Ein Stück, drei Autoren, drei Darsteller und eine offene Handlung, bestehend aus Musik, Bewegung und Wort. Mit einem schwer beladenen Begriff wie „Echt“ als Titel, klang das Experiment im Forum Freies Theater Düsseldorf zunächst vielversprechend, erfüllte jedoch, trotz mancher unleugbaren Qualitäten, nicht alle Erwartungen. Schuld daran sind natürlich die Erwartungen. „Echt“ ist jedenfalls der Beweis, dass die schwierige Kunst der Andeutung, der Ellipse und des Offen-Lassens ein doppelschneidiges Schwert ist, scharf und gefährlich.

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Die leere Bühne erinnert an eine Arena im Miniaturformat. Die Zuschauer umgeben die spärlichen Requisiten von allen Seiten, sind aber so nah am Ort des Geschehens dran, dass sie die Gesamtheit des Raums nicht in einem Blick erfassen können. Diese Situation wird als Grundmetapher des Stücks interpretiert, vielleicht zu Unrecht. Auf diesem Spielfeld bewegen sich drei Menschen. Eine Stunde lang gehen sie hin und her, suchen und finden stets neue Positionen zu einander, definieren ihren Platz immer wieder, als ob sie keine Verankerung, keinen räumlichen Ursprung hätten. Sie vermeiden, ein Zentrum zu bilden, einen räumlichen Schwerpunkt zu kreieren. Bloß keine Mitte. Und: bloß keine Kongruenz. Diese Situation wird als zweite Grundmetapher des Stücks interpretiert, und das ist wohl Absicht. Bei jedem neuen Tableau ändern die zwei jungen Männer und die junge Frau ihren Standpunkt auf der kleinen, schwarzen Fläche, bevor sie ihren jeweiligen Part durchführen. Sie stehen, sitzen, tanzen, rezitieren, musizieren, singen. Sie nehmen Bezug aufeinander oder ignorieren sich. Es sind drei Stimmen, drei Medien, die uns drei Geschichten, gleichzeitig und/oder nacheinander, erzählen.

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Bild: Bozica Babic

Die Geschichten, und damit ist das größte Missverständnis des Abends gelüftet, haben wenig mit Echtheit oder Authentizität zu tun, sondern mit Fremdheit und Andersartigkeit. Drei Menschen sind in die Ferne gereist und haben dort etwas gesucht, das in „Echt“ als echtes verhandelt werden soll. Der Schriftsteller bringt nebensächliche Beobachtungen aus Luxemburg mit, die er auch in Düsseldorf, New York oder Takatuka hätte machen können (und sogar diese Tatsache geht längst nicht mehr als Erkenntnis durch). Die Musikerin bringt herzzerreißende oder einfach anmutende Lieder aus Schweden mit, die komisch klingen und eine verstörende Mixtur aus Hyperexotismus und Urheimlichkeit besitzen. Die Regisseurin lässt sich von einem wendigen Tänzer und Performer vertreten und bringt irgendetwas aus Marokko, das verbaut, verhüllt, verdreht, verspielt, verschlossen und – formal – verdammt europäisch wirkt, mit.

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Bild: Bozica Babic

Der Schriftsteller heißt Axel von Ernst und agiert auch als Mitverleger des Lilienfeld Verlages. Seine Texte wurden von Moritz Fleiter vorgelesen. Die Regisseurin heißt Marlin de Haan. Ihre Anweisungen wurden von Lihito Kamiy gefolgt, an dem Abend auch für die Leichtigkeit und das Humor zuständig. Die Komponistin heißt Julia Klomfaß. Die Lieder, die sie in Schweden sammelte, wurden von Thanh Mai Susann Kieu interpretiert. Mit ihren jeweiligen Sprachen, mit diesen drei ungleichen Medien, die völlig unterschiedliche Rezeptoren aktivieren, erzählen die drei Reisenden von ihren Erfahrungen in drei Ländern. „Erzählen“ ist aber nicht ganz richtig, denn hier herrscht das Fragmentarische, Angedeutete, Verschwommene. Momentaufnahmen und Anekdoten, ob gesungen, gelesen oder performt, werden nach und nach miteinander verwoben. Wobei die Masche lose ist und die Strickmuster vollständig fehlen. Diese dekonstruierende Herangehensweise birgt Freiheit und Offenheit, und zwingt den Rezipienten zu einer aktiven Verknotung aller Fäden. Weil sie aber zu wenig substanzielles Material zur Verfügung stellt läuft sie schnell ins Leere und erschöpft sich in einem repetitiven Rhythmus.

 

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Bild: Bozica Babic

Die Kunst der spielerischen Improvisation, der stetigen textuellen Rekomposition und des Nicht-alles-sagen-wollen ist heikel. Im besten Fall entsteht reiner Zauber. Im schlimmsten Fall verintellektualisierter Theaterbrei. Die choreografisch-plastische Qualität von „Echt“, fußend auf Einfachheit und Stimmigkeit der Mittel, rettet das Stück vor der letzten Option. Der Komplex Körper-Raum-Material, wozu auch Bewegung und Stimme gehören, ist durchaus ansprechend und intelligent gelöst. Aber die diskursive Relevanz des Projektes, falls sie je beabsichtigt wurde, ist dabei auf der Strecke geblieben. Die Ferne wird weder emotional noch intellektuell näher gebracht, das Echte bleibt nach wie vor nebulös. Man verlässt das Stück, angenehm verstreut, und fragt sich, worum es eigentlich ging. Auch die Dezentralität braucht einen zentrierten Ort, von wo aus sie sich artikulieren kann.

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Bild: Bozica Babic

Echt
von de Haan / von Ernst / Klomfaß
im FFT Düsseldorf, Juta, Kasernenstr. 6
Vorstellungen am 21 und 22.2 um 20 Uhr