Simulacrum

inside ecologies – Alles ist connected

Wie ist die Welt wenn wir die Augen schließen oder einmal ganz wo anders hinschauen? Und was hat das mit Schulbrot und Kita zu tun? (K)eine Antwort gibt’s hier.

Budhaditya Chattopadhyay, „Decomposing Landscape“
Budhaditya Chattopadhyay, „Decomposing Landscape“

Über so umfangreiche und komplexe Projekte wie das hier soll man ja – sofern man denn überhaupt was darüber sagen kann – eigentlich nur schreiben, wenn im Original gesehen. Ich falle damit also eigentlich erstmal aus, gleichwohl mich schon interessiert was da im Weltkunstzimmer derzeit aufgebaut ist. Am Trigger würde es also nicht scheitern. Nur zeitlich hat es dafür bei mir eben leider bisher einfach nicht gereicht.
Einschulung, Herbstferien, Kindergarten und eine weitere, nun aber sicher auch letzte Geburt haben unseren Alltag einmal mehr ganz schön durch einander gewirbelt.
Und so war es dann wohl eben auch mal bissi ruhiger in der Perisphere die letzten Wochen und Monate, über diesen wirklich wunderbaren, fast endlos erscheinenden Sommer weg. Der Schrebergarten war tagsüber Ort der Wahl und Nachts wollte der Windelwechsel im Halbschlaf wieder gelernt werden. Sprich der Fokus hatte sich einmal mehr verschoben die letzten Wochen und Monate. Noch weiter weg vom Streben nach der sexygeilen internationalen Kunstkarriere hinzu zum Alltag zwischen Schulbrot schmieren und Kita.

Conrad Kürzdörfer/Brian Holden, Sustainer (2018)
Conrad Kürzdörfer/Brian Holden, Sustainer (2018)

» Gimme more of this please. now …

Fragen über Fragen 1 – Dallas

(Anmerkung: Dies ist seit langem und endlich mal wieder ein Text vom Mitbegründer der perisphere Dr. Emmanuel Mir, los gehts!)

Ich bin ein Kind der 1980er. Und ich wurde teilweise von einem Fernseher großgezogen. Diese zwei Tatsachen erklären, dass ich neuerdings auf die Nachricht besonders hellhörig wurde, die Kultserie „Dallas“ feiere in diesem Jahr ihr vierzigstes Jubiläum. Außer der Erinnerung an meiner ersten persönlichen Erfahrung massenmedialer Dumpfheit sah ich eigentlich für mich wenig bis gar keinen Grund zu feiern, und doch drehte ich die Lautstärke höher.

Der Radiobeitrag erzählte vom Besucherandrang auf der Southfork Ranch, jener Hauptspielplatz der Serie, wo die Ewing-Familie ihr texanisches Intringantenstadl durchspielte. Es ist ein sehr großes und sehr häßliches Haus mitten in einer sauber durchgekämmten Wüste; man sieht es im Vor- und Abspann der Serie und immer wieder zwischendurch, in statischen und blassen Totalen. Weil sie die geographische Verankerung (fast) aller Handlungen der Serie darstellt, genießt die Ranch eine Art Kultstatus. Dorthin pilgern seit Jahren ganze Busladungen von TV-addicted, ihrer wie auch immer gearteten Sehnsucht frönend. Die Ranch ist zu einer Art Museum geworden. Zu Zeiten der ersten „Dallas“-Staffeln war sie noch landwirtschaftlich betrieben, aber die Eigentümer verstanden schnell, dass man mit den Nebenprodukten der Unterhaltungsindustrie mehr verdient als mit T-Bone-Steaks und Kuhhäuten und stiegen ins das mediale Butterfahrtgeschäft ein. Heute gibt es Führungen durch das Haus und Signierstunden mit den überlebenden Schauspieler*innen zu besonderen Anlässen.

Ich kann nur vermuten, was die Menschenmenge an diesem Ort sucht. Vielleicht will sie für eine kurze Zeit im Set und im Film sein und zum Akteur einer Episode werden, also, wie Alice, auf die andere Seite des Spiegels einsteigen und die neue Perspektive genießen. Oder sie will sich dieser Kulissen bemächtigen und der Ort eines passiven Sehvergnügens zu einem aktiven und multisensorischen Erlebnisses machen; was mir in diesem Zusammenhang zu aufgeklärt erscheint. Vielleicht will sie, viel prosaischer, die vermittelte Erinnerungen ihres Fernseherlebnisses mit der Realität vergleichen und das Original mit der Darstellung konfrontieren.

Das Problem dieser Hypothesen liegt aber daran, dass die Ranch nur für die Außenaufnahmen benutzt wurde. Alle Interieur-Aufnahmen erfolgten in der Ruhe eines kalifornischen Studios, Tausende Kilometer von Texas entfernt. Die Dallas-Pilgern besuchen also Räume, die niemals auf ihren Bildschirmen zu sehen waren. Die berühmte Blumentapete des Salons ist hier eine dunkle Holzvertäfelung; das Treppenhaus ist ganz woanders platziert und erinnert kein bisschen an das der Serie. Die Betreiber der Ranch haben sich nicht mal die Mühe gegeben, passende Sofas zu kaufen, um das Trugbild minimal aufrecht zu erhalten.

Der Fall Southfork Ranch ist merkwürdig. Da nehmen jedes Jahr Tausende von Menschen eine lange Fahrt auf sich auf, mit der Absicht, eine Kulisse zu besuchen. Schon dies ist befremdlich. Aber was sie antreffen ist nicht mal eine Kulisse, also nicht mal eine funktionale Vorrichtung zu Zwecken der Konstruktion einer Fiktion, sondern eine weitere räumliche Vorrichtung zu Zwecken… ja, zu welchen Zwecken, eigentlich? Warum besucht man Innenräume, die nominell zur Southfork Ranch gehören aber visuell und atmosphärisch nichts mit der Southfork Ranch der Serie „Dallas“ zu tun haben? Dies stört übrigens keineswegs die Besucher, die um die zweifache Entfremdung bereits wissen, wie es im Radiobericht zu hören war, und trotz des hauchdünnen Bezugs der zwei Ranchs miteinander (der realen und der fiktionalen) trotzdem nach Dallas fahren. Sie wollen einfach da sein, egal ob dieses „da“ ein gut vermarkteter Beschiss ist. Die „museal“ aufbereitete Ranch ist weder auratisch aufgeladene Kulisse (denn ja: Wir leben in Zeiten, in denen sogar Kulissen zu kultischen Orten gemacht werden), noch echte Illusion (denn ja: Wir müssen zunehmend auf den Unterschied zwischen echter und unechter Illusion achten).

Ich habe eine Frage: Zu welcher Kategorie gehört die Southfork Ranch? Ist sie das Simulakrum eines Simulakrums? Eine Heterotopie im Quadrat? Oder der materialisierte Alptraum von Jean Baudrillard? Ich weiß es nicht.

SIMULACRUM. Ein gutes Gefühl

SIMULACRUM heißt die Einzelausstellung von Johanna Reich, die noch bis zum 7. April 2018 in der Galerie PRISKA PASQUER in Köln zu sehen ist. „Als Simulacrum oder Simulakrum bezeichnet man ein wirkliches oder vorgestelltes Ding, das mit etwas oder jemand anderem verwandt ist oder ihm ähnlich ist.“ (Quelle: Wikipedia). In den Arbeiten von Johanna Reich ist damit die virtuelle und die physische Welt gemeint, wobei schnell klar wird, dass man zwischen beiden Welten keine klare Grenze ziehen kann, denn beide Welten sind Teil unserer Realität. Die bei PRISKA PASQUER gezeigten Werke bewegen sich daher zwischen diesen Welten und Johanna Reich schafft diese Verknüpfung indem sie unter anderem Fotografie, Malerei, Video und Performance klug miteinander kombiniert.

Johanna Reich, die aktuell auch im Max Ernst Museum in Brühl gezeigt wird und mit dem Frauenkulturpreis für Bildende Künste des Landschaftsverbands Rheinland ausgezeichnet wurde, kannte ich bis jetzt nicht. Ich war daher gespannt, ob die Ausstellung mit dem vielversprechend klingenden Ankündigungstext mithalten kann. Sie kann.

Wenn man die Galerie betritt, wird man mit einem charmanten Fingerzeig in die Ausstellungsräume geleitet und sieht dort ZWIRNERS WALL.

ZWIRNERS WALL, 2018, Digital C-Prints mounted on Alu Dibond, 120 x 90 cm

Die dreiteilige Arbeit zeigt die Wand der Galerie in drei unterschiedlichen Zuständen. Das Bild in der Mitte ist eine Smartphone-Fotografie der weißen Galeriewand. Auf der linken Seite sieht man ebenfalls das Foto der weißen Wand, allerdings in einem anderen Zeichensystem: als Code. Auf 43 weißen DIN A4 Blättern hat Johanna Reich den Zeichencode der digitalen Fotografie niedergeschrieben und das Foto aus der virtuellen, in die physische Welt übertragen.
Das Bild auf der rechten Seite ist entstanden, indem der handgeschriebene Code eingescannt wurde und mit Hilfe einer Schriftenerkennungssoftware zunächst in digitale Zeichen transformiert wurde. Diese digitalen Zeichen wurden dann wieder in ein Bild umgewandelt. Aus der weißen Smartphone-Fotografie ist so durch den Umweg über die physische Welt ein farbenfrohes, digitales Bild entstanden.

All das wusste ich noch nicht als ich die Arbeit zum ersten Mal gesehen hab. Doch auch ohne diese Informationen und die dadurch zusätzliche, inhaltliche Aufladung des Kunstwerks, hat mich das Nebeneinander des weißen und des bunten Bilds, sowie des beschreibenden Texts interessiert.
Vermutlich weil die Bilder für mich die Realität, die mir teilweise klar und einfach vorkommt, versinnbildlichen. Es ist als ob es nichts zu verstehen gibt und die Welt aus einem leeren weißen Raum besteht, durch den ich tagtäglich wandle. Doch im nächsten Moment wirkt die Welt auf mich wieder so komplex und vielschichtig, dass ich gar nichts erkenne außer ein diffuses, buntes, in irgendeiner Form geordnetes Durcheinander.

KASSANDRA, 2008, Video

Im Untergeschoss der Galerie läuft das Video KASSANDRA. Die Bildsprache hat mich direkt an Man Ray beziehungsweise die Dada- und Surrealisten erinnert. Sicherlich kein Zufall. In dem Video schneidet sich die Künstlerin eine Maske vom Gesicht. Die Maske ist ein Green- oder Blue-Screen und wurde durch die Videoaufnahme eines Gesichts ersetzt. Die Künstlerin schneidet während des Videos kleine Stücke aus der Maske und legt damit ihr Gesicht frei. Im Verlauf des Videos ergeben sich dadurch bizarre, surrealistische Motive. Doch obwohl der Anblick nicht einladend erscheint, hab ich mich darin wiedergefühlt, denn der eigene Charakter besteht ja auch aus mehr als dem persönlichen Antlitz.

Im Obergeschoss ist unter anderem die Arbeit HOMO LUDENS III | DIE LEERSTELLE zu sehen. Es sind zwei Videos, die jeweils auf ein Ölbild projiziert werden. Eine Projektion zeigt von oben, wie eine Hand weißes, zerrissenes Papier auf einer ebenen Fläche auslegt. Die Ölfarbe reflektiert das Licht der Projektion, so dass die dunkelblaue Bildfläche an den Stellen anfängt zu strahlen, die von weißem Papier bedeckt sind. Wobei bedeckt eigentlich nicht stimmt. Denn das Gemälde und das Video verschmelzen und bilden eine Einheit.

HOMO LUDENS III | DIE LEERSTELLE, 2018, Videoprojekion auf Öl auf Leinwand, 280 x 200 cm

Bei allen drei beschriebenen Werken arbeitet Johanna Reich mit Projektionsflächen und verleiht den Arbeiten durch die Kombination unterschiedlicher Techniken eine spannende Mehrdimensionalität. Die Werke vereint trotz ihrer inhaltlichen Komplexität eine träumerische Leichtigkeit und sie verfolgen keinen didaktischen oder belehrenden Ansatz. Johanna Reich visualisiert die „Frage nach dem Verhältnis von Realität und Abbild, Original und Kopie, Schein und Sein“ und vermittelt indirekt die Antwort. Es gibt keine.
Dennoch ist es wichtig die Frage zu stellen und sich der fehlenden Lösung bewusst zu werden. Es gibt kein schwarz oder weiß. Echt oder unecht. Richtig oder falsch. Die Antwort steckt in der Kombination gegensätzlicher Positionen zu einer Einheit. Aus der Dunkelheit wird Licht. Aus einem Gesicht werden zwei. Und aus farblos wird bunt.

Auch die weiteren Arbeiten der Ausstellung SIMULACRUM kombinieren die physische und virtuelle Welt, und damit auch das Dasein des Betrachters, auf eine spielerische, gegensätzliche und natürlich künstlerische, visuelle Art und Weise. Es hat Spaß gemacht die Arbeiten zu betrachten und mich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Für mich hat es Johanna Reich geschafft, Emotionen und Gefühle so abzubilden, dass der Betrachter dabei genügend Freiheit für seine eigene Interpretationen hat, um für sich etwas aus der Ausstellung mitzunehmen. Selbst wenn es nur ein Gefühl ist. Ich geh mit einem guten Gefühl.
SIMULACRUM von Johanna Reich, ist noch bis zum 7. April 2018 in der Galerie PRISKA PASQUER in Köln zu sehen.

Virtual Reality: How To Survive The Hype. Eine Handreichung in 6 Schritten

Alle haben von den Algorithmen gehört, die uns in den sozialen Medien die Inhalte kuratieren. Wir sehen nur, was in unsere Komfortzone passt. Nun wollen Virtual Reality-Enthusiasten wahlweise die Innen- oder die Außenwelt, aber auf jeden Fall das Unbekannte erkunden. Welches Potential hat die Technologie für die Kunst, welche Utopien stecken dahinter? Und was muss man wissen, damit man den Hype um die interaktiven Welten übersteht?

Schwindelgefühlen und Übelkeit vorbeugen

Erst einmal: Wie reagieren Betrachter auf virtuellen Realität? Im Extremfall mit VR sickness. Eine ähnlich starke physische Reaktion auf Kunstwerke ist von besonders empfindsamen Betrachtern aus dem 19. Jahrhundert überliefert, die zum ersten Mal Caspar David Friedrichs “Mönch am Meer” gesehen haben. Heute eigentlich unvorstellbar. VR sick wird man, weil die körperlich empfundene Erfahrung nicht so recht mit dem Gesehenen zusammenfindet. Im Rahmen der Ausstellung ‚Perception is Reality: Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten‘ im Frankfurter Kunstverein lässt das Kollektiv Toast die Besucher derzeit Höhenangst erleben, obwohl sie fest auf dem Boden stehen. Die Gewissheit hat man, aber wenn man runterschaut, sind es 160 Meter bis zum Boden, zumindest virtuell. Auf einem schmalen Brett stehend, lässt sich in “The Plank Experience” ein erhabener Lustgrusel nacherleben. Ganz gefahrlos. Gegen die leichte Übelkeit hilft übrigens Ingwertee.

Toast-Plank_Experience-2016Toast, „Plank Experience“, 2016

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