ich mir eine Begegnung zwischen Poet und Provokateur vor, eine Unterhaltung zwischen Träumer und Rationalist. In der Theorie durchaus spannend, in der Praxis oft ein stumpfes Entweder-Oder. Hier weder noch. In „Das kleine Schwarze“ stehen sich zwei Positionen gegenüber, jeder für sich. Keine perfekte Symbiose, aber auch kein wirklicher Battle. Eine Gruppenausstellung, in der alle gewinnen.

Privates und Persönliches außen vor – das Gewinnbringendste dieser Ausstellung sind die Editionen, deren Erlös allein dem Erhalt der Boutique zugute kommt: Prints diverser Oberflächen, mit kleinen Arabesken collagiert, mit Materialien verschiedener Haptik verklebt, auf Glas montiert und in einfachen Geometrien durchschnitten. Einfach, aber effektiv. Vorne wird hinten, Bildträger wird Informationsträger, Bezeichnendes wird Bezeichnetes, ein unterhaltsames Spiel mit Begrifflichkeiten. Und zudem „ästhetisch“ äußerst ansprechend. Die Editionen sind es allen voran, die Karas und Bottrops Positionen verschränken: Der eine liefert, der andere trägt ab, addiert, subtrahiert, ideell wie formal, mithin das ewige Spiel der Malerei. Gewissermaßen Malerei 2.0.

Bottrops verhältnismäßig große Formate dominieren die kleinen Räume ohne Weiteres, in ihnen findet sich das Spiel der Oberflächen und Materialien wieder, welches die Editionen so fundierte: Pastoses Schwarz steht gegen dünnes Türkis, Kreise und Dreiecke aus Farbe stehen neben Prints einer Holzoberfläche, ein übergroßer Kantholzrahmen hält die scheinbar losen Teile zusammen. In der Chronologie kommen Bottrops Arbeiten eigenartig anachronistisch daher, hatte er doch mit seinen Ausschnitten bei „TOTALE 4“ im Maschinenhaus in Essen  bereits deutlicher die Grenzen des Bildraums unterwandert. Aber geht es darum? Bildraum, Bildaufbau, Materialität, Malergesten, Inside-Jokes? Ich will es schwer hoffen. Aber noch viel mehr will ich hoffen, dass keiner die Ironie dahinter übersieht. Denn Ironie ist integraler Bestandteil dieser Malerei und mindestens ein Kriterium guter Malerei – wenn nicht sogar das einzige heutzutage. Unter anderem deswegen ist meine Lieblingsanalogie zur Malerei die Rapmusik. Nirgendwo sonst werden Setzungen derart direkt und subjektiv gemacht. Beispielsweise: „Wie zum Teufel kannst du heute noch Songs über das harte Leben auf der Straße machen?“ Analog dazu könnte man fragen; „Wie zum Teufel kannst du Malerei heute noch so bitterernst nehmen?“ Man kann. Es wird aber immer mindestens einer kommen, der sich zu Recht über diese Form des Konservatismus lustig macht. Bottrop ist so einer. Seine Malerei scheint daher irgendwie sehr aktuell, aus grob historischer Perspektive war sie das aber auch schon vor gut dreißig Jahren. Damit soll nun kein Werturteil gefällt werden, es wird lediglich darauf hingewiesen.

Den streng schwarzen Grund der Bilder Karas als den einer Malerin zu erkennen, tut man sich zunächst schwer. Scheinbar unbedacht der Auftrag, erkennbares Um-die-anderen-Teile-drum-herum-Malen, recht direkte Emblematik. Absicht? Ich denke ja. Mit Karas Videos im Hinterkopf lässt sich ihre Malerei nämlich noch auf andere Weise fassen als aus rein malereiimmanenter Perspektive.

In der Hoffnung, gänzlich auf Proust-Zitate verzichten zu können, möchte ich dazu einen Gedanken aufgreifen, der kürzlich in Bezug auf die zeitgenössische Ausstellungspraxis von Videokunst (!) am Beispiel von „Body Light“ angemerkt wurde. Der Autor monierte die bisweilen ignorante Praxis institutioneller Kuratoren hinsichtlich der Installation von Videokunst, die, im Falle der „Big Pictures“ Ausstellung des K21, vermeintlich nach wie vor hauptsächlich in Black Boxes stattfinde, anstatt, wie im Falle von „Body Light“, in einem offenen räumlichen Diskursbezug zueinander. Diesem Ansatz, so durchsetzungswürdig er auch ist, liegt der Trugschluss der Gleichheit von Video- und Filmkunst zugrunde – eine mithin rein begriffliche Unterscheidung, aber deswegen nicht minder wichtig. Letztere bedarf nach wie vor der Präsentation im hermetischen System der Black Box, liegt doch immerhin ihr Spezifikum in einer primär kognitiven Form der Rezeption. Vergleichbar etwa mit der des klassischen Theaters. Videokunst verhält sich dem gegenüber zu seinem Konsumenten hin offen, die räumliche Installation sowie die interne Struktur sind meist aufeinander bezogen und/oder argumentativer Bestandteil der Arbeit. Ein Film muss den Betrachter vereinnahmen, er lebt gewissermaßen von einer ihm immanenten Zeit- und Räumlichkeit, ein Video hingegen darf vereinnahmen, ist aber aufgrund seiner vermeintlich komplexeren Struktur grundsätzlich nicht als hermetische Form zu betrachten.

Von dieser Unterscheidung zehrt auch die Malerei Karas. Das zuerst so gar nicht malerische Schwarz ihrer Bilder erinnert also nicht nur rein nominell an das einer Black Box, vielmehr kann man die kleinen Formate im hinteren Raum der Boutique über ihren Status als Tafelbild hinaus als Stills eines ihrer Videos sehen. Zudem rahmt eine beige Fläche auf Karas starkem Großformat das matte Schwarz wie ein Vorhang ein. Der Vorhang einer Theaterbühne oder der eines alten Kinosaals? Oder etwa das Schwarz einer Burka? Mein subjektives Auge erkennt in den roten, goldenen und blauen Tupfen, in deren Positionierung im oberen Drittel der Kleinformate und ihrer leicht gekrümmten – und dadurch plastisch werdenden – Form, Ausschnitte osmanischer Schmuckstücke, etwa eines Tikkas oder Diadems; Goldenen Kopfschmuck, wie ihn in unserer Vorstellung etwa eine türkische Braut tragen könnte. Hierin spielt Kara offenbar mit kulturellen Klischees, mit dem Blick auf eine Kultur durch die Brille einer anderen. Oder so. In diesen Gedanken ließe sich auch die einzige installative Arbeit der Ausstellung einreihen, ein filigraner Blumen-Print auf annähernd quadratischem Plexi, gehalten von rohem Stahl. Er wirkt wie eine Folie, wie ein Fenster, der die Ausstellung von außen zugänglich macht. Die Form der Blumen wiederholt hier die der Diademe und wirkt dennoch wie ein Fremdkörper zwischen den Malereien, wie eine Projektionsfläche für weitreichende Assoziationen. Ohne die genaue Bedeutung dieser Schmuckstücke für die türkische Kultur zu kennen, werden wir an Karas Videos „Haram“ oder „Bülbül“ erinnert, in denen der kulturelle – nennen wir es mal – Konflikt äußerst sanft, poetisch und dadurch für uns wertungsfrei dargestellt wird. Karas Malerei ist also in meinem Verständnis keine, die, wie jene Bottrops, ihr Medium kritisch hinterfragen, vielleicht nicht einmal als solches thematisieren will, sondern allein legitimes Mittel zum Zweck, in der Formulierung ihrer Position. Die Malerei mag Kara eine kontemplative Möglichkeit der Betrachtung geben, die in Videos nur begrenzt vorhanden ist. Szenen, beziehungsweise einzelne Frames, werden so in den Zustand einer dauerhaft möglichen Betrachtung überführt, wenn auch gleichermaßen der willkürlichen Rezeptionsdauer des Betrachters ausgeliefert. Doch geht das Schwarz der Black Box dann mit jenem der Malerei Karas, als ihren Videos entstammend, überhaupt zusammen oder wird die eingangs beschriebene begriffliche Unschärfe hier nicht ebenso unklar gehalten? Für die Konstruktion einer solchen Assoziationskette ist das sicher nicht von Bedeutung, hierin liegt vielmehr das diskursive Potenzial ihrer Arbeiten. Medienspezifik, Bildbegriffe und vor allem kulturelle Erwartungen werden gegeneinander ausgespielt, deuten an und lassen doch offen. Das ist es, was sie so wertvoll macht – keine Ansage, keine große Geste, vielmehr ein subtiler Fingerzeig. Und sähe man hierzulande kulturelle Identitäten und deren gegenseitige Vorurteile nicht so konservativ, man käme bei so viel Pathos um ein Grinsen nicht herum. Möglicherweise ist es dieser hintergründige Humor, der Karas und Bottrops Positionen letzten Endes doch irgendwie zusammen bringt. Als Basis einer gemeinsamen Ausstellung wäre Humor jedenfalls nicht das Schlechteste.

Für die Boutique bleibt zu hoffen, dass sie ihre Position trotz allen Widrigkeiten irgendwie halten kann. Das Team von perisphere.de wünscht Maximilian Erbacher und Yvonne Klasen hierzu viel Erfolg. Mit „Das kleine Schwarze“ haben die beiden Kuratoren einmal mehr ihr subtiles Auge bewiesen und zunächst so disparat scheinende Positionen sinngebend zusammen bringen können.
Hoffentlich sieht die Stadt Köln das ebenso. Spread the word.

Das kleine Schwarze
MELIKE KARA
 und PEPPI BOTTROP
Eröffnung: Freitag, 10. Mai, 19 Uhr

Dauer: 11. – 31. Mai 2013

Öffnungszeiten: Fr-Sa, 16 – 19 Uhr 
und nach Vereinbarung.

http://www.boutique-koeln.de/

10qm Abschluss

10qm war der Titel des temporären Pop-Up-Projekts von Stefanie Klingemann und Diane Müller im öffentlichen Raum von Köln Nippes. Ort und Bühne war ein etwas eigentümlich geteerter (Park?)platz, der dann jeweils für kurze Zeit auf unterschiedliche Arten umgenutzt wurde. Infos zum Projekt und den Teilnehmern gibt es auf der Projektwebseite, hier.

Das letzte mal agierte am 26.4. Uschi Huber mit “Tulipa”vor Ort. Im Laufe des Abends wurde sie von Les Éclairs, Petra Klabunde, Kwaggawerk, Krickeberg & Steins und ray vibration mit Jan Arlt unterstützt. Es gab Objekte, Blumen, Bild, Ton, Video und am Ende eine echte Kapelle die fantastisch schräg spielte.
Wir waren selber vor Ort, hatten aber die Kamera im Auto gelasssen, deshalb gilt hier: Alle Bilder by Stefanie Klingemann, die Ihr natürlich alle über das fast schon legendäre MOFF-Magazin kennt.

Abschlussveranstaltung des 10qm Projekts im öffentlichen Raum (Kuenstraße / Ecke Florastraße in Köln Nippes) am 26.4.2013 von 18-22 Uhr mit
Uschi Huber
Les Éclairs
Petra Klabunde
Kwaggawerk
Krickeberg & Steins
ray vibration mit Jan Arlt

http://www.10qm.de/
organisiert von Stefanie Klingemann und Diane Müller

The Ocean and the River in versch. Kölner Projekträumen

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Alle rheinischen Rivalitäten zu Trotz, ist es immer wieder erfreulich festzustellen, dass manche kölnische Umstände sich wenig von denen Düsseldorfs unterscheiden. Im Kapitel „Die Medien sind das Sprachrohr der bürgerlichen Empörung“, Abschnitt „Unser Dorf soll schöner werden“, herrscht nämlich der gleiche Tenor. Während die Landeshauptstadt den Worringer Platz zum offiziellen „Schandfleck“ gekürt hat, hat der Ebertplatz in der Domstadt ein solches Prädikat geerbt. Dort und drüben soll es hässlich, dreckig, laut und gar gefährlich sein. Alkoholiker, Dealer und mit Sicherheit sehr bald „Armutseinwanderer aus Rumänien und Bulgarien“ verunsichern die Bevölkerung – wenn man der populistischen Presse Glauben schenkt. Indes sind es genau diese zwei Plätze, die seit ein paar Jahren zu den neuralgischen Entstehungs- und Vermittlungszentren für junge Kunst geworden sind.

Am Ebertplatz, zwischen Boutique und Halle für Vollständige Wahrheit – Bild: Y. Klasen

Kein Standort in Düsseldorf zieht so viele Off-Projekte an wie der Worringer Platz; und der Ebertplatz ist seinerseits zum inoffiziellen Herz der unabhängigen Kölner Kunstszene geworden. Wie üblich im Zyklus der Gentrifizierung, leisten die dort angesiedelten Projekträume (Boutique, Bruch und Dallas sowie die Halle für Vollständige Wahrheit) praktisch Pionierarbeit, indem sie die verwaisten Läden bespielen, Leben in die Passage einhauchen und das Publikum mit Eröffnungen, Veranstaltungen und Partys anlocken. Ob irgendwann die Journaille verstehen wird, dass urbaner Raum mit geringem wirtschaftlichen Verwertungspotenzial und einer nicht-konventionellen „Aufenthaltsqualität“ zur Biotope für atypische Aktivitäten und Lebensformen (Stichwort: Obdachlose) werden kann?

Das sind die portugiesischen Künstler in Köln – Bild: Y. Klasen

Am Ebertplatz braut sich wieder etwas zusammen. Was mit einer privaten Reise anfing geht weiter mit einem aufwändigeren Künstleraustausch. Vor ein paar Monaten fuhren Paul Leo, einer der zwei Betreiber der Halle der Vollständigen Wahrheit, zusammen mit Yvonne Klasen, Mitbegründerin der Boutique und des Karat-Schaufenster am Friesenplatz, sowie mit Malo, der die höher erwähnte Halle mitbetreut, nach Porto. Sie trafen dort auf eine kleine und sehr aktive Szene von ausstrebenden Künstlern, die zwar voller Energie und Gestaltungsdrang erfüllt sind, jedoch keine Aussicht auf eine Vermittlung ihrer Arbeit finden. Anders als hierzulande ist die Gruppe der Interessenten für zeitgenössische Kunst in der portugiesischen Stadt beschränkt. Es gibt nur wenige Galerien, die auf internationalem Niveau arbeiten und zu wenige Institutionen, die sich für den Nachwuchs engagieren. Und die ausstrebenden Künstler voller Energie und Gestaltungsdrang tun viel um ihre Energie und Gestaltungsdrang sinnvoll zu kanalisieren; aber sie agieren eben nur unter sich. Die Bemühung, ein selbstorganisiertes Netzwerk aufzubauen und zu unterhalten, ist verschenkt, wenn das Publikum sich partout nicht für das Angebot interessiert. Trotz zahlreicher Initiativen beißt sich der Hund in den Schwanz und die Akteure treten auf der Stelle.

Diana Carvalho in der Boutique

Diana Carvalho

Diana Carvalho

Diana Carvalho

Die unabhängige Kunstlandschaft in Porto ist also nicht unbedingt von einem großen Stillstand gekennzeichnet, aber niemand hört den Ruf. Da ist zum Beispiel Maus Hábitos (auf dt.: „Schlechte Gewohnheiten“), eine mittlerweile etablierte Initiative, die sich neben der Bildenden Kunst auch dem Tanz, der Musik und dem politischen Aktivismus zuwendet. Da ist auch Na casa com, eine Art jährlich stattfinder Tag der Offenen Türen, bei dem eine kleine Gruppe von Künstlern ihre Ateliers der Öffentlichkeit öffnen. Ein kritischer Überblick über die selbstorganisierte Kunstszene von Porto erfolgt in kurzem an dieser Stelle.

Hernâni Reis Baptista – Bild: Y. Klasen

Hernâni Reis Baptista – Bild: Y. Klasen

Jedenfalls entschieden sich die drei kölner Künstler etwas zu tun und verpflanzten die Idee des Offs in den Köpfen ihrer portugiesischen Kollegen. Die kleine Kölner Delegation erzählte von ihren Erfahrungen als Off-raum-Betreiber und Gestalter eines lokalen künstlerischen Angebots und ermutigten ihre Gastgeber selbst aktiv zu werden. Bei dem großen räumlichen Leerstand in Porto und der Anzahl an Künstlern, die sich selbst überlassen sind, sollte die Motivation prompt greifen. Aber zunächst wollten sich die Portugiesen ein Bild der Lage machen und das Off vor Ort erleben. Nachdem in Januar über 30 Künstler interviewt wurden, wurden sechs auserwählt, nach Köln zu fahren um ihre Arbeit zu präsentieren und die Szene kennenzulernen. Dank einer Förderung der Bezirksregierung Köln fielen Fahrt- und Übernachtungskosten nicht zu Last der Organisatoren; der erste Künstleraustausch zwischen Köln und Porto war geboren.

Mónica Lacerda – Bild: Y. Klasen

David Ferreira – Bild: Y. Klasen

David Ferreira – Bild: Y. Klasen

Zur Ehre ihrer Gäste sind zahlreiche Projekträume zusammen gekommen und haben ein kleines Festival organisiert mit dem schönen Titel „The Ocean and the River“. Jeder der sechs portugiesischen Künstler erhielt eine Ausstellung, ob Maria Trabulo in den freien Schaukästen von Karat, Rita Medinas Faustino in der Baustelle Kalk oder Hernâni Reis Baptista im Klub Genau. Zusätzlich zu seiner Einzelshow in einem zu diesem Zweck gemieteten Lkw realisierte David Ferreira eine Performance am Ebertplatz, wo er die Zugänge des Ortes mit Kisten absperrte und damit die Passanten zu kreativen Umgangsstrategien zwang. Ein knapper Tag nach der Eröffnung ihrer Ausstellung in der Halle der Vollständigen Wahrheit wurde ihrerseits Mónica Lacerda gezwungen, ihre Arbeiten zu räumen: Schon am Samstagabend fand da ein Konzert statt und die Party ging bis zum Morgengrauen. Wer am Sonntagnachmittag zur Diskussionsrunde am Ebertplatz kam, traf ein gutes Dutzend leicht ermatteter Künstler, sich über die Lage der jungen Kunstszene in Porto unterhaltend. Noch war die Arbeit von Diana Carvalho in der Boutique zu sehen; wenig später verreisten die sechs zurück nach Porto.

Maria Trabulo

Maria Trabulo

Maria Trabulo

Und wie geht’s weiter? Im September werden sechs Kölner Künstler nach Porto fahren und ihre Arbeit dort präsentieren. Da die Vermittlungsstruktur (d.h.: ein Raum und Menschen, die sich darum kümmern) nicht vorhanden ist, stehen noch viele Details dieser Reise in den Sternen. Aber wir werden berichten….

when people had computers – Konzert in der Halle für Vollständige Wahrheit – Bild: Y. Klasen

Diskussionsrunde am Ebertplatz

 

 

Pepper + Woll zeigen SUPER in Köln

Mit der speziell für den Ort entwickelten Arbeit “SUPER” des in Düsseldorf lebenden Künstlerduos PEPPER + WOLL präsentierte die Projektreihe 10qm am Freitag den 08. März um 18 Uhr die neunte für den Ort konzipierte Arbeit.

10 QM – SUPER ist eine temporäre Architektur-Skulptur, welche sich durch Einbeziehung der spezifischen Raumkoordinaten am Ort manifestiert. Die Intervention schafft ein neues Zentrum innerhalb des vorhandenen Wohnquartiers, indem sie eine Schnittstelle im innerstädtischen Gefüge von Park, Kirche und Anwohner von Köln/Nippes provoziert. „Super“ funktioniert als architektonische Geste, die die Aufmerksamkeit des Anschauenden bannt und Fragen, Meinungen bzw. Prozesse der Kommunikation eröffnet!

„Super“ ist durch die freie Verwendung konventioneller Baumarktmaterialien und der Glorifizierung gegenüber der Technik geprägt. Ausgediente technische Objekte wie z.B.  der Lüfter (Bobble), der Stromkasten oder aber auch der Leuchtturm (Glockenturm) sind ausgediente technische Objekte mit Wiedererkennungswert, die in der gebauten Struktur eine scheinbare Logik ergeben.

Alle Bilder by Pepper +Woll via E-Mail.
Danke Mark!

10qm
Freitag den 08. März, 18 Uhr
www.10qm.de
www.facebook.de/zehnqm
www.pepperwoll.com

Die Kölner Boutique zu Gast in der Tanzschule München

Maximilian Erbacher, Yvonne Klasen und André Sauer betreiben in Köln die BOUTIQUE – RAUM FÜR TEMPORÄRE KUNST (wir haben berichtet). Der Raum ist durch seine Örtlichkeit wie auch in der konzeptuellen Ausrichtung in Köln einzigartig. Unweit des Kölner Hauptbahnhofes, am Verkehrsknotenpunkt Ebertplatz gelegen, eröffneten die Drei im April 2011 in der unwirtlichen Betonumgebung einen alternativen, nicht kommerziellen Projektraum.
Das Geld für ein Atelier floss seitdem in die Finanzierung des Programms. Das Ziel ist es einen „nicht-elitären“ Kunstraum in der öffentlichen Wahrnehmung zu etablieren, mit einem subversiv/zwanglosen Programm. Der Focus liegt auf konzeptuellen und ortsspezifischen Arbeiten junger KünstlerInnen und Kuratoren, die größtenteils am Anfang ihrer Laufbahn stehen. Der Raum ist Plattform und Kommunikationsort für künstlerische und kuratorische Experimente. Ein Schwerpunkt des Programmes sind orts- und raumbezogene Installationen.

Die drei Betreiber und Organisatoren der Boutique waren nun gemeinsam in München eingeladen um dort in der Tanzschule unter dem Titel ‘Aber es bleibt eine Illusion‘ eine Show zu machen. Max war so freundlich uns ein paar Bilder davon zu kommen zu lassen. Danke!

Boutique zu Gast in der Tanzschule, München, 2012

 

Stefan Riebel – Somethings in der Boutique am Ebertplatz

von Florian Kuhlmann (Düsseldorf)

 

2010 wurde ich auf Stefan Riebels Arbeit ‘Black Pixel‘ aufmerksam – ein 1×1 Pixel großes, schwarzes Quadrat auf weißer Fläche. Die Arbeit hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen und da ich etwas neidisch auf ihn und seinen Einfall war, beschloss ich ihm die Arbeit zu stehlen.

Dazu speicherte ich seinen schwarzen Pixel bei mir auf der Festplatte, kopierte ihn dann per FTP in den Webspace meines Servers, um ihn von nun an dort unter der Domain www.stolen-black-pixel.de zu präsentieren. Stefan informierte ich dann per E-Mail über den dreisten Diebstahl, so kamen wir in Kontakt und es entstand über die Jahre ein äußerst fruchtbarer Austausch, mit gemeinsamen Projekten und Ausstellungen, vor allem in Berlin.

Um so schöner also, dass der Berliner Künstler, Kurator, Projektinitiator und Raumbetreiber (Institut für alles Mögliche) nun vom 18.11. bis zum 02.12.2012 mit einer Einzelausstellung in der Kölner Boutique zu Gast ist. Der Projektraum wird von Maximilian Erbacher, Yvonne Klasen
und André Sauer auf der unteren Ebene der Ebertplatzpassagen betrieben, wo sich mittlerweile mit gleich drei Räumen ein Zentrum der Kölner Off-Szene gebildet hat. Schräg gegenüber der Boutique liegt Bruch&Dallas, direkt daneben die Halle der vollständigen Wahrheit. Der Ort ist abgerockt, hinreichend zentral gelegen und dennoch abgeschieden genug um auch mal ordentlich feiern zu können – was im übrigen u.a. der Partyinszenator Alexander Wissel mit dem Single Club vor Ort auch dort bewiesen hat.

Somethings

ist der Titel der Ausstellung, unter dem Riebel ältere und aktuelle Arbeit zusammen gestellt hat.

somethings ist neben dem Namen der Ausstellung aber auch gleichzeitig Titel der größten und nach Außen hin sichtbaren Videoinstallation. Die dort zu lesenden Wörter auf der matten Scheibe hat Riebel assoziativ für diese Ausstellung gesammelt. Seit der Einladung hatte er immer wieder Worte notiert die ihm im zusammenhang mit diesem Ereignis in den Sinn kamen. So entstand eine ortsspezifische Wortsammlung, ganz ähnlich einer Tag-Cloud.
Riebel hat die Arbeit seit dem Jahr 2010 an verschiedenen Orten realisiert und die Ergebnisse dieser Denktätigkeit im Netz festgehalten http://somethings.stefanriebel.de/.

Die Arbeit dedication pieces besteht aus Postkarten und Plakaten die auf einem Holztisch ausgelegt und zum mitnehmen sind. Die Arbeit verteilt sich so mit Hilfe der Besucher langsam und kontinuierlich über die Welt. Auf den verschiedenen Medien in unterschiedlichen Formaten sind poetische, minimalistisch Widmungen notiert, die sich online nachlesen lassen dedication.stefanriebel.de/.

Die Arbeit bg (before google) – im Netz zu sehen unter www.beforegoogle.net war in Düsseldorf in der weißen Version bereits im Rahmen des Transprivacy-Projekts zu sehen. Auch hier lagen kleinformatige Flyer aus, über die sich das Konzept langsam aber leicht mit Hilfe des Publikums verteilt.

Die versuchsanordnung für plattenspieler, vinylrohling und zeit (#3) besteht aus einer einfachen Konfiguration. Auf einem Plattenspieler liegt ein Vinylrohling auf, der beim Abspielen durch die darauf kratzende Nadel beschrieben wird. Die dabei entstehende Tonspur wird gleichzeitig auf normalem Wegen auf den Boxen abgespielt.

dead pixel (on hyundai b71a) ist ein Sammlerstück aus Riebels Sammlung kaputter Pixel, wie sie sich auf diversen Monitoren und Flachbildschirm befinden. Dieser toter Pixel befindet sich auf einem Hyandai B71A Flatscreen. In der Vergrößerung und auf dem Kopf stehenden online hier zu sehen dead-pixel.stefanriebel.de/

Stefan Riebel, somethings
Dauer: 17.11.-01.12.2012
Öffnungszeiten: Do-Sa, 16-19 Uhr

Ebertplatz 0,
Ebertplatzpassagen,
50668 Köln

www.boutique-koeln.de

PLATINE Festival in Ehrenfeld

von Maria Wildeis (Köln)

 

Bei dem Kölner PLATINE Festival werden rund 20 Werke in 6 verdunkelten Clubs und Kultureinrichtungen präsentiert, deren Ausstellungssituationen ein wenig an Rundgänge an Designhochschulen erinnern. Erklärung dafür könnten die Kooperationen mit der Utrecht School of the Arts, dem GameLab der HfG Karsruhe und der KHM sein.

Monkey Business von Ralph Kistler, Jan M. Sieber und Susann Maria Hempel, Photo: PLATINE)

Die PLATINE vermittelt einen Eindruck von einem wirklich unterhaltsamen Studienfeld der Medienkunst und den neusten Entwicklungen im Bereich der Augmented Reality („erweiterete Realität“). Unter Augmented Reality versteht man die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung. Durch diese Technik können sich herkömmliche Tische in Spielfelder verwandeln und Smartphones mittlerweile als neuartige Brillen eingesetzt werden, indem sie einen mithilfe von eingeblendeten Karten und historischen Informationen durch die nicht virtuelle Realität leiten.

[RE]ALITY von bildundtonfabrik, undefined development und putschkrakul

Die angehenden und ausgebildeten Entwickler, die auf dem Festival präsentiert werden, spielen mit den neuen komplexen Möglichkeiten der Einsen und Nullen der Softwareindustrie. Präsentiert werden Licht- und Soundarbeiten, die interaktiv auf den Benutzer reagieren, vielerorts durch Projection-Mapping, bei welchem 3D-Modelle auf reale Objekte projiziert werden und so die Nutzbarkeit des realen Objekts oder Sichtfeldes virtuell erweitert wird.

ROTOMAP, von GROSSE 8

ROTOMAP, von GROSSE 8

Der Rotomap 3000 ist ein audiovisuelles „DJ-Spiel“, bei dem mit einem Joystick unterschiedliche Klangspuren angespielt werden können. Vorher muss man die einzelnen Spuren erst frei spielen, indem man die jeweiligen Flächen mit einem kleinen Starfighter abschießt. Die Kombination aus Project-Mapping (die passgenaue Projektion auf 3-dimensionale Objekte) mit Bewegung und Sound in Echtzeit macht wirklich Spaß. Der Prototyp von 2012 wurde von GROSSE 8 entwickelt, den innovatien Grafikdesignern, die auch unter dem Namen Lichtfront als VJs tätig sind.

Der Regen hatte heute so seine Vorteile. So konnten wir zwischen den Schauern ausgiebig die teilweise raffinierten Projekte „ausprobieren“. Sie begreifen sich vielmals als Prototypen einer neuen Denkrichtung in der Spiele-Industrie. Dennoch, die meisten Arbeiten tangieren die Schnittstellen zur Kunst noch nicht ganz, die Werke begreifen sich vielmals eher als Prototypen und Modelle richtiger, sprich fertiger Kunst.

Boxes von JeongHo Park, Photo: PLATINE

Ausgereifte Gegenbeispiele dafür waren die Arbeit „Boxes“ von JeongHo Park und eine Lichtinstallation in der DQE-Halle von den RaumZeitPiraten, die der Kindheitsvorstellung eines richtigen Labors mit einer komplexen Konstruktion aus Lichtprojektionen, Lasern, blubbernden Glaskolben, Zahnrädern und Bewegungsmeldern visualisieren.

RaumZeitPiraten

RaumZeitPiraten

 

Platine Festival in Ehrenfeld
Locations: artheater / Club Bahnhof Ehrenfeld /Design Quartier Ehrenfeld / Zoo Schänke / Schreinerei auf der Heliosstraße
Bis Donnerstag täglich von 19:00 bis 23:00, Eintritt frei
www.platine-cologne.de

 

Fotos (wenn nicht anders ausgeschrieben): Michael Schaab

Im Gespräch mit Anna-Lena Werner von artfridge

Die in Berlin lebende Anna-Lena Werner ist die zweite Gesprächspartnerin in unserer Interviewreihe mit deutschen Kunstbloggern, und bildet auch direkt eine Ausnahme. Denn der von ihr, mit Unterstützung von Amy Sherlock, geführte Blog Artfridge ist zwar stark in Berlin verortert, publiziert aber überwiegend in englischer Sprache. Der Themenschwerpunkt der Berichterstattung liegt auf dem Rheinland, Berlin und London.
Die Entscheidung für den internationalen Auftritt ist allerdings nicht nur strategisch bedingt, sondern hat durchaus persönliche historische Gründe. Anna-Lena hat selber lange Zeit in London gelebt und gearbeitet. Eine ihrer Redakteurinnen, Amy Sherlock ist nach wie vor dort. Ursprünglich stammt die leidenschaftliche Bloggerin aber aus Köln, also ganz aus unserer Nähe. Dem Rheinland ist sie dadurch immer noch verbunden und hat deshalb die Kunstszene hier nach wie vor gut im Blick.

Im Frühjahr diesen Jahres wechselte Sie aus der Rolle der Beschreibenden in die Rolle der Organistorin und Kuratorin, unter dem Titel “Untitled (Absence)” realisierte sie bei Savvy Contemporary eine Ausstellung mit Lela Ahmadzai aus Afghanistan und dem gebürtigen Dänen Lars Bjerre. Trotz ihrer Aktivitäten und Projekte hatte Sie freundlicherweise Zeit uns ein paar Fragen zu beantworten.

Anna-Lena Werner | artfridge.de

FK: Welche Ausstellung war für Dich besonders wichtig und warum?

ALW: Im Frühling 2005 habe ich im Hamburger Bahnhof in Berlin die Präsentation von Friedrich Christian Flicks Sammlung gesehen. Das war so mit das erste Mal, dass ich so viele gute zeitgenössische Kunstwerke geballt in einem Museum betrachten konnte. Ich war völlig fasziniert von Paul McCarthys Videoinstallation ‘Saloon Theatre’. Seine Arbeiten haben mich noch Jahre später beschäftigt – ich habe auch viel über ihn geschrieben. Für mich war diese Ausstellung wie eine Tür zur Kunstwelt, die sich ganz plötzlich öffnete. Alle hingen sie da: Cindy Shermans Fotografien, Bruce Naumans Installationen, Arbeiten von Nam June Paik, Peter Fischl und David Weiss, Martin Kippenberger, Pipilotti Rist und vielen anderen. Seitdem ist der Hamburger Bahnhof mein Lieblingsmuseum – die Räume dort haben eine ganz eigene Mystik.
Auch fasziniert hat mich “The Killing Machine and Other Stories” im MACBA in Barcelona. Das war 2007. Diese Sonderausstellung von dem Sound-Installations-Künstler-Duo Janet Cardiff und George Bures Miller war so schockierend wie radikal. Man versinkt in eine völlig abstrus-anti-utopische Welt. Ohne tatsächliche Gewalt zu zeigen, ruft die durchchoreografierte Installation “The Killing Machine” die tiefsten Ängste und Phobien hervor. Alle Sinne sind für diese Zeit vollständig auf das Werk konzentriert.
Mit der Bewertung von wichtigen und unwichtigen Schauen halte ich es also wirklich simpel: Wenn ich mich nach Jahren noch so scharf an Ausstellungen erinnern kann, wie an diese beiden, dann haben sie zumindest einen großen Eindruck hinterlassen.


» Gimme more of this please. now …

Karat: Interventionen am Straßenrand

von Maria Wildeis (Köln)

Leerstände implizieren Wandel: Etwas ist vorbei, eine Nutzung obsolet geworden und das Erschöpfen manifestiert sich in meist wahllos zurück gelassenen Einrichtungsgegenständen, verblassten Farben und dem Staub, der über den Oberflächen liegt. Der Staub dämpft die einfallenden Lichtreflexe, so verdunkelt sich der verlassene Raum und tritt aus dem Stadtbild zurück in ein Schattendasein. Er entzieht sich mehr und mehr einer öffentlichen Wahrnehmung und beginnt zu schweigen.

Bei Google-Maps werden die Vitrinen noch als Werbetafeln genutzt

Es ist ein beliebtes Mittel der Kunstschaffenden und ihren engagierten Förderern, diesen vergessenen Räumen neues Leben einzuhauchen, sie im verfallenden und immer wieder neu entstehenden Stadtgebiet zurück zu erobern und erneut zum Sprechen zu bringen. Sobald sich alte, verschlafene Räume auffinden lassen und die Möglichkeit es zulässt, wird der Ort unter frischer Regie wieder aufgeweckt und seiner Architektur eine neue Bedeutung verliehen.

So wurden auch in Köln alte Schaufensterkästen im Schatten eines oberhalb auskragenden, mit Wellblech verkleideten Parkhauses in der Innenstadt, unter jener frischen Regie der jungen Künstler und Off-Raum Betreiber Yvonne Klasen (hoi offraum), Malo (Hug me, Heimlich) und Paul Leo im April ganz beiläufig wieder zurück ins Licht gerückt. In der Nähe des Friesenplatzes befinden sich 14 alte Werbeschaukästen an einer viel befahrenen Straße, die längere Zeit nicht mehr als Anzeigenfläche vermietet wurden, wahrscheinlich wegen ihrer durch Parkplätze ungünstig gelegenen Position. Im Frühjahr erhielt das Karat-Team von den Parkhausbetreibern die freundliche Genehmigung für die neue Nutzung der Werbeflächen. Seitdem wurden die Vitrinen schon das dritte Mal bespielt.

Die aktuelle Ausstellung zeigt seit dem 16. Juni Arbeiten eines der Raumbetreiber, Malo (noch bis zum 8. Juli). Der Künstler präsentiert in den Kästen ungerahmte und sporadisch befestigte Malereien auf Papier, die in ihrer Farbigkeit und der gegenstandslosen Bildsprache hinter den alten Glasvitirinen das Stadtgefüge unauffällig in eine Ausstellungsfläche verwandeln. Die Intervention verfolgt nicht wie in einer Werbevitrine für gewöhnlich erwartet marktorientierte Absichten, ist nicht laut und bunt, reizt mit nackter Haut, sondern sie schenkt dem gewöhnlichen Moment des Vorbeigehens, des Auf-dem-Weg-seins, einen kleinen Augenblick der Entrückung.

Vergangene Ausstellungen zeigten eine Gruppenausstellung im April mit 14 Beteiligten aus der ganzen Welt (Amanda Midori (Sao Paulo, Brasilien), Benjamin Tillig (München), Frank Wunderlich (Leipzig), Johannes Amorosa (Köln), Katja Donnerstag (Köln), Linda Baumsteiger (Gent, Belgien), Lukas Goersmeyer (Köln), Lyoudmila Milanova (Köln), Matthew Randle (London, UK), Mercedes Mangrané (Barcelona, Spanien), Pavel Příkaský (Prag, Tschechien), Stefanie Klingemann (Köln), Tobias Becker (Köln)) und eine Ausstellung des zweiten Betreibers vom Projekt, Paul Leo, im Mai und Juni des Jahres. Da dürfen wir uns wohl bald auch auf eine Ausstellung von der dritten Karat-Organisatorin, Yvonne Klasen, freuen. Die leitete bis vor kurzem den mittlerweile wieder leer stehenden Hoi Offraum im Kölner Süden und wird als Künstlerin von der Galerie Mülhaupt vertreten.

Der Wandel steckt in jeder Architektur. Temporäre Eingriffe und Veränderungen zieren das Stadtgefüge und tauchen immer dort auf, wenn etwas vergeht, seine Strahlkraft verliert und Neuem weichen muss. Die architektonische Hülle bleibt bestehen, wird neu gestrichen, anders dekoriert und ausgeschmückt. Wir können gespannt sein, was in den Schaukästen, Off-Räumen und auf öffentlichen Plätzen der verschiedenen Innenstädte noch zu finden sein wird, wenn sie in unbestimmter Zeit wieder einer Umstrukturierung erliegen werden.

 

Infos zum Projekt: karat-ist-draussen.com

Christian Keinstar zu Gast bei Teapot in Köln

Der in Köln lebende Künstler Christistian Keinstar war vom 18.04. bis zum 19.05.2012 unter dem Titel “THE DARK AGE OF LOVE” mit einer Soloshow und einigen neuen Arbeiten in der Teapot-Galerie in Köln zu sehen. Von dem Projekt gibt es eine ausführliche Videodokumentation, die wir hier einfach mal weitest gehend kommentarlos einbinden – einzige subjektive: Mein persönlicher Favorit ist Kanon 03.
Ich klicke Gefällt mir!

Und alle Düsseldorfer, die die Arbeiten von Keinstar mal live sehen wollen und es nicht nach Köln geschafft haben, freuen sich auf seine Show mit Susanne Giring, im kommenden Jahr im Parkhaus im Malkasten.

THE DARK AGE OF LOVE
18.04. – 19.05.2012

Teapot Galerie
Herwarthstrasse 3
50672 Köln
www.weareteapot.com

www.keinstar.de

 

Evangelos Papadopoulos im Honigbrot

Die raumgreifende Plastik des Bildhauers Evangelos Papadopoulos erscheint durch ihre Ausmaße von über 7 m x 4 m x 4 m und durch seine kristalline und expandierende Gestalt wie eine rauschhafte Schöpfung, die sich rational motivierten, verbalen Deutungsversuchen entsagt. Bei ihrem Entstehungsprozess konnte man zusehen, wie Tag für Tag, Stunde um Stunde, der Raum transformiert wurde uns schließlich selbst zu einem Teil der Kunst wurde. Es wurde hinzugefügt, angeschraubt, abgebrochen, abgesägt und wieder entfernt, wieder aufgetragen.

Papadopoulos kreiste um die Arbeit und betrachtete das entstehende Werk aus den unterschiedlichen Blickachsen und unter jeweils anderen Licht- und Perspektivverhältnissen. Dabei dienten die verschiedenen Beobachtungsposten als feste Bidlauscchnitte, die immer aufgesucht wurden um abgelichtet zu werden, um ein visuelles Gleichgewicht herzustellen und vor dem Auge schließlich das zu erschaffen, worauf es zu warten schien.

Mit der Ausstellung MANIA ist ein plastischer Eingriff entstanden, durch dessen Dominanz in der Erscheinung die Funktionalität des Raumes entkoppelt wird. Die Umgebung wurde vereinnahmt: die geometrischen Strukturen im Raum, der dunkle Betonestrich, die Fenstergliederung, die Farb- und Lichtverhältnisse, aber auch die vielen körperlichen Bewegungen um die Arbeit herum – all diese Raumelemente verweisen im Schattend es Kunstwerks auf ihre bildhaften Qualitäten und die Sicht auf den Raum verlagert sich mehr und mehr von seiner Funktionalität auf die Formsprache.

So treten die malerischen Merkmale des Kunstwerks gemeinsam mit dem Raum und seinem inhärenten Lebensalltag als visuelle Erscheinung hervor und verwandeln sich nahezu in eine dreidimensionale Collage.

Text: Maria Wildeis

Oliver Blumek

Rahmenprogramm:
8.6 um 19 Uhr: Eröffnung mit einer Performance von Oliver Blumek
15.6 um 20 UHr: Screening: Medea von Pasolini, Popcorn und Bier
30.6 um 16 UHr: Lesung aus Platons Phaidros
4.7 um 20 Uhr: Vortrag in Gedichten von Frank Schablewski

 

Evangelos Papadopoulos: Mania
Honigbrot
8.6-8.7.2012
An der Schanz 1a, 50735 Köln-Riehl
geöffnet von Do-Sa, 12-18 Uhr, Fr 12-22 Uhr und nach Vereinbarung

 

 

Reichrichter in der Boutique

von Emmanuel Mir (Düsseldorf)

 

Verlust als Antrieb und als System. Am Anfang verlor Marcus Vila Richter die Stimme. 1996 realisierte der Künstler eine Serie von Interviews in Barcelona und befragte Kunden des Cafés „Zürich“ nach ihrer Wahrnehmung des Ortes. Das Café Zürich war so etwas wie eine Institution in der Stadt, ein Synonym des stilvollen Genusses und der gepflegten Tradition, eine kulturelle Landmarke, fest verankert in dem Barcelona Alltag. Es entstand eine Reihe von kurzen Porträts, in denen die Bindung der Gäste zur Gaststätte deutlich wurde. Vielleicht war in diesen Aussagen auch ein wenig Melancholie heraus zu hören. Das Ende des Cafés „Zürich“ war nämlich zum Zeitpunkt der Interviews beschlossene Sache; wenige Tage später wurde es abgerissen.

Dies war nur der erste Verlust. Die Tonspur der Aufnahme ging nämlich auch verloren. Die Sprache, die in diesem Fall als hauptsächliches Medium der Bezeugung und der Informationsvermittlung fungierte, löste sich im digitale Äther auf und beraubte somit dem Film seinen dokumentarischen Charakter. Das stumme Material blieb viele Jahre lang in der Schublade von Richter liegen. 2008 kehrte der Künstler mit seiner Frau Rebekka Reich nach Barcelona zurück und befragte Passanten zu ihren Erinnerungen an das alte „Zürich“. Eingebettet in eine Shopping Mall war zwar am gleichen Standort ein neues Café mit gleichen Namen entstanden, aber die charmante Atmosphäre war für immer gewichen. Manche der eingefangenen Stimmen waren voller Sehnsucht nach dem verstorbenen Café, andere haderten mit der Erinnerung – Gedächtnisschwund als dritte Verlustebene.

Diese Stimmen wurden jedenfalls auf die Gesichter von 1996 montiert; und zwar technisch so perfekt, dass die Lippen sich synchron zu den gesprochenen Wörtern zu bewegen scheinen. Die akribische und kleinteilige Schnittarbeit, die die sieben Minuten Videomaterial benötigten, hat mehrere Monate gedauert und erweist sich als eine obsessive und wahnwitzige Leistung. Der chirurgische Eingriff schafft aber die erstaunliche Illusion einer teilweise perfekten Kongruenz zwischen Bild und Ton – eine Kongruenz, die, selbstverständlich, vom Rezipient selbst produziert wird. Es entsteht ein verwirrendes Kontinuum aus gestrigen Aussagen und heutigen Bildern (oder war es umgekehrt?), die den Fortbestand der Erinnerung im digitalen Zeitalter sowie die angebliche Linearität der wahrgenommenen Zeit infrage stellen.

Neben diesen manipulierten Zeugenaussagen werden immer wieder kurze Sequenzen eingefügt, die die Reflexion über Zeit, erinnerte Vergangenheit und konstruierte Gegenwart um eine poetische Ebene bereichern. Die Choreographie der „Zürich“-Kellner wird eingefroren und erstarrt in einer unwahrscheinlichen Vergangenheit; die Bewegungen und Ausdrücke der Gäste verlangsamen sich und verhallen und am Ende fährt die Rolltreppe zurück. Orte und Worte sind verschwunden, was bleibt sind Bilder. Diese kurzen und sprachlosen Momente sind wertvoll, weil sie mit dem herrschenden konzeptuellen  Rahmen von Zürich brechen und eine intuitive und offene Bildsprache entwickeln, die sich ausgleichend auf das ganze Video auswirkt.

Für ihren Anstand als Künstlerpaar haben Rebekka Reich und Marcus Vila Richter eine tiefsinnige, doppelbödige Arbeit konzipiert, die eine gelungene Synthese aus experimentellen Video, Dokumentarfilm und atmosphärischer Erzählung bildet.

 

Reichrichter: “Zürich”
am 25 und 26.5.2012
Boutique
Ebertplatzpassagen
50668 Köln

Frank Bölter parkt sein Pappauto in Köln Nippes

Stefanie Klingemann und Diane Müller haben im April diesen Jahres in Köln Nippes das 10qm Projekt ins Leben gerufen. In den folgenden Monaten werden dort Uschi Huber, Anja Kempe, Stefanie Klingemann, Katerina Kuznetcowa und Alexander Edischerow, Diane Müller, Michael Pohl, PUPLIK.ORG, Peter Schloss und Thomas Woll jeweils am letzten Freitag im Monat mit eigenen Beiträgen aktiv und zu sehen sein.

Mit einer, speziell für den Ort entwickelten, Arbeit des in Köln lebenden Künstlers Frank Bölter startete die Projektreihe am Freitag den 27. April 2012. Bölter stellt wunderbar skurile und wirklich sehr große Arbeiten aus Papier her, mit denen er im öffentlichen Raum experimentiert. Ein Blick auf seine Webseite lohnt sich definitiv, mein persönlicher Favorit ist derzeit das Wellpapphaus.

Das Wellpapphaus Savoir vivre

von Frank Bölter “ist die Kopie des Wohn-und Siedlungskonzeptes der Bau- und Siedlungsgenossenschaft für den Kreis Herford e. G. (B & S Bünde) “Haus Alpha” aus Wellpappe. Das Wellpapphaus ist die Erfüllung des allgemeinen Einfamilienhaustraumes ohne die Last der Verschuldung auf Lebenszeit und ermöglicht ein wieder entdecken von Bau- und Wohnkultur innerhalb eines gängigen Einfamilienhaus-architekturkonzepts.”

Und das Auto zum Haus

Im Rahmen des 10qm-Projekts hat Bölter nun das passende Auto dafür gebaut und am 27.4. in Nippes geparkt.

(fotos via mail, danke!)

Weiter geht es übrigens am Freitag den 25. Mai um 18 Uhr mit der Installation “Spiegel für einen Helden” des in Köln lebenden Künstlerduos Katerina Kuznetcowa & Alexander Edischerow.

10qm
Florastraße/ Ecke Kuenstraße
Köln Nippes

Jeweils am letzten Freitag im Monat um 18 Uhr
www.10qm.de