Out now! DVD-Neuerscheinung

„was ich sehe“ – ein Film über Vera Lossau

Wäre er aus der Perspektive des Regisseurs, und nicht der dokumentierten Künstlerin, betitelt worden, hätte der Film von Wolfgang Waldmann „Was ich verstehen will“ heißen können. Stattdessen heißt er „was ich sehe“ und transportiert bereits bei dem erstrezipierten Textsubstrat diesen subjektiven Tonfall, der im gesamten Film vorherrscht. Der seit ein paar Monaten veröffentlichte Dokumentarfilm über die in Düsseldorf tätige Bildhauerin und Installations-künstlerin Vera Lossau ist nicht nur ein interessantes Zeugnis über die Arbeit und das Leben einer jungen, zeitgenössischen Künstlerin sondern darüber hinaus der rührende Versuch eines Filmemachers, das Mysterium der Kunst zu begreifen.

on demand Foto 6.Mai 2013

» Gimme more of this please. now …

Mark Lombardi – Kunst und Konspiration

Eigentlich sind wir keine Freunde der Verschwörungstheorien. Eigentlich weisen wir keinen Hang zur Paranoia auf. Eigentlich hielten wir (bis vor Kurzem) transnationale Spionagegeschichten mit unglaubwürdigen Abhöraktionen, massive Verletzungen der individuellen Freiheit  und James Bond-artige License to kill für unterhaltsame Fiktionen – oder für die traurige Realität in weit entfernten, rückständigen (spricht: undemokratischen) Ländern. Aber die Aktualität belehrt uns eines Besseren. Welch ein Zufall, dass just im Kontext der jüngsten NSA-Abhörskandale eine Dokumentation über den Künstler Mark Lombardi auf DVD erschienen ist.

Obwohl Lombardi ein beeindruckendes und in aller Hinsicht ein bedeutendes Werk produziert hat, wurde er bislang selten ausgestellt – eine Tatsache, die manch halbgaren Verschwörungstheorien zugutekommen dürfte. Dass die zeichnerische Arbeit des US-Amerikaners zur bevorzugten Projektionsfläche für allerlei paranoide Systemerklärungen verwendet wurde liegt an der Natur dieser Kunst.  Denn Lombardis Stoff ist Dynamit. Und zwar nicht von der Sorte, die sofort knallt und eine hübsche Rauchwolke hinterlässt, sondern von der Sorte, die zunächst weit weg von der Oberfläche gezündet wird, im Untergrund anhaltend rumort, tiefe Erdschichten erreicht und manche Fundamente  in Bewegung bringt, die bisher für stabil gehalten wurden. Diesen Stoff zu einer relevanten Angelegenheit für die nationale Sicherheit zu machen mag zunächst als ein intellektueller Kurzschuss erscheinen – aber in Zeiten von Assange, Snowden und Manning ist doch alles denkbar geworden.

Mark Lombardis Werk ist ein Unternehmen der Aufklärung. Bis zu seinem (einigermaßen) mysteriösen Selbstmord im Jahre 2000, zeichnete er auf riesige Blätter das Bild der gegenwärtigen politisch-wirtschaftlichen Korruption nach. Nach akribischen und tiefgründigen Recherchearbeiten, die manchen Pulitzer-Preisträger mit Scham erfüllen sollten, rekonstruierte er minutiös die Verknüpfungslinien, die politischen Herrscher und wirtschaftlichen Entscheider, Waffenverkäufer und legitim gewählte Senatoren, Top-Manager aus der freien Welt und Interimdespoten aus Bananenrepubliken, US-amerikanische Präsidenten und weltweit gefahndeten Terroristen verbinden. Jede Linie seiner kritischen Diagramme beschreibt Einflussnahme, Kontrolle oder andere Arten der Zusammengehörigkeiten zwischen Menschen und Institutionen – und offenbart damit kompromittierende Beziehungen. Die im Film vom Mareike Wegener formulierte Interpretation von Lombardis Werk als eine zeitgenössische Form der Historienmalerei ist in diesem Zusammenhang reizend.

Lombardi schuf in langsamster Arbeit (die Fertigstellung eines Diagramms konnte bis zu vier Jahren in Anspruch nehmen) das Bild der gegenwärtigen Korruption in unserer  Welt. Sachlich, nüchtern, kommentarlos, ja mit einer beinah unbeteiligten Distanz – zumindest im Duktus, der zwar auf das Handgeschriebene und –gezeichnete nicht verzichten will, jedoch ohne Emotionalität auskommt –, erstellte er die Karten der Verdorbenheit der Macht. Dass es sich dabei nicht um die haltlosen Spinnereien einer diesen ewigen Verschwörungstheoretiker handelt, die in den USA einen fruchtbaren Boden gefunden haben, wurde von der Tatsache bestätigt, dass die CIA eine der  Zeichnungen von Lombardi im Whitney Museum nach den Anschlägen des 11. September studierte, um manche Verhältnisse zu begreifen – kurz danach sollte sich sogar das Heimatschutzministerium an der unfassbar reichhaltigen Informationssammlung von Lombardi interessieren haben und seinen Galeristen aufgesucht. Die einschlägigen Experten waren mit dem Ausmaß der Ereignisse überfordert und holten sich Rat beim Werk eines verstorbenen Künstlers.

Wie kam aber Mark Lombardi an solche Informationen? Ja, das ist überhaupt der Clou: Nicht durch die Befragung von Insider, nicht durch das Beklauen von Top-Secret-Dateien oder durch das Hacken der CIA erhielt der Künstler Zugang zu seinem Sprengstoff. Sondern durch System. Er durchforstete die Bibliotheken seiner Region und lieh alle Bücher aus, die irgendwie mit internationaler Politik, globalen wirtschaftlichen Entwicklungen und geheimen Verbindungen zu tun hatten. Informationen, die Jedem zur Verfügung stehen und kein bisschen exklusiv sind. Aber Informationen, die an und für sich nur ein geringfügiges Detail des ganzen Bildes abliefern. Fragmente, Ausschnitte, Inseln in einem unübersichtlich großen Ozean. Lombardis Gabe bestand gerade darin, fremde, voneinander abgekoppelte Informationen in Verbindungen zu setzen, in einen kohärenten Kontext zu bringen und sie in ein homogenes Erklärungssystem zu integrieren. So etwas nennt man Intelligenz.

Die Stärke von Lombardis Ansatz lag u.a. darin, dass er, anders als andere politische Künstler, keine moralische Linie vertrat. Der Rezipient muss sich auf eine teilweise komplexe Dekodierungs- und Rekonstruktionsarbeit einlassen und seine Schlüsse selbst ziehen. Bevor einige Zusammenhänge mithilfe von Pfeilen, Strichlinien und Verknüpfungspunkte deutlich gemacht werden, muss man sie aktiv entdecken, verfolgen und gedanklich erfassen. Das übliche, hübsche Affiziertsein des Ästheten, mit all diesen (selbst)verliebten Sich-Hinreißenlassen, kann und will hier nicht erfolgen. Wer nicht mitdenkt, wer nicht vorinformiert ist oder nie Zeitung liest, sollte sich bei den pädagogischen Aufklärungstafeln eines Hans Haacke oder bei dem explikativen Infomaterial eines Jochen Gerz besser aufgehoben fühlen. Oder gar ganz auf politische Kunst verzichten. Wer aber sich die Mühe gibt, das feine Gewebe der Spinnennetzwerke von Mark Lombardi abzulesen und sich auf ihre Komplexität einzulassen, wird nicht nur bestürzende Erkenntnisse zur Lage der internationalen Politik gewinnen, sondern, darüber hinaus, in den Genuss eines starken und streng ästhetischen Vergnügens kommen – denn Lombardis Diagramme strahlen eine unleugbare Schönheit aus.

Mareike Wegeners Dokumentation gelingt es immer wieder, diese Schönheit einzufangen. Die Kamera streift über Lombardis Zeichnungen wie über eine Landschaft und verfolgt einige Verbindungen. Diese (zu seltene) Einstellungen wirken wie die Dérive eines sehr gut informierten Flaneurs der Zeitgeschichte. Viel Zeit bekommen hingegen die Freunden des Künstlers, seine Familie, sein Händler und sein Kunstwissenschaftler. Viele Worte von Menschen, die allesamt von Lombardis Herangehensweise und Beharrlichkeit beeindruckt bis begeistert sind. Mit dem Verzicht auf eine Gegendarstellung – oder zumindest auf eine relativierende Meinung – ignoriert Wegener die rhetorische Grundregel der Dokumentargattung: den glaubwürdigen Abstand zu ihrem Sujet zu gewähren. Diese verhältnismäßig zu häufigen Wortmeldungen helfen zwar, der geheimnisvollen Natur von Lombardi näher zu kommen, hinterlassen aber den Eindruck, eher von der Persönlichkeit des Künstlers als von seinem Werk fasziniert zu sein.

Anderes Manko von Kunst und Konspiration ist der Verzicht auf eine Kontextualisierung. Lombardis Bilder handeln zwar von großen Ereignissen wie die Finanzkrise der 1990er Jahre, der Golf-Krieg, den Aufstieg des Hauses Bush und reichen sogar bis zu einer Vorahnung des 9.11, aber diese Ereignisse werden in dem Film von Mareike Wegener kaum angerissen. Man fragt sich, ob die Regisseurin sich nicht mit der Weltgeschichte verzetteln wollte und sich deshalb mit einer ziemlich engen und unspektakulären (ja, fast behaglichen) Erzählperspektive begnügt hat, oder ob sie bewusst Einflüsse der micro-histoire eingearbeitet hat – eine gute, wenn auch nicht gerade glaubwürdige Ausrede. Wofür man Wegener nicht verantwortlich machen aber was man trotzdem bedauern kann, ist die Seltenheit der Auftritte des Hauptakteurs. Ständig merkt man, dass die Regisseurin zwölf Jahre zu spät gekommen ist. Die Bilder rennen hinter den vergangenen Ereignissen her – und hinter der Abwesenheit von Bildern. Zeit seines Lebens sind wenige Aufnahmen von Mark Lombardi realisiert worden, er hat sich nur kurz vor der Kamera geäußert. Und dann der plötzliche Tod. Das Quellenmaterial ist daher dürftig, die Rekonstruktion durch die eben erwähnten Kommentatoren unumgänglich.

Was in diesen Zeilen als überkritisch wirkt darf nicht missverstanden werden: Schon die Wahl der jungen Dokumentationsregisseurin auf Mark Lombardi ist richtig. Diesen Film sollte man gesehen haben. Trotz eines zu forcierten Schwerpunktes auf Zeitzeugen, bringt er endlich ein wenig Licht auf eine Künstlergestalt, die Kunst anders verstand als viele seiner Zeitgenossen. Für Mark Lombardi war Kunst ein Mittel der (politischen) Erkenntnis, ein Werkzeug zur Deutung der Welt und ein Instrument der Aufklärung.