Bilder: alle geklaut.

Meist wird die Offszene in NRW auf zwei Städte reduziert: Köln und Düsseldorf. In der Tat liegt der regionale Schwerpunkt der selbstorganisierten Künstlerschaft auf der kleinen rheinischen Schiene. Mit ihren Kunsthochschulen, einer sehr aktiven und ehrgeizigen Galerieszene, der Präsenz von zahlreichen Museen und Kunstinstitutionen sowie einer großen Anzahl an Künstlern aller Generationen, die sich dort aufhalten, erfüllen Köln und Düsseldorf alle Voraussetzungen für ein Blühen des Offs. Dagegen ist die autonome Kunstszene in Essen, Aachen, Duisburg oder Münster – bis auf ein paar Ausnahmen – so gut wie inexistent. Gegenüber der Köln-Düsseldorfer Achse findet man nur in zwei Städten des Ruhrgebiets ein nennenswertes Gegengewicht: Bochum und Dortmund. Wir werden in einem künftigen Artikel auf Bochum zurückkommen, denn dort braut sich gerade Interessantes zusammen. In Dortmund ist die Lage nicht minder spannend, die politischen Grundbedingungen sind aber fundamental anders.

Schickes Ding mit Kultur innen drin: Der Dortmunder U

Die Zeche Zollverein. Auch in Dortmund sehr beliebt.

Rückblick: Im Zuge der Ernennung von Essen und 52 weiteren Kommunen zur Kulturhauptstadt Europas im Jahre 2010, wurde der im maroden Ruhrpott dringend benötigte „Kulturwandel“ zu einem der führenden Paradigmen der Großveranstaltung gemacht. Kulturwandel hieß in diesem Fall, dass die obsolete „Industriekultur“, die die Region seit über 150 Jahren prägte, ersetzt werden sollte. Im Hinblick auf den interkommunalen Wettbewerb um die Anziehung von relevanten Kaufkräften sollte diese neue „Kultur“ gerne von positiv konnotierten Adjektiven angereichert werden – „kreativ“, „urban“, „unternehmerisch“ oder „weltoffen“ sollte sie ja unbedingt werden. Das Zielpublikum dieser Maßnahme war klar: Die Industriebrachen sollten von jungen, leistungsfähigen und zukunftsorientierten Schichten erobert werden; die Losers des Sekundärsektors, die entweder in Frührente geschickt wurden oder in Mini-Jobs verschwanden, waren eh nicht mehr zu retten.

les chefs de la créativité, v.l.n.r.: Stadtdirektor Jörg Stüdemann, NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und Ecce-Geschäftsführer Dieter Gorny.

Nun, was haben die Off-Räume in diesem Prozess zu suchen? Sie tragen ganz einfach zur Solidität des Projektes „Kultur- und Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet“ bei. Sie sind Bestandteil einer Strategie, die, ausgestattet mit vielen Mitteln und manchen klugen Köpfen, die Infrastruktur und das Humankapital der Montanzeit in das Zeitalter der kreativen Ökonomie zu überführen beabsichtigt. In Dortmund, Sitz des European Center for Creative Economy, ist diese Entwicklung deutlich zu spüren. Mittel- bis langfristig sollen hier mehr Unternehmen und Start-Ups angesiedelt werden, die im verheißungsvollen Bereich der Kreativwirtschaft arbeiten. Aber bevor die gute Saat der creative classes sich in dieser Landschaft entfalten und erblühen kann, muss der Boden entgiftet werden. Und für die Drecksarbeit sind Offspaces allemal gut genug.

Die Galerie 143 nach einem Anschlag von Neonazis

Durch das mehr oder weniger gezielte Injizieren von kulturellen und soziokulturellen Hotspots, versucht man unattraktive Stadtteile mittelschichtfreundlicher zu machen. Diese Pionierarbeit, die freilich auch als kulturelle Kolonisierung bewertet werden kann, beruht nicht nur auf Aktivitäten, die durch alle politischen Gremien gelaufen sind, sondern besteht meistens aus freien Kunstprojekten und kreativ angehauchten Privatinitiativen, die den großen Vorteil haben, der Kommune nichts zu kosten. So haben die Stadtväter Grund zur Freude, wenn Künstlergruppen oder artist-run spaces sich in „schwierigen“ Stadtteilen einnisten – wie beispielsweise im Westend (ein Viertel in Wandlung) und in die Nordstadt (ein hingegen gentrifizierungsresistentes Areal).

Die etwa andere Stadtführung

Ob sie kommunikationstechnisch instrumentalisiert werden oder nicht, tangiert die Akteure der lokalen Kunstszene wenig. Sie sind sich über ihre Lage bewusst; eine Lage, die zwischen Selbstverwirklichung, Stadtteilanimation, künstlerische Autonomie und unfreiwillige Sozialsanierung oszilliert. Man behauptet sich wie man’s kann, man leistet Widerstand wo es geht. Und die Dortmunder haben früh verstanden, dass Einheit stark macht. So haben sich einige Offspaces und creative offices unter dem Label Neue Kolonie West zusammengeschlossen. Die Tätigkeit dieser bunten Truppe besteht in erster Linie in einem gemeinsamen, quartalmäßigen „Tag der offenen Türen“, an dem alle beteiligten ihre Galerien und Show-Rooms öffnen, sowie in regelmäßigen Rundgängen, die die Stadt Dortmund unter außergewöhnlichen, nicht-touristischen aber sozialrelevanten Gesichtspunkten zeigt. Hinter dieser nach außen hin netten aber etwas harmlos wirkenden Programms verbirgt sich steinharte Lobbyarbeit, um die Belange der heimischen Kunstschaffenden und Normalbürger gegen die Folgen der Gentrifizierung zu schützen.

Galerie 143

Eine aktive Mitbegründerin der Neuen Kolonie West ist Simone Czech von der Galerie 143. Wir haben bereits vor längerer Zeit auf diese Initiative hingewiesen, ein kleiner und mutiger Raum an der Rheinischen Straße. Hier tritt in aller Deutlichkeit auf, was wir höher als „Bodenentgiftung“ bezeichnet haben. Czech übernahm ein Lokal, das zuvor von einer Neonazi-Gruppierung bespielt wurde und stellte da ein Programm auf die Beine, das sich besonders auf lokale Künstler bezieht und junge Kunst zeigt. Letztere wurde aus der Sicht der Neonazis, die nur ein paar Häuser weiter zogen, bestimmt als „entartet“ betrachtet, denn es kam zu Vandalismusübergriffen gegen die Galerie. Trotz solcher Einschüchterungen und einem absoluten Mangel an Hilfsbereitschaft der Stadt Dortmund, die Czech im Gegenteil mit abstrusen Auflagen belastet und immer wieder schikaniert, wird das Projekt bravourös weitergeführt.

Salon-Atelier

Ein bisschen weiter im Westend findet man das Salon-Atelier. Es handelt sich hier um einen Zusammenschluss von ex-Studenten der TU Dortmund, die ihr gemeinsames Atelier im Lokal eines ehemaligen Friseursalons eingerichtet haben. Die zwölf jungen Künstler arbeiten nicht nur gemeinsam an performativen Aktionen, sondern sind auch Raumbetreiber und laden immer wieder Gäste ein, welche die großzügigen, kahlen Arbeitsräume bespielen. Darüber hinaus finden immer wieder Projekte außerhalb des Raums statt – gerne an außergewöhnlichen, „kunstfreien“ Orten. Es handelt sich also um eine Art „Selbsthilfegruppe“, die an ihrer Vernetzung in der Stadt und in der Region arbeitet und die Sichtbarkeit von jedem einzelnem Mitglied erhöhen möchte.

Im Innenhof des Union Gewerbehof hat sich ein kleiner, auf Fotografie spezialisierter Raum etabliert, der Projektraum Fotografie. Ein simpler und sachlicher Name als Programm, der alle weiteren Beschreibungen überflüssig macht. Von Gerhard Kurtz, Daniel Sadrowski und neuerdings Eisenhart Keimeyer betrieben, fungiert der Raum nicht nur als Präsentationsplattform für fotografische Kunst, sondern, in einem (für die Offszene) eigenartigen Anflug von Dienstleistungsbereitschaft, bietet Workshops an, ermöglicht für Außenstehende das Entwickeln und Printen eigener Bilder und leistet Mappenberatung für Anwärter auf einen Studienplatz in einer Kunsthochschule.

Reinhild Kuhn vom Heimatdesign

Streng genommen ist Heimatdesign kein Offspace und sollte nicht unbedingt in diesem feinen Blog Erwähnung finden. Aber die geräumige, von Reinhild Kuhn und Marc Röbbecke geführte Agentur für Grafikdesign, die zudem einen Shop betreibt und ein Magazin herausgibt, befindet sich praktisch im Zentrum des höher beschriebenen Kampfes um eine selbstbestimmte Gestaltung des Kulturlebens in der Stadt. Vor allem das gleichnamige Magazin erweist sich als willkommenes Organ einer nicht gleichgeschalteten Kommunikationskultur und gibt ein realistisches Bild von Dortmund weiter, das sich nur teilweise mit der offiziellen kreativen Rhetorik der Kommune deckt.

Schließlich müsste an dieser Stelle auch die 44309 Street Art Gallery genannt werden. Das Projekt von Daniela Bekemeier und Olaf Ginzel, ebenso auf der Rheinischen Straße beheimatet, ist zwar kommerziell ausgerichtet, wendet sich aber einer nicht ganz leicht vermittelbaren Sparte zu: der Street Art. Neben der Vermarktung von Bildern und Stencils aus der ganzen Welt, führen Bekemeier und Ginzel ein laufendes und ambitioniertes Programm im öffentlichen Raum, organisieren Wandflächen und vermitteln Künstler, um diese zu füllen.

Auch wenn dies in Köln oder Düsseldorf kaum zu Kenntnis genommen wird, ist die  westfälische Hauptstadt reich an Initiativen und Projekten aus dem Off. Ungeachtet dessen, wollen wir nicht über eine Entwicklung zu einem privilegierten Standort für die Kreativwirtschaft spekulieren. Ob Dortmund sich je in eine Kulturmetropole verwandeln wird, bleibt offen (und mäßig wahrscheinlich). Schaut man in den eingängigen Blogs mit kulturellem Anspruch aus der Gegend, gewinnt man den Eindruck, dass die Spielkultur des BVB als die wichtigste relevante Kulturerscheinung der Stadt verstanden wird. Wie gesagt: Man behauptet sich wie man’s kann, man leistet Widerstand wo es geht.