Ein Erfahrungsbericht vom Performance Zuhause Festival in Köln von Markus Knop.

„In Plüschgewittern“ heißt Wolfgang Herrndorfs Debütroman von 2002, und in einem Plüschgewitter befand sich mein „Patient“, nachdem ich ihn sieben Minuten lang sehr langsam in alle verfügbaren Decken und Kissen gewickelt hatte, die in Diane Müllers Bett verfügbar waren, bis nur noch seine Nasenspitze aus der nordpoltauglichen Verpuppung ragte.
Nach Sebastian Zuhrs und Lala Nomadas Wohnungen war Diane Müllers Zuhause die dritte und letzte Station des „Performance Zuhause Festivals“, das katharinajej entwickelte, indem sie sich für je zwei Wochen bei drei Kölner KünstlerInnen einquartierte, um mit ihnen Ideen durchzuspinnen, wie man eine Privatwohnung in einen performativen Raum mit Publikumsbeteiligung verwandeln kann.

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Für die nächste „Behandlungsstation“ bei Diane Müller tausche ich mit meinem nun tiefenentspannten Partner die Rollen. Er streift sich den Kittel des „Behandlers“ um und wir suchen einen freigewordenen Interaktionsort in dieser kleinen, im subjektiven Empfinden stets größer werdenden Ehrenfelder Wohnung. Am Küchentisch trägt ein goldenes Kärtchen dem „Therapeuten“ auf, mich für sieben Minuten mit Lebensmitteln zu dekorieren. Ich trage eine blickdichte Augenmaske, weiß nicht, was auf mich zukommt und lege meinen Oberkörper mit etwas innerer Restunruhe auf den Küchentisch, bis ich in eine Matthew-Barney-Figur verwandelt worden bin. Das Ergebnis kann ich nicht sehen, nur fühlen – Mortadella auf dem Ellenbogen, Trauben oder ähnliches am Ohr -, so wie ich später das Ergebnis des zweiten „Küchen Treatments“ nur hören kann, als mein „Doktor“ Küchenmusik auf Töpfen klöppelt, die er zuvor zärtlich auf mir platziert hat. Ein Gong und weiter geht es mit dem „Bad Treatment“, wo ich den zuvor mir unbekannten Performance-Partner abföhne, abfussele, mit Q-tips und Klopapier dekoriere und ihm den Bart kämme, während er, auf dem Klodeckel sitzend, der Meditationsmusik lauscht und, hoffentlich, das nötige Vertrauen aufbaut.

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Am Ende sind mein Partner und ich uns um Einiges näher gekommen, im platonischen Sinn war es eine homoerotische Erfahrung. Unsere Fremd- und Befangenheit wich der zunehmenden Lust am kreativen Experiment, dem Spiel mit der Wahrnehmung und den Alltagsobjekten. Ich las ihm aus Büchern vor, die ich wahllos aus Diane Müllers Regalen ziehen sollte, wie einem Kind oder einem Geliebten. Ich saß im Schneidersitz auf ihrem Bürostuhl und wurde, ausnahmsweise sehenden Auges, im Ultrazeitlzupentempo gedreht. Ich fasste, die gleichförmige Musik im Ohr, in einem dadurch meditativ gewordenen, reinen Schauen immer neue Details ins Auge, von der Büroklammer bis zum Terminkalender von 2009 und sah den übrigen zehn Teilnehmern beim zärtlichen Experimentieren zu.

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Als ich die Wohnung verließ und von den Aufseherinnen im weißen Kittel – Diane Müller und katharinajej hatten sich bis auf eine kurze Anleitung komplett zurückgezogen – verabschiedet wurde, war die Wohnung weich und fließend, genau so wie ich von innen. Fast traurig winkte ich meinem Partner zu.
Auf meine Frage am nächsten Tag, wie sie denn geschlafen habe, nachdem 36 Menschen (es gab drei Termine an diesem 1. 2. 2015) ihre Wohnung mit liebe- und kunstvoller Achtsamkeit auf den Kopf gestellt hatten, antwortete Frau Müller: „Wunderbar. Nur viel zu lang.“

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http://performancezuhausefestival.de
30./31.01 und 01.02.2015 in Köln
mit Sebastian Zuhr, Lala Nomada, Diane Mueller und katharinajej