Durch die Welt gehen ohne Fragen. Leben ohne Neugier, ohne Zweifeln, ohne Wissensdrang. Nicht unbeteiligt – aber unbeschwert. Alles hinnehmen, sich den Fluss der Dinge bedingungslos hingeben und nichts festhalten wollen. Nichts infrage stellen, nichts hinterfragen. Es ist das Privileg der Weisen, der Erleuchteten, der Kleinkinder (bis ca. 3 Jahre) und der Volltrottel. Da ich leider nicht zu einer dieser vier Kategorien gehöre, gehe ich, wie die meisten meiner Zeitgenossen, fragend durch die Welt. Diese Fragen möchte ich nun mit euch teilen.

Als Kunstwissenschaftler mit einem besonderen Blick für die breiten sozialen und politischen Konsequenzen der Kunstpraxis, werde ich regelmäßig mit plötzlichen Fragestellungen konfrontiert, die sich aus der Beobachtung meiner Umwelt ergeben. Fragen zum Umgang mit Bildern, zur Identität des Künstlers, zur Natur der Kreativität, zur Funktion von Kunst. Et cetera. Während Mitstreiter der Perisphere sich auf das Beantworten fremder Fragen einlassen, will ich mich ganz auf das Befragen konzentrieren. In der Hoffnung, dass gut formulierte Fragen schon ihre Beantwortung im Keime enthalten. Ansätze von Antworten will ich übrigens in der Form von Gedankenskizzen auch geben. In der Hoffnung, dass Leser sie vervollständigen.

Ich freue mich auf eure Beiträge!

 

 

Zweite Frage: Gehören die Kunsthochschulen zum Kunstbetrieb?

Zur Frage: Der Kunstbetrieb ist ein (informell organisierter) sozio-ökonomischer und politischer Komplex, der aus kommerziellen Galerien, Museen, Kunstzeitschriften und Internetplattformen, Art Consultant-Agenturen, Kunstvereinen, Behörden (z.B. Kulturamt), Stiftungen und Privat- oder Unternehmenssammlungen besteht und als globale Vermittlungsstruktur von Kunst fungiert. Trotz inhärenten Streitigkeiten und Konflikten (die übrigens immer oberflächlicher werden), bildet er ein relativ homogenes System. Grob formuliert bestimmt der Kunstbetrieb, welche Künstler von Erfolg gekrönt und welche Tendenzen der  aktuellen Kunstproduktion als relevant gehalten werden – und dies nach „Regeln“ und „Mechanismen“, die an anderer Stelle zu definieren wären. Sind die Ausbildungsstätten vom Typus Kunsthochschule, Kunstakademie oder Fachhochschule Bestandteile dieses Milieus? Ist die Sphäre der Lehre immer noch von Tendenzen geschützt, die im restlichen Kunstbetrieb deutlich wahrnehmbar sind und einen zunehmenden Hang zur Ökonomisierung,  Mediatisierung (Spektakularisierung) und zum Celebrity-Kult aufweisen? Berücksichtigen Kunststudenten die Realität des Kunstbetriebes oder können sie, unberührt von externen Phänomenen, ihre künstlerische Arbeit heranreifen lassen? Sind die Kunstakademien nicht bereits zu Brutstätten eines Marktes geworden, in denen, vergleichbar zu den sportlichen Ausbildungszentren, die Champions von morgen gezüchtet werden?

Ansatz:

- Langfristige Beobachtung von Rundgängen, Tage der offenen Türen u.ä. Veranstaltungen in den Kunsthochschulen. Beobachtung der Kommunikation und des Auftrittes der Schule sowie der Rezeption in der Presse.

- Vergleich von vergangenen und aktuellen Ausstellungen in anerkannten Institutionen (Kunstvereine, Kunsthallen) mit Studierenden aus einer Kunsthochschule. Auftritt von Kunsthochschulen in Kunstmessen. Haben diese zugenommen?

- Etablierung des Faches „Professionalisierung“ in den Kunsthochschulen. Einführung von Techniken des (Selbst-)Marketings als Bestandteil der Lehre. Welche Auswirkung üben diese Maßnahmen auf die Studierenden?

- Wie haben sich die Pisa-Reformen auf die Schulen ausgewirkt?

- Qualitative Interviews mit Studierenden: Was hat sie zu einem Kunststudium bewegt? Von welchen Werten werden sie geleitet? Wie sehen sie das Milieu, in dem sie sich bewegen? Was erwarten sie von ihrem künftigen „Beruf“? Haben sie eine Erfolgsstrategie?

- Qualitative Interviews mit Kuratoren und Galeristen: Wie nehmen sie die Studierenden von Kunsthochschulen wahr? Als vage, ungeformte Masse? Als interessante, zu observierende Anlage?