Vor knapp 5 Jahren haben die großen Kunstvereine des Rheinlands unter dem Titel „DIE LETZTEN IHRER ART – Eine Reise zu den Dinosauriern des Kunstbetriebs“ die Bedeutung und mögliche Rolle der Kunstvereine im aktuellen Kunstsystem hinterfragt und öffentlich thematisiert.
Ben Kaufmann, Direktor des Neuen Aachener Kunstverein, knüpft zwar thematisch mit dem aktuellen Programm ‚Modell Kunstverein‘ ( 18.01. – 08.03.2015 im NAK) an diese Reihe an, führt den Diskurs aber an anderer Stelle fort in dem er etwa die Institutionskritik in den Fordergrund stellt. Historisch geht Kaufmann noch ein paar Jahrzehnte zurück und greift die Show „Eine Gesellschaft des Geschmacks“ im Jahr 1993 im Münchner Kunstverein auf.

Dieses Setting bildet den perfekten Anlass sich auch hier einmal kurz mit Ben Kaufmann zum Status Quo Kunstverein zu unterhalten, um dann darüber hinaus auf die den Vortrag “Ich wollt nur sagen, so ganz harmlos sollten wir das nicht sehen.” von Michael Franz und die daran anschliessende Diskussionsrunde am kommenden Samstag den 28.02.2015 im NAK hinzuweisen.

Um 18 Uhr spricht Michael Franz zur Ausstellung “Eine Gesellschaft des Geschmacks” von Andrea Fraser, die 1993 am Kunstverein München stattfand. Und ab 19 Uhr werden Sandra Dichtl (Künstlerische Leiterin Dortmunder Kunstverein), Hans-Jürgen Hafner (Direktor Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf), Lars Heller (Agentur Heller & C), Dr. Renate Puvogel (Kritikerin) und Dr. Holger Kube Ventura (Direktor Frankfurter Kunstverein, 2009-2014) unter der Moderation von Dr. Astrid Mania über das Modell Kunstverein diskutieren.

Das Unterview haben Ben Kaufmann und ich per E-Mail geführt. Die Fotos zeigen die aktuell laufende Ausstellung im Kunstverein, auf die ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen will, und statt dessen wieder einmal gerne auf Magdalena Kröners Besprechung im Artblogcologne hinweise. Klicken lohnt sich!

Wir werden das Thema auch die nächsten Tage hier noch mit 2 weiteren Beiträgen verfolgen. Es folgt dann eine Transkription der Soundfiles von Veit Loers zu KUNSTVEREIN KIPPENBERGER und FRIDERICIANUM, KASSEL, 1993 sowie ein historisches Video zur 93’er Ausstellung in München.

Ihr bleibt bitte dran, das Thema ist und bleibt ja relevant.

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fk: Die Kunstvereine sind die historisch gesehen, die positiven Entwicklungen eines – ich idealisiere hier etwas – aufgeklärten, selbstbewussten und liberalen Bürgertums. Dieser Typus des Bürgers wird seit einigen Jahren vom eher konsum- und erlebnisorienten Untertanen verdrängt. Was bedeutet das für die Kunstvereine?

bk:Die Neoliberalismus hat sicher auch die Kunstvereine in Beschlag genommen. Zudem können wir die Kunstvereine als einen Ort einer institutionalisierten Dienstleistung bezeichnen, ein Ort eines marktaffinen Durchlaufes. Wir verbinden trotzdem die Institution Kunstverein mit einem moralischen und anachronistischen Anspruch, den unsere Gesellschaft in anderen Bereichen längst aufgegeben hat.

fk: Kunst hat sich generell stark gewandelt und steht im harten Wettstreit mit den technologisch geprägten Medien und Bildwelten. Zahlreiche künstlerische Projekte, naturgemäß dann solche die den Weg in Ausstellungen finden, basieren darauf immer neue Materialien in immer neuen Varianten als Objekt zu konfigurieren. Irgendwie erschöpft sich das Spiel aber zunehmend.
Hat eine so ausgerichtet Kunst überhaupt noch Zukunft?

bk: Formale Fragen werden immer die Kunstproduktion entscheidend beeinflussen, eben als ein Spiegelbild der technischen Möglichkeiten, die sich durchaus auch schnell erschöpfen können, jedoch allgemein einen hohen ästhetischen Wert besitzen und somit ein breites Publikum in den Bann ziehen können. Gesellschaftliche Zusammenhänge und Veränderungen sind aber weitaus entscheidender. Ohne Inhalt, keine Form, egal ob gestern oder morgen.

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fk: Wo liegen aktuelle die größten Chancen, aber auch Probleme der Kunstvereine?

bk: Die Probleme sind fast alle miteinander verknüpft und nicht unbedingt neu. Die Überschriften in der Presse zum Institutionsmodell Kunstverein zu Anfang der 1970er Jahre können aktuell fast alle eins zu eins übernommen werden. Momentan steht die Umsetzung des gesetzlichen Mindestlohns an, was bei den bescheidenen Jahresbudgets nicht möglich ist. Dieses Budget aufzustocken ist bei desaströsen kommunalen Haushalten schwerlich möglich. Wir als NAK, erhalten beispielsweise 20 Prozent unseres Jahresbudgets von der Stadt Aachen. Eine Koexistenz der Kunstvereine neben dem Kunstmarkt gab es ja schon immer, wird aber oft zu Unrecht oder nicht, sehr kritisch beobachtet. Die Professionalität der Kunstvereine und der Anspruch an die Kunstvereine sind allgemein gestiegen, dagegen sind die Fördermöglichkeiten beschränkt, wenn nicht rückläufig. Gleichzeitig fokussieren sich Museums- und Kunsthallenkuratoren auf eine jüngere Künstlergeneration, was zuvor den Kunstvereinen vorbehalten war. Dagegen gibt es aber auch in den Kunstvereinen vermehrt Ausstellungen, die man als Übergriffe in den Bereich der Museen bezeichnen könnte. Die großen Häuser und die Kunstvereine haben sich also jeweils angenähert, was gleichzeitig auch die Chance einer verstärkten allgemeinen Aufmerksamkeit für die Kunstvereine bietet. Große Häuser, wie die Kestner Gesellschaft oder die Kunsthalle Basel sind übrigens ebenfalls Kunstvereine, daneben gibt es auch die Großzahl der „ehrenamtlichen“ Kunstvereine. Wir neigen oft zu einer Verallgemeinerung der Kunstvereine, meinen damit aber zumeist nur die Kunstvereine mit einer professionellen Personal- und Ausstellungsstruktur.

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fk: Unter dem Titel „DIE LETZTEN IHRER ART – Eine Reise zu den Dinosauriern des Kunstbetriebs“ hat eine Kooperation der Kunstvereine Düsseldorf – Köln – Bonn bereits 2010 die institutionellen Herausforderungen für Kunstvereine im 21. Jahrhundert diskutiert. In wiefern könnt Ihr an diese Reihe anknüpfen bzw auf die Ergebnisse aus dieser Diskussion zurück greifen?

bk: Die Kooperation „Die letzten ihrer Art“ brachte es auf den Punkt: „Sie sind private Mitgliedervereine, erfüllen aber öffentliche Funktion.“ und dies ist auch sehr schön in der Danksagung der Publikation ausgedrückt, wo gefühlte 20 kommunale Einrichtungen, Stiftungen, Galerien uns sonst was notiert sind. Der Aufwand ist also enorm groß und deklariert zugleich einen gemeinsamen Anspruch. Die Ausstellung MODELL KUNSTVEREIN im NAK, 2015 funktioniert vielmehr als Plattform, die Rückgriffe zulässt, aber keinen absoluten Anspruch formuliert. Wir beziehen uns nicht auf die Ausstellung „Die letzten ihrer Art“, beziehen uns vielmehr auf  vorrausgegangene Diskussionen wie die Talkshow im Kunstverein München zu „Eine Gesellschaft des Geschmacks“ zur gleichnamigen Show aus dem Jahr 1993. Wir haben uns auf künstlerische Strategien von Institutionskritik konzentriert, die sich mehr oder weniger mit dem Modell Kunstverein befasst hat und die in den 1990er Jahren verstärkt anzutreffen war, wie zum Beispiel das britische Künstlerkollektiv BANK, die Ausstellungstexte mit ihren Verklausulierungen kommentiert und an die betreffenden Institutionen zurückgefaxt haben. Jetzt am 28.02. veranstalten wir eine öffentliche Diskussion unter der Moderation von Astrid Mania mit Sandra Dichtl, Hans-Jürgen Hafner, Lars Heller, Holger Kube Ventura und Renate Puvogel. Hier wird sicher auch die besagte Ausstellung der Kunstvereine Düsseldorf, Köln und Bonn von 2010 thematisiert.

fk: Finanzierung ist generell ein großes Problem wenn es um die Organisation von künstlerischen Projekten geht. Förderungen werden zunehmend und immer mehr an große, bekannten Namen und Institutionen mit überregionaler Strahlkraft vergeben.
Wie geht Ihr mit dieser Entwicklung um? Welche Strategien der Kunstproduktion habt ihr entwickelt?

bk: Die Formulierung: „Wir freuen uns die erste institutionelle Solo Ausstellung von XY ankündigen zu dürfen“, soll diesen von Dir angesprochenen großen, bekannten Namen entgegenwirken, spielt bei Förderungen meiner Meinung nach trotzdem eine zu gewichtige Rolle. Mich interessiert der Zusammenhang, die inhaltliche Abfolge von Ausstellungen. Überspitzt ausgedrückt erhält eine Einzelausstellung erst durch den Zusammenhang mit anderen Ausstellungen der jeweiligen Institution ihre Bestimmung, unabhängig der Bedeutung für den Künstler/in. Wir entwickeln gerade das länderübergreifende Ausstellungs- und Festivalprojekt INTER/sound mit den belgischen Institutionen ikob (Eupen) und Les Brasseurs (Lüttich), wozu Bewerbungen um Fördermittel unerlässlich sich.

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fk: Artefakte, als Erzeugnisse der Künstler sind vor dem Hintergrund einer globalisierten Spekulationsökonomie derzeit tendentiell verdächtig. Gleichzeitig scheint der Hochpreis und Wertfetischcharakter der Werke für die Rezeption durch die Masse des Publikums von nicht zu unterschätzender Bedeutung zu sein. Je höher der Preis eines Werks oder eines Künstlers, desto Höher die Bedeutung, so scheint es. Die Kunstinstitutionen stellt das natürlich vor große Probleme. Wie geht ihr damit um?

bk: Wir versuchen die Bedeutung des Marktes tiefer zu hängen. Tendenzen und die Mechanismen des Kunstmarktes stellen zugleich aber auch ein Diskussionsfeld dar, welches wir konstruktiv aufgreifen, wie in der Ausstellung „Paintings Sweet Paintings“ mit Billy Childish und Matthias Dornfeld. Insofern würde mich auch eine Ausstellung mit David Ostrowski in einem Kunstverein interessieren, um die Machtstellung des Kunstmarktes und ihrer Auswirkung auf eine folgende Künstlerschaft zu analysieren, aber weniger von den Bildern her.

fk: Angenommen wir würden in einer anderen Welt leben, in der Ressourcenknappheit keine Rolle spielt und in der Alles, zumindest einmal Vieles möglich wäre, wie würde dort Dein idealer Kunstverein aussehen?

bk: Den idealen Kunstverein brauchen wir nicht wirklich, jeder Kunstverein ist anders und erhaltenswert. Die lokale Einbettung ist nicht zu unterschätzen und bestimmt die realen Parameter. Es wäre schlimm, wenn wir in Aachen beispielsweise Besucher aus Kassel, Dresden und Feldafing hätten, jedoch niemand aus der lokalen Szene den Weg zu uns finden würde.

fk: Welches Projekt würdest Du gerne bei Euch realisieren, hast es aber bisher noch nicht umsetzen können?
bk: Gute Frage, darüber werde ich nachdenken müssen… .

fk: Vielen Dank für Deine Zeit und das Gespräch.

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18.01.-08.03.2015
Modell Kunstverein

mit Art & Language, BANK, Andrea Fraser und Nadim Vardag/Michael Franz
Sowie im Rahmen der TWODO Collection Manuel Graf.
Di-So 14-18 Uhr

28.02.2015, 18 Uhr:
“Ich wollt nur sagen, so ganz harmlos sollten wir das nicht sehen.”
Vortrag von Michael Franz zur Ausstellung “Eine Gesellschaft des Geschmacks” von Andrea Fraser, die 1993 am Kunstverein München stattfand.

28.02.2015, 19 Uhr:
Diskussion zum Thema MODELL KUNSTVEREIN
Sandra Dichtl (Künstlerische Leiterin Dortmunder Kunstverein)
Hans-Jürgen Hafner (Direktor Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf)
Lars Heller (Agentur Heller & C)
Dr. Renate Puvogel (Kritikerin)
Dr. Holger Kube Ventura (Direktor Frankfurter Kunstverein, 2009-2014)

Moderation: Dr. Astrid Mania

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NAK. Neuer Aachener Kunstverein
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52070 Aachen
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