Ich erzähle Ihnen ja nichts Neues, aber dachte ich schreibe es dennoch einmal auf damit wir nicht vergessen. Eventuell holen wir das dann mal bei einem gemeinsamen Gespräch wieder raus und diskutieren zusammen was drüber. Was halten sie davon, was meinen Sie?

Ach so, worum geht fragen Sie jetzt. Nun ja es ist doch so. Ein Dilemma unserer Tage ist ja beispielsweise die Tatsache, dass wir permanent in den fremden Bildern der Vergangenheit leben. Nicht nur mit Blick auf das Urböse in Form von Nazis, sondern eben auch auf andere Geister die eigentlich erst einmal gar nicht Böse, ganz im Gegenteil sogar stellvertretend für das Gute daher kommen. Freiheit ist sowas, Autonomie, Selbstbestimmung, aufgeklärtes Denken, um ein paar dieser Dinge zu nennen. Sie wissen was ich meine, denke aber nun sofort, lieber fk, all dies kam nun aber doch nur schlecht sehen. Sie haben natürlich wie immer völlig Recht damit.
Und hier kommt dann die – sie ahnen es bereits – Kunst ins Spiel, welche in einer ihrer zahlreichen, aktuell aber doch dominierenden, Funktionen sichtbar macht was die nun zu Ende gehende Moderne so an Werten hervorgebracht hat und uns diese mit Hammer und Brechstange ins mindset zu prügeln versucht. Sie bietet somit, insbesondere in ihrer zeitgenössischen und damit konservativsten Variante, als Dauerwerbeschleife dieser Epoche, den aufgeklärten Blick in das Vergangene. Dabei, und das ist uns ja allen doch klar, ist der Blick in diese Richtung ja erst einmal gar nicht so verkehrt denn Zukunft leitet sich immer aus der Vergangenheit ab. Einzig störend und belastend daran ist, wenn die Dominanz dieser Bilder des Vergangenen den Blick auf das Gegenwärtige verstellen und uns damit statt zu ent- nur noch täuschen.

Eine der großen Täuschungen denen ich etwa erlegen war und auch – das muss ich zugeben, aber arbeite daran – immer noch erlegen bin, ist das Bild eines Künstlers, der ich gerne gewesen oder geworden wäre. Zumindest dachte ich dies lange Zeit. Es war das idealisierte Bild eines Kunst-Menschen der für sich eine Vision und Idee seiner Welt entwickelt und diese entsprechend (mit)gestaltet. Es war – ihnen ist das selbstredend klar – angelehnt an das Bild des Renaissance Menschen und Universal-Gestalters. Sehr naiv und recht romantisch, ich gebe es hier gerne zu, :-).

Nun liegt die Renaissance weit zurück und zwischen dieser und der jetzt beginnenden Metamoderne gab es bekanntlich eine liberale Hochphase der kreativen Zerstörung, welche noch nicht ganz zu Ende ist und bis Dato andauert. Die Ergebnisse dieses disruptiven, alles zersetzenden Prozesses zu Gunsten der Sicherung des Kapitalbestands hinterlässt die uns umgebenden Ruinen der Moderne.
In eben diese Phase der totalen Zerstreuung, welche mit ‚there ist no such thing as society‘ quasi den Turbo startete, fällt auch die Atomisierung von Gesellschaft unter anderem gestützt durch die Idee von Genie und Individuum. Was einmal als Befreiungsprojekt mit dem Ziel der Autonomie begann hat uns nun über die Zeit zu mehr oder weniger glücklichen Sklaven unsere selbst gemacht.
Wir alle sind nun, jeder für sich unterwegs mit unseren individuellen Perspektive und Positionen zu Welt und Wirklichkeit, wir alle sind nun in diesem spezifischen Sinne Künstler und tragen jeder für sich seine bzw ihr Welt mit sich herum. Was früher einmal verbindende soziale Utopie gewesen ist, hat sich heute verwandelt in die Fiktion einer Vision des eigenen Lebens, an der wir mangels Erfahrung naturgemäß alle Scheitern. Sebastian Späth greift diesen Prozess mit seinem affirmativen Konzept von Kunst als Lifestyle auf und versucht es dem entsprechend affirmativ nach vorne zu ballern. Denn Lifestyle und der vermeintliche individuelle Way of Life erzeugen die Tunnel in welche wir unsere Blicke Richtung Zukunft lenken. Mehr oder weniger erfolgreich, vor allem aber einzig und alleine zurück geworfen auf persönliches Glück und Unglück. Die Hohe Kunst 2018 besteht nicht mehr darin Welt zu gestalten oder Utopien zu entwickeln. Vielmehr sind wir nun alle Amateurkünstler ohne Ausbildung aber angetrieben vom Drang zur permanenten Entfaltung und Gestaltung der eigenen Lebenswirklichkeit geworden. Der einzige Fluchtpunkt ist nun für alle das entfernte Zentrum der eigenen Zentralperspektiven.

Das Dilemma aber derjenigen von uns welche sich aus Gründen für Künstler halten ist nun schlichtweg, dass man diese einmal notwendige Funktion des Entwickens von andersartigen Perspektiven und Positionen in einer solchen Welt nicht mehr benötigt. Eine Welt in der eine totale Inflation der subjektiven Sichtweisen und Perspektiven herrscht braucht es keine weitere der Künstler welche weitere Kosmen erschaffen.
Und wir, die wir diesem Trugschluss nach wie vor erliegen und uns festhalten an einem romantischen Künstlerbild der Moderne tun gut daran die Augen zu öffnen und den Tatsachen ins Auge zu sehen. In einer metamodernen Welt aus individuellen Künstlern gibt es keinen Bedarf an modernen Künstler mehr. Demnach müssen zwei Bilder verworfen und neue gestaltet werden, das Bild des Künstlers und das Bild von Gesellschaft.