Durch die Welt gehen ohne Fragen. Leben ohne Neugier, ohne Zweifeln, ohne Wissensdrang. Nicht unbeteiligt – aber unbeschwert. Alles hinnehmen, sich den Fluss der Dinge bedingungslos hingeben und nichts festhalten wollen. Nichts infrage stellen, nichts hinterfragen. Es ist das Privileg der Weisen, der Erleuchteten, der Kleinkinder (bis ca. 3 Jahre) und der Volltrottel. Da ich leider nicht zu einer dieser vier Kategorien gehöre, gehe ich, wie die meisten meiner Zeitgenossen, fragend durch die Welt. Diese Fragen möchte ich nun mit euch teilen.

Als Kunstwissenschaftler mit einem besonderen Blick für die breiten sozialen und politischen Konsequenzen der Kunstpraxis, werde ich regelmäßig mit plötzlichen Fragestellungen konfrontiert, die sich aus der Beobachtung meiner Umwelt ergeben. Fragen zum Umgang mit Bildern, zur Identität des Künstlers, zur Natur der Kreativität, zur Funktion von Kunst. Et cetera. Während Mitstreiter der Perisphere sich auf das Beantworten fremder Fragen einlassen, will ich mich ganz auf das Befragen konzentrieren. In der Hoffnung, dass gut formulierte Fragen schon ihre Beantwortung im Keime enthalten. Ansätze von Antworten will ich übrigens in der Form von Gedankenskizzen auch geben. In der Hoffnung, dass Leser sie vervollständigen.

Ich freue mich auf eure Beiträge!

 

Erste Frage: Gibt es eine objektive Karriereleiter für Künstler?

Ich meine: Es ist in der Privatwirtschaft, in der öffentlichen Administration, in der Armee und sogar in der Kirche klar: Vom Karriereanfang bis Karriereende öffnet sich für das Individuum ein eindeutiger Weg „nach oben“. Eine Leiter mit mehreren Sprossen (Posten, Ämter, Grade, etc.), die im Laufe eines beruflichen Lebens durch Leistungen oder Prüfungen erreicht werden können, führt in die Vertikale und hierarchisiert das soziale Mikrofeld. Der berufliche Erfolg, direkt an Prestige, Macht und materiellen Privilegien gekoppelt, lässt sich an der Position auf diese Leiter ablesen. Gibt es auch eine solche Leiter im Kunstbetrieb? Gibt es Künstler, die bedeutender sind als andere, und wenn ja, nach welchen Kriterien wird diese Hierarchie festgemacht?

Ansatz:

– Der Begriff „Reputation“: Bildung und Verbreitung in kulturelle Felder.

– Der Begriff „Einfluss“ auf soziologischer Perspektive. Bzw.: Wer ist einflussreich im Kunstbetrieb? Wie manifestiert sich dieser Einfluss und wie entsteht er?

– Phänomen des Ranking in der Kunst. Nur durch Medien (Capital und seine jährliche Liste; Monopol oder artfacts.net und die regelmäßigen Ranglisten) verbreitet? Kriterien? Aussagekraft? Selfulfilling prophecy?

– Mögliche Hierarchie (in abnehmender Reihenfolge der Bedeutung):

– Retrospektive in einer int. bedeutenden Institution (Typ MOMA, Tate, etc.)
– Einzelausstellungen in internationalen Häusern (Landesgalerien, größere Kunstsammlungen, Museen)
– Monografien und Studien von Wissenschaftlern
– Professur in einer Kunsthochschule
– Ankäufe von Institutionen
– Bindung an einer Galerie
– Monografien im Rahmen einer Ausstellung
– Einzelausstellungen in regionalen Häusern (Kunsthalle, Kunstvereine, Museen)
– Ankäufe von Privatsammler und Unternehmen
– Besprechung in der Fachpresse
– Teilnahme an Gruppenausstellungen in regionalen Häusern (Kunsthalle, Kunstvereine, Museen)
– Ausstellungen in Projekträumen
– Abschluss in einer Kunstakademie
– Ausstellungen in wenig renommierten Orten (Anwaltskanzlei, Laden, etc.)
– Autodidakt/Kunstpraxis als Hobby

– Angeblicher atypischer Karriereverlauf des Künstlers: Individualisierungs- und Differenzierungsdruck seit der Moderne führt zum Mythos der atypischen Biografie. Dabei orientiert sich der Kunstschaffende an impliziten und allgemeingültigen Erfolgsmustern.

– Wandel der „Anerkennung“ des Künstlers seit Anfang der Moderne (institutionelle Anerkennung; Aufnahme im Kreis der offiziellen Kunst, vgl. Salonkunst) bis heute (Integration des Künstlers im System der Unterhaltungskultur)

– Folge der implizit wahrgenommen Hierarchie im Kunstfeld: Generieren bestimmte Künstler Ehrfurcht, Respekt, Bewunderung, Ablehnung oder Spott aufgrund ihrer Stellung auf der Leiter? Gibt es eine Stigmatisierung von wenig erfolgreichen Künstlern, nur weil sie sich im offziellen Kunstbetrieb nicht gut genug positioniert haben?

– Wird wiederrum das Werk von erfolgreichen Künstlern ab einer bestimmten Stufe kritiklos aufgenommen – nur weil sie eine kritische Masse der Reputation erreicht haben, die sie erhaben über jeden Zweifel stehen lässt (vgl. Gerhard Richter)?

– Schriften von Luhmann zur Reputation