“Skulpturen, die nicht sichtbar sind, weil sie Konstrukte auf Internetseiten bleiben. Ganze Archive voller Arbeiten, die nie jemand sehen wird. Homepages, für alle Ewigkeiten ins Dead End des Internet verlegt. Was wir umkreisen, ist eine Kulturproduktion, die beides vermeiden möchte. Kultur und Produktion. Es entstehen Arbeiten, die sich immer wieder am Rand der eigenen Praxis aufhalten, vom Werkbegriff abstoßen oder ihn vermeiden. Es wird eine Produktionsweise evident, die den totalen Kollaps, den freien Fall immer als begehbare Randzone ins Werk setzt.“

1721“CONTEXT BABY!” schrie sie mir ohne Vorwarnung ins eh schon halbtaube, vom Tinitus geplagte Ohr. Ich zuckte ganz natürlich sofort zusammen.
“CON! TEXT! BÄY! BIE!!!!” schrie sie mich erneut an. Diesmal frontal von vorne mitten ins Gesicht. Wie immer in solchen Situationen checkte ich – ganz souverän metamodern – gar nix. Klar war da so ein Gefühl, vielleicht eine Ahnung davon was sie sagen wollte, auch gab es da wohl ein paar Erinnerung an eigentlich längst vergessene intensive Diskursstunden während des Studium an der KHM in Köln. Aber so richtig wollte es nicht klingeln oder klicken bei mir. Da war mittlerweile einfach viel zu viel RL mit #FamiliyIssues und #BusinessStrugle im Spiel, als dass mir solche Hinweise noch intuitiv weiter helfen konnten.
Also starrte ich sie an, nippte etwas fahrig an meiner Orangina Orange und ging langsam einige Schritte rückwärts. “Oh Käeyih,…” formten meine Lippen, “…,du bescheuerte Kunstfotze” dachte mein Kopf, während mein Gesicht versuchte dabei gefasst, lässig und irgendwie amüsiert aus zu sehen.
Was nicht gelang.
Statt dessen hatte es sich zu einer debil grotesken Grimasse verformt. Und egal was ich auch tat, den Rest des Abends blieb diese bestehen. In mir. Für mich. Zumindest.
Das war recht uncool von mir für mich und 1 klarer #megafail.

Allerdings. Und so ganz nebenbei fiel mir dadurch dann sofort wieder ein, warum ich nicht gerne auf Vernissagen gehe, noch nie gerne gegangen bin. Weder zu den Eigenen, bei denen ich mich immer beschissen fühle, noch zu den der Anderen, bei denen ich mich stets awkward und als ganz und gar nicht zugehörig empfinde.
Fremd und Anders eben.

36Was dann aber hier zumindest wohl irgendwie Ok war, weil es zum Titel der Show passte.
Und BIGOTHER, also die Show selber war dann schon gut.
Ich meine, natürlich war sie gut. Timothy, einer der beiden Akteure vor Ort, war schließlich schon viele Jahre enger Freund, damit langjähriger Wegbegleiter und ästhetisch klar auf meiner Wellenlänge. Natürlich war er auch damals mit dabei in Köln. Jung und geil und stolz und selbstverliebt, wie wir alle.
Bei Philipp, dem anderen an Bord, fragte man sich im Vorfeld während der Preview in kleinster 3er-Runde eigentlich nur, warum es denn da nicht schon früher mal Begegnungen gegeben hatte. Die beiden passen in Stil, Ästhetik, Haltung und Ansatz zusammen wie Faust auf Auge. Ein wirklich guter Match war dem Kurator der Show, Georg Imdahl, da gelungen. Der Stolz war ihm anzumerken und er wurde auch nicht so recht Müde, diese Leistung das ein oder andere mal zu erwähnen.

31 17bVöllig unabhängig davon hatte die KF, die jetzt zum Glück einen anderen Gast meinungsstark bearbeitete, natürlich völlig recht. Denn es geht ja wirklich um den Kontext. a) weil es immer darum geht und b) weil das hier in diesem konkreten Fall auch mal deutlich wird.
Deutlich wurde es vor allem dann, wenn man das ganze Projekt abgrenzt zu etwas Anderem, Ähnlichen. Nämlich dem, was Mitte letzten Jahres in Berlin unter dem Hashtag #BB9 gezeigt wurde. Als “das Ende einer Illusion” hatte Wolfgang Ulrich das dort präsentierte im Art Magazin betitelt. Zu recht! Denn es war intuitiv nachvollziehbar, was er mit der Enttäuschungen meinte, welche mit der totalen Realisierung der postinternet art einherging – einer Kunstrichtung die ja eigentlich nach wie vor Netzkunst ist, weil sie visuell und ästhetisch nur dort wirklich funktioniert, als perfekt inszenierte und fotografierte Abbildung ihrer selbst, publiziert in den Blogs, Onlinemagazinen und Sozialen Netzwerken des Internets.

Hier aber nun vor Ort in dieser Show in Düsseldorf verhielten sich die Dinge etwas anders, dachte ich bei mir. Vielleicht weil die beiden Künstler schon viel zu lange postinternet sind und waren, vielleicht weil sie beide, zumindest aber einer von ihnen einer Generation entstammt welche die Verheißungen der 90er Digitalutopien noch stark genug in der Erinnerung haben und mit den Enthüllungen eines Edward Snowden, oder dem Crash der New Economy wirklich noch eine Art Schiffbruch erleiden zu können. Oder weil sie in einer Zeit sozialisiert wurden als Wischen, Tippen und Klicken noch nicht dabei war zum totalen Goldstandard sozialer Kommunikation und Interaktion zu werden. Weil sie also erinnern, dass es mit dem reinen Analogen vor gar nicht langer Zeit noch eine andere Wirklichkeit gab, die es für die Künstler zu bearbeiten und formen galt.

19Eventuell lag es auch daran, dass die beiden ein bisschen zu klug sind, um dem Kreativitätskredo der letzten beiden Dekaden gnadenlos auf den Leim gehen zu können. Weil sie leider oder zum Glück (?) zu gewitzt sind, um alles was daran stören könnte auszublenden und sich vollends auf den digitalen New Way einzulassen. All das könnte und wird wohl zur Entstehung der Show beigetragen haben.
Doch am Ende sind die beiden im Herzen wohl ganz einfach nur zu sehr Künstler. Und darüber hinaus zu sehr einem fast schon anachronistischen Glauben an die Kunst verbunden, um mal ebenso, ganz lässig coole Werbespots zu drehen, Start-Ups zu gründen oder in anderen Bereichen des Lebens erfolgreich, also kreativ und kapitalintensiv zu performen.

2226Aber egal was es im Detail nun auch sein mag, es gibt und gab einen Unterschied zwischen dem Postinternet der BB9 und dem hier im Rheinland formulierten postinternet wie in BIGOTHER. Und dieser Unterschied, der unter anderem auch in der Haltung zu liegen scheint, macht sich dann eben erkennbar in einer Ästhtetik, die zugegeben nicht einfach zu dechiffrieren und schon gar nicht einfach zu konsumieren ist. Sie offenbart sich dem geneigten Publikum eher subversiv, dann aber in durchaus lustiger – nicht ironischer! – Form. Aber es ist eben ein Humor der nicht distanziert und clever im coolem Zynismus den eigenen Weg in den Markt ebnet, sondern einer der sich im Sarkasmus, also mit den eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen verausgabt und dem Publikum damit zwar Angebote macht, aber gleichzeitig auch ein Entgegenkommen einfordert. Und es ist ein Humor, der versucht dem Technowahnsinn etwas entgegen zu setzen, auch wenn dieses Etwas, dieses Andere, zu weilen natürlich etwas Verzweifeltes an sich hat.

18b 403707Hier in der Show waren zwei Männer am Werk, die sich trotz aller Widrigkeiten einer neoliberal eingeleiteten Metamoderne so gut es geht den Humor bewahrt haben, ohne dabei das Politische aus den Augen zu verlieren. Zwei Männer, die verstanden haben, dass es neben der Kunst immer auch das NON gibt, und dass beides immer wieder aufs Neue zusammen gedacht und geführt werden muss.
Im Kunstraum zu sehen war und ist das Werk zweier kongenialer Künstler, die so gut es eben geht versuchen in diesem Spannungsfeld die Fassung zu wahren, angesichts einer Welt die mit viel Energie versucht uns aus derselben zu bringen.
Und beide sind – auch das wird inmitten der Trashästhetik ebenfalls spürbar – durchaus noch lebendig genug, um an dem Wahrgenommenen leiden und sich abarbeiten zu können. Wohl auch, da sie noch nicht bereit sind alles geil und schön zu finden, nur weil es von Algorithmen gesteuert, von Computern prozessiert und permanent vom Kapital befeuert wird.

10aDas Schöne daran ist, dass Postinternet, obwohl eigentlich mit der BB9 tot gesagt, hier in BIGOTHER um eine neue Perspektive erweitert wird. Eine Perspektive, welche aufgrund ihrer harten Erdung und ihres Widerstands gegenüber den kalifornischen Design-Verheissungen in der Lage ist, den Realitätscheck zu bestehen, an dem die BB9 dann letztlich doch zerschellte.
BIGOTHER kann stand halten, weil nicht versucht wird, die optimierten Verlockungen des Virtuellen, fast ungebrochen ins Realen zu überführen, sondern weil eingestanden wird, wie dreckig, schmutzig und damit menschlich die Welt nach wie vor ist.
Und! Diese Show im Kunstraum kann bestehen weil sie anerkennt, wie schäbig diese hybride Wirklichkeit zu Weilen wurde, weil wir uns nicht mehr darauf beschränken wollen, das bestehende Reale zu virtualisieren, sondern nun aus der Welt der mediatisierten Zeichen und Symbole heraus versuchen nach ihrem Vorbild Virtuelles zu verdinglichen. BIGOTHER deutet exemplarisch an wie irre es sich zu Weilen anfühlt, wenn sich dieser erdachte schöne mediatisierte Schein zunehmend heftiger in unsere Alltagswirklichkeit einschreibt.

06Und während ich dem hier eben Erdachten noch etwas nach hing, brüllte sie mir wieder ins Ohr. “GET REAL!” war die neue Nachricht ihrer etwas verunglückten Performance, die offensichtlich nicht Teil der Show gewesen, sondern wahrscheinlich vielmehr Produkt meiner Fantasie, ist. Und trotzdem schreckte ich erneut auf, schaute der jungen Dame – offensichtlich Kunststudentin, spätes Stadium – in die Augen, wich aber unwillkürlich schnell zurück und scheiterte dann schweigend bei dem Versuch etwas lässiges zu erwidern.
Wie immer in solchen Situationen fiel mir nichts passendes ein.
Also nippte ich möglichst cool, erneut an der Orangina, während ich intensiv konzentriert auf das Ronald-Reagen-Bild starrte. Und trotzdem stellte ich belustigt fest, dass da ja wohl doch noch etwas war vom Diskursdenken. Und als die selbstmotivierte und erdachte Performerin sich wegdrehte und langsam zwischen der Kunst davon lief, konnte ich eben doch nicht widerstehen. Drehte den Kopf, gaffte ihr dämlich auf den jungen Hintern und dachte so bei mir “Yeah, Context Baby, du geile Fotze.”

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BIGOTHER
Philipp Höning und Timothy Shearer
kuratiert von Georg Imdahl

Eröffnung: Musikrelease: Donnerstag, den 30. März 2017, 19 Uhr
Ausstellung: 31. März – 7. Mai 2017

Einführende Worte: Thorsten Schneider
Katalogpräsentation: Donnerstag, den 4. Mai 2017, 20 Uhr

Kunstraum Düsseldorf
Himmelgeister Str. 107 E
40225 Düsseldorf

Telefon 0211 33 02 37
0211 899 61 48

Donnerstag und Freitag
15 – 20 Uhr
Samstag und Sonntag
14 – 18 Uhr


Begleitend zur Show haben beide Künstler jeweils ein Album produziert:

http://baumusik.de/releases/ bau016_timothy_shearer_meta_etuden
https://philipphoening.bandcamp.com/ album/smoke-crack