Wäre er aus der Perspektive des Regisseurs, und nicht der dokumentierten Künstlerin, betitelt worden, hätte der Film von Wolfgang Waldmann „Was ich verstehen will“ heißen können. Stattdessen heißt er „was ich sehe“ und transportiert bereits bei dem erstrezipierten Textsubstrat diesen subjektiven Tonfall, der im gesamten Film vorherrscht. Der seit ein paar Monaten veröffentlichte Dokumentarfilm über die in Düsseldorf tätige Bildhauerin und Installations-künstlerin Vera Lossau ist nicht nur ein interessantes Zeugnis über die Arbeit und das Leben einer jungen, zeitgenössischen Künstlerin sondern darüber hinaus der rührende Versuch eines Filmemachers, das Mysterium der Kunst zu begreifen.

on demand Foto 6.Mai 2013

Manche Phänomene lassen sich einfach nicht verstehen. So die Liebe, so das Leben, so der schöpferische Prozess. Diese Phänomene entziehen sich einer sprachlichen Dechiffrierung und können nur gelebt werden – jede Übersetzung, in welcher Sprache auch immer, kann nur als unvollständige Annäherung gelten. Mit den sprachlichen Mitteln des Films nähert sich Wolfgang Waldmann der Arbeit und der Person einer Künstlerin an, die noch im frühen Stadium ihrer Karriere steht. Vera Lossau studierte bis 2002 an der Düsseldorfer Kunstakademie, wurde Meisterschülerin von Magdalena Jetelová, ist derzeit von der Galerie Rupert Pfab vertreten, hat aber schon zahlreiche institutionelle Einzelausstellungen und Preise erhalten und ist auf dem besten Weg, sich im deutschen Kunstbetrieb zu etablieren.

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Ihr einen Film zu widmen ist keine Selbstverständlichkeit. Das Werk der 37-Jährigen ist nicht gerade unüberschaubar und die Gattung der Künstlerbiografie behandelt eher etablierte Namen mit internationaler Ausstrahlung als lokale bis regionale Größen mit ungewissem Entwicklungspotenzial. Dies macht den Streifen umso interessanter, denn hier wird schnell klar, dass es sich nicht um eine hagiografische Hommage mit Personalfixierung handelt, sondern um die Klärung der Schöpfungsproblematik – also um die Beantwortung der Frage „Wie geht eigentlich Kunst?“

 

Waldmanns Annäherung ist behutsam. Ein Mann geht auf die Pirsch um ein enigmatisches Tier zu fangen: die Kreation (ein Tier, das allzu oft mit der Kreativität, seiner vulgären Cousine aus der Provinz, verwechselt wird). Das Tier ist scheu und launig, sprunghaft, vielförmig und wandelbar. Waldmann weißt, dass die direkte Konfrontation kontraproduktiv ist. Also versucht er an Gewissheiten zu kommen durch stille, geduldige Beobachtungen aus der Distanz. Er belauert sein Sujet mit dem neugierigen Blick eines Zoologen, der auf eine unbekannte Art gestoßen ist. Wenn das nicht reicht, wenn das Hinschauen und Innehalten zu wenig sind, dann schaltet er sich ein, fragt nach, brüskiert ein wenig das scheue Tier.

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Das scheue Tier namens Kreation ist in diesem besonderen Fall von Vera Lossau vertreten, auch eine scheue Person. Man merkt der Künstlerin am Anfang des Films an, dass ihr das Spiel mit der Kamera nicht ganz geheuer ist. Man merkt, dass sie am liebsten gar nicht spielen will. Im Laufe der Zeit lässt sie sich von dem Gerät und von Waldmanns Stimme bezähmen; sie wird zutraulicher, erzählt immer mehr, kommentiert ihre künstlerischen Gesten, ihre plastischen Entscheidungen. Der Film fängt mit der konzeptuellen Entwicklung einer Ausstellung  an, die im Rahmen eines Stipendiums im Schloss Ringenberg stattfinden soll. Man erlebt alle Schritte bis zur Eröffnung. Die Gespräche mit Rupert Pfab, die deutlich machen, welch ein kreativer Mitdenker und Mitspieler der Galerist sein kann, die Auswahl der Materialien, die Entwicklung der Form, die technische Realisierung. Der Film endet mit einer Ausstellung. Dazwischen: Hoffnungen, Behauptungen, Verzweiflung und Befragungen.

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Die Kamera (hier muss die sensible Arbeit von Justyna Feicht gelobt werden; die Frau bringt es fertig, unsichtbar zu werden und trotzdem Präsenz zu zeigen) kommt nah an die Gesten der Künstlerin heran, sie erfasst Situationen und Details, fängt die Intimität des Ateliers und die Privatheit zweier Gespräche mit einer ambivalenten voyeuristischen Vorsicht, die dieser Gattung spezifisch ist. Dank einer Art „Vera-Cam“, also einer Kamera, die nur von Lossau bedient wird und der Rolle eines Skizzen- oder Tagebuchs zukommt, gerät der Zuschauer noch näher an den Wahrnehmungsprozess der  Protagonistin – spätestens mit diesen subjektiven Bildern, die aus der Perspektive der Künstlerin aufgenommen werden, entfaltet der Titel des Films seine ganze Relevanz.

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Der Film hat etwas rührendes: Ein Mann wird zum Schatten der Künstlerin um zu verstehen, was Kunst ist. Hinter jeder Frage ist dieser zugleich naive und legitime Wissensdurst des Laien hörbar; ob Waldmann mit den Antworten, die er von der Künstlerin erhält und die er selbst formuliert glücklich ist, bleibt allerdings offen. Vielleicht sollte man es mit dem Verstehen doch lieber lassen (Lossau sagt selbst irgendwann: „Mann kann den Ursprung nie lokalisieren“) und sich der Sache blind und verständnislos hingeben. Dies mag für den rationalen und aufgeklärten Leser keine Lösung sein. Aber, so wie für die Liebe, so wie für das Leben, fällt mir für die Kunst momentan nichts anderes ein.

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Vera Lossau – was ich sehe
ein Film von Wolfgang Waldmann
Fokusfilm
zu erwerben in der Buchhandlung König, Düsseldorf